1933 Das Jahr der Machtergreifung (5): Auszüge aus den Texten 1-4, die Kirche betreffend

1933 Das Jahr der Machtergreifung

Teil 5: Auszüge aus den Texten 1-4, die Kirche                       betreffend

30. Januar 1933

Am 30. Januar 1933 wird die Reichskanzlerschaft Hitlers auch von evangelischer Seite, von Kirchenvolk und Geistlichkeit, als positives Ereignis oft “überschwänglich“ gefeiert. Es gibt begeisterte Grußadressen, auch von Geistlichen, die nicht zu den “Deutschen Christen” gehören, darunter von einem der bekanntesten Pfarrer, Martin Niemöller, der bald zu den unversöhnlichsten Gegnern des Nationalsozialismus gehören wird. Dieser Pfarrer ist im 1. Weltkrieg Marineoffizier gewesen, U-Boot-Kommandant. Danach ist er erst Pfarrer geworden. Sein Buch “Vom U-Boot zur Kanzel” hat ihn weithin bekannt gemacht. Niemöller – wie andere Kirchenmänner auch- begrüßte Hitlers Regierungsantritt und nach dem 5. März 1933 auch den Wahlsieg der NSDAP – DNVP-Koalition.   (Literatur: “Illustrierte Geschichte des Widerstandes in Deutschland und Europa      1933 – 1945” von Dr. Kurt Zentner, 1966, S.39. Niemöller (1892 –  1984) wurde   1934 durch den preuß. Landesbischof in den Ruhestand versetzt, er ignorierte diese   Maßnahme und führte sein Pfarramt weiter, 1937 wurde er verhaftet und in das KZ   Sachsenhausen eingewiesen, über Dachau und Südtirol, wurde dann 1945 befreit.)

5. Februar1933

„Evangelium im Dritten Reich”: Die Glaubensbewegung „Deutsche Christen“, „DC“, bereits 1932 gegründet, veranstaltet am 3.2.1933   in der St. Marienkirche einen Dankgottesdienst. Predigt hält Reichsleiter  Pfarrer Joachim Hossenfelder.

8. März 1933

Aus einem Rundbrief des Generalsuperintendenten Otto Dibelius an die Pastoren der Kurmark vom 8. März 1933:

“Denjenigen, die es in den Zeitungen noch nicht gelesen haben, möchte ich bei dieser Gelegenheit sagen, dass das Glockengeläut, das am 4. März während der Rede Adolf Hitlers zu hören war, nicht das Geläut des Königsberger Doms war, wie Herr Dr. Goebbels im Rundfunk behauptete, geschweige denn, dass die anderen ostpreußischen Kirchen geläutet hätten. Das Konsistorium hatte das verboten. Das Verbot ist respektiert worden. Man hat im Rundfunk eine Schallplatte mit Glockengeläut laufen lassen, und den Hörern eingeredet, das wäre der Königsberger Dom!  Die kirchliche Disziplin ist in Ostpreußen gewahrt worden. Sie muss auch bei uns gewahrt werden!  . . .”    (Dibelius, Otto: 1880 – 1967, Generalsuperintendent der Kurmark 1925 – 1933, vom Dienst suspendiert, Mitglied der Bekennenden Kirche,  wiederholt inhaftiert, nach 1945 Bischof von Berlin – Brandenburg, Vors. des Rates der Evangelischen Kirche Deutschlands)

26. März 1933

Der Generalsuperintendent Otto Dibelius kritisiert in der Zeitung “Der Tag”, die den  Deutschnationalen nahe steht, dass der anglikanische Bischof von New York, Dr. Manning, die antisemitischen Aktionen in Deutschland verurteilt habe: “Wie kommt ein anglikanischer Bischof in Amerika dazu, sich zum Schützer des Judentums in Deutschland zu machen?   (Literatur: Ernst Klee, “Die SA Jesu Christi”, S. 27.)

30. März 1933

Auch das katholisch orientierte “Bamberger Volksblatt” greift die vermeintlich ausländische Hetze gegen Deutschland  mit der Überschrift “Schluss mit der Gräuelpropaganda” auf und schrieb: “Alle diejenigen in Deutschland, denen es ernst mit ihrem Willen ist, am nationalen Aufbauwerk nach Kräften mitzuarbeiten, stehen geschlossen hinter der Regierung, wenn sie jetzt daran geht, der giftigen Schlange der Verleumdung den Kopf zu zertreten”.

Im März 1933

Die damals noch intakten Kirchenleitungen waren anlässlich des Judenboykotts und des “Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums” sowie seiner Begleitgesetze gegen jüdische Rechtsanwälte und Ärzte  in dieser Frage gefordert. Appelle und Anfragen aus dem kirchlichen Ausland sowie von zahlreichen Mitgliedern über Menschenrechtsverletzungen dürfen nicht widerspruchslos hingenommen werden. Doch die Kirchenleitungen konnten sich nicht zu Stellungnahmen durchringen. Die Zusammenarbeit mit der vermeintlich so kirchenfreundlichen nationalen Regierung wollte man nicht belasten. Die ausländische Kritik löste vielmehr patriotische Abwehrreaktionen aus. Dibelius‘ Rundfunkrede nach Amerika vom 4. April (siehe dort) ist dafür ein Zeugnis. Die Gründe für das beschämende Schweigen der Kirche lagen jedoch tiefer.

1. April 1933

Boykott-Tag: Organisierter Boykott gegen jüdische Geschäfte, Anwaltsbüros und Arztpraxen. Der Boykott der jüdischen Geschäfte am 1. April 1933 war der erste große landesweite Test für die Einstellung der christlichen Kirchen zur Lage der Juden unter der neuen Regierung. „Deutsche! Wehrt Euch! Kauft nicht bei Juden!“ – unter Parolen wie dieser begann am 1. April 1933 um 10 Uhr ein reichsweiter Boykott jüdischer Geschäfte, Ärzte und Rechtsanwälte. Organisiert wurde diese antisemitische Kampagne vom „Zentral-Komitee zur Abwehr der jüdischen Greuel- und Boykotthetze“ unter dem fränkischen Gauleiter Julius Streicher

Der Historiker Klaus Scholder schreibt: “Kein Bischof, keine Kirchenleitung, keine Synode wandte sich in den entscheidenden Tagen um den 1. April öffentlich gegen die Verfolgung der Juden in Deutschland”   (Literatur: Saul Friedländer: “Das Dritte Reich und die Juden” Die Jahre der Verfolgung, C. H. Beck, Seite 55)

3. bis 5. April 1933

Die in Berlin tagende erste Reichstagung der “Glaubensgemeinschaft Deutsche Christen” fordert u.a. die Einführung des “Arierparagraphen” im kirchlichen Bereich.

