1933 Das Jahr der Machtergreifung (2) Geschehnisse April, Mai und Juni 1933

Machtergreifung, Erste Schritte zum Aufbau der Diktatur

Teil 2: April, Mai und Juni 1933

1. April 1933

Boykott-Tag: Organisierter Boykott gegen jüdische Geschäfte, Anwaltsbüros und Arztpraxen „Deutsche! Wehrt Euch! Kauft nicht bei Juden!“ – unter Parolen wie dieser begann am 1. April 1933 um 10 Uhr ein reichsweiter Boykott. Es war der erste große landesweite Test für die Einstellung der christlichen Kirchen zur Lage der Juden unter der neuen Regierung.

Organisiert wurde diese antisemitische Kampagne vom „Zentral-Komitee zur Abwehr der jüdischen Greuel- und Boykotthetze“ unter dem fränkischen Gauleiter Julius  Streicher.

Der Historiker Klaus Scholder schreibt: “Kein Bischof, keine Kirchenleitung, keine Synode wandte sich in den entscheidenden Tagen um den 1. April öffentlich gegen die Verfolgung der Juden in Deutschland”   (Literatur: Saul Friedländer: “Das Dritte Reich und die Juden” Die Jahre der Verfolgung)

Goebbels schreibt in sein Tagebuch unter dem 28. März: “Ich telephoniere mit dem Führer. Der Boykottaufruf wird heute veröffentlicht.” Und unter dem 29. März:  “Ich versammle meine Referenten um mich und entwickle ihnen die Organisation des Boykotts”. Bereits am 29. März unterrichtete Hitler das Kabinett über den geplanten Boykott.  Binnen vier Tagen organisierte Goebbels mit seinem Referentenstab die Durchführung. Er formulierte den Boykottaufruf, der am 29. März im Völkischer Beobachter Nr. 88 und in der übrigen staatlich gelenkten Presse erschien: “Samstag, Schlag 10 Uhr, wird das Judentum wissen, wem es den Kampf angesagt hat”.

Erich Simenauer, Arzt, Psychoanalytiker, Rilke Interpret, Chirurg wird am 1. April 1933, dem Boykott-Tag, im Urban Krankenhaus verhaftet und in die Papestraße verschleppt. Später schrieb Simenauer: “Zufällig war einer unserer Bewacher ein ehemaliger Patient von mir, dem ich kurz zuvor den Blinddarm rausgenommen hatte. Um sich mir erkenntlich zu zeigen, veranlasste er, dass auf der Rückseite meines Laufzettels handschriftlich vermerkt wurde “nicht misshandeln”. Als in der folgenden Nacht die SA-Wachmannschaft eine wilde Prügelorgie veranstaltete, hielt ich denen, als ich an der Reihe war, meinen Laufzettel mit dieser Aufschrift entgegen. Darauf befahl mir einer “Hinlegen”, und ich warf mich zu Boden und wurde verschont.  Rechts und links von mir wurden einige Leute mit Knüppeln so lange geschlagen bis sie tot waren; es war entsetzlich. Wenn sie die wenigstens erschossen hätten, aber sie haben sie zu Tode geprügelt. Mir hat dieser Zettel das Leben gerettet.”   (Literatur: Ernst Klee, Deutsche Medizin im Dritten Reich. Karrieren vor und nach 1945, Frankfurt a. M. 2001, S. 43.)

James McDonald, Vorsitzender der amerikanischen „Foreign Policy Association“, traf sich in Berlin zum Abendessen mit Hitlers Freund Ernst Hanfstaengl. Es war der 1. April. McDonald erzählte Herrn Hanfstaengl, er habe sich soeben mit Hitler getroffen und ihm gesagt, seine antisemitische Politik sei für Deutschland von Schaden. Hitler habe erwidert, die Welt werde Deutschland noch einmal dafür danken, dass es sie lehre, wie man mit Juden umzugehen habe. Hanfstaengl griff zum Weinglas. Er war ein leidenschaftlicher Vertreter des arischen Rassegedanken. „Wissen Sie eigentlich“, sagte er zu Mcdonald, „dass wir geplant haben, die gesamte jüdische Bevölkerung im Reich auszurotten? Jeder Jude hat einen ihm zugeteilten SA-Mann. Alles ist bereit und kann in einer einzigen Nacht erledigt werden.   (Literatur: Nicholson Baker: „Menschenrauch, wie der Zweite Weltkrieg begann und die Zivilisation endete).

“Sämtliche Berliner Bezirksämter sind angewiesen, jüdische Lehrkräfte an Städtischen Schulen sofort zu beurlauben.”   (Literatur: “Orte des Erinnern, das Denkmal im Bayerischen Viertel”, eine von 80 Gedenktafeln. Hier:   Berchtesgadener Str. 11)

2. April 1933

“Hamburger Tageblatt”: “Karstadt wieder ein rein christliches Unternehmen. Aus dem Aufsichtsrat der Rudolf Karstadt AG sind Dr. Gustav Gumpel, Dr. Norbert Labowsky, Julius Oppenheimer, Albert  Schöndorff, Dr. Fritz Warburg und Dr. Arno Wittgensteiner ausgetreten. Da bekanntlich aus dem Vorstand und aus den Geschäftsleitungen der Filialen auch andere jüdische Mitarbeiter …  ausgeschieden sind, ist nunmehr der Karstadt-Konzern wieder ein rein christliches Unternehmen.”

3. bis 5. April 1933

Die in Berlin tagende erste Reichstagung der “Glaubensgemeinschaft Deutsche Christen” fordert u.a. die Einführung des “Arierparagraphen” im kirchlichen Bereich.

4. April 1933

Hier Auszüge aus der Radioansprache, die Otto Dibelius, damals Generalsuperintendent der Kurmark am 4. April 1933 gehalten hatte. Diese Ansprache wurde nach Amerika ausgestrahlt. Er leugnete, dass in den Konzentrationslagern irgendwelche Brutalitäten vorkämen, und behauptete, der Boykott  -den er als vernünftige Verteidigungsmaßnahme bezeichnete-  verlaufe in “Ruhe und Ordnung”.

  1. “Die neue Regierung hat als ihre erste große Aufgabe die Rettung Deutschlands vor dem Bolschewismus in Angriff genommen  . . . “
  2. “Wir haben es oft ausgesprochen, dass die Entscheidungsschlacht zwischen der abendlichen Zivilisation und  dem Bolschewismus auf deutscher Erde würde geschlagen werden müssen    . . . “
  3. “Diese Entscheidungsschlacht ist ohne Straßenkämpfe und ohne Blutvergießen geschlagen worden. Die neue Regierung hat mit durchgreifenden Maßnahmen die kommunistischen Agitatoren  und ihre Bundesgenossen aus dem öffentlichen Leben ausgeschaltet. Sie hat erstaunlich wenig Widerstand gefunden.  . . .”
  4. “. . .  Die kommunistischen Führer sind sämtlich gefangen gesetzt worden. . .   Wir haben die kommunistischen Führer im Gefängnis besucht, wir haben sie gesund angetroffen. Sie haben uns übereinstimmend gesagt, dass sie durchaus korrekt behandelt würden . . . und waren mit der Nahrung alle zufrieden.  . .  “
  5. “Aufgrund der Schauernachrichten über grausame und blutige Behandlung der Kommunisten in Deutschland   . . .   hat nun das Judentum in mehreren Ländern eine Agitation gegen Deutschland begonnen.   . . .  Es ist zum Boykott gegen deutsche Waren aufgerufen worden.   . . .   Um diesen Boykott zu brechen, haben nun ihrerseits die deutschen Nationalsozialisten eine Boykottbewegung gegen das Judentum in Deutschland eingeleitet.  . . .    Dieser Boykott ist zunächst nur auf einen einzigen Tag beschränkt worden; er ist in absoluter Ruhe und Ordnung verlaufen. Nur einen einzigen blutigen Zwischenfall hat es gegeben. Das war in der Stadt Kiel an der Ostseeküste. . . . . “
  6. “Der Boykott ist bis auf weiteres aufgehoben. Heute sind die Geschäfte alle wieder geöffnet.   . . . “
  7. “Nebenher läuft eine Aktion der Regierung, die Juden aus der staatlichen Verwaltung, namentlich aus den Richterstellen, zu entfernen. Und das hängt damit zusammen, dass seit 1918 jüdische Beamte und Angestellte in so großer Zahl in die staatliche Verwaltung hineingekommen sind, dass es zum Beispiel in Berlin ganze Gerichte gibt, in denen kaum ein christlicher Richter noch zu finden ist. Dabei bilden die Juden in Deutschland  nicht einmal 1 % der Bevölkerung.”
  8. “. . .  Hier sollen die Verhältnisse wieder so werden, wie sie früher waren .”

Der Generalsuperintendent der Kurmark weiter:

  • “Aus der inneren Zersetzung, in die uns die letzten fünfzehn Jahre geführt haben, wollen wir wieder zurück zu einem christlichen und wirklich deutschem Volksleben“.   (Literatur: “Das Dritte Reich und die Juden, Die Jahre der Verfolgung 1933 – 1939” von Saul Friedländer, 1998, Zweite Auflage, C. H. Beck, Seite 55 ff)

einige Tage später, etwa 10. April 1933

Seine Sendung war keine einmalige Verirrung. Wenige Tage später schickte Dibelius an alle Pastoren seiner Provinz ein vertrauliches österliches Sendschreiben:

  • “Meine lieben Brüder! Für die letzten Motive, aus denen die völkische Bewegung hervorgegangen ist, werden wir alle nicht nur Verständnis, sondern volle Sympathie haben. Ich habe mich trotz des bösen Klanges, den das Wort vielfach angenommen hat, immer als Antisemiten gewusst. Man kann nicht verkennen, dass bei allen zersetzenden Erscheinungen der modernen Zivilisation das Judentum eine führende Rolle spielt”:   (Literatur: “Als die Zeugen schwiegen: Bekennende Kirche und die Juden”  von Wolfgang Gerlach, Berlin 1987, Seite 42)

Im Scheunenviertel in Berlin-Mitte veranstaltet die Polizei eine groß angelegte Razzia gegen jüdische Bewohner und verhaftet dabei unter anderem zehn polnische Juden, die keine Aufenthaltserlaubnis besitzen. Der Rundfunk berichtet live über diese Polizeiaktion. Verhöre der Polizeibeamten werden ebenso übertragen wie Interviews mit beteiligten Personen. Reporter schalten sich dabei teilweise in die polizeilichen Verhöre ein.   (Literatur: Horst Helas: “Juden in Berlin-Mitte. Biografien – Orte – Begegnungen”, 2., ergänzte u. durchgesehene Aufl., Berlin 2001, S. 43 u. derselbe, Die Razzia am 4.   April 1933, in: Das Scheunen-Viertel. Spuren eines verlorenen Berlins, Berlin 1994,   S. 135f.)

