1933 Das Jahr der Machtergreifung (4) Emigrationen

  • Machtergreifung, (4) Erste Schritte zum Aufbau der Diktatur

Emigrationen bereits im Jahr 1933

Abegg, Wilhelm
war linksliberaler Staatssekretär im preußischen Innenministerium bis kurz vor seiner Emigration 1933

Abraham, Max
Prediger und Pädagoge aus Rathenow emigriert nach 6-monatiger Haft im KZ Oranienburg  in das  tschechoslowakische Exil.

Alpàr, Gitta
Die ungarisch-jüdische Sängerin, Schauspielerin, geb. 1903 (oder 1900 ?) brach in Berlin ihre Karriere als Filmschauspielerin ab, da sie wegen ihrer jüdischen Abstammung nicht in die Reichsfilmkammer aufgenommen wurde. Sie ging nach Österreich. Ihre 1931 geschlossene Ehe mit Gustav Fröhlich musste trotz der Geburt einer Tochter Julika (1934) mit Rücksicht auf den Ehemann 1935 wieder geschieden werden. Fröhlich stritt später die politische Situation als Grund für die Trennung ab. Alpár sah dies anders und lehnte auch nach 1945 jede Versöhnung ab.

Alsberg, Max
16.10.1877 – 12.9.1933. Der Berliner Jurist und Schriftsteller wirkte als Strafrechtsreformer und Anwalt in vielen aufsehenerregenden Prozessen. Wegen der Verfolgung und des Boykotts jüdischer Rechtsanwälte emigrierte er 1933 in die Schweiz wo er sich das Leben nahm.

Arendt, Hannah
jüdischer Abstammung. Johanna Arendt wurde 1906 als Tochter säkularer jüdischer Eltern bei Hannover geboren. Ihre Vorfahren stammten aus Königsberg, wohin ihr schwer erkrankter Vater und die Mutter (geb. Cohn) zurückkehrten. 1933 sowie ihre eigene kurzfristige Inhaftierung im selben Jahr veranlassten sie zur Emigration aus Deutschland. Am Haus Berlin-Steglitz, Opitzstraße 6 ist eine Gedenktafel angebracht: „In dem hier vormals stehenden Nebenhaus lebte vor ihrer Emigration die Philosophin Hannah Arend, 14.10.1906 – 4.12.1975, Hier entstand die Biographie über Rahel Varnhagen. 1933 emigrierte sie über Frankreich in die Vereinigten Staaten von Amerika, wo sie ihre bedeutenden Werke wie „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ veröffentlichte“. Hieraus stammt: „Bevor die totalitären Bewegungen Macht haben, beschwören sie eine Lügenwelt herauf, die den Bedürfnissen des menschlichlichen Gemüts besser entspricht als die Wirklichkeit selbst.“

Arnheim, Rudolf
Arnheim war von 1925 an Mitarbeiter und von 1928 bis 1933 Kulturredakteur und Filmkritiker der von Siegfried Jacobsohn gegründeten Wochenzeitschrift Die Weltbühne. Er promovierte 1928 in Berlin bei den Begründern der Berliner Gestalttheorie Max Wertheimer, Wolfgang Köhler und Kurt Lewin. 1933 zog er aufgrund politischer und rassischer Verfolgung nach Rom.

Arno, Siegfried
Eigentlich Siegfried Aron, Komiker, Sänger, Tänzer, er galt damals als der deutsche Chaplin, – ging 1933 über die Niederlande, Schweiz, Italien, Spanien und Portugal in die USA.

Arnoul, Wilhelm
Er war  ein deutscher Politiker (SPD), Regierungspräsident in Darmstadt und Abgeordneter des Hessischen Landtags. Am 6. März 1933 wurde Wilhelm Arnoul verhaftet und am 15. März 1933 seines Amtes als Bürgermeister von Neu-Isenburg enthoben. In der Folge flüchtete er nach Frankreich.

Aufhäuser, Siegfried

Aufhäuser engagierte sich nach dem Ersten Weltkrieg für eine Angestelltengewerkschaft. Von 1921 bis 1933 war er für die USPD bzw. für die SPD im Reichstag. Als einziger stimmte er im AGDB Bundesausschuss gegen die Beteiligung der Gewerkschaften an Hitlers Maifeier 1933. Bald darauf flüchtete der von Verfolgung Bedrohte (als Soziademokrat, Gewerkschaftler und Jude) über Frankreich, England nach New York. Am Haus Blissestraße 2 (seit dem 1. Mai 1993: „Siefried-Aufhäuser-Haus“) ist eine Gedenktafel.  Literatur: „Das Gedächtnis der Stadt“