4. April 1933

Hier Auszüge aus der Radioansprache, die Otto Dibelius, damals Generalsuperintendent der Kurmark am 4. April 1933 gehalten hatte. Diese Ansprache wurde nach Amerika ausgestrahlt. Er leugnete, dass in den Konzentrationslagern irgendwelche Brutalitäten vorkämen, und behauptete, der Boykott  -den er als vernünftige Verteidigungsmaßnahme bezeichnete-  verlaufe in “Ruhe und Ordnung”.

“Die neue Regierung hat als ihre erste große Aufgabe die Rettung Deutschlands vor dem Bolschewismus in Angriff genommen  . . . “

“Wir haben es oft ausgesprochen, dass die Entscheidungsschlacht zwischen der abendlichen Zivilisation und  dem Bolschewismus auf deutscher Erde würde geschlagen werden müssen    . . . “

“Diese Entscheidungsschlacht ist ohne Straßenkämpfe und ohne Blutvergießen geschlagen worden. Die neue Regierung hat mit durchgreifenden Maßnahmen die kommunistischen Agitatoren  und ihre Bundesgenossen aus dem öffentlichen Leben ausgeschaltet. Sie hat erstaunlich wenig Widerstand gefunden.  . . .”

“. . .  Die kommunistischen Führer sind sämtlich gefangen gesetzt worden. . .   Wir haben die kommunistischen Führer im Gefängnis besucht, wir haben sie gesund angetroffen. Sie haben uns übereinstimmend gesagt, daß sie durchaus korrekt behandelt würden . . . und waren mit der Nahrung alle zufrieden.  . .  “

“Aufgrund der Schauernachrichten über grausame und blutige Behandlung der Kommunisten in Deutschland   . . .   hat nun das Judentum in mehreren Ländern eine Agitation gegen Deutschland begonnen.   . . .  Es ist zum Boykott gegen deutsche Waren aufgerufen worden.   . . .   Um diesen Boykott zu brechen, haben nun ihrerseits die deutschen Nationalsozialisten eine Boykottbewegung gegen das Judentum in Deutschland eingeleitet.  . . .    Dieser Boykott ist zunächst nur auf einen einzigen Tag beschränkt worden; er ist in absoluter Ruhe und Ordnung verlaufen. Nur einen einzigen blutigen Zwischenfall hat es gegeben. Das war in der Stadt Kiel an der Ostseeküste. . . . . “

“Der Boykott ist bis auf weiteres aufgehoben. Heute sind die Geschäfte alle wieder geöffnet.   . . . “

“Nebenher läuft eine Aktion der Regierung, die Juden aus der staatlichen Verwaltung, namentlich aus den Richterstellen, zu entfernen. Und das hängt damit zusammen, dass seit 1918 jüdische Beamte und Angestellte in so großer Zahl in die staatliche Verwaltung hineingekommen sind, dass es zum Beispiel in Berlin ganze Gerichte gibt, in denen kaum ein christlicher Richter noch zu finden ist. Dabei bilden die Juden in Deutschland  nicht einmal 1 % der Bevölkerung.”

“Hier sollen die Verhältnisse wieder so werden, wie sie früher waren .”

Der Generalsuperintendent der Kurmark weiter:

“Aus der inneren Zersetzung, in die uns die letzten fünfzehn Jahre geführt haben, wollen wir wieder zurück zu einem christlichen und wirklich deutschem Volksleben”   (Literatur: “Das Dritte Reich und die Juden, Die Jahre der Verfolgung 1933 – 1939” von Saul Friedländer, 1998, Zweite Auflage, C. H. Beck, Seite 55 ff)

einige Tage später, etwa 10. April 1933

Seine Sendung war keine einmalige Verirrung. Wenige Tage später schickte Dibelius an alle Pastoren seiner Provinz ein vertrauliches österliches Sendschreiben:

“Meine lieben Brüder! Für die letzten Motive, aus denen die völkische Bewegung hervorgegangen ist, werden wir alle nicht nur Verständnis, sondern volle Sympathie haben. Ich habe mich trotz des bösen Klanges, den das Wort vielfach angenommen hat, immer als Antisemiten gewusst. Man kann nicht verkennen, dass bei allen zersetzenden Erscheinungen der modernen Zivilisation das Judentum eine führende Rolle spielt”:   (Literatur: “Als die Zeugen schwiegen: Bekennende Kirche und die Juden”  von Wolfgang Gerlach, Berlin 1987, Seite 42)

5. April 1933

Müller, Ludwig, (23.6.1883 in Gütersloh – 31.7.1945 in Berlin), protestantischer Theologe. 1926 – 1933 Wehrkreispfarrer in Königsberg, wurde am 5.4.1933 von Hitler zum “Vertrauensmann und Bevollmächtigten für die Fragen der Evangelischen Kirche” berufen.

Von Müller stammt  der spätere Ausspruch: “Deutschland ist unsere Aufgabe, Christus unsere Kraft! . . . Wie jedem Volke, so hat auch unserem Volk der ewige Gott ein arteigenes Gesetz geschaffen. Es gewann Gestalt in dem Führer Adolf Hitler und dem von ihm geformten nationalsozialistischen Staat. Dieses Gesetz spricht zu uns in der aus Blut und Boden erwachsenen Geschichte unseres Volkes . . . Aus dieser Gemeinde deutscher Christen soll im nationalsozialistischen Staat  Adolf Hitlers die das ganze Volk umfassende “Deutsche Christliche Nationalkirche” erwachsen: Ein Volk! – Ein Gott! – Ein Reich! – Eine Kirche! “   (Literatur: “Reichsbischof Ludwig Müller, Eine Untersuchung zu Leben, Werk und Persönlichkeit” von Thomas Martin Schneider, Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, 1993)

20. April 1933

Der Vorsitzende der katholischen Zentrumspartei Dr. Ludwig Kaas sendet ein Geburtstagstelegramm an Reichskanzler Hitler: “Zum heutigen Tage aufrichtige Segenswünsche und die Versicherung unbeirrter Mitarbeit am großen Werk der Schaffung eines innerlich geeinten, sozialbefriedeten…Deutschlands.”