Am 4. April 1933 wurde auf Anordnung der Amtshauptmannsschaft Döbeln im sächsischen Hainichen, nordöstlich von Chemnitz, ein KZ eingerichtet. Am darauf folgenden Tag berichtet der „Hainicher Anzeiger“:

  • „Machtvoll flattert das siegreiche Hakenkreuzbanner auf dem ehemaligen Volks- und Sportheim Hainichen im Frühlingswind, ein SA-Mann steht mit geladenem Gewehr als Wachposten vor dem Eingang, und drinnen in dem schönen Gebäude herrscht ein ungewohntes Treiben. Das ehemalige Volks- und Sportheim hat nun endgültig seine Verwendung, allerdings in einer Art, wie es sich der Erbauer dieses Heimes niemals hätte träumen lassen. In dem Gebäude ist seit dem 4. April ein Konzentrationslager für politische Schutzhäftlinge eingerichtet worden. Es sind ungefähr 50 marxistische Personen im Lager eingetroffen.“ (Literatur: „Der Ort des Terrors“ von Wolfgang Benz, Band 2)

5. April 1933

Müller, Ludwig, (23.6.1883 in Gütersloh – 31.7.1945 in Berlin), protestantischer Theologe. 1926 – 1933 Wehrkreispfarrer in Königsberg, wurde am 5.4.1933 von Hitler zum “Vertrauensmann und Bevollmächtigten für die Fragen der Evangelischen Kirche” berufen.   (Literatur: “Reichsbischof Ludwig Müller, Eine Untersuchung zu Leben, Werk und Persönlichkeit” von Thomas Martin Schneider, Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, 1993)

Von Müller stammt  der spätere Ausspruch:

“Deutschland ist unsere Aufgabe, Christus unsere Kraft! . . . Wie jedem Volke, so hat auch unserem Volk der ewige Gott ein arteigenes Gesetz geschaffen. Es gewann Gestalt in dem Führer Adolf Hitler und dem von ihm geformten nationalsozialistischen Staat. Dieses Gesetz spricht zu uns in der aus Blut und Boden erwachsenen Geschichte unseres Volkes . . . Aus dieser Gemeinde deutscher Christen soll im nationalsozialistischen Staat Adolf Hitlers die das ganze Volk umfassende “Deutsche Christliche Nationalkirche” erwachsen: Ein Volk! – Ein Gott! – Ein Reich! – Eine Kirche! “

Das “Wittenberger Tageblatt” berichtet über den Boykott jüdischer Händler auf dem städtischen Markt:  “Auf dem Jahrmarkt nahm gestern Mittag ein großer Teil der Bevölkerung gegenüber den jüdischen Ständen eine bedrohliche Haltung ein. Im Interesse der eigenen Sicherheit der jüdischen Händler wurden diese seitens der Polizei aufgefordert, ihre Stände zu räumen.   (Literatur: Ronny Kabus, Juden der Lutherstadt Wittenberg im III. Reich,  S. 33.)

Die Stadt Düsseldorf kündigt allen im Dienst der Stadt stehenden Apothekern, Ärzten und Chemikern jüdischer Herkunft ihre Arbeitsverträge.

6. April 1933

Das Reichsfinanzministerium hebt die Zulassung aller jüdischen Steuerberater auf; neue Zulassungen dürfen “bis auf weiteres” nicht mehr ausgestellt werden.   (Literatur: Chronologie des Holocaust von  Knut Mellenthin)

7. April 1933

Fortsetzung vom 31. März 1933:  . . .  bereits am 7. April erließ Hitler ein weiteres Gesetz mit dem für jedes Land ein Reichstatthalter ernannt wurde. Alle Reichsstatthalter waren NSDAP-Mitglieder; sie hatten die vom Reichskanzler festgelegte allgemeine Politik zu verwirklichen.

Aufgrund des am 7. April beschlossenen „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ wurden an Kunsthochschulen Professoren und Lehrkräfte beurlaubt, z.B.:

Erwin Brodky,                 Siegfried Borris,

Oskar Dariel,                   Bruno Eisner,

Emanuel Feuermann,     Eva Heinitz,

Robert Hernried,           Käthe Jacob,

Stefan Jeidels,                 Leonid Kreutzer,

Frieda Loebenstein,       Claudia Pfeiffer,

Hugo Strelitzer,              H. Reichenbach,

Emy von Stetten

Das Gesetz und das “Rechtsanwaltsgesetz” legalisierten einen faktisch seit dem März bestehenden Zustand: Richter, Staatsanwälte und Rechtsanwälte waren an vielen Orten durch NS-Anhänger am Betreten der Gerichtsgebäude gehindert worden. Nationalsozialistische Justizminister der einzelnen Länder hatten Hausverbote erlassen und Beamte in den Zwangsurlaub geschickt. Das Gesetz ist eine irreführende Verbrämung des eigentlichen Zwecks. Es sah die Entlassung aller im Sinne der neuen Machthaber national unzuverlässigen und aller jüdischen Beamten vor.

“Jüdische Beamte werden aus dem Staatsdienst entlassen.”    (Literatur: “Orte des Erinnern, das Denkmal im Bayerischen Viertel”, eine von 80 Gedenktafeln. Hier:   Salzburger Str. 5)

10. April 1933

Die BVP Bayerische Volkspartei wurde aufgelöst. Diese Partei hatte noch im  März im Reichstag für das Ermächtigungsgesetz gestimmt, das letztlich Hitler die Vollmacht gab, auch die BVP zu vernichten. Die Funktionäre der Partei wurden verhaftet und misshandelt.   (Literatur: Anna Maria Sigmund: “Diktator, Dämon, Demagoge”, Seite 73)

Der Kommissar der ärztlichen Spitzenverbände erklärt, dass in der Ärzteschaft seit langem ein zahlenmäßiges Missverhältnis zwischen Deutschstämmigen und Juden bestanden habe. Inzwischen seien zahlreiche jüdische Ärzte aus Krankenhäusern, Instituten, Universitäten und aus dem öffentlichen Gesundheitsdienst entlassen worden. Auch aus den Berufsorganisationen der Ärzte seien Juden ausgeschieden worden. Für die Krankenkassen sollen in Zukunft Juden nur in Ausnahmefällen zugelassen werden. Die gleichen Maßnahmen würden gegen marxistische Ärzte ergriffen werden.

Eintrag aus dem Tagebuch von Klemperer: “Ein  … Arzt in Berlin, aus der Sprechstunde geholt, im Hemd und schwer misshandelt ins Humboldtkrankenhaus gebracht, dort, 45 Jahre alt, gestorben“.   (Literatur: Viktor Klemperer: “Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten, Tagebücher 1933 – 1941”, Seite 20)

11. April 1933

Hans Beimler, wird verhaftet. Beimler gehörte von Dezember 1929 bis August 1932 dem Stadtrat von Augsburg an, von April bis Juli 1932 dem Bayerischen Landtag. Von 1932 bis 1933 war er Abgeordneter im Deutschen Reichstag. Im Frühjahr 1932 kehrte Beimler nach München zurück und wurde Politischer Sekretär des Bezirks Südbayern der KPD.

12. April 1933

Das Präsidium der Industrie- und Handelskammer zu Berlin nötigt seinen Vizepräsidenten Heinrich Grünfeld, den jüdischen Seniorchef einer alteingesessenen Berliner Textil- und Bekleidungsfirma, zum Rücktritt.   (Literatur: Johannes Ludwig, „Boykott – Enteignung – Mord“,  S. 184ff)

Paul Tollmann, geb. 1915, wird als 17-jähriger verhaftet. (Auf der Veranstaltung Führung durch die Folterkammern in der General-Pape-Straße am 11. Oktober 2009 „Erinnern und nicht vergessen: Naziterror in Tempelhof“ hat er persönlich über sein Schicksal gesprochen.) Er berichtete, er habe Flugblätter versteckt, die die SA gefunden hatte. Zusammen mit seinem Vater und Bruder wurde er verhaftet, zunächst in die „Rote Villa“ in die Albrechtstraße, dann in die General-Pape-Str. gebracht. Nach 5 Tagen kam er frei. Er hat dort gesehen wie ein jüdischer Arzt auf einem Feldbett gestorben ist. Immer wieder ist Tollmann verprügelt worden.

Im Konzentrationslager Dachau kommt es zu den ersten Häftlingsmorden. Betroffen sind vier aus Nürnberg bzw. Fürth stammende Juden, die zuerst gequält und dann – so der Nazi- Jargon – auf der Flucht erschossen werden. Es handelt sich um den Studenten Arthur Kahn, die Kaufleute Ernst Goldmann und Erwin Kahn sowie um den Diplom-Volkswirt Dr. Rudolf Benario.   (Literatur: Jürgen Matthäus, Konrad Kwiet, Jürgen Förster u. Richard Breitmann  Ausbildungsziel Judenmord? “Weltanschauliche Erziehung” von SS, Polizei und   Waffen-SS im Rahmen der “Endlösung”, Frankfurt a. M. 2003, S. 43f)

In Berlin – Kreuzberg, Skalitzer Straße 46, heiratet der zum Judentum konvertierte “Arier” Max Rosenhand eine Jüdin. Noch am Abend der Hochzeitsfeier verschleppt ihn die SA in eines ihrer “wilden KZ” und schlägt ihn brutal zusammen.   (Literatur: „Juden in Kreuzberg“,  S. 205.)

Am 12. April 1933 fand auf Veranlassung des Landeskriminalamtes Dresden die Besichtigung eines Spinnereigrundstückes in Sachsenburg statt, dabei wurde festgestellt, dass sich das Grundstück ganz hervorragend für die Errichtung eines großen Schutzhaftlagers eignet. Bereits am 19. April 1933 wurde die Sachsenburg in den „vorläufigen Bestimmungen über die Errichtung und Verwaltung von Konzentrationslagern“ aufgeführt. (Literatur: „Der Ort des Terrors“ von Wolfgang Benz)

 

weiterhin 12. April 1933

Dr. jur. Friedrich Oppler, 45 Jahre alt, hauptamtlicher Vorsitzender am Landesarbeitsgericht Berlin, schrieb an den preußischen Justizminister: „Ich habe nichts als mein Amt, das mir vom Staat als ein lebenslängliches verheißen worden war, in dem ich mich wie ich glaube sagen zu können, stets untadelig geführt habe, mit dem ich verwurzelt bin, dem ich mein ganzes Leben und meine ganze Kraft widmete“. Gegen Oppler wurde auf Grund des „Gesetzes zur Herstellung des Berufsbeamtentum“ im Juli ein Berufsverbot erlassen. (Literatur: „Jüdische Richter in der Berliner Arbeitsgerichtsbarkeit 1933“ von Hans Bergemann)

13, April 1933

Am 13. April 1933 wurde Czeminski, Schöneberger Stadtrat, verhaftet, um die Gleichschaltung der von ihm geführten Genossenschaft durchzusetzen. In dem “wilden KZ” SA-Gefängnis Papestraße wurde er gefoltert und schwer misshandelt.

14. April 1933

Die Berliner Ärztin Dr. Hertha Nathorff notiert in ihrem Tagebuch:

  • “Aus allen Berufen, aus allen Stellen schalten sie die Juden aus ‚Zum Schutze des deutschen Volkes’. Was haben wir diesem Volk denn bis heute getan? In den Krankenhäusern ist es furchtbar. Verdiente Chirurgen haben sie mitten aus der Operation herausgeholt und ihnen das Wiederbetreten des Krankenhauses einfach verboten.“ (Literatur: Das Tagebuch der Hertha Nathorff. Aufzeichnungen 1933 bis 1945, hrsg.  und eingeleitet v. Wolfgang Benz, München 1987, S. 109.)

15. April 1933

Die “Gubener Zeitung für Stadt und Land” (Mark Brandenburg) berichtet über die ersten Beurlaubungen jüdischer Professoren durch den preußischen Kulturminister Dr. Rust: “Insgesamt sind davon 16 Hochschulprofessoren, vor allem Staatsrechtler und Nationalökonomen, erfasst worden. Die meisten entfallen auf Frankfurt, nämlich Heller, Hochheimer, Löwe, Mannheimer, Sinzheimer und der evangelische Theologe Paul Tillich. Die weiteren beurlaubten Professoren sind Bonn von der Handelshochschule und Lederer von der Universität Berlin. Cohn = Breslau,  Dehn = Halle, Feiler = Königsberg, Löwenstein = Bonn, Kantorowicz = Kiel, Kelsen = Köln und Mark = Breslau.”   (Literatur: Margrid Bircken u. Helmut Peitsch, Hrsg., Brennende Bücher. Erinnerungen an den 10. Mai 1933, Potsdam 2003, S. 139.)