Baerensprung, Dr. Horst Sigmund
*1893, Sozialdemokrat, Rechtsanwalt und Polizeipräsident in Braunschweig, emigrierte Ende Juni 1933 zunächst nach Warschau, später nach China, wurde dort Berater an der Polizeiakademie in Nanking, 1937 Berater für Militärpolizei im Hauptquartier Marschall Chiang Kaisheks. (Literatur: Ernst Wickert “John Rabe, Der gute Deutsche von Nanking”, Seite 471)

Balk, Theodor
(bürgerlicher Name: Fodor Dragutin, * 22. September 1900 in Zemun (Österreich-Ungarn, heute Serbien); † 25. März 1974 in Prag) war ein deutsch-jüdischer Schriftsteller. 1933 emigrierte er nach Paris über Prag. In Prag lernte Theodor Balk Lenka Reinerová kennen. Er schrieb im Stil von Egon Erwin Kisch für Der Gegenangriff, Internationale Literatur, Neue Deutsche Blätter, Arbeiter Illustrierte Zeitung, Deutsche Zentral-Zeitung in Moskau, Die neue Weltbühne und Das Wort. Über Paris gelangte er nach Spanien und war dort 1936 als Bataillionsarzt der Internationalen Brigaden tätig. 1939 wurde er in Frankreich interniert. 1941 konnte er nach Mexiko fliehen.

Barthel, Kurt
hat seinen Vater, einen Eisenbahnarbeiter, nie kennengelernt; noch vor seiner Geburt wurde dieser von einem Offizier erschossen. 1920 bis 1928 besuchte er die Volksschule. Früh politisch aktiv, gründet er während dieser Zeit in seinem Heimatort sozialistische Jugendorganisationen wie SAJ und die Falken. 1933 trat er in die SPD ein und emigriert kurz darauf in die Tschechoslowakei

Basch, Felix
österreichischer Regisseur und Darsteller – ging 1933 in die USA

Becher, Johannes Robert
Seit 1919 Mitglied der KPD, floh 1933 aus Deutschland, 1933 – 1945 in Moskau. Er ist 1891 in München geboren und 1958 in Berlin gestorben war ein deutscher expressionistischer Dichter und Politiker, Minister für Kultur sowie erster Präsident des Kulturbundes der DDR. Bekannt ist er auch als Verfasser des Textes der Nationalhymne der DDR.

Beckmann, Max
Im April 1933 wurde Beckmann fristlos aus seiner Professur an der Frankfurter Städelschule entlassen. Seine Schüler hatten keine Möglichkeit mehr, sich künstlerisch zu betätigen; später sprach man von einer „Verschollenen Generation„. Er emigrierte im April 1933.

Behrendt, Hans
Autor, Regisseur und Darsteller – ging 1933 nach Spanien. Im Mai 1940 wurden er und andere jüdische Emigranten von der belgischen Polizei verhaftet. Nach der Übernahme durch Vichy-Frankreich wurde Behrendt interniert und in wechselnden französischen Lagern festgehalten. Schließlich wurde er zum Abtransport in das KZ Auschwitz bestimmt. Die genauen Umstände seines Todes sind nicht bekannt.

Beimler, Hans

Am 11. April 1933 wurde Beimler nach Wochen illegaler Arbeit verhaftet und im Münchner Polizeipräsidium gefoltert und nach 14 Tagen in das KZ Dachau gebracht. In der Nacht vom 8. Mai zum 9. Mai 1933 gelang ihm die Flucht aus dem Lager, wobei er offenbar einen SS-Mann tötete, um in dessen Uniform zu flüchten. Nach einigen Wochen Unterschlupf bei Gleichgesinnten in Bayern konnte er sich nach Prag absetzen. Bis Ende 1936 arbeitete er unter Emigranten in Prag und Zürich. Im August 1933 erschien seine Broschüre „Im Mörderlager Dachau, es war der erste authentische Bericht über die Zustände in einem faschistischen KZ. Im November 1934 wurde er ausgebürgert. Am Haus Otto-Braun-Straße 70/72 (bis Ende 1995 Hans-Beimler-Straße) war eine Gedenktafel. Diese ist entfernt, ihre Inschrift konnte nicht ermittelt werden. Literatur: „Das Gedächtnis der Stadt“, Gedenktafeln in Berlin und Wikepedia

Benjamin, Walter
* 15. Juli 1892 in Berlin; † 26. September 1940 in Portbou) war ein deutscher Philosoph, Literaturkritiker und Übersetzer Balzacs, Baudelaires und Marcel Prousts., lebte zeitweise in Berlin, emigrierte 1933 nach Paris. Am Haus Prinzregentenstraße 66, Berlin Wilmersdorf,  ist eine Gedenktafel angebracht: „In dem früher hier stehenden Haus lebte von 1930 bis zu seiner Emigration 1933 Walter Benjamin, Literaturkritiker, Essayist, Philosoph, schrieb hier Teile der „Berliner Kindheit um 1900“. Freitod an der französisch-spanischen Grenze wegen drohender Auslieferung an die „Gestapo“. Der Bezirk Charlottenburg – Wilmersdorf hat vor wenigen Jahren einem von Hans Kollhoff neugeschaffenen Stadtplatz (Leibnizkolonnaden) in der Nähe des Kurfürstendamms den Namen „Walter-Benjamin-Platz“ gegeben.