22. April 1933

Der Reichswart der Evangelischen Jugend Deutschlands, Erich Stange: “Die gottgesetzten Grundlagen von Heimat, Volk und Staat werden wieder neu erkannt. Das Volk steht auf. Eine Bewegung bricht sich Bahn, die eine Überbrückung der Klassen, Stände u. Stammesgegensätze verheißt…Darum kann die Haltung der jungen evangelischen Front in diesen Tagen keine andere sein als die einer leidenschaftlichen Teilnahme an dem Schicksal unseres Volkes und zugleich eine radikale Entschlossenheit, wie sie das Wort Gottes fordert.”

25. April 1933

Der Erzbischof Gröber von Freiburg beschwört die deutschen Katholiken, dass sie den „neuen Staat nicht ablehnen dürfen, sondern ihn politisch bejahen und in ihm unbeirrt mitarbeiten müssen“. (Literatur: Deschner „abermals krähte der Hahn“, Seite 538)

Im April 1933

“Befreiung vom Alten Testament mit seiner jüdischen Lehrmoral”: Pastor Witzig von der Neuköllner Magdalenen-Gemeinde bezeichnete sich selbst als “der erste Deutsche Christ”. Er sei diesen bereits 1932 beigetreten und wurde im gleichen Jahr auch Mitglied der NSDAP. Zusammen mit zwei anderen Pastoren hat er sich geweigert, anlässlich von Trauungen Bibeln mit dem Alten Testament auszugeben. Als das Konsistorium dem Geistlichen die Weisung erteilte, sich an die Agende zu halten, beschwerte er sich man könne ihm nicht befehlen “jüdisch-christliche Gottesdienste” zu halten.   (Literatur: “Deutsche Christen in der Reichshauptstadt Berlin”, Aufsatz von Lilian Hohrmann, veröffentlicht in “Berlin in Geschichte und Gegenwart, Jahrbuch des Landesarchivs Berlin 1999”)

Im Mai 1933

Harry Emerson Fosdick, mittlerweile Pastor der Riverside Church in New York, organisierte eine Protestschrift. „Herr Hitler hat seit Jahren einen unbarmherzigen Hass gegen die Juden gepredigt, einer von den Nationalsozialisten besonders vehement vertretenen Glaubenssätze lautet, die Juden seien giftige Bazillen in Deutschlands blut und müssten wie die Pest ausgerottet werden“ diesen glauben setzen sie nunmehr in die Tat um.

„Systematisch betreiben sie ein kaltes Progrom von unvorstellbarer Grausamkeit gegen unsere jüdischen Brüder, vertreiben sie aus angestammten Führungspositionen, entziehen ihnen bürgerliche und wirtschaftliche Rechte, verurteilen sie vorsätzlich, sofern sie überhaupt überleben, als ein geächtetes und exkommunizierte Volk und bedrohen die Juden mit einem Blutbad, sollten sie nur dagegen aufbegehren“.

1200 Geistliche unterzeichneten den Protestbrief, ihre Namen füllten den größten Teil einer Seite der New York Times.    (Literatur: „Menschen Rausch“ von Nicholson Baker)

3. Juni 1933

Am 3. Juni 1933 erschien ein gemeinsames Hirtenwort der Deutschen Bischofskonferenz, dessen Entwurf die Bischöfe Gröber übertragen hatten. Dort war zu lesen, wenn der Staat nur gewisse Rechte und Forderungen der Kirche achte, so werde die Kirche dankbar und freudig das Neugewordene unterstützen. „Wir  deutschen Bischöfe sind  weit davon entfernt, dieses nationale Erwachen zu unterschätzen oder gar zu verhindern.“   . . .“Auch die Ziele, die die neue Staatsautorität für die Freiheit unseres Volkes erhebt, müssen wir Katholiken begrüßen“. (Literatur: Deschner „abermals krähte der Hahn“)

6. Juni 1933

Die Richtlinien der DC (Deutsche Christen) wurden bereits am 6. Juni 1932 beschlossen und am 10.6.1932 durch den Reichsleiter der “Glaubensbewegung Deutsche Christen, Joachim Hossenfelder, bekannt gegeben. Es wird verlangt:

  • “eine wahrhaft deutsche Kirche, zu der jeder blutsdeutsche Volksgenosse gehören soll”
  • Ausschluss “getaufter Juden”
  • eine einheitliche zentralisierte evangelische Reichskirche

Aus den Punkten 7 und 8 der Richtlinien weiterhin:

  • “Schutz des Volkes vor Untüchtigen und Minderwertigen”

Ablehnung der Judenmission:

  • „In der Judenmission sehen wir eine schwere Gefahr für unser Volkstum. Sie ist das Eingangstor fremden Blutes in unseren Volkskörper. . .”
  • “Wir lehnen die Judenmission in Deutschland ab, solange die Juden das Staatsbürgerrecht besitzen und damit die Gefahr der Rassenverschleierung und Bastardierung besteht”.

Außerdem wurde ausdrücklich gefordert,  die

“Eheschließung zwischen Juden und Deutschen zu verbieten”   (Judenmission: Die Verkündung des Evangeliums von Jesus von Nazareth als dem im   Alten Testament verheißenen Messias an die Juden. Die “Judenmission” hält daran fest, auch den frommen Juden zum Glauben an Jesus Christus in die Gemeinschaft der christlichen Gemeinde einzuladen.)

19. Juni 1933

Bethel, 10. Diakonentag bis zum 26. Juni, “Die Deutsche Diakonenschaft hat von jeher aus ihrer inneren Einstellung  heraus den Geist der Gottlosigkeit und des Marxismus bekämpft. Deshalb konnte sie freudig und voll bejahend 1933 den nationalen Umbruch begrüßen. Sie hat in all ihren Gliederungen an dem Aufbau des Dritten Reiches mitgearbeitet, wo immer ihr dazu Gelegenheit gegeben wurde. Es ist darum nicht nur eine Pflicht, sondern auch eine Freude, sich…erneut zum Führer und Volk zu bekennen und treue Mitarbeit beim Aufbau des großdeutschen Reiches zu geloben.” Beitritt zu den DC

24. Juni 1933

für die Evangelische Landeskirche Preussen wird als Staatskommissar Herr Jäger ernannt.