15. April 1933

Erneut wird in der Hedemannstraße in Berlin-Kreuzberg ein Jugendlicher jüdischen Glaubens von den Nazis ermordet; es handelt sich diesmal um einen Siebzehnjährigen namens Spido. (Literatur: „Antifaschistischer Stadtplan Kreuzberg“)

16. April 1933  (Ostersonntag)

Armin T. Wegner  (1886 – 1976) verfasste Ostern 1933 ein Schreiben an den Deutschen Reichskanzler Adolf Hitler:

  • “Herr Reichskanzler in Ihrer Bekanntmachung vom 29. März 1933 hat die Staatsregierung die Acht über die Geschäftshäuser aller jüdischen Bürger verhängt. Beleidigende Inschrift: “Betrüger! Nicht Kaufen! Den Juden den Tod!” leuchteten an den Spiegelscheiben, Männer mit Knüppeln und Faustbüchsen hielten vor den Türen der Läden Wache . . .  Jüdische Richter, Staatsanwälte und Ärzte werden aus ihren wohlverdienten Ämtern gestoßen, man sperrt ihren Töchtern und Söhnen die Schule, treibt die Hochschullehrer von der Kanzel und schickt sie auf Urlaub, eine Gnadenfrist, die niemanden zweifelhaft sein kann, beraubt die Leiter von Schauspielhäusern, Schauspieler und Sänger ihrer Bühnen, die Herausgeber von Zeitungen ihrer Blätter . . .       Gerechtigkeit war stets eine Zierde der Völker, und wenn Deutschland groß in der Welt wurde, so haben auch die Juden daran mitgewirkt. Erinnern Sie sich, dass es Albert Einstein, ein deutscher Jude, war der Erschütterer des Raumes, der wie Kopernikus über sich in das All griff und der Erde ein neues Weltbild  geschenkt hat. Erinnern Sie sich, dass Albert Ballin, ein deutscher Jude, der Schöpfer der großen Schiffslinie nach dem Westen gewesen ist, auf dem das mächtigste Schiff der Welt nach dem Lande der Freiheit zog, Ballin, der die Scham nicht ertragen konnte, dass der von ihm verehrte Herrscher sein Land im Stich ließ und deshalb Hand an sich legte? Erinnern Sie sich, dass es Emil Rathenau, ein deutscher Jude, war, der die Allgemeine Gesellschaft zur Erzeugung des geheimnisvollen Stromes von Kraft und Licht in fremden Ländern zu einem Weltwerk machte! Erinnern Sie sich  . . .“
  • „… Herr Reichskanzler, es geht nicht um das Schicksal unserer jüdischen Brüder allein, es geht um das Schicksal Deutschlands! Im Namen des Volkes, für das zu sprechen ich nicht weniger das Recht habe, als die Pflicht, wie jeder, der aus seinem Blut hervorging, als ein Deutscher, dem die Gabe der Rede nicht geschenkt wurde, um sich durch Schweigen zum Mitschuldigen zu machen, wenn sein Herz sich vor Entrüstung zusammenzieht, wende ich mich an Sie: Gebieten Sie diesem Treiben Einhalt! Das Judentum hat die Babylonische Gefangenschaft, die Knechtschaft in Ägypten, die spanischen Ketzergerichte, die Drangsal der Kreuzzüge und die sechzehnhundert Judenverfolgungen in Russland überdauert. Mit jener Zähigkeit, die dieses Volk alt werden ließ, werden die Juden auch diese Gefahr überstehen  — die Schmach und das Unglück aber, die Deutschland dadurch zuteil werden, werden für lange Zeit nicht vergessen sein! Denn wen muss einmal der Schlag treffen, den man jetzt gegen die Juden führt, wen anders als uns selbst   . . .  schützen Sie Deutschland indem Sie die Juden schützen   . . . wahren Sie die Würde des deutschen Volks”   (Literatur: Jürgen Serke “Die verbrannten Dichter”, Verlag Beltz und Gelbert, Seite 40)

16. April 1933

Königstein, der kommunistische Arbeiter Fritz Gumpert aus Heidenau wird im “Schutzhaftlager” auf die entsetzlichste Art zu Tode gefoltert (er hinterlässt eine Frau und fünf schulpflichtige Kinder).   (Literatur: Internet, Bericht über die Stadt Heidenau, zwischen Dresden und Pirna gelegen.)

17. April 1933

In Göttingen entschloss sich James Franck (1882-1964) zu einem öffentlichen Protest gegen das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentum. Er selbst fiel zwar als Frontkämpfer nicht unter das neue Gesetz, lehnte aber die Inanspruchnahme einer derartigen Sonderregelung für seine Person ab. In Francks Erklärung vom 17. April, die er dem Rektor der Universität und auszugsweise auch der Göttinger Zeitung übermittelte, hieß es u.a.: “Ich habe meine vorgesetzte Behörde gebeten, mich von meinem Amte zu entbinden. Ich werde versuchen, in Deutschland weiter wissenschaftlich zu arbeiten. Wir Deutsche jüdischer Abstammung werden als Fremde und Feinde des Vaterlandes behandelt.” Trotzdem habe er Verständnis für diejenigen, “die es heute für ihre Pflicht halten, auf ihrem Posten auszuharren.” Die internationale Presse berichtete ausführlich darüber und selbst in deutschen überregionalen Zeitungen gab es positive Kommentare.

18. April 1933

Johannes Fest, Vater von Joachim, wird vom Bürgermeister des Bezirks Berlin Lichtenberg mit sofortiger Wirkung beurlaubt, später am 1.10.1933, entlassen. Johannes Fest war Rektor der 20. Volksschule in Berlin. Die Beurlaubung wird schriftlich vom “Staatskommissar zur Wahrnehmung der Geschäfte des Bezirksbürgermeisters” erteilt. Mündlich wurde Herrn Fest mitgeteilt, dass seine führende Zugehörigkeit zur Zentrumspartei und zum Reichsbanner sowie seine “öffentlich herabsetzenden Reden gegen den Führer und weitere Märtyrer der Bewegung, (Horst Wessel)” zur Suspendierung führten.   (Literatur: Joachim Fest: “Ich nicht”, 2006 Seite 52 und 65)

19. April 1933

Elsa Lasker-Schüler (11.2.1869 – 22.1.1945) hatte ihr Stück “Arthur Aronymus und seine Väter” geschrieben, es sollte im Schillertheater uraufgeführt werden. Noch vor der Generalprobe  wurde es von den Nazis abgesetzt. Ein Stück, in dem sie hellsichtig die Judenverfolgungen vorwegnimmt: “Unsere Töchter wird man verbrennen auf Scheiterhaufen. Nach mittelalterlichem Vorbild. Der Hexenglaube ist auferstanden, aus dem Schutt der Jahrhunderte. Die Flamme wird unsere unschuldigen jüdischen Schwestern verzehren”. Lasker-Schüler emigrierte direkt danach in die Schweiz.  starb 1945 verarmt in Jerusalem. Literatur: Jürgen Serke „Die verbrannten Dichter“,  Verlag Beltz und Gelbert, Seite    31, am Haus Katharinenstraße 5 (Halensee) befindet sich eine Inschrift: „In dem Haus, das früher hier stand lebten und arbeiteten Herwarth Walden und Else Lasker-Schüler“

20. April 1933

Ein weiterer Protest gegen das “Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums” kam aus Stuttgart. Am 20. April legte der Ordinarius für theoretische Physik an der dortigen Technischen Hochschule Peter Paul Ewald (1888-1985) das Rektorat nieder, weil es ihm nicht möglich war, “in der Rassenfrage den Standpunkt der nationalen Regierung zu teilen”. Ewald gehörte eigentlich zum betroffenen Personenkreis. Ebenso wie seine beiden Großväter war seine Frau jüdischer Herkunft. Die Ausnahmebestimmungen erlaubten ihm jedoch ein Verbleiben auf seiner Professur. Er emigrierte 1938.

Der Vorsitzende der katholischen Zentrumspartei Dr. Ludwig Kaas sendet ein Geburtstagstelegramm an Reichskanzler Hitler: “Zum heutigen Tage aufrichtige Segenswünsche und die Versicherung unbeirrter Mitarbeit am großen Werk der Schaffung eines innerlich geeinten, sozialbefriedeten…Deutschlands.”

Zum Gottesdienst zur Feier des Hitler Geburtstages  am 20. April marschierten in der Gemeinde Stephanus im Bezirk Wedding die NSDAP-Ortsgruppe „Gesundbrunnen“ und zwei SA-Stürme auf. Pfarrer Walther Aner predigte über 1. Joh. 5, Vers 4: „Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat“. Tiefste Ergriffenheit hätten die Fürbitten am Schluss des Gottesdienstes ausgelöst, als derer gedacht worden sei, die in der „Gefolgschaft des Führers für die Wiedergeburt unseres Volkes starben“ und leise von der Orgel das Horst Wessellied erklang. In dieser Gemeinde schlossen sich 17 von 18 Kirchenältesten, sämtliche vier Pfarrer, die Kirchenbeamten, Gemeindeschwestern und Pfarrgehilfeninnen der neuen „Glaubensbewegung“ an. (Literatur: Prof. Dr.  Manfred Gailus in „Kreuze und Hakenkreuze“, Tagesspiegel 2. Februar 2013).

21. April 1933

Geheimbefehl von Dr. Ley

Am 21. April 1933 wurde – nicht einmal im Namen der Regierung, sondern der Nazi-Partei – von dem Verschwörer Robert Ley ein Befehl herausgegeben, in dem er sich selbst als »Stabsleiter der Politischen Organisation der NSDAP« bezeichnete, und der sich auf den Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund und den Allgemeinen Freien Angestelltenbund, die beiden größten deutschen Gewerkschaften, bezog. Er ordnete die Beschlagnahme ihres Eigentums und die Verhaftung ihrer obersten Leiter an. Der Befehl bestimmte, dass Gliederungen der Partei, die wir hier als verbrecherische Organisationen anklagen, die SA und SS, »zur Besetzung der Gewerkschaftshäuser und der Inschutzhaftnahme der in Frage kommenden Persönlichkeiten einzusetzen« seien. Ferner sollten alle Verbandsvorsitzenden und Bezirkssekretäre der Verbände und die Filialleiter der Bank der Arbeiter, Angestellten und Beamten in »Schutzhaft« genommen werden. (Literatur: Ein Dokument, das in Nürnberg ans Tageslicht kam: Ein von Dr. Ley unterzeichneter Geheimbefehl vom 21. April enthält bis ins einzelne gehende Instruktionen für die am 2. Mai vorzunehmende „Gleichschaltung“ der Gewerkschaften; SA und SS sollen die „Besetzung der Gewerkschaftshäuser“ vornehmen und alle Gewerkschaftsführer „in Schutzhaft“ nehmen. Das Gewerkschaftsvermögen sei zu beschlagnahmen. Aus Shirer: „Aufstieg und Fall des Dritten Reiches“.)