Berggruen, Heinz
Journalist, Kunstsammler; über Dänemark in die USA („Hauptweg und Nebenwege”, „Ein Berliner kehrt heim”). Sechzig Jahre nach seiner Emigration im Jahre 1936, also 1996, kehrte er wieder nach Deutschland zurück und überließ in einer „Geste der Versöhnung“ der Stadt Berlin für einen geringen Preis seine wertvolle Gemäldesammlung. Vor allem dieser Geste wegen ernannte man Berggruen 2004 in einem Festakt zum Ehrenbürger Berlins. Berlin stellte dafür den Stülerbau zur Verfügung, das Museum Berggruen. Vor allem dieser Geste wegen ernannte man Berggruen 2004 in einem Festakt zum Ehrenbürger Berlins.

Bergh, Ilja
Komponist und Pianist, geboren 1927, 1933 wanderten seine Eltern mit ihm über Riga, Kiew nach Kopenhagen aus. I m Jahr 2009 war er Ehrengast zur Eröffnung der Ausstellung „Wir waren Nachbarn” im Rathaus Berlin-Schöneberg.

Bergmann, Theodor
konnte noch sein Abitur machen, musste aber im selben Jahr  emigrieren. Sohn eines Berliner Rabbiners, er floh zunächst über das Saarland ins damalige Palästina, wo er u.a. in einem Kibbuz arbeitete; von dort ging er 1935 in die Tschechoslowakische Republik.

Bergner, Elisabeth
österreichische Darstellerin – ging 1933 über England in die USA (1940). Ab 1924 arbeitete sie ausschließlich mit dem Regisseur Paul Czinner zusammen, der auch privat ihr Partner wurde. Als Juden mussten sie nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten zuerst nach Wien und dann nach London fliehen, wo sie auch heirateten.

Bermann, Richard Arnold
Ab 1923 war er hauptsächlich als Reiseschriftsteller tätig. 1933 führte ihn eine Expedition gemeinsam mit Ladislaus Almásy (bekannt als der „englische Patient“) in die libysche Wüste, wo sie die sagenumwobene Oase Zarzura entdecken. Hier, mitten in der Wüste, erreicht ihn im Frühjahr 1933 die Kündigung des Berliner Tageblatts.

Bernhard, Georg
geb. 1875, wohnhaft unmittelbar am Wittenbergplatz, von 1914 bis 1930 Leiter der Vossischen Zeitung, 1933 emigriert über Kopenhagen nach Paris, 1941 nach New York, Gründer und Herausgeber (1933 – 1937) des „Pariser Tageblatt”. (Gedenktafel am Haus Kleiststr. 19 – 21)

Bernhardt, Kurt
Regisseur – ging 1933 über Frankreich und England, dann 1940 in die USA (drehte die Filme: 1927 „Die Frau nach der man sich sehnt”, 1928 „Schinderhannes”, 1931 „Die letzte Kompagnie” und 1932 „Der Tunnel”.

Bloch, Dr. Ernst
Deutsch-jüdischer Philosoph emigriert am 6. März 1933 in die Schweiz

Blumenfeld, Kurt
Geb. 1884 in Marggrabowa (später umgenannt in Treuburg, heute Olecko) Ostpreußen, dt.-jüd. Zionist, Rechtsgelehrter, flüchtete nach Palästina.

Bois, Curt
bereits am 7. Februar 1933 über Prag und Paris in die USA („Zu wahr um schön zu sein”)

Brandler, Heinrich
stammt aus einer sozialdemokratisch orientierten Arbeiterfamilie und trat als gelernter Bauhandwerker 1900 in die Gewerkschaft, 1901 in die SPD ein. 1933 musste Brandler emigrieren und ging zunächst nach Straßburg, dann nach Paris.

Braun, Otto
Ehemaliger Ministerpräsident des Freistaats Preußen, 1919/1920 Mitglied der Weimarer Nationalversammlung. Auf die Ereignisse nach dem Reichstagsbrand verlies Braun Deutschland.