26. Juni 1933

Der neue ernannte Staatskommissar Jäger: „Für die Abwendung des bolschewistischen Chaos schulden wir Gott und seinem Werkzeug Hitler Dank“.   .  .  „Mit sofortiger Wirkung beurlaube ich den Generalsuperintendenten der Kurmark D. Dibelius“

27. Juni 1933

Der Evangelische Oberkirchenrat Dr. Werner: „Aus Anlass des grossen Werkes der Kirche   .  .  .   ordnen wir an  .  .   am Sonntag, dem 2. Juli 1933 sind sämtliche Kirchen  .  .  .  mit schwarz-weiss-roten und der Hakenkreuzfahne zu beflaggen“

2. Juli 1933

Berlin, Lazaruskirche, Massentrauung ev. Paare, die Männer tragen SA-Uniformen. Im Jahr 1933 waren die Nationalsozialisten bemüht, ihr Bekenntnis zu einem „positiven Christentum” unter Beweis zu stellen.

Bericht des „Illustrierten Beobachters” vom Juli 1933:   Eine Berliner Sensation: 50 nationalsozialistische Paare lassen sich gemeinsam trauen, Pfarrer Lengning nimmt in der Berliner Lazaruskirche die Trauung vor. Unter verschiedenen Fotos:  „Ein langer Zug der Brautpaare zur Kirche”, „Die Paare durchschreiten beim Verlassen der Kirche ein Spalier grüßender Hitlerjugend”  und „Die Massentrauung fand die herzliche Anteilnahme der Berliner Bevölkerung.“

4. Juli 1933

Die „Bayerische Volkspartei” (DVP) löst sich „freiwillig” auf, am nächsten Tag folgt ihr die katholische Zentrumspartei. Die Auflösung der Zentrumspartei erfolgte auf Weisung des Vatikans. Da viele Katholiken protestierten, beschwichtigte sie der Vatikan sowohl in einer halboffiziellen Verlautbarung wie durch Staatssekretär Pacelli: „Hitler weiß das Staatsschiff zu lenken. Noch ehe er Kanzler wurde, traf ich ihn wiederholt und war sehr beeindruckt von seinen Gedanken und seiner Art, den Tatsachen ins Auge zu sehen und doch seinen edlen Idealen treu zu bleiben .“  . . . „Wie in Italien  … verschaffte der Vatikan in Deutschland durch Papen, Kaas und die Auflösung des Zentrums, der ältesten katholischen Partei Deutschlands, Hitler die unumschränkte Macht“ (Literatur: Deschner „abermals krähte der Hahn“, Seite 535)

14. Juli 1933

Zum Abschluss des Konkordats mit dem Heiligen Stuhl, das am 20.7. im Vatikan von Kardinal Pacelli (dem späteren Papst Pius XII.) und Vizekanzler Franz von Papen unterzeichnet werden wird, erklärt Hitler auf der Kabinettssitzung:  „Im Reichskonkordat wäre Deutschland eine Chance gegeben und eine Vertrauenssphäre geschaffen, die bei dem vordringlichen Kampf gegen das internationale Judentum besonders bedeutungsvoll wäre.”

19. Juli 1933

Pfarrer Wilhelm Niemöller, NSDAP-Genosse seit 1923 und Bruder Martin Niemöllers, wird wegen Verstoßes gegen die Parteidisziplin aus der Partei ausgeschlossen, er prozessiert erfolgreich gegen den Ausschluß – ein Parteigericht verfügt am 21.9.1934 die Rücknahme des Ausschlusses.

20. Juli 1933

Abschluss des Konkordats zwischen dem Deutschen Reich und der Kurie. Die Beziehung zwischen der katholischen Kirche und dem deutschen Staat wurde festgelegt. Hitler kam es weniger auf den Inhalt an. Er sah drei große Vorteile:

  • 1.) Dass der Vatikan überhaupt verhandelt habe, obwohl besonders in Österreich damit operiert würde, dass der Nationalsozialismus unchristlich und kirchenfeindlich wäre;
  • 2.) Dass die Kirche bereit sein würde die Bischöfe auf diesen Staat zu verpflichten und
  • 3.) dass die Kirche sich aus dem Vereins- und Parteileben herauszöge.

Bereits am 2. Juli 1933 gab Papen in einem Geheimschreiben aus Rom der Überzeugung Ausdruck, „dass der Abschluss des Konkordats außenpolitisch als ein großer Erfolg für die Regierung der nationalen Erhebung gewertet werden muss”. Übrigens: Bereits damals ist in einem geheimen Zusatzprotokoll eine vertragliche Abmachung mit dem Heiligen Stuhl für den Fall der allgemeinen Wehrpflicht in Deutschland getroffen worden.   (Literatur: Karlheinz Deschner “abermals krähte der Hahn”, S. 533)

24. Juli 1933

Kirchentagswahlen

Die Reichsregierung nutzte eine entstandene Verwirrung und schrieb für alle kirchlichen Organe Neuwahlen zum 24. Juli 1933 aus, die das „Führerprinzip mit einem lutherischen Reichsbischof“ festsetzte und von 28 Landeskirchen anerkannt wurde. Die DC erhielten die volle Unterstützung des Propagandaapparates der NSDAP. Hitler wandte sich am Vorabend der Wahl an die Wähler und forderte alle Parteigenossen auf, von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen und seine Politik zu unterstützen. Die innerkirchliche Opposition der sog. Jungreformatorischen Bewegung wurde in ihrem Wahlkampf von der Geheimen Staatspolizei behindert. So brachte die Wahl einen Triumph der DC.   (Literatur: “Die gescheiterte Zähmung” von Gotthard Jasper, Seite 198).

Völkischer Beobachter vom 24. Juli 1933: „Durch die Unterzeichnung des Reichskonkordats ist der Nationalsozialismus in Deutschland von der katholischen Kirche in der denkbar feierlichsten Weise anerkannt worden“.   . . .  „Diese Tatsache bedeutet ungeheure moralische Stärkung der nationalsozialistischen Reichsregierung und ihre Ansehens“

26. Juli 1933

ev. Generalsuperintendent Otto Dibelius beteuert in einem Schreiben an den preußischen Oberkirchenrat, er sei seit seinem Studium „im Kampf gegen Judentum und Sozialdemokratie gestanden.”

20. August 1933

Berlin-Neukölln, kath. Jugendtag, Dr. Erich Klausener, Prälat Georg Puchowski, Generalvikar Paul  Steinmann, Prälat Weber und viele andere Kleriker grüßen die Jugendlichen mit dem Hitler-Gruß.