 

22. April 1933

Änderung des Buchstabieralphabets: In der sogenannten Buchstabiertafel für Ferngespräche sind Änderungen vorgenommen worden. David ist durch Dora, Jakob durch Julius, Nathan durch Nikolaus, Samuel durch Siegfried und Zacharias durch Zeppelin ersetzt worden.   (Literatur: Lisa Matthias “Ich war Tucholskys Lottchen”, Seite 294; der Beamte Neugebauer vom Postamt Rostock “bereinigt”  die Buchstabiertafel. In allen deutschen Telefonbüchern ist  ab 1934 die neue Buchstabiertafel  dann enthalten.)

Der Reichswart der Evangelischen Jugend Deutschlands, Erich Stange: “Die gottgesetzten Grundlagen von Heimat, Volk und Staat werden wieder neu erkannt. Das Volk steht auf. Eine Bewegung bricht sich Bahn, die eine Überbrückung der Klassen, Stände u. Stammesgegensätze verheißt…Darum kann die Haltung der jungen evangelischen Front in diesen Tagen keine andere sein als die einer leidenschaftlichen Teilnahme an dem Schicksal unseres Volkes und zugleich eine radikale Entschlossenheit, wie sie das Wort Gottes fordert.”

Die Kampfaktion „Wider den undeutschen Geist“ beschlagnahmt in der Kieler Universitätsbibliothek Publikationen „undeutscher“ Dozenten und Literaten, unter ihnen solche von jüdischen Autoren, wie z.B. Jakob Wassermann und Kurt Tucholsky. (Literatur: Manfred Overesch, Chronik deutscher Zeitgeschichte. Politik – Wirtschaft – Kultur)

Der Deutsche Apothekerverein führt den „Arierparagraphen“ ein.

25. April 1933

“Gesetz gegen die Überfüllung deutscher Schulen und Hochschulen”, Zulassungsbeschränkung für jüdische Schüler und Studenten.  Dieses Gesetz richtete sich ausschließlich gegen jüdische Schüler und Studenten und begrenzt den Anteil jüdischer Studenten und Schüler an weiterbildenden Schulen auf maximal 1,5 Prozent.   (Literatur:  “Illustrierte Geschichte des Dritten Reiches” von Dr. Kurt Zentner, 1965)

“Juden werden aus Sport- und Turnvereinen ausgeschlossen.”   (Literatur: “Orte des Erinnern, das Denkmal im Bayerischen Viertel”, eine von 80 Gedenktafeln. Hier:   Münchener Str. 9)

Eintrag im Tagebuch von Viktor Klemperer: “Der preußische Unterrichtsminister  hat angeordnet, dass unversetzte Schüler, wenn sie der Hitlerbewegung angehören, nach Möglichkeit  -die Klassenkonferenz entscheide weitherzig!-  doch noch versetzt werden”.  .  .  Anschlag am Studentenhaus: “Wenn der Jude deutsch schreibt lügt er. Er darf nur noch hebräisch schreiben. Jüdische Bücher in deutscher Sprache müssen als Übersetzungen gekennzeichnet werden”.   (Literatur: Viktor Klemperer: “Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten”, Seite 24)

In einer Ministerbesprechung an diesem Tag äußerte sich Göring verächtlich über den Opportunismus der deutschen Beamtenschaft. In einer Gesprächsnotiz wurde festgehalten: “Es habe Göring angewidert und angeekelt zu sehen, wie in seinem Ministerium, dessen Beamtenkörper notorisch zu 60 % aus eingesetzten Severing – Anhängern bestanden habe, schon nach wenigen Tagen die Hakenkreuzabzeichen wie Pilze aus der Erde geschossen seien, und wie schon nach 4 Tagen der Hackenknall und die hocherhobenen Hände auf den Korridoren eine allgemeine Erscheinung gewesen seien” (Aufzeichnung von Staatsrat Dr. Schulz (Hamburg) vom 27. April über die Besprechung am 25. April 1933.   (Literatur Richard J. Evans: “Das Dritte Reich, Aufstieg”, Seite 500)

Der Erzbischof Gröber von Freiburg beschwört die deutschen Katholiken, dass sie den „neuen Staat nicht ablehnen dürfen, sondern ihn politisch bejahen und in ihm unbeirrt mitarbeiten müssen“. (Literatur: Deschner „abermals krähte der Hahn“, Seite 538)

26. April 1933

Gesetz über die Errichtung eines Geheimen Staatspolizeiamtes wurde beschlossen. Die politische Polizei nahm ihren neuen Sitz im Karl-Liebknecht-Haus, der besetzten KPD-Zentrale.   (Literatur: Carsten Dams: “Die Gestapo, Herrschaft und Terror im Dritten Reich”)

28. April 1933

In Alt-Daber, einem Vorort von Wittstock, Ostprignitz,, richtete der Landrat des Kreises Ostprignitz in Zusammenarbeit mit der SA-Standarte 39 am 28. April 1933 ein Konzentrationslager für politische Gefangene ein. (Literatur: „Der Ort des Terrors“ von Wolfgang Benz, Band 2)

30. April 1933

Spektakulär war dann die Rücktrittserklärung von Fritz Haber (1868-1934) vom 30. April. (Haber erhielt den Nobelpreis für Chemie des Jahres 1918 “für dieSynthese von Ammoniak aus dessen Elementen“.) Wie auch andere verzichtete er auf einen Ausnahmestatus für sich selbst und verurteilte die diskriminierenden Gesetze: “Meine Tradition verlangt von mir in einem wissenschaftlichen Amte, dass ich bei der Auswahl von Mitarbeitern nur die fachlichen und charakterlichen Eigenschaften der Bewerber berücksichtige, ohne nach ihrer rassemässigen Beschaffenheit zu fragen.” Diese Rücktritte waren kein Zeichen der Resignation, sondern des Protestes, der nicht nur die akademische Öffentlichkeit aufrütteln sollte. Noch schien es Hoffnung für eine Zukunft in Deutschland zu geben.

Im April 1933

“Befreiung vom Alten Testament mit seiner jüdischen Lehrmoral”: Pastor Witzig von der Neuköllner Magdalenen-Gemeinde bezeichnete sich selbst als “der erste Deutsche Christ”. Er sei diesen bereits 1932 beigetreten und wurde im gleichen Jahr auch Mitglied der NSDAP. Zusammen mit zwei anderen Pastoren hat er sich geweigert, anlässlich von Trauungen Bibeln mit dem Alten Testament auszugeben. Als das Konsistorium dem Geistlichen die Weisung erteilte, sich an die Agende zu halten, beschwerte er sich man könne ihm nicht befehlen “jüdisch-christliche Gottesdienste” zu halten. (Literatur: “Deutsche Christen in der Reichshauptstadt Berlin”, Aufsatz von Lilian Hohrmann, veröffentlicht in “Berlin in Geschichte und Gegenwart, Jahrbuch des Landesarchivs Berlin 1999”)

Konrad Heiden, geboren 1901 in München, Journalist, Schriftsteller ehemals Korrespondent und Redakteur der Frankfurter Zeitung und Mitarbeiter der Vossischen Zeitung geht ins Exil. Vom Saarland aus setzte er den Widerstand gegen den Nationalismus fort und publizierte u. a. unter dem Pseudonym “Klaus Bredow”. Heidens 1936 im Züricher Exil veröffentlichtes Werk “Adolf Hitler, das Leben eines Diktators” ist die “erste substanzielle Studie über Hitler”, wie ein Historiker schrieb. 1936 ist Heiden ausgebürgert worden.   (Literatur: Anna Maria Sigmund “Diktator, Dämon, Demagoge”, Seite 18 und Informationen zu politischen Bildung, Heft 243)

Im April 1933 wurde Max Beckmann fristlos aus seiner Professur an der Frankfurter Städelschule entlassen. Seine Schüler hatten keine Möglichkeit mehr, sich künstlerisch zu betätigen; später sprach man von einer “Verschollenen Generation”. Einige ihrer Werke wurden von den Nazis auf dem Römerberg verbrannt. Der Beckmann-Saal im Kronprinzenpalais wurde aufgelöst. Max Beckmann war für die Nazis einer der meist verhassten Künstler; sie schmähten ihn nun in vielen Propaganda-Ausstellungen, die in ganz Deutschland begannen. Der Künstler verließ Frankfurt und lebte bis zu seiner Emigration in Berlin.

Unter dem Eindruck des Geschäftsboykotts im April 1933 und der sich daran anschließenden antijüdischen Gesetzgebung verließen 1933 rund 37.000 Juden Deutschland.

Lilian Mowrer (amerikanische Schriftstellerin, Autorin vieler Bücher über Europa) hörte den Reichskanzler Hitler in einer Rede sagen: „Unsere Feinde werden brutal und rücksichtslos ausgerottet werden“. Mowrer glaubte sich verhört zu haben. So etwas würde der Führer eines großen Landes niemals sagen. Dann las sie die offiziell verbreitete Version. Doch, da stand brutal und rücksichtslos ausgerottet. Woraufhin es los ging mit dem nächtlichen Verschwinden, den Prügeln, den Morden, schrieb sie „denen Hunderte und Aberhunderte zum Opfer fielen, kaltblütig von triebgestörten Sadisten und kaum 20-jährigen Burschen auf Befehl ihrer „Parteioberen“ verübte Untaten“. Dann erschienen die gelben Plakate an den Geschäften in jüdischem Besitz. Vor dem KaDeWe musste sich Mowrer, ihren amerikanischen Pass in der Hand, an SA-Leuten vorbeischieben, die mit verschränkten Armen eine Kette bildeten. Im Kaufhaus herrschte kaum Betrieb. Die einzigen Kunden waren gegen den Boykott protestierende Ausländer. „Die Verkäufer standen stumm und traurig herum. Ich hätte m liebsten alles in Sichtweite gekauft“, schrieb sie. „Den ganzen Vormittag lang ging ich von einem jüdischen Geschäft ins andere“.

Wir konnte so etwas geschehen?, fragte sie sich. Im Land herrscht doch Ruhe. Die Straßen waren sauber. Der Verkehr lief reibungslos.

„Die Deutschen gehören zu den liebenswertesten Völkern Europas und haben sicher nicht mehr Schläger und Sadisten als irgend ein anderes Land zu verzeichnen“ schrieb sie. „Der Unterschied bestand drin, dass Hitlers Regime bis zur Spitze hinauf auf Sadisten und Schlägern errichtet war  –  je höher, desto schlimmer“.   (Literatur: Nicholson Baker in „Menschen Rauch“)

Das Gesetz und das “Rechtsanwaltsgesetz” legalisierten einen faktisch seit dem März bestehenden Zustand: Richter, Staatsanwälte und Rechtsanwälte waren an vielen Orten durch NS-Anhänger am Betreten der Gerichtsgebäude gehindert worden. Nationalsozialistische Justizminister der einzelnen Länder hatten Hausverbote erlassen und Beamte in den Zwangsurlaub geschickt. (Das Gesetz ist eine irreführende Verbrämung des eigentlichen Zwecks. Es sah die Entlassung aller im Sinne der neuen Machthaber national unzuverlässigen und aller jüdischen Beamten vor.)