Brecht, Bertolt und Helene Weigel
Am 28. Februar flohen beide über Prag und weiter über die Schweiz und Frankreich nach Svendborg in Dänemark, dann über Schweden, Finnland, Sowjetunion in die USA.. („Drei Groschen Roman”, „Leben des Galilei”, „Gesammelte Werke”, „Kalendergeschichten”, „Der Kaukasische Kreidekreis”). Brecht, eigentlich Eugen Berthold. Gedenkmetalltafel Chausseestraße 125: „In diesem Hause arbeiteten und wohnten Bertolt Brecht von 1953 bis 1956 und Helene Weigel von 1953 bis 1971“. Ferner: Spichernstraße 16 (unweit Bundesallee) ist eine Inschrift: „In dem hier früher stehenden Haus lebten Brecht und Weigel von 1924 bis 1929. Hier schrieb Brecht den Text zur Dreigroschenoper“.   Literatur: „Das Gedächtnis der Stadt“ Gedenktafeln in Berlin

Bredel, Willi
Schriftsteller, seit 1923 KPD Mitglied, 1928 – 1930 Redakteur der ”Hamburger Volkszeitung”, floh nach Prag, 1935 nach Moskau wo er zusammen mit Bertolt Brecht und Lion Feuchtwanger die Zeitschrift „Das Wort” herausgab.

Breitscheid, Rudolf

Er war Vorsitzender und außenpolitischer Sprecher der SPD-Reichstagsfraktion und trat in dieser Funktion auch im Sinne der Parteilinie für die Westorientierung des Reiches ein. Später wurde er Mitglied der deutschen Delegation beim Völkerbund. Er war Mitglied im Präsidium der Pro Palästina Komitee. In den letzten Jahren der Weimarer Republik wurde er als prominenter, außenpolitisch verantwortlicher Sozialdemokrat zum Schmähobjekt für die rechtsradikale Presse. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten emigrierte Breitscheid im März 1933 über die Schweiz nach Frankreich. Sein Name stand im August 1933 auf der Ersten Ausbürgerungsliste des Deutschen Reichs. Am Haus Fasanenstraße 58 befindet sich die Berliner Gedenktafel mit der Inschrift:  Hier lebte von 1904 bis 1932 Rudolf Breitscheid, SPD–Politiker und Reichstagsabgeordneter und preuischer Innenminister. Er wurde 1940 von der Vichy-Regierung in Frankreich an die Gestapo ausgeliefert und kam bei einem Luftangriff im KZ Buchenwald um.

Brentano, Bernhard von
Berliner Büro der Frankfurter Zeitung. 1933 emigrierte er in die Schweiz. Mit dem 1932 erschienenen prophetischen Buch „Der Beginn der Barberei in Deutschland“ zog er sich endgültig den Hass der Nationalsozialisten zu. Seine Bücher wurden nach deren Machtergreifung auf dem Scheiterhaufen verbrannt. 

Bressart, Felix
Darsteller, ging 1933 über die Schweiz, Österreich, Paris in die USA (1938), wirkte in Filmen mit wie „Ninotschka”, „to be or not to be”.

Boas, Walter
war ein deutsch-australischer Physiker. Boas studierte von 1922 bis 1927 an der Technischen Hochschule Charlottenburg. 1930 wurde er mit der Arbeit Über die Temperaturabhängigkeit der Kristallplastizität zum Dr-Ing. promoviert. Von 1930 bis 1932 arbeitete er am Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin. 1933 musste er emigrieren. Anschließend arbeitete er von 1933 bis 1935 an der Universität Freiburg (Schweiz), 1936/37 an der ETH Zürich und 1937/38 am Royal Institute in London.1938 übersiedelte er nach Australien

Brod, Max
Schriftsteller, seit 1913 Zionist, emigrierte nach Palästina („Der Meister”),

Bruckner, Ferdinand
Schriftsteller, (eigentlich Theodor Tagger) war ein österreichisch-deutscher Schriftsteller und Theaterleiter, emigrierte nach Paris und schrieb das antifaschistische Werk „Die Rassen.”, gründete 1923 das Renaissance Theater in Berlin, 1936 zog er  in die USA. Am Haus Kaiserdamm 102, in Berlin-Charlottenburg ist eine Gedenktafel angebracht.

Busch, Ernst


Flüchtete am 9.3.1933 mit seiner Frau Eva Busch zunächst nach Holland. Von da aus folgten weitere Stationen: Belgien, Zürich, Paris, Wien und schließlich die Sowjetunion. Am Haus Bonner Straße 11 in der Künstlerkolonie Wilmersdorf ist eine Gedenktafel für Ernst Busch. Literatur: „Das Gedächtnis der Stadt“.

Busch, Fritz

Generalmusikdirektor der Dresdner Oper verlässt m 7. März 1933 das Dirigentenpult nachdem SA-Leute eine Aufführung von Verdis „Rigoletto“ gestört haben. Er entschied sich zur Emigration und reist am 15. Juni von Genua nach Buenos Aires, um dort einer Berufung als künstlerischer Direktor  an das dortige Teatro Colón nachzukommen. Hauptvorwurf gegen ihn war die häufige Beschäftigung „nichtarischer“ Künstler.