6. September 1933

Die 10. Generalsynode der Evangelischen Kirche in Preußen führt den so genannten Arierparagraphen ein. Weitere Landeskirchen folgen diesem Beispiel. Mit der Begründung, es handele sich um Personen jüdischer Herkunft, werden daraufhin Pfarrer, aber auch andere Bedienstete der evangelischen Kirche, aus ihren Ämtern entlassen.   (Literatur: Gerhard Lindemann, Antijudaismus und Antisemitismus in den evangelischen Landeskirchen während der NS-Zeit, in: Geschichte und Gesellschaft, 29. Jg., 2003, H. 4, S. 578f.)

11. September 1933

„Für die Lippische Landeskirche ordnen wir hiermit folgendes an:

  • 1. Sämtliche Pfarrer, Beamte, Angestellte der Landeskirche sowie der Kirchengemeinden grüßen im Dienst und innerhalb der  dienstlichen Gebäude und Anlagen durch Erheben des rechten Arms.
  • 2. Es wird von allen erwartet, dass sie auch außerhalb des Dienstes in gleicher Weise grüßen…Der Landeskirchenrat; gez. Corvey, Weber, Josephson, Thelemann, Meyer, Toelle, Ruperti”

12. September 1933

Sachsen, Landesbischof Otto Koch am Sarg von „Handbuch zur Judenfrage“-Herausgeber Theodor Fritsch:

„…ich habe auch gemerkt wie dieser Mann das Wesen des Christentums im Kampf gegen das Judentum erkannt hat, den wesentlichen Unterschied zwischen Christen- und Judentum. Goethe hat das bekannte Wort geprägt: Der eigentliche Sinn des Lebens sei der Kampf zwischen Glaube und Unglaube…, der eigentliche Sinn der Weltgeschichte ist der Kampf zwischen Christentum u. Judentum…“,

13. September 1933

Hamburg, 9. Deutscher Diakonentag sendet „Huldigungsgruß“ an A. Hitler: „Dem Führer unseres Volkes und Retter unseres Vaterlandes vor dem Untergang im Bolschewismus senden tausend Diakone…  namens der gesamten Deutschen Diakonenschaft das Gelöbnis alter deutscher Mannestreue und des Einsatzes aller ihrer Kräfte für Aufbau und Vollendung des Dritten Reiches.“

Der Berliner Landesbischof Ludwig Müller verkündet „dass in Zukunft keiner auf die Kanzel kommt, der nicht das Volk verstehen gelernt hat, der im Arbeitsdienst, in der SA oder bei den Soldaten gelernt hat, sich… zusammenzureißen.“

Oberkonsistorialrat Friedrich Peter sagt in seiner Festrede: „Diakonie muss, wie die SA das Soldatentum des Dritten Reiches ist, das Soldatentum der Kirche sein.“,

Pfarrer Horst Schirrmacher sagt u.a. „…evangelische Diakonie (ist) Dienst und Kampf. Wir grüßen Euch alle als die  SA Jesu Christi und die SS der Kirche, ihr wackeren Sturmabteilungen und Schutzstaffeln im Angriff gegen Not, Elend, Verzweiflung und Verwahrlosung, Sünde und Verderben…  Evangelische Diakonie u. Nationalsozialismus gehören in Deutschland zusammen…Der echte Nationalsozialist ist Protestant und der echte Deutsche ist Nationalsozialist“.

15. September 1933

„Gesetz zu Schutze des deutschen Blutes und der deutsche Ehre”: Die Präambel: „Durchdrungen von der Erkenntnis, dass die Reinheit des deutschen Blutes die Voraussetzung für den fortbestand des deutschen Volkes ist, und beseelt von dem unbeugsamen Willen, die deutsche Nation für alle Zukunft zu sichern, hat der Reichstag einstimmig das folgende Gesetz beschlossen, das hiermit verkündet wird”  (Literatur: Dr. Kurt Zentner: Illustrierte Geschichte des Dritten Reiches”, Seite 218)

15. September 1933

Reichsaußenminister von Neurath äußert sich vor ausländischen Pressevertretern zu verschiedenen Fragen: „Zur Judenfrage sagt er, das unsinnige Gerede des Auslandes über rein innerdeutsche Dinge wie die sog. Judenfrage werde schnell verstummen, wenn man erkenne, dass die unbedingt notwendige Säuberung, bei allen Einzelfällen persönlicher Härte, nur dazu diene, die Herrschaft von Recht und Gesetz um so unerschütterlicher zu festigen. Das Ausland werde auch aufhören, den Lügenberichten deutscher Emigranten ihr Ohr zu leihen und werde statt dessen das Deutschland von heute als stolzes und pflichtliebendes Land kennenlernen.”   (Literatur: Chronologie des Holocaust von Knut Mellenthin)

15. September 1933

„Germania” (kath. Zentrums-Zeitung) berichtet über Eröffnung des neuen preußischen Staatsrats: „Im geistlichen Kleid schritt an der Spitze der Bischof von Osnabrück, Dr. Hermann Wilhelm Berning, (und Apostolischer Vikar) … Dann brachte der Ministerpräsident (Hermann Göring) ein dreifaches ,Sieg Heil’ auf den Führer aus  und die Versammlung sang stehend das Deutschland- und Horst-Wessel-Lied, das auch von Bischof   Berning und den übrigen kath. Geistlichen mit erhobener Hand gesungen wurde.”

17. September 1933

Berlin, St. Hedwigs-Kathedrale, von der NSDAP am 23.8. angeregter kath. Dankgottesdienst zur  Konkordatsratifizierung wird vom Apostolischen Nuntius Cesare Orsenigo, Kapitularvikar Dr. Paul  Steinmann und Domprediger Pater Marianus Vetter in Anwesenheit der Repräsentanten von Reichsregierung, NSDAP, SS und SA zelebriert, sie singen das „Te Deum” und vor der mit kath. und NS- Fahnen geschmückten Kathedrale singen tausende Deutsche Nationalhymne und Horst-Wessel-Lied;

Bamberg, Erzbischof Jacobus Hauck ordnet für Pfarrgemeinden seine Diözese ein „Te Deum” zum  Dank an Gott für den Abschluss des Reichskonkordats „…in dem sich Staat und Kirche einträchtiges  Zusammenwirken gefunden haben.”,

Düsseldorf-Kaiserswerth, Diakonissenanstalt, Hundertjahr-Feier, Ansprache von Pastor Walter Jeep (Innere Mission) u.a.: „…rechte evangelische Menschen (seien eigentlich die), die den Totalitätsanspruch dieses neuen Deutschen Reiches nicht nur am besten verstehen können, sondern auch am  echtesten, treuesten zu verwirklichen fähig sind.”