 

In der Arbeiterkolonie Ankenbruck, gelegen zwischen Bad Dürrheim und Villingen im Schwarzwald wurde Ende April 1933 das zweite Konzentrationslager Badens eingerichtet. (Literatur: „Der Ort des Terrors“ von wolfgang Benz, Band 2)

Frühjahr 1933

Im Frühjahr 1933 kam es überall in Deutschland vielfach zu Massenverhaftungen. Im März wurden eine Gruppe von Bewag-Betriebsräten und etliche Angestellte des Arbeitsamtes Friedrichshain während ihrer Tätigkeit verhaftet und in der Papestraße festgehalten. Im April wurde auch nahezu der gesamte Genossenschaftsvorstand der Schöneberger Lindenhof-Siedlung – darunter Franz Czeminski – dort eingeliefert. Im selben Monat führten die antijüdischen Maßnahmen und die Aufdeckung einer Schöneberger KPD- Gruppe zu vielen Inhaftierungen. Als im Mai 1933 während der Auflösung der Gewerkschaften auch das Verbandshaus der Textilarbeiter von der SA besetzt wurde, war der Gewerkschaftsvorsitzende Martin Pletti (siehe 2. Mai 1933) unter denen, die in die Papestraße gebracht wurden. Die Verhaftungsaktionen setzten sich das Jahr über fort: noch im September und Oktober 1933 kamen größere Gruppen von KPD-Mitgliedern der Bezirke Reinickendorf und Prenzlauer Berg in das SA-Gefängnis Papestraße.

Nach vorsichtigen Schätzungen waren im SA-Gefängnis General-Pape-Straße von März bis Dezember 1933 mindestens 2000 Menschen inhaftiert. Durch langjährige Recherchen konnten inzwischen die Namen von fast 400 Inhaftierten ermittelt werden. Die Verhafteten kamen aus allen Bezirken Berlins, doch es gab auch einen deutlich erkennbaren lokalen Bezug nach Schöneberg. Wieviele Häftlinge insgesamt in der Papestraße umgebracht wurden, ist bis heute nicht genau bekannt. Zu 15 Ermordeten liegen inzwischen genauere Angaben vor, zu weiteren zehn existieren Hinweise.

1. Mai 1933

Herzog Carl Eduard (Charles Edward) von Sachsen-Coburg, Enkel der britischen Königin Viktoria trat am 1. Mai der NSDAP bei. Am 9. März 1933 bereits ließ er auf der “Veste Coburg” die Hakenkreuzfahne hissen. Der Herzog galt als äußerst einflussreicher Vertreter des Hochadels. Der 59-jährige hatte er verwandtschaftliche Beziehungen sowohl zum englischen Königshaus, als auch zur deutschen Kaiserin Auguste Viktoria. Am 1. Mai 1933 trat er außerdem in die SA ein.   (Literatur: Christine Kohl in “Bilder eines Vaters, die Kunst, die Nazis und das Geheimnis der Familie Meyer”, Seite 270)

Herbert von Karajan ist in die NSDAP eingetreten

Ein Reichsgesetz tritt in Kraft, dass das rituelle Schächten verbietet. (Literatur: Cuno Horkenbach, Das Deutsche Reich von 1918 bis heute).

Der Tag der Arbeit, der 1. Mai wird von den Nationalsozialisten zum gesetzlichen Feiertag (“Tag der nationalen Arbeit”) erklärt. Gewerkschaftsführer und  Arbeiter aus ganz Deutschland werden zum Teil per Flugzeug nach Berlin eingeladen, um auf dem Tempelhofer Feld den Tag zu feiern. Am nächsten Tag jedoch . . .

2. Mai 1933

.  .  .  Auflösung der Gewerkschaften. Das gesamte Vermögen der Gewerkschaften wird der DAF übereignet, der “Deutschen Arbeitsfront”, Hitlers Zwangsgewerkschaft. Aus dem Rundschreiben “Zur Gleichschaltung der Gewerkschaften”, ein Dokument, das in Nürnberg ans Tageslicht kam: Ein von Dr. Ley unterzeichneter Geheimbefehl vom 21. April:

  • “Am 2.5. vormittags beginnt die Gleichschaltungsaktion . . .
  • Im Reich werden besetzt, die Leitung der Verbände, die Gewerkschaftshäuser   . . .
  • In Schutzhaft sind zu nehmen  . .  alle Verbandsvorsitzenden, alle Bezirkssekretäre  . .
  • Alle Gewerkschaftsführer sind „in Schutzhaft“ zu nehmen.  . . .“

Am 2. Mai 1933 im Berliner Börsen-Courier (Tageszeitung): “Alle Führer der freien Gewerkschaften in Schutzhaft”.   (Literatur: “Widerstand in den Bezirken” von Hans-Rainer Sandvoß und aus Shirer: „Aufstieg und Fall des Dritten Reiches“)

Robert Ley, Reichsleiter und Chef der “Deutschen Arbeitsfront” (DAF) verkündet dem deutschen Arbeiter:

  1. “Adolf Hitler ist Dein Freund!
  2. Adolf Hitler ringt um Deine Freiheit!
  3. Adolf Hitler gibt Dir Brot!”

Martin Pletti, schloss sich nach einer Schneiderausbildung früh der Gewerkschaftsbewegung an. Er wurde Vorsitzender des Gesamtverbandes Bekleidungsarbeiter Förderation. Am 2. Mai wurde das Verbandshaus von SA-Männern besetzt. Pletti wurde zusammen mit anderen verhaftet und zur Papestraße verschleppt, nach vier Tagen in das Polizeigefängnis Alexanderplatz und dann nach Spandau. Nach mehreren Wochen Haft wurde er entlassen und unter Polizeiaufsicht gestellt. Er konnte nach Holland fliehen.

2. Mai 1933

Der Gewerkschafter Theodor Leipart wurde 1921 Vorsitzender des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes, der traditionell der SPD nahestand. Seine Versuche, den ADGB nach der nationalsozialsozialistischen Machtübernahme für parteipolitisch neutral zu erklären, halfen ihm nichts: Am 2. Mai 1933 wurde er festgenommen und misshandelt, 1936 wurde ein Schauprozess gegen ihn inszeniert. Leipart zog sich ins Privatleben zurück, 1946 wurde er SED-Mitglied. (Literatur: www.Berlin.de/2013 Zerstörte Vielfalt)

3. Mai 1933

KZ Flossenbürg/Bayern eröffnet; Kommandanten u.a. Karl Künstler, Jakob Weiseborn, Egon Zill, Max Kögel, Hans Vogel.   Bis 1945 ca. 100 000 Häftlinge, ca. 30 000 Ermordete/Tote.

4. Mai 1933

Privatrechtliche Verträge mit “nicht arischen” Angestellten und Arbeitern des Reichs, der Länder, der Gemeinden usw. sind mit Monatsfrist zu kündigen. Es gelten die üblichen Ausnahmen. Außerdem können für wirtschaftliche Unternehmungen Ausnahmen bei “zwingenden Gründen” zugelassen werden. (RGBl I, S. 233-235)

Berlin, letzte SPD-Vorstandssitzung. Vorstandsmitglied Ollenhauer flieht am 6.5. nach Prag, 1938 nach  Paris, 1940 nach Spanien u. Portugal, 1941 nach Großbritannien.

5. Mai 1933

Breslau, Tagebucheintrag vom jüdisch-deutschen Autor Walter Tausk: “In den Schulen werden jetzt die nicht-arischen, also jüdischen Kinder durch einige Lehrer von den anderen getrennt, für sich gesetzt!. Zum  Teil haben das die Kinder, die arischen, selbst verlangt! Sie wurden von offenen Pöbeleien der Lehrer   unterstützt, die z.B. in der Augustaschule, Breslau, die jüdischen Kinder nicht mit drannehmen, “weil   sie ja doch keine deutsche Geschichte verstünden, die sie auch nichts anginge.”  (Literatur: Walter Tausk, Breslauer Tagebuch 1933- 1940, , S. 72f.)

6. Mai 1933

“Nichtarier” werden als Steuerberater nicht mehr zugelassen, bestehende Zulassungen sind zurückzunehmen.  (Gesetz des Reichskanzlers und des Reichsministers für Finanzen)   (Literatur: Chronologie des Holocaust von  Knut Mellenthin und Reichsgesetzblatt, Teil I, Nr. 49, 11.5.1933, S. 257f.)

Amtsgericht Nürnberg, der kath. Richter Dr. Theodor Hauth ist erstaunt, dass “bei der in Nürnberg herrschenden Auffassung über die Judenfrage  Schritte zur Beseitigung der   Beklagten (aus dem Haus) nicht unternommen worden sind” und verurteilt im Namen des Deutschen Volkes eine jüdische Familie ihre Wohnung zu räumen, weil Juden keine Volksgenossen sind.

An diesem Tage wurde die Schließung des Instituts für Sexualwissenschaft (das Institut befand sich in den Zelten 9a / 10, dort, westlich unterhalb der Kongreßhalle,  steht eine 1,60 m hohe Gedenkstele) durch die Nationalsozialisten angeordnet, das Institut wurde am 6. Mai 1933 von Studenten der Hochschule für Leibesübungen geplündert und zerstört. Die Institutsbibliothek landete zusammen mit einer Büste Magnus Hirschfelds im Feuer der Bücherverbrennung auf dem Berliner Opernplatz (Bebelplatz).   (Literatur: Der Tagesspiegel am 10. Juni 2010 im Artikel “Der Anti-Psychiater”.)

Die jüdischen Leiter des Krankenhauses Moabit in Berlin-Tiergarten und des Rudolf-Virchow-Krankenhauses in Berlin-Wedding werden entlassen.

Die „Deutschen Christen“ veröffentlichen ihre „Grundsätze“. Dort heißt es u.a.:

  • „Die evangelische Reichskirche ist die Kirche der Deutschen Christen, das heißt der Christen arischer Rasse“.

(Literatur: Cuno Horkenbach, Das Deutsche Reich von 1918 bis heute.)

7. Mai 1933

Berlin, Preußische Akademie der Künste, erzwungener Rücktritt von Ehrenpräsident Max Liebermann      (Zitat: “Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich kotzen möchte.” Liebermann stirbt 1935, die Witwe Martha des Impressionisten begeht 85-jährig vor ihrer Deportation in ein KZ Selbstmord.   (Literatur: Schmalhausen „Ich bin doch nur ein Maler“)  An seinem Haus Zehlendorf, Am Großen Wannsee 42 befindet sich eine Gedenktafel. Hier ist vermerkt: „Aus Protest gegen die antisemitische Propaganda der Nationalsozialisten legte er 1933 alle öffentlichen Ämter nieder“

Alle bei der Wehrmacht beschäftigten Arbeiter und Angestellten, die Juden oder jüdischer Abstammung sind, werden entlassen.

8. Mai 1933

Willy Anker war Vorsitzender der Meißner SPD  und Abteilungsleiter bei der Meißner Volkszeitung. Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung wurde die Volkszeitung im März von der SA besetzt; Willy Anker wurde am 8. Mai 1933 verhaftet. Bis Ende Juli war er im berüchtigten KZ Hohnstein inhaftiert, danach stand er unter Hausarrest und später unter Polizeiaufsicht. Seine Erwerbsmöglichkeiten waren eingeschränkt.

9. Mai 1933

Der Staatsanwalt beschlagnahmte das gesamte Vermögen der SPD, lange bevor am 22. Juni das Verbot der Partei erfolgte.   (Literatur: “Widerstand in Kreuzberg 1933 – 1945” von Hans-Rainer Sandvoß, Seite 45)

10. Mai 1933

Bücherverbrennung auf dem Berliner Opernplatz und in verschiedenen anderen Universitätsstädten. Die offizielle Bezeichnung war damals

  • “Verbrennung undeutschen Schrifttums”.
  • “Gegen Dekadenz und moralischen Verfall”,
  • “Für Zucht und Sitte in der Familie”.