Canetti, Elias

Sohn einer wohlhabenden sephardisch-jüdischen Kaufmannsfamilie Schriftsteller, lebte ab 1938 in London. („Das Augenspiel”, „Die Fackel im Ohr”, „Die gerettete Zunge”, „Die Blendung”), Literatur-Nobelpreisträger 1981

Cassirer, Bruno
Verleger; Sohn eines jüdischen Ehepaares. England unter der Bezeichnung „bruno Cassirer Ltd” ist der Verlag ab 1938 in Oxford tätig.

Cassirer, Ernst
War Professor bis 1933 in Hamburg, dann als Emigrant in Göteborg, später in New York

Cederbaum, Moritz
Jahrgang 1910, arbeitete in Berlin Schöneberg bei der Victoria Versicherung. Diese entließ ihn am 1. April 1933 weil er Jude war. Am 8. Juli fuhr er mit dem Zug nach Paris, später dann nach Palestina.

Chain, Ernst Boris

Ernst Boris Chain, Sohn eines aus Russland nach Deutschland eingewanderten jüdischen Chemiefabrikanten, studierte Chemie und Medizin in Berlin an der Friedrich-Wilhelm-Universität und promovierte 1930 ebendort bei Wilhelm Schlenk. Er arbeitete von 1930 bis 1933 an der Charité in Berlin, wo er sich mit biochemischen Untersuchungen an Enzymen beschäftigte. Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung emigrierte er im April 1933 nach Großbritannien, wo er seine Forschungen am Institute for Biochemistry in Cambridge fortsetzen konnte. Am Gebäude Turmstrae 22, Haus der Gesundheit, befindet sich im Gebäudeinnerinnen eine Tafel: „Für die Entwicklung des Penicillins erhielt Ernst Boris Chain im Jahr 1945  den Nobelpreis für Medizin gemeinsam mit Sir Alexander Fleming und Sir Howard Walter Florey. Bis zu seiner Emigration 1933 lebte Ernst Boris Chain in seinem Heimatbezirk Tiergarten“.  Literatur: „Das Gedächtnis der Stadt“

Claudius, Eduard
Schriftsteller, seit 1932 Mitglied der KPD, kämpfte im spanischen Bürgerkrieg gegen Franco, nahm später an Untergrundbewegungen in Frankreich und Italien teil.

Czinner, Paul
Regisseur – ging 1933 über England in die USA, verheiratet mit Elisabeth Bergner.

Dember, Harry
war jüdischer Abstammung. Er studierte an der Technischen Hochschule Dresden und war dort in der Folge Professor am Lehrstuhl für Physik. 1933 sah er sich durch die Nationalsozialisten gezwungen zu emigrieren. 

Döblin, Alfred

Alfred Döblin stammte aus einer bürgerlichen jüdischen Familie. Er war 1933, einen Tag nach dem Reichstagsbrand, zur Emigration gezwungen, ging zuerst nach Paris wo er franz. Staatsbürger wurde. 1940 entkam er nach dramatischer Flucht, die er später in „Schicksalsreise“ beschrieb in die USA  („Berlin Alexanderplatz“). An seinem Wohnhaus in Berlin-Charlottenburg, Kaiserdamm 28, wurde vom Senat von Berlin eine Berliner Gedenktafel angebracht. 

Doberer, Kurt Karl

Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold| mit dem er 1933 noch eine Regierung Hitler  zu verhindern versuchte. Nach  Durchsuchung durch die Gestapo emigrierte Doberer Ende 1933 in die Tschechoslowakei

Dudow, Slatan Theodor
Regisseur – ging 1933 nach Frankreich und 1940 nach in die Schweiz.

Dupont, Ewald André
Regisseur – ging 1933 über England in die USA.

Durieux, Tilla
Schauspielerin – ging 1933 über Österreich nach Jugoslawien („Eine Tür steht offen, Erinnerungen”).

Eggebrecht, Axel
Deutschland deutscher Journalist und Schriftsteller. Künstlerkolonie Berlin. 1933 war Eggebrecht für einige Monate im Konzentrationslager Hainewalde inhaftiert. Er verlässt Deutschland.

Ehrenberg, Hans.
Er gehörte zu den Mitbegründern der Bekennenden Kirche und musste wegen seiner jüdischen Abstammung und wegen Auseinandersetzungen mit den Nationalsozialisten nach England emigrieren.

Ehrenstein, Albe
Zusammen mit vielen anderen Autoren stand Ehrensteins Name auf der Schwarzen Liste der Nazi-Studentenschaft. Bei der Bücherverbrennungam 10. Mai 1933 wurden seine Bücher auf den Scheiterhaufen geworfen. Emigrierte nach England. In den nächsten Jahren publizierte er in Zeitschriften der Exilliteratur. 1934 bereiste er die Sowjetunion, 1935 nahm er in Paris am „Kongreß zur Verteidigung der Kultur” teil. 