Nach einer „Hitlerfahnen-Weihe im Kindergarten”  des Diakonissen-Stammhauses, Hakenkreuzfähnchen schwenkend und die „Fahne hoch!” singend  marschieren über hundert kleine „Vaterlands- und Hitleranhänger” durch Kaiserswerth. „Das Herz   konnte einem aufgehen bei dem lieblichen Bild und der hellen Begeisterung von Deutschlands jüngster Zukunft. Gleich an der ersten Straßenecke begegneten wir einem SA-Führer. Der Mann   grüßte freundlich und mit todernsten Gesichtchen streckten sich über 100 Ärmchen zum Gegengruß.”

21. September 1933

Gegen die Überschwemmung und Durchdringung des Protestantismus durch „nationalsozialistisches Gedankengut” bildete sich eine organisierte Pfarreropposition in Gestalt des „Pfarrernotbundes” der BK, der „Bekennenden Kirche”. Deren Initiatoren waren drei  Pastoren: Pfarrer Martin Niemöller, Dahlem, Pfarrer Gerhard Jacobi von der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und Eitel-Friedrich von Rabenau von der Apostel-Paulus-Kirche.

Die Regierung hat später ( 18.9.1934) den Pfarrer-Notbund wie folgt bezeichnet:   „Bei den dem Notbund angehörenden Pfarrern handelt es sich z.T. um reaktionäre Kräfte, z.T. aber auch um Persönlichkeiten, die rückhaltlos für den nationalsozialistischen Staat eintreten und sich dagegen wehren, dass ihre Gegnerschaft gegen den Reichsbischof u. geg. die ,Deutschen Christen‘ als Stellungnahme geg. den Nationalsozialismus ausgelegt wird.“

25. September 1933

In ihrem „Theologischen Gutachten über die Zulassung von Christen jüdischer Herkunft zu den Ämtern der deutschen evangelischen Kirche”, verfasst von den Erlanger Professoren Dr. Paul Althaus und Dr. Werner Elert, heißt es u.a.:  „Das deutsche Volk empfindet heute die Juden in seiner Mitte mehr denn je als fremdes Volkstum. Es hat die Bedrohung seines Eigenlebens durch das emanzipierte Judentum erkannt und wehrt sich gegen diese Gefahr mit rechtlichen Ausnahmebestimmungen. Im Ringen um die Erneuerung unseres Volkes schließt der neue Staat Männer jüdischer oder halbjüdischer Abstammung von führenden Ämtern aus. Die Kirche muss das grundsätzliche  Recht des Staates zu solchen gesetzgeberischen Maßnahmen anerkennen. Sie weiß sich selber in der gegenwärtigen Lage zu neuer Besinnung auf ihre Aufgabe, Volkskirche der Deutschen zu sein, gerufen. Dazu gehört, dass sie heute ihren Grundsatz von der völkischen Verbundenheit der Amtsträger mit ihrer Gemeinde bewusst neu geltend macht und ihn auch auf die Christen jüdischer Abstammung anwendet.”   (Literatur: Ernst Klee, “Die SA Jesu Christi”,  S. 116.)

27. September 1933

Wittenberg, ev. „Nationalsynode”, Festgottesdienst mit „Theologensturm” bestehend aus Theologiestudenten des sächsischen Landesbischofs Friedrich Coch in feldgrauer Uniform, lila Kreuz und SS-Runen auf dem Arm. Coch: Leiter des Preßverbandes der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens. 1931 trat er in die NSDAP ein, wurde Gaufachberater in Kirchenfragen in Sachsen und Führer der Arbeitsgemeinschaft nationalsozialistischer Pfarrer. 1933 wurde er als Landesbischof in Sachsen eingesetzt,

Im September 1933

Im September 1933 hatte die preußische Generalsynode, die von den DC beherrscht wurde, beschlossen den Arierparagraphen in das kirchliche Dienstrecht zu übernehmen: Pfarrer jüdischer Abstammung mussten somit aus dem Amt scheiden. Das „Judenproblem” geriet in das Zentrum der innerkirchlichen Auseinandersetzungen.   (Literatur: “Die gescheiterte Zähmung, Wege zur Machtergreifung Hitlers 1930 – 1934” von Gotthard Jasper, Edition Suhrkamp, Seite 199)

Im September 1933

Die DC beherrschten fast alle Gemeindevertretungen und Synoden und erhielten die Gelegenheit, die Führungspositionen mit ihren Anhängern zu besetzen. Hitlers Vertrauensmann Müller wurde  erst preußischer Landesbischof und dann Ende September auf der 1. Nationalsynode in Wittenberg einstimmig zum Reichsbischof gewählt.

Ludwig Müller wurde von Emmy Göring  „der Reibi”, Reichsbischof, genannt.   (Literatur: “Ernstfälle, Erlebtes und Bedachtes” von Werner Jentsch, Brendow Buch Kunst Verlag, 1992, Seite 131)

Im Herbst 1933

Der evangelische Theologe Martin Niemöller , der später zu den Führern des kirchlichen Widerstands zählte, sprach auf einem Erntedankfest von dem „erwachenden, deutschen Volk, Beruf und Stand, Rasse und Volkstum” seien Forderungen, denen man sich nicht entziehen könne.

1. Oktober 1933

Paul Mendelsohn, geschäftsführender evangelischer Pfarrer an der Dankes-Gemeinde in Berlin-Wedding, wird wegen seiner jüdischen Herkunft zwangspensioniert.   (Literatur: Manfred Gailus, Die vergessenen Brüder und Schwestern. Zum Umgang mit Christen jüdischer Herkunft im Raum der evangelischen Kirchen Berlin- Brandenburgs, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 51. Jg.,)

10. Oktober 1933

Am 10. Oktober 1933 dankte Gröber, Erzbischof von Freiburg,  auf einer katholischen Großveranstaltung in Karlsruhe ausdrücklich den „Männern der Regierung” für ihr Erscheinen:

  • „Ich verrate kein Geheimnis, wenn ich erkläre, dass sich im Verlauf der letzten Monate der Verkehr der Kirchenregierung in Freiburg mit der Regierung in Karlsruhe in freundschaftlichster Form vollzogen hat. Ich glaube auch, weder vor ihnen noch vor dem deutschen Volk ein Geheimnis zu verraten, wenn ich sage, dass ich mich restlos hinter die neue Regierung und das neue Reich stelle.”