Mit diesen Slogan wurden Bücher und Schriften verbrannt u.a. von Marx und Kautsky, Heinrich Mann, Ernst Glaeser, Erich Kästner, Alfred Kerr, Kurt Tucholsky, Carl von Ossietzky, Theodor Wolff, Georg Bernhard. (Thomas Mann blieb von der verbrennung verschont)

Anlässlich der Bücherverbrennung in Berlin hält der Reichspropagandaminister Joseph Goebbels eine Rede, in der es u.a. heisst:

  • „Das Zeitalter eines überspitzten jüdischen Intellektualismus ist nun zu Ende, und der Durchbruch der deutschen Revolution hat auch dem deutschen Geist wieder die Gasse  freigemacht…
  • 1918 brach der Materialismus durch, der Marxismus behauptete das Feld. Die Kräfte des Unter-Menschentums haben das politische Terrain erobert, und darauf folgten dann in Deutschland vierzehn Jahre unausdenkbarer und unbeschreiblicher materieller und geistiger Not…
  • Die Bibliotheken füllten sich an mit dem Unrat und dem Schmutz dieser jüdischen Asphaltliteraten.“

Der “Würzburger Generalanzeiger” veröffentlicht folgende Mitteilung der NSDAP, Abteilung Unterfranken-Würzburg:  

  • “Die Frauen, die öffentlich oder hintenherum von Juden kaufen, müssen als juden-hörig gebrandmarkt werden….. 
  • Es wird ratsam sein und auch verwirklicht werden, dass man in Dachau daran geht, eine Abteilung für weibliche Volksverräter zu schaffen. Ebenso ist es ratsam, alle die Frauen, die jüdische Erzeugnisse kaufen, zu brandmarken, in der Zeitung zu veröffentlichen und zu bestrafen. ….  
  • Deutsche, merkt Euch diese Frauen, die mit dem deutschen Volke nichts mehr gemein haben! Denn eines Tages…  kommt auch für diese Menschen die Abrechnung.” (Literatur: Wolfgang Mönninghoff, “Enteignung der Juden”)

12. Mai 1933

Das „Groß-Berliner Ärzteblatt“ fordert den „Ausschluss aller Juden von der ärztlichen Behandlung deutscher Volksgenossen“

Das KZ Havelberg ist (vermutlich) an diesem Tag eröffnet worden. Bereits am 11. Mai 1933 hatten die „Havelberger Zeitung“, die „Prignitzer Nachrichten “ und „Der Prignitzer“ über Massenverhaftungen  durch die Polizei in den  Städten und den größeren Ortschaften der Prignitz berichtet.

Oskar Maria Graf protestiert zur Bücherverbrennung in Berlin in der Wiener „Arbeiter-Zeitung“ vom 12. Mai 1933 mit dem Aufruf „Verbrennt mich“.

Weitere Bücherverbrennungen finden statt am 12. Mai 1933 in Erlangen, in Halle, und  in Regensburg.

Am Vormittag des 12. Mai 1933 sind im Wohlfahrtsamt der Kultus gemeinde München, in en Büros und Wohnungen der Vorsitzenden fast sämtlicher jüdischer Vereine und in einigen Wohlfahrtsanstalten Beamte der politischen und Kriminalpolizei erschienen. Die Beamten haben in zum Teil stundenlangen Haussuchungen Geldbeträge, Sparkassenbücher u.ä. beschlagnahmt. Sie erklärten, dass die Vereine aufgelöst seien und das Vermögen der Vereine beschlagnahmt sei.

and: last but not least  Berlin: Erika Lenz was born

13. Mai 1933

Der Engländer Christopher Isherwood verlässt „seine“ Stadt Berlin.

15. Mai 1933

Die Düsseldorfer Anwaltskammer untersagt ihren Mitgliedern, unter das Berufsverbot fallende jüdische Rechtsanwälte als Bürovorsteher oder in anderen Positionen in ihren Kanzleien anzustellen

24. Mai 1933

Voraussetzung für die Zugehörigkeit zur Deutschen Turnerschaft wird die “arische Abstammung” bis zur Generation der Großeltern. Die im Beamtengesetz vorgesehenen Ausnahmen für Weltkriegsteilnehmer werden nicht mehr berücksichtigt.   (Literatur: Chronologie des Holocaust von  Knut Mellenthin)

25. Mai 1933

Wilhelm Pieck flieht nach Paris.

26. Mai 1933

Immer wieder kam es in Deutschland an den verschiedensten Orten zu Plünderungen und Überfällen durch die SA. Gesetzwidrige Beschlagnahme von Eigentum marxistischer Organisationen häuften sich. Die beteiligten Plünderer beschlagnahmten auch Musikinstrumente, Turngeräte, selbst Betten, offensichtlich für den privaten Gebrauch. Um den Gesetzwidrigkeiten zu begegnen wurde schließlich am 26. Mai 1933 ein Gesetz erlassen, mit dem das Eigentum an der (formal noch immer zugelassenen) KPD an die Länder überging.   (Literatur: Richard J. Evans: “Das Dritte Reich, Aufstieg”, Seite 453)

Der Landkreis des Kreises Osthavelland informiert den Regierungspräsidenten in Potsdam, dass in der Gemeinde Börnicke ein KZ für 50 Schutzhäftlinge eingerichtet und am 1. Juni 1933 in betrieb genommen werden soll.

  • „Die Schutzhaftgefangenen im Lager Börnicke werden nach vollständiger Einrichtung des Lagers zu Wegebau- und Forstarbeiten herangezogen  . . .“ (Literaur: „Der Ort des Terrors“, Frühe Lager, von Wolfgang Benz)

27. Mai 1933

Die Tausend-Mark-Sperre war eine Wirtschaftssanktion, die am 27. Mai 1933 von der deutschen Reichsregierung gegen Österreich verhängt worden war. Deutsche Staatsbürger mussten fortan vor Antritt einer Reise nach Österreich eine Gebühr von 1.000 Reichsmark zahlen. Verglichen mit heutiger Kaufkraft (2010) entspräche diese Gebühr einem Betrag von etwa €  10.000,– . Ziel war die Schwächung der österreichischen Wirtschaft, die schon zu dieser Zeit stark vom Tourismus abhängig war. Die Sperre wurde drei Jahre später im “Juliabkommen“ vom 11. Juli 1936 wieder aufgehoben.

29. Mai 1933

Die Deutsche Bank und Disconto Gesellschaft gibt öffentlich bekannt, dass die jüdischen Vorstandsmitglieder Theodor Frank und Oscar Wassermann zum 1. Januar 1934 aus ihren Ämtern ausscheiden werden.   (Literatur: Eberhard Czichon, Die Bank und die Macht. Hermann Josef Abs, die   Deutsche Bank und die Politik,  Köln 1995, S. 100f.)

Der Berliner Magistrat streicht sämtliche Subventionen für jüdische Kinderkrippen und Kindergärten.

Im Mai 1933

Peter Blachstein, der Sohn eines Textilkaufmanns besuchte das Gymnasium in Dresden, das er ohne Abitur verließ und begann zunächst eine Buchhändlerlehre, die er jedoch auch nicht beendete. Von 1929 bis 1933 studierte er mit einer Ausnahmegenehmigung des sächsischen Wissenschaftsministeriums in Dresden Germanistik und Wirtschafts-Wissenschaften mit dem Ziel als Journalist arbeiten zu können. Er schrieb zu dieser Zeit schon für die „Dresdner Volkszeitung“, für die „Sozialistische Arbeiterzeitung“ aus Breslau und für die Jugendzeitschrift „Junge Pioniere“. Seine Artikel beschäftigten sich meist mit kulturellen Themen und brachten ihm einen Nebenverdienst während des Studiums. Nebenbei absolvierte er ein Gaststudium für Schauspiel, Oper und Regie bei Erich Ponto, Josef Gielen und Fritz Busch. Nach der Abspaltung der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAPD) von der SPD wurde Blachstein aktives Mitglied in deren Jugendorganisation für die er das politische Kabarett “Die Nebelspalter” aufbaute. Im Mai 1933 wurde Blachstein mit 90 anderen SAPD-Gesinnungsgenossen verhaftet und bis August 1934 im KZ Hohnstein gefangen gehalten. Nach der Haftentlassung im Rahmen der Amnestie zu Hindenburgs Tod wurde er zuerst unter Polizeiaufsicht gestellt und mit einem Berufsverbot belegt. Im Januar 1935 gelang ihm nach Empfehlung Walter Fabiansdie Flucht in die Tschechoslowakei. Von dort ging er im Herbst 1935 nach Oslo, wo er gemeinsam mit Willy Brandt für die Jugendorganisation des Londoner Bürosarbeitete.

Im Mai 1933

Harry Emerson Fosdick, mittlerweile Pastor der Riverside Church in New York, organisierte eine Protestschrift. „Herr Hitler hat seit Jahren einen unbarmherzigen Hass gegen die Juden gepredigt, einer von den Nationalsozialisten besonders vehement vertretenen Glaubenssätze lautet, die Juden seien giftige Bazillen in Deutschlands Blut und müssten wie die Pest ausgerottet werden“ diesen glauben setzen sie nunmehr in die Tat um. „Systematisch betreiben sie ein kaltes Progrom von unvorstellbarer Grausamkeit gegen unsere jüdischen Brüder, vertreiben sie aus angestammten Führungspositionen, entziehen ihnen bürgerliche und wirtschaftliche Rechte, verurteilen sie vorsätzlich, sofern sie überhaupt überleben, als ein geächtetes und exkommunizierte Volk und bedrohen die Juden mit einem Blutbad, sollten sie nur dagegen aufbegehren“. 1200 Geistliche unterzeichneten den Protestbrief, ihre Namen füllten den größten Teil einer Seite der New York Times.   (Literatur: „Menschen Rausch“ von Nicholson Baker)

Bis Ende Mai 1933

Überall richteten sich die Unterdrückungsmaßnahmen auf Gleichschaltung. Bereits bis Mitte Februar hatte Göring 12 Polizeipräsidenten durch eigene Leute ersetzt. Seit März hatte die Gewalt der SA zunehmend politisch unerwünschte Kommunalpolitiker aus ihren Ämtern verdrängt. (Adenauer wurde bereits am 13. März amtsenthoben).  Bis Ende Mai 1933 waren 70 Bürgermeister aus ihren Ämtern ausgeschieden.

Im Mai 1933 wird Fritz Bauer, da Jude und Sozialdemokrat aus dem Staatsdienst entlassen. Erwurde von der Gestapo fest genommen und 8 Monate im KZ Heuberg inhaftiert. 1936 emigrierte er nach Dänemark und floh im Oktober 1943, als die Nazis mit der Deportation der dänischen Juden in das KZ Theresienstadt begannen, mit Unterstützung von einheimischen Helfern nach Schweden. Dort gründete er mit Willy Brandt und anderen die Zeitschrift Sozialistische Tribüne. Nach dem Krieg, als Landgerichtsdirektor, später Generalstaatsanwalt, wollte er die Widerständler des 20. Juli rehabilitieren und leitete den Prozess gegen Ernst Remer, der 1944 gegen die am Umsturzversuch Beteiligten vorging. (Literatur: Ernst Piper im Artikel im „Tagesspiegel“ vom 11. März 2012).