Einstein, Albert

er war mit Ehefrau auf Amerika-Tour und kehrte nicht nach Deutschland zurück; er emigrierte in die USA. Unter den Linden 8 (Staatsbibliothek) ist ein Reliefporträt: „Hier wirkte von 1914 bis 1932 Albert Einstein als Mitglied der Akademie der Wissenschaften“. Literatur: „Das Gedächtnis der Stadt“ Gedenktafeln in Berlin.

Eisler, Hanns

der in Leipzig 1898 geborene, Schüler Arnold Schönbergs, emigrierte 1933 aus Deutschland, ging 1938 nach Mexiko, 1939 in die USA. Während der McCarthy-Ära verließ er sie wieder, ging zunächst nach Wien, 1950 dann in die DDR. Seine österreichische Staatsbürgerschaft behielt bis zu seinem Tod 1962.

Erpenbeck, Fritz
Publizist, Schriftsteller, ab 1927 kommunistischer Journalist in Berlin, Chefredakteur der satirischen Zeitschrift „Eulenspiegel”, er emigrierte mit Frau Hedda Zinna zunächst nach Prag, dann nach Moskau.

Erwin, Ralph
schrieb die Musik für mehr als deutsche und französische Tonfilme, die bis 1933 teilweise noch deutsch-französische Gemeinschaftsproduktionen waren. 1933 musste Erwin wegen seiner jüdischen Herkunft nach Frankreich emigrieren. Er lebte in Paris und komponierte weiterhin.

Feder, Ernst
der jüdischer Herkunft war, gehörte in der Weimarer Republik zu einem Kreis linksbürgerlicher Journalisten und war zwischen 1919 und 1933 Ressortleiter für Innenpolitik beim Berliner Tageblatt. Ab 1933 wurde Paris zum Zentrum der linksbürgerlichen Publizistik und Exilpolitik und Feder nahm maßgebend an der Schaffung der wohl bekanntesten Exilzeitung, des Pariser Tageblattes teil.

Feld, Hans
Ab 1926 arbeitete er – zunächst als freier Mitarbeiter, dann als  Redakteur – für den Film-Kurier. 1932 wechselte Feld aus der Redaktion aus und ging als Dramaturg und Produktionsleiter zur Firma Aafa-Film AG. Doch kurz nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten musste Feld im März 1933 nach Prag ins Exil fliehen.

Felden, Emil Jakob
Er unternahm als Redner  gegen den Antisemitismus Reisen durch ganz Deutschland, ist von 1907 bis 1933 Pastor in Bremen und anschließend auf der Flucht vor der Gestapo.

Feuchtwanger, Lion
Lebte ab 1933 als Emigrant in Frankreich, wurde 1940 von der Vichy-Regierung bei Aix-en-Provence interniert, entkam nach den USA und lebte ab 1941 in Californien. („Die hässliche Herzogin „, „Jefta und seine Tochter”, „Jud Süß”, „Jüdin von Toledo”, „Goya”, „Oppermann”).

Flechtheim, Alfred

Der Kunsthändler und Verleger Alfred Flechtheim war im Berlin der 1920er-Jahre eine Berühmtheit. Seine Galerie war der Ort, wo vor allem Werke moderner Künstler gehandelt wurden. Als Fürsprecher moderner Kunst und als Jude stand Flechtheim im Fadenkreuz der Nationalsozialisten und musste bereits im Mai 1933 aus Deutschland fliehen. Nur einen Teil seines Galeriebestandes konnte er ins Exil nach London mitnehmen, wo es ihm nicht mehr gelang, beruflich Fuß zu fassen. (Siehe auch Bernhard Schulz „Verlust und Verfolgung“ im Tagesspiegel vom 11. Oktober 2013 und Berlin.de/2013 Zerstörte Vielfalt).

Fleck, Luise
österreichische Regisseurin – 1933 Rückkehr nach Österreich, 1940 Emigration nach China.

Fleck, Jakob
österreichischer Regisseur – 1933 Rückkehr nach Österreich, nach Internierung in Dachau 1938, 1940 Emigration nach China.

Flesch-Brunningen, Hans
Hans Flesch Edler von Brunningen. 1928 übersiedelte Flesch-Brunningen als freier Schriftsteller nach Berlin. Zugleich unternahm er Reisen nach Frankreich und Italien. Aber nach der „Machtergreifung” der Nationalsozialisten war kein Bleiben mehr in Deutschland. Er emigrierte 1933 über die Niederlande nach Großbritannien; Anfang 1934 erreichte er völlig mittellos London.