14. Oktober 1933

Das Breslauer christliche Wochenblatt „Evangelischer Ruf” veröffentlicht unter der Überschrift „Vision” folgenden Text:  „Gottesdienst. Das Eingangslied ist verklungen. Der Pfarrer steht am Altar und beginnt: ‚Nichtarier werden gebeten, die Kirche zu verlassen!’ Niemand rührt sich. ‚Nichtarier werden gebeten, die Kirche zu verlassen!’ Wieder bleibt alles still. ‚Nichtarier werden gebeten, die Kirche zu verlassen!’ Da steigt Christus vom Kreuze herab und verlässt die Kirche.”

15. Oktober 1933

München, Grundsteinlegung „Haus der Deutschen Kunst” mit Festzug „Glanzzeiten deutscher Kultur”.  Der Apostolischen Nuntius Alberto Vassallo di Torregrossa sagt dabei in Gegenwart von Bayerns   Staatsminister und NSDAP-Mitgl. Nr. 2, Hermann Esser, zum Reichsführer Adolf Hitler u.a. „Ich habe Sie     lange nicht verstanden. Ich habe mich aber lange darum bemüht. Heute verstehe ich Sie.”

28. Oktober 1933

Clemens August Graf von Galen, geboren 1878 in adliger Familie in Westfalen, wird katholischer Bischof von Münster; die erste bischöfliche Amtseinführung nach der Unterzeichnung des Konkordats. Vor seiner Bischofsweihe hatte er dem preußischen Ministerpräsiden Herman Göring  besucht und vor ihm entsprechend den Bestimmungen des Konkordats einen Treueid gegenüber dem Staat geleistet. Das wurde symbolisch erwidert, als während der Weihezeremonie lokale Funktionäre der NSDAP und SA vom Kreisleiter abwärts mit Hitlergruß an ihm vorbei zogen.   (Literatur Richard J. Evans: “Das Dritte Reich, Aufstieg”, Seite 480)

1.November 1933

Schweiz; „Neue Züricher Zeitung” „Der Freiburger Erzbischof (Dr. Conrad Gröber)…  hat noch in der  Zeit der Reichstagswahlen sehr entschieden gegen gewisse nationalsozialistische Auffassungen  Stellung genommen und längere Zeit war das Verhältnis der nationalsozialistischen badischen Regierung zur Kirche sehr gespannt. Umso größere Beachtung findet das Bekenntnis zum neuen Regime, das der Kirchenfürst auf einer katholischen Massenveranstaltung (am 9.10.) in Karlsruhe ausgesprochen hat…  Auch äußerlich trat die Wandlung in Karlsruhe dadurch zutage, dass die Versammlungsteilnehmer, die sicherlich vor einem halben Jahre noch stramme Zentrumsleute waren, den Erzbischof mit dem Deutschen Gruß empfingen. Das Verhalten des hohen kirchlichen Würdenträgers erscheint  bezeichnend für den neuen Kurs, den der deutsche Episkopat nach dem Abschluss des Reichskonkordats eingeschlagen hat.”

9. November 1933

An diesem Tage bekannte der Katholik Vizekanzler von Papen (er hatte Anfang  Januar im Hause eines Kölner Bankiers Hitler die Unterstützung des Papstes zugesagt)  in einer Rede vor der Arbeitsgemeinschaft katholischer Deutscher in Köln:

  • „Seit dem 30. Januar, da die Vorsehung mich dazu bestimmt hatte, ein Wesentliches zur Geburt der Regierung der nationalen Erhebung beizutragen, hat mich der Gedanke nicht los gelassen, dass das wundervolle Aufbauwerk des Kanzlers und seiner großen Bewegung unter keinen Umständen gefährdet werden dürfe durch einen kulturellen Bruch .
  • Denn die Strukturelemente des Nationalsozialismus sind nicht nur der katholischen Lebensauffassung nicht wesensfremd, sondern sie entsprechen ihr in fast allen Beziehungen:”   (Literatur: Karlheinz Deschner “abermals krähte der Hahn”, Seite 533)

12. November 1933

Die katholischen deutschen Studentenführer erklären durch den Verbandsführer Forschbach: „wer am 12. November nicht mit „Ja“ wählt, bricht seinen Burscheneid, weil er in der Stunde der größten Gefahr sein Vaterland und sein Volk verrät“. (Literatur: Deschner “ abermals krähte der Hahn“)

13. November 1933

Großkundgebung des Gaues Großberlin der „Deutschen Christen” im Sportpalast. Hauptredner Berliner Gauobmann Studienrat Dr. Reinhold Krause hatte am 13. November 1933 die Welt vor 20.000 Zuhörern wissen lassen, was sie wollten:

  • „Durchsetzung des Arierparagraphen in den Landeskirchen,”
  • „die Trennung von juden-christlicher und deutscher Volkskirche,”
  • „die Reinigung des Christentum von allen „Jüdischen”, also die
  • Trennung vom Alten Testament und die Entjudaisierung
  • des Christentums,”
  • „Befreiung von allem Undeutschem im Gottesdienst”
  • „Befreiung vom Alten Testament mit seiner jüdischen Lehrmoral,
  • von den Viehhändler und Zuhältergeschichten,”
  • „Das Alte Testament: das fragwürdigste Buch der Weltgeschichte,”

„Wenn wir Nationalsozialisten uns schämen (1933 ! ! ) eine Krawatte vom Juden zu kaufen, dann müssten wir uns erst recht schämen, irgendetwas, das zu unserer Seele spricht, das innerste Religiöse vom Juden anzunehmen”. „Hierher gehört auch, dass unsere Kirche keine Menschen judenblütiger Art mehr in ihren Reihen aufnehmen darf. . .” „Es wird aber auch notwendig sein, . . . dass alle offenbar entstellten und abergläubischen Berichte des Neuen Testaments entfern werden und dass ein grundsätzlicher Verzicht auf die ganze Sündenbock- und Minderwertigkeitstheologie des Rabbiners Paulus ausgesprochen wird . . .” „Wenn wir aus den Evangelien das herausnehmen, was zu unseren deutschen Herzen spricht, dann tritt das Wesentliche der Jesuslehre klar und leuchtend zutage, das sich   -und darauf dürfen wir stolz sein-   restlos deckt mit den Forderungen des Nationalsozialismus.”   (Literatur:  “. . . aber die Zeit war nicht verloren, Erinnerungen eines Altbischofs” Autobiographie von Albert Schönherr, Aufbau-Verlag, 1993, Seite 58)