1. Juni 1933

Michael Freiherr von Godin wird verhaftet. Godin war 1923 Offizier der Landespolizei München. Am 9. November 1923, am Tag des Hitlerputsches hatte man ihm befohlen mit einer Hundertschaft gegen die Nationalsozialisten am Odeonsplatz vorzugehen. Es kam zu einer Schießerei; 16 Nationalsozialisten blieben auf dem Platz liegen. Hitler floh, Ludendorff tauchte in der Menge unter. Der Putschversuch war vereitelt. Am 1. Juni 1933, 10 Jahre danach wird Godin verhaftet und zur Rechenschaft gezogen. Vergeblich beteuert er, dass er damals nur den Befehl seiner Vorgesetzten ausgeführt habe, nämlich den Odeonsplatz zu räumen.  Michael von Godin wurde im Januar 1934 aus Dachau entlassen. Er ging 1938 ins Exil in die Schweiz nach Luzern.   (Literatur: Stefan Lorant in “Ich war Hitlers Gefangener”, Seite 121)

2. Juni 1933

Jetzt wird auch jüdischen Zahnärzten die Zulassung als Kassenärzte entzogen. Auch jüdische Zahntechniker bekommen ihre Leistungen nicht länger von den gesetzlichen Krankenversicherungen erstattet.   (Literatur: Reichsgesetzblatt, Teil I, Nr. 62, 10.6.1933, S. 300f.)

Der jüdische Rechtsanwalt Ludwig Bendix wird von der SA bis zum Oktober in so genannte Schutzhaft genommen. Der in Berlin – Kreuzberg praktizierende Jurist ist bei den Nazis besonders deshalb verhasst, weil er einen KPD – Funktionär vor Gericht verteidigt und einem Kollegen, der mit den Kommunisten sympathisiert, bei einem standesrechtlichen Verfahren Beistand geleistet hatte.  Bendix emigriert 1937 nach Palästina.

3. Juni 1933

Am 3. Juni 1933 erschien ein gemeinsames Hirtenwort der Deutschen Bischofskonferenz, dessen Entwurf die Bischöfe Gröber übertragen hatten. Dort war zu lesen, wenn der Staat nur gewisse Rechte und Forderungen der Kirche achte, so werde die Kirche dankbar und freudig das Neugewordene unterstützen.

  • „Wir deutschen Bischöfe sind  weit davon entfernt, dieses nationale Erwachen zu unterschätzen oder gar zu verhindern.“   . . .
  • „Auch die Ziele, die die neue Staatsautorität für die Freiheit unseres Volkes erhebt, müssen wir Katholiken begrüßen“. (Literatur: Deschner „abermals krähte der Hahn“)

6. Juni 1933

Die Richtlinien der DC (Deutsche Christen) wurden bereits am 6. Juni 1932 beschlossen und am 10.6.1932 durch den Reichsleiter der “Glaubensbewegung Deutsche Christen, Joachim Hossenfelder, bekannt gegeben. Es wird verlangt:

  • “eine wahrhaft deutsche Kirche, zu der jeder blutsdeutsche Volksgenosse gehören soll”
  • Ausschluss “getaufter Juden”
  • eine einheitliche zentralisierte evangelische Reichskirche

Aus den Punkten 7 und 8 der Richtlinien weiterhin:

  • “Schutz des Volkes vor Untüchtigen und Minderwertigen”
  • Ablehnung der Judenmission: “In der Judenmission sehen wir eine schwere Gefahr für unser Volkstum. Sie ist das Eingangstor fremden Blutes in unseren Volkskörper. „
  • “Wir lehnen die Judenmission in Deutschland ab, solange die Juden das Staatsbürgerrecht besitzen und damit die Gefahr der Rassenverschleierung und Bastardierung besteht”.

Außerdem wurde ausdrücklich gefordert,  die

  • “Eheschließung zwischen Juden und Deutschen zu verbieten”

(Judenmission: Die Verkündung des Evangeliums von Jesus von Nazareth als dem im   Alten Testament verheißenen Messias an die Juden. Die “Judenmission” hält daran fest, auch den frommen Juden zum Glauben an Jesus Christus in die Gemeinschaft der christlichen Gemeinde einzuladen.)

7. Juni 1933

SA-Männer durchsuchen das Jüdische Jugend- und Lehrheim in Wolzig in der Mark Brandenburg (Landkreis Beeskow-Storkow) und “entdecken” angeblich Waffen und regimefeindliche Flugblätter und Broschüren.  Die 40 jugendlichen Heiminsassen, zwischen 13 und 18 Jahre alt, werden in das Konzentrationslager Oranienburg verbracht, wo sie in der so genannten Judenkompanie Schikanen und Quälereien ausgesetzt sind. Erst am 10. Juli erfolgt die Entlassung der jungen Leute aus dem KZ, denen bei den Verhören Geständnisse abgepresst werden, sie hätten im Sinne der Kommunisten bzw. der Sozialdemokraten politische Aktivitäten entfaltet. Das Heim wird “arisiert” und vom bisherigen Eigentümer, dem Deutsch-Israelitischen Gemeindebund, auf die “Reichsschule für Landjahrerzieher” überschrieben. (Literatur: Klaus Drobisch, Überfall auf jüdische Jungen 1933. Dokumente, in:  Brandenburg in der NS-Zeit. Studien und Dokumente, hrsg. v. Dietrich Eichholtz u. Almuth Püschel, Berlin 1993, S. 168ff)

Die NSDAP – Gauleitung von Koblenz – Trier weist alle Kreisleitungen an, Ausschüsse zur „Judenbekämpfung“ zu bilden: “Es gehen Ihnen in den nächsten Tagen  gesammelte Listen der Orte Ihres Kreises zu, in welcher Sie die jüdischen Geschäfte und Firmen Ihres Kreises aufgezeichnet finden.  ….. Die Parteigenossenschaft muss im Interesse der Nation soweit gehen, dass sie den besten Bekannten die Freundschaft kündigt, wenn sie weiterhin beim Juden kaufen. Es muss soweit kommen,  …dass kein Deutscher wenn es nicht irgend sein muss, mit einem Juden spricht.  Deutsche Mädchen, welche mit Juden verkehren, sind vorläufig auf das Schändliche ihrer Handlung aufmerksam zu machen. Ein Mitglied unserer Organisation darf auf keinen Fall sich mit einer solchen Person einlassen.”   (Literatur:  Kurt Pätzold, Hrsg., Verfolgung, Vertreibung, Vernichtung, , S. 57.)

8. Juni 1933

USA New York:, der jüdisch-amerikanische Boxer Max Baer schlägt ev.-deutschen Boxer Max Schmeling k.o.  (aus Protest gegen die Judenverfolgung in Deutschland trägt Baer Boxershorts mit Davidstern)

9. Juni 1933

Hamburg, Deutsche Boxmeisterschaft im Halbschwergewicht, der deutsche Sinto Johann Wilhelm  Trollmann besiegt Adolf Witt. Da der Boxverband bereits mit Nazis durchsetzt  und Trollmann Sinto war, wollte man den Kampf als “nicht gewertet” betrachten, nur die Empörung des Publikums sorgte dafür, dass der Champion auch als solcher ausgerufen wurde. Nach acht Tagen wurde ihm der Titel jedoch wegen “armseligen Verhaltens” aberkannt. (1938 wird Trollmann sterilisiert, 1942 wird  er ins KZ Neuengamme eingeliefert und am 9.2.1943 dort ermordet.

13. Juni 1933

Das Lager Lichtenburg, in Prettin im Osten des Landes Sachsen-Anhalt, hatte im NS-Staat als eines der ersten Konzentrationslager Vorläuferfunktion für das Lagersystem im Deutschen Reich. Am 13. Juni 1933 wurde es als “Konzentrationslager für männliche Schutzhäftlinge” eingerichtet. Für 1.000 Häftlinge geplant, war das KZ Lichtenburg bereits im September 1933 mit ca. 2.000 Häftlingen stark überbelegt, dadurch verschlechterten sich die Lebensbedingungen der Häftlinge extrem. Mindestens 20 (dokumentiert) Häftlinge sind in der Zeit des Lagerbestehens, durch Misshandlungen, schlechte Haftbedingungen und Morde im Strafbunker, umgekommen. Es heißt, hier wurde der Prügelbock erfunden, der in anderen Konzentrationslagern übernommen wurde. Wolfgang Langhoff, ehemaliger Häftling, der am 6. Dezember 1933 eintraf, traf in der Lichtenburg ungefähr 70 Prozent Kommunisten, 20 Prozent Sozialisten und 10 Prozent politisch unorganisierte Häftlinge an.

15. Juni 1933

KZ Breitenau-Guxhagen bei Kassel wird auf dem Gelände der Landesarbeitsanstalt eröffnet. Der Polizeipräsident in Kassel hatte dieses Konzentrationslager für politische Schutzhäftlinge bestimmt. (Literatur: „Der Ort des Terrors“ von Wolfgang Benz)

16. Juni 1933

Gründung des Kulturbundes der deutschen Juden. (Der Kulturbund Deutscher Juden war im nationalsozialistischen Deutschland eine von jüdischen Initiatoren ins Leben gerufene Selbsthilfeorganisation für vom Berufsverbot betroffene jüdische Künstler. Von den Behörden wurde der bis 1941 geduldete Kulturbund zur Kontrolle und zur Isolierung der jüdischen Künstler benutzt.)

Volks- und Berufszählung:

  • Im Deutschen Reich leben rund 500.000 Juden (im Sinne der Religionszugehörigkeit),
  • davon 99.000 Ausländer (insbesondere 56.000 polnische Staatsangehörige und 20.000 Staatenlose).
  • Die Gesamtzahl der „Glaubensjuden“ entspricht 0,77 % der Gesamtbevölkerung.
  • In Berlin lebten: 160.500 Juden = 3,78 % der Gesamtbevölkerung,
  • in Berlin – Schöneberg: 16.250 Bürger = 7,35 % der Gesamtbevölkerung.

Die Ergebnisse beider Volkszählungen (1925 und 1933) bildeten die wichtigste Voraussetzung zur Festlegung der zur späteren Deportation vorgesehenen Bevölkerung.

17. Juni 1933

Baldur von Schirach wurde von Hitler zum “Jugendführer des Deutschen Reiches” ernannt. Hierbei handelte es sich nicht um ein staatliches Amt  vielmehr um eine gleichsam revolutionäre Überwachungsfunktion  für den Gesamtbereich der Jugendbewegung.   (Literatur: Martin Broszat: “Deutsche Geschichte seit dem Ersten Weltkrieg”)

18. Juni 1933

„Breslau, Sonntag. Seitdem ich das letzte Mal eingeschrieben hatte hat sich allerhand ereignet. Als ich Freitag noch in großem Schweiß im Bett lag kam der Hauswart Stephan aus der Schule, um mir das Schreiben zu bringen, dass ich mit sofortiger Wirkung beurlaubt sei“. Aus dem Tagebuch.   (Literatur: Willy Cohn “Kein Recht nirgends, Tagebuch vom Untergang des Breslauer Judentums”. Willy Cohn, geb. 1888 in Breslau, stammte aus einer wohlhabenden jüdischen Breslauer Kaufmannsfamilie, war aktiver Soldat im Ersten Weltkrieg und wurde mit demEisernen Kreuz ausgezeichnet, seit 1919 Lehrer am Johannesgymnasium in Breslau.)