Frank, Bruno,
Schriftsteller.  * 13.6.1887 in Stuttgart, † 20.6.1945 in Beverly Hills. Bruno Frank − Sohn eines Bankiers − studierte Jura und Philosophie in Tübingen, München, Straßburg und Heidelberg. Er wurde in Tübingenzum Dr. phil. promoviert. Frank ging einen Tag nach dem Reichstagsbrand, am 28. Februar 1933, in die Emigration nach Österreich, dann in die Schweiz, später nach Frankreich und England. In der Emigration schrieb er seinen zweiten großen historischen Roman Cervantes (1934) nach Trenck (1926). 1937 erschien der Roman Der Reisepaß, der sich mit den Verhältnissen in Deutschland während der Herrschaft des Nationalsozialismus beschäftigt.

 

 

Frank, Leonhard
Mitglied der preußischen Dichter Akademie bis 1933, er emigriert über die Schweiz nach Frankreich.

Freud, Ernst Ludwig,

1892 in Wien geborener jüngster Sohn von Sigmund Freud, siedelte in den 20-Jahren nach Berlin und musste 1933 auf Druck der Nazis Berlin verlassen und emigrierte nach London. (Literatur:  Nicolai Kuhn in „So viel Fleisch, soviel Delikasse“ im Tagesspiegel 4. November 2013)

Frey, Alexander
lebte als freier Schriftsteller ab 1918 in München, muss 1933 über Österreich in die Schweiz emigrieren.

Friedlaender, Salomon
wenige Wochen nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten emigrierte Friedlaender nach Paris. Dort starb er im Alter von 75 Jahren am 9. September 1946. („Das Dritte Reich und die Juden”).

Friedmann, Wolfgang

Prof. Dr. jur. Wolfgang Gaston Friedmann, am 25. Januar 1907 in Berlin geboren, war Assessor beim Arbeitsgericht in Berlin. Ab dem 1. April 1933 wurde Friedmann wegen seiner jüdischen Abstammung zwangsweise von Justizdienst beurlaubt. Im Juli 1933 verhängten die Behörden ein Berufsverbot gegen ihn. Er emigrierte noch 1933 nach Großbritannien.

Gerron, Kurt

Kurt Gerron, geboren 1897 in Berlin, war in den zwanziger und frühen dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts ein berühmter Schauspieler, Sänger und Regisseur. Kurt Gerron singt die Ballade von Mackie Messer in Brechts »Dreigroschenoper« und wird über Nacht zum Star. 1933 floh er vor den Nationalsozialisten nach Paris und von dort über Österreich nach Amsterdam, wo er 1943 verhaftet und ins Lager Westerbork eingeliefert wurde. Ende Februar 1944 wurde er zusammen mit seiner Frau Olga nach Theresienstadt deportiert, wo er im August und September 1944 im Auftrag des Lagerkommandanten Karl Rahm den Film »Theresienstadt. Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet« drehte. Noch vor der Fertigstellung des Films wurden Kurt Gerron und seine Frau nach Auschwitz deportiert und dort am 30. Oktober 1944 – drei Tage bevor die Vergasungen endgültig eingestellt wurden – ermordet. (Literatur: Charles Lewinsky: Gerron. Roman, Lesung im Literaturhaus November 2011)

Gilbert, Jean,

eigentlich Max Winterfeld, 1879 in Hamburg geboren, war deutscher Komponist und Dirigent, komponierte Operetten, u.a. den Song „Puppchen, du bist mein Augenstern“, musste 1933 emigrieren, ging nach Madrid, über Paris und dann 1939 nach Argentinien. Dort leitete er das Orchester der Radiostation El Mundo. (Literatur: „Das gabs nur einmal“ von Marianne Gilbert)

Glaeser, Ernst
Dramaturg am Neuen Theater in Frankfurt und Mitarbeiter der Frankfurter Zeitung, flieht über London nach Zürich.

Gluecksohn-Waelsch, Salome
1933 mussten beide als Juden in die Vereinigten Staaten emigrieren. Ab 1936 arbeitete Salome an der Columbia University.

Goll, Yvan
promoviert zum Dr. jur und phil., flieht 1933 von Paris in die USA.

Gmeyner, Anna
Während der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Januar 1933 hielt sich Gmeyner in Paris auf, wo sie an den Drehbüchern mehrerer Filmprojekte von Georg Wilhelm Pabst arbeitete. Sie kehrte nicht nach Deutschland zurück, und noch 1933 wurde ihr Werk dort verboten. Ihre in Wien verbliebene Tochter Eva Maria Charlotte Michelle Wiesner (* 1925), zog 1933 zu ihrem Vater nach Edinburgh. Sie wurde später unter dem Namen Eva Ibbotson eine erfolgreiche Autorin von Kinderbüchern.

Gottowt, John
Regisseur, Darsteller – ging nach 1933 über Dänemark nach Krakau.