14. November 1933

Reichsbankpräsident Dr. Hjalmar Schacht hält anlässlich eines Vortrags in Berlin. Gastgeber ist der „Berliner Lyzeumsklub” – eine aggressiv-antisemitische Rede, in der er judenfeindliche Passagen aus Reden und Schriften Martin Luthers zustimmend zitiert:   „Sie, die Juden, leben bei uns zu Hause, unter unserem Schutz und Schirm, brauchen Land und Straßen, Markt und Gassen. Dazu sitzen die Fürsten und Obrigkeiten, schnarchen und haben das Maul offen, lassen die Juden aus ihren offenen Beuteln und Kasten nehmen; sie lassen sie sich selbst und ihre Untertanen durch der Juden Wucher aussagen und mit ihrem eigenen Gelde sich zu Bettlern machen… Dazu wissen wir noch heutigen Tages nicht, welcher Teufel sie her in unser Land gebracht hat; wir haben sie zu Jerusalem nicht geholt. Zudem hält sie noch jetzt niemand, Land und Straßen stehen ihnen offen ; mögen sie ziehen in ihr Land, wenn sie wollen.” In fast allen wichtigen Tageszeitungen werden ausführliche Auszüge dieser Rede veröffentlicht.   (Literatur: Georg Denzler u. Volker Fabricius, Christen und Nationalsozialisten. Darstellung und Dokumente, Frankfurt a. M. 1995, S. 51.)

15. November 1933

Berlin, Kundgebung nach Zusammenschluss der verschiedenen Diakonissen-Verbände zur „Diakonie-gemeinschaft”, Emil Karow, Bischof von Berlin u.a. „Wir haben eben so kraftvolle Worte vom Nationalsozialismus gehört. Gestatten Sie mir, die Schwestern in der Kirche mit der SA zu vergleichen.” Pastor Großmann, Berlin-Zehlendorf: „Als Adolf Hitler die Macht ergriff, ging ein Aufatmen durch ihre (die Diakonie) Reihen. Sie dankt unserem Führer, daß sie im neuen Staat mitarbeiten darf…Wenn die SA die politischen Soldaten des Reiches sind, so sind unsere Schwestern die Soldaten der Kirche…”

24. November 1933

Reichstag akklamiert Gesetz gegen gefährliche Gewohnheitsverbrecher und über Maßregeln der Sicherung und Besserung,  Berlin  „Frankfurter Zeitung” berichtet über Berliner Sportpalast-Rede von „Deutsche Christen-Gauobmann   Dr. Reinhold Krause, der dabei das Alte Testament „Buch der Viehtreiber und Zuhälter” nannte

Im November 1933

Der ehemalige U-Bootkapitän Martin Niemöller, er hatte bereits im September 1933 den Pfarrernotbund ins Leben gerufen, sandte dennoch im November 1933 ein Glückwunschtelegramm an Hitler zum Entschluss des Austritts aus dem Völkerbund.   (Literatur: Martin Broszat: “Deutsche Geschichte seit dem ersten Weltkrieg”)

11. Dezember 1933

„Bekenntnis der Deutschen Christen” u.a.

„Wir Deutschen Christen…sind durch Gottes Schöpfung hineingestellt in die Blut- und Schicksalsgemeinschaft des deutschen Volkes und sind als Träger dieses Schicksals verantwortlich für seine Zukunft. Deutschland ist unsere Aufgabe…Wie jedem  Volk, so hat auch unserem Volk der ewige Gott ein arteigenes Gesetz eingeschaffen. Es gewann  Gestalt in dem Führer Adolf Hitler und in dem von ihm geformten nationalsozialistischen Staat. Dieses  Gesetz spricht zu uns in der aus Blut und Boden erwachsenen Geschichte unseres Volkes. Die Treue zu diesem Gesetz fordert von uns den Kampf für Ehre und Freiheit… Der Weg zur Erfüllung des  deutschen Gesetzes ist die gläubige deutsche Gemeinde…  Aus dieser Gemeinde Deutscher Christen  soll im nationalsozialistischen Staat Adolf Hitlers die das ganze Volk umfassende Deutsche christliche Nationalkirche erwachsen: Ein Volk! Ein Gott! Ein Reich! Eine Kirche!”

19. Dezember 19333

ev. Reichsbischof Ludwig Müller und Reichsjugendführer Baldur v. Schirach schließen „Abkommen über die Eingliederung der evangelischen Jugend in die Hitler-Jugend:

  • 1. Das evangelische Jugendwerk erkennt die einheitliche staatspolitische Erziehung der deutschen  Jugend durch den nationalsozialistischen Staat und die HJ als Träger der Staatsidee an. Die Jugendlichen des Evangelischen Jugendwerkes unter 18 Jahren werden in die HJ eingegliedert. Wer nicht Mitglied in der HJ wird, kann fürderhin innerhalb dieser Alterstufen nicht Mitglied des  Evangelischen Jugendwerkes sein.
  • 2. Geländesportliche (einschließlich turnerische und sportliche) und staatspolitische Erziehung wird bis zum 18. Lebensjahre nur in der HJ getätigt.
  • 3. Die Mitglieder des Evangelischen Jugendwerkes tragen entsprechend ihrer Zugehörigkeit zur HJ  den Dienstanzug der HJ.
  • 4. An zwei Nachmittagen in der Woche und an zwei Sonntagen im Monat bleibt dem Evangelischen Jugendwerk die volle Freiheit seiner Betätigung in erzieherischer und kirchlicher Hinsicht mit Ausnahme der in Ziffer 2 genannten Betätigung. An diesen Tagen werden, wenn nötig, die Mitglieder jeweils von der anderen Organisation beurlaubt. Für die Mitglieder des Evangelischen Jugendwerkes wird der Dienst in der HJ ebenfalls auf zwei Wochentage und zwei Sonntage im Monat beschränkt. Außerdem wird für die evangelische Lebensgestaltung und evangelische Jugenderziehung durch volksmissionarische Kurse und Lager den Mitgliedern des Evangelischen   Jugendwerkes vom Dienst in der HJ Urlaub erteilt.“
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