19. Juni 1933

Der württembergische Staatspräsident Eugen Bolz, einer der führenden Konservativen des Zentrums, wird verhaftet und schwer misshandelt, nachdem er bereits am 11. März 1933 aus dem Amt gedrängt worden ist. Er ist mehrere Wochen in dem frühen Konzentrationslager Festung Hohenasperg interniert worden. Später gehörte er zum Widerstandskreis Goerdeler und wurde hingerichtet.   (Literatur: Richard J. Evans: “Das Dritte Reich, Aufstieg” Seite 480)

Bethel, 10. Diakonentag bis zum 26. Juni, “Die Deutsche Diakonenschaft hat von jeher aus ihrer inneren Einstellung  heraus den Geist der Gottlosigkeit und des Marxismus bekämpft. Deshalb konnte sie freudig und voll bejahend 1933 den nationalen Umbruch begrüßen. Sie hat in all ihren Gliederungen an dem Aufbau des Dritten Reiches mitgearbeitet, wo immer ihr dazu Gelegenheit gegeben wurde. Es ist darum nicht nur eine Pflicht, sondern auch eine Freude, sich…  erneut zum Führer und Volk zu bekennen und treue Mitarbeit beim Aufbau des großdeutschen Reiches zu geloben.”

20. Juni 1933

Das Reichsbank-Direktorium beschließt, dass alle jüdischen Beamten zu entlassen sind. „Die Entlassungs-Urkunden sind bis spätestens 30.9.1933 zuzustellen“.   (Literatur: Albert Fischer, Hjalmar Schacht und Deutschlands “Judenfrage”.   Der ”Wirtschaftsdiktator” und die Vertreibung der Juden aus der deutschen Wirtschaft, Köln u. Wien 1995, S. 136.)

21. Juni 1933

Beginn der „Köpenicker Blutwoche“, circa 500 Gegner des Nationalsozialismus wurden dabei von der Köpenicker SA-Standarte 15 gefangen genommen, gedemütigt, gefoltert und teilweise ermordet. Die von SA-Sturmbannführer Herbert Gehrke geleitete Verhaftungsaktion sollte ein Exempel statuieren und folgte einige Wochen nach den Reichstagswahlen 1933, die in Berlin noch immer 1.377.000 Stimmen für SPD und KPD ergeben hatten. Bei der Blutwoche sind 91 Kommunisten und Sozialdemokraten von SA-Leuten ermordet werden. In Köpenick wohnten damals viele prominente Sozialdemokraten. Eine bis dahin  beispiellose Mordwelle. Eine Gedenktafel am Haus Schmausstraße 2 erinnert an den Tod des Widerstandskämpfer Johann Schmaus, der während der „Köpenicker Blutwoche“ am 21. Juni 1933 ermordet worden ist. Zu den Ermordeten der Köpenicker Blutwoche gehörte auch Johannes Stelling, von 1921 bis 1924 Ministerpräsident von Mecklenburg-Schwerin, SPD-Mitglied. Er wurde am 21. Juni  aus seinem Haus in Köpenick in das Amtsgericht  Köpenick verschleppt und dort ermordet.  Seine Leiche wurde in die Dahme geworfen und erst Anfang Juli gefunden. Literatur: „das Gedächtnis der Stadt“; in Adlershof/Grünau gibt es eine Gedenktafel an der Stelling-Janitzky-Brücke.

Einen Tag noch vor der SPD zerschlägt Hitler die Partei seines Koalitionspartners, die Deutschnationale Volkspartei. Die Partei von Hugenberg hatte am 5. März noch  8 % Stimmen 55 Mandate, Hugenberg reichte den Rücktritt ein, die Partei beschloss die Selbstauflösung, einige Abgeordnete schlossen sich der NSDAP an, andere aber auch den Widerstandskämpfern gegen die Nazis, der Gruppe um Goerdeler.

22. Juni 1933

Die Sozialdemokratische Partei ist mit sofortiger Wirkung verboten. Die SPD gilt als staats- und volksfeindliche Partei, Parteivermögen ist beschlagnahmt. Keine Ausübung parlamentarischer Mandate mehr. Noch am 19. Mai  hatte sich in der Reichstagsdebatte über die Außenpolitik die SPD, ebenso wie die anderen Parteien, hinter Hitler gestellt. Goebbels Tagebuch.: „22. Juni 1933. SPD aufgelöst. Bravo! Der totale Staat lässt nicht mehr lange auf sich warten.“

Am 22. Juni schließlich erklärte der NS-Innenminister Wilhelm Frick: „Die Vorgänge der letzten Zeit haben den unumstößlichen Beweis dafür geliefert, dass die deutsche Sozialdemokratie vor hoch- und landesverräterischen Unternehmungen gegen Deutschland und seine rechtmäßige Regierung nicht zurückschreckt. Dies alles zwingt zu dem Schluss, die Sozialdemokratische Partei Deutschlands als eine staats- und volksfeindliche Partei anzusehen, die keine andere Behandlung mehr beanspruchen kann, wie sie der Kommunistischen Partei gegenüber angewandt worden ist.“

24. Juni 1933

für die Evangelische Landeskirche Preussen wird als Staatskommissar Herr Jäger ernannt.

25. Juni 1933

Ernst Heilmann war ein deutscher Jurist und sozialdemokratischer Politiker. Vor dem Ersten Weltkrieg engagierte sich Heilmann insbesondere als Journalist für die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD). Am 25. Juni wird er verhaftet. Nach 7-jähriger Odyssee durch Gestapo-Lager und KZ wird er 1940 im KZ Buchenwald ermordet; seinem Sohn Peter Heilmann wird im Dt. Reich aus politischen und rassischen Gründen das Studium versagt.   (Gedenktafel für Ernst Heilmann befindet sich in Berlin-Kreuzberg. Das Bronzerelief   wurde 1987 von Ludmilla Seefried-Matejkowa angefertigt, und zwei Jahre später an seinem Wohnhaus in der Brachvogelstraße 5 angebracht.)

26. Juni 1933

Der neu ernannte Staatskommissar Jäger:

„Für die Abwendung des bolschewistischen Chaos schulden wir Gott und seinem Werkzeug Hitler Dank“.   .  .

„Mit sofortiger Wirkung beurlaube ich den Generalsuperintendenten der Kurmark D. Dibelius“

27. Juni 1933

Der in Rathenow lebende jüdischer Pädagoge und Prediger Max Abraham, Mitglied der SPD, wird in das KZ Oranienburg eingeliefert. Er hatte sich gegen den SA – Mann Heinrich Meierkord zur Wehr gesetzt, der ihn auf offener Straße überfallen und misshandelt hatte. Im Dezember 1933 gelingt Abraham nach seiner Entlassung aus der so genannten Schutzhaft die Flucht in das tschechoslowakische Exil.   (Literatur: Günter Morsch, Hrsg., Das Konzentrationslager Oranienburg,  S. 52f.)

Der Evangelische Oberkirchenrat Dr. Werner:

„Aus Anlass des grossen Werkes der Kirche   .  .  .   ordnen wir an  .  .   am Sonntag, dem 2. Juli 1933 sind sämtliche Kirchen  .  .  .  mit schwarz-weiss-roten und der Hakenkreuzfahne zu beflaggen“

27. Juni 1933

Der Leiter des Außenpolitischen Amtes und Ideologe der NSDAP, Alfred Rosenberg („Der Mythus des 20. Jahrhunderts“), erklärt: „In der Judenfrage ist in Deutschland nur die Parität wiederhergestellt worden. Ausnahmen für die Juden bestehen nur bei den Beamtenstellen, Anwälten, Notaren usw. sowie im Schulwesen.“ (Literatur: Keesing’s Archiv der Gegenwart)

Immer noch 27. Juni 1933

Zerschlagung der Arbeitersportbewegung, eine sozialistisch geprägte Sportbewegung. Mit der Machtergreifung Hitlers und der Nationalsozialisten sah sich der ATSB gezwungen, sich selbst aufzulösen, da der Verband eine drohende Zerschlagung aufgrund des Ermächtigungsgesetzes vom 23.März 1933 nahen sah. Da die bürgerlichen Verbände zur Zufriedenheit des Reichssportkommissars handelten, bestand vorerst nicht die Notwendigkeit in die Auflösung des Arbeitersports eingreifen zu müssen. Die Auflösung der Arbeitersportverbände war Aufgabe der SA, der Politischen Polizei und des Reichsministers des Inneren. Am 27.Juni 1933 wurde jedoch ein Runderlass an die Landesregierungen getragen, der den Ausschluss der Klassensportverbände aus der nationalsozialistischen Vereinslandschaft beinhaltete. Das Vermögen der zerschlagenen Verbände wurde beschlagnahmt und ab dem 14.Oktober 1933 sollte dieses für sportliche Maßnahmen verwendet werden. (Literatur: Dennis Grabowsky im Tagesspiegel vom 23. Dezember 2013 in „Als Seeler und Beckenbauer um Kartoffeln spielten“.)

28. Juni 1933

“Als deutscher Film wird ein Film anerkannt, welcher in Deutschland von deutschen Staatsbürgern deutscher Abstammung hergestellt wurde.”   (Literatur: “Orte des Erinnern, das Denkmal im Bayerischen Viertel”, eine von 80   Gedenktafeln. Hier:   Landshuter Str. 12)

Am 28. Juni 1933 wurde Werner Ilberg, Schriftsteller, er stammte aus einer jüdischen Kaufmannsfamilie, seinen Lebensunterhalt verdiente er durch den Verkauf von gebrauchten Büchern,  gemeinsam mit der Wilmersdorfer Bibliothekarin Herta Block und Walter Stolle, die beide im “Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller” aktiv waren, bei einem Treffen verhaftet und in das Gefängnis Papestraße gebracht. Ilberg kam nach seiner zwei-wöchigen Haft im SA-Gefängnis Papestraße in weitere Gefängnisse, bis er, noch im Jahr 1933, in die Tschechoslowakei flüchtete.

30. Juni 1933

Tagebuch Eintragung: “Ich habe beobachtet seit dem 20. Juni ist in den Regierungskundgebungen nicht mehr von “nationaler Erhebung” (Etappe I) oder von “nationaler Revolution (II) die Rede, sondern von “national-sozialistischer Revolution”. Dazu das neue Schlagwort “totaler Staat” unter dem “Volkskanzler”. (Literatur: Viktor Klemperer: “Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten”, Seite 36)

Ende Juni 1933

Der Wasserturm im Prenzlauer Berg, 1877 erbaut, wurde im März 1933 kurzerhand von der SA beschlagnahmt und als geeigneter Ort für ein KZ ausgewählt. In vier Monaten nutzte die SA das Maschinenhaus als ein Konzentrationslager. Beispielhaft sei hier das Schicksal von Ernst Förstner erwähnt, er war Mitglied der KPD und Hauptkassierer der internationalen Arbeiterhilfe. Die SA führte Anfang Mai bei ihm eine Hausdurchsuchung durch, brachte ihn ins KZ Wasserturm, wo man ihm das Kopfhaar verschnitt, ihn nach dem Verbleib des Geldes der Arbeiterhilfe vernahm und bis zur Bewusstlosigkeit schlug, wobei er sieben Zähne verlor. (Literatur:  “Der Ort des Terrors, Geschichte der nationalsozialistischen    Konzentrationslager)

Ende Juni 1933

Bereits in den ersten März-Wochen wurden 11.000 Kommunisten verhaftet. Im Juni 1933 waren mehr als die Hälfte (17 von 28) Bezirksleitern der KPD nicht mehr in Freiheit, ebenso mehr als ein Drittel der Abgeordneten des Reichstags und des Preußischen Landtags.   (Literatur: Informationen zur politischen Bildung, Heft 243)

Ebenfalls im Juni 1933

Die Enkelin Ottos von Bismarck, Frau Hannah von Bredow, geboren 1893, trug im Juni 1933 in ihr Tagebuch ein: „In fünf Jahren macht der Bursche Krieg“; es dauerte nur ein Jahr länger. (Literatur: Hannes Schwenger im Tagesspiegel vom 4. September 2013)

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