Goldschmidt, Louis

Er war  der Hauptgesellschafter des Hauses Gerson, Kaufhaus Gerson am Werderschen Markt in Berlin. Die Nazis nahmen ihn im März 1933 in „Schutzhaft“ und drängten ihn dann in die Emigration. (Literatur: „Vertreibung aus dem Feentempel“ von Gesa Kessemeier, im Tagesspiegel vom 17. November 2013″.

Graf, Oskar Maria
flieht 1933 nach Wien (10. Mai 1933: „Ich will auch verbrannt werden”) und dann 1934 über Moskau und Brünn nach Prag, dann 1938 in die USA.

Granach, Alexander
Der prominente Schauspieler des Staatsschauspiels erhält am 27. Februar 1933 seine Entlassung. Bevor er ins Exil geht prozessiert er erfolgreiche gegen den preußischen Staat und erhält und erhält vier Jahresgagen als Abfindung. Er ging nach einer Zwischenstation in der Schweiz nach Warschau. Im Frühjahr 1938 emigrierte er in die USA („Da geht ein Mensch”).   (Literatur: Thomas Blubacher “Gibt es etwas Schöneres als Sehnsucht ?”, Seite 194)

Grosz, George
Gehörte der KPD an. Bereits im Januar 1933 erkannte er die Zeichen der Zeit und emigrierte. Er verlässt mit seiner Frau Deutschland und übersiedelte nach New York; ihre Söhne lassen sie im Herbst 1933 nachkommen. Die Wohnung und das über 18 Jahre betriebene Atelier in der Trautenaustraße 121 Ecke Nassauische Straße  wurden aufgelöst. (Literatur: „Renèe Sintenis“ von Kettelhake und  „Das Gedächtnis der Stadt“)

Grosser, Alfred
geb. 1925 in Ffm, sein Vater war Direktor einer Frankfurter Kinderklinik, Sozialdemokrat und jüdischer Herkunft, außerdem Freimaurer, weshalb er 1933 mit seiner Familie nach Frankreich emigrierte. Grosser wurde 1937 französischer Staatsbürger. Er studierte Politikwissenschaft und Germanistik, machte sich besonders um die deutsch-französische Aussöhnung stark und bekam am 28. Juni 2012 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels.

Haber, Fritz
war seit Gründung der I.G. Farben 1925 in deren Aufsichtsrat. Nachdem die Nationalsozialisten 1933 an den Kaiser-Wilhelm-Instituten den Arierparagraphen durchsetzten und die jüdischen Mitarbeiter entließen, was auch er nicht verhindern konnte, ließ sich Haber im Mai 1933 in den Ruhestand versetzen. Er emigrierte im Spätherbst 1933 nach Cambridge, wohin er noch einen Ruf an die Universität erhalten hatte und starb kurz danach 1934 auf der Durchreise in Basel.

Hasenclever, Walter
1924 lernte er Kurt Tucholsky kennen. Mit großem Erfolg veröffentlichte er 1926 die KomödieEin besserer Herr” und 1928 die Komödie „Ehen werden im Himmel geschlossen”. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurden seine Werke verboten und nach der Bücherverbrennung aus den Bibliotheken entfernt. Hasenclever ging darauf hin ins Exil nach Nizza.

Hausmann, Raoul
österreichischdeutscher Künstler des Dadaismus, seine künstlerische Arbeit wurde zur „entarteten Kunst”  gestempelt. Seine Stationen waren Ibiza, Zürich, Prag, schließlich Paris von wo aus er während des Krieges nach Süd-Frankreich floh.

Heiden, Konrad

(Pseudonym: Klaus Bredow), deutscher Schriftsteller und Journalist. In der Zeit der Weimarer Republik war er SPD-Mitglied und einer der frühesten publizistischen Beobachter der NS-Bewegung. In den 30er Jahren schrieb er die erste bedeutende Biographie Adolf Hitlers. 1933 ging Heiden ins Exil und hielt sich illegal im Saarland auf. Dort verfasste er zwei getarnte Kampfschriften zur Beeinflussung der Volksabstimmung über das Saarland.

Heymann, Werner Richard

der Komponist prägte wie kaum ein anderer Komponist das Musikleben in Deutschland bis zum Aufstieg des Nationalsozialismus – und doch ist sein Name weithin unbekannt. Von ihm stammen „Ein Freund, ein guter Freund“, „Das gibt’s nur einmal, das kommt nicht wieder“ und „Irgendwo auf der Welt gibt’s ein kleines bisschen Glück“ (Literatur: Jüdische Kulturtage in Berlin 2011, anlässlich des 50. Todestages von Heymann).

Hermann, Georg

Kunstkritiker und freier Schriftsteller, muss 1933 kurz nach dem Reichstagsbrand nach  Holland emigrieren, wird 1943 ins holländische KZ Westerbork eingeliefert und im gleichen Jahr nach Auschwitz deportiert und ermordet. (Literatur: Kreuznacher Straße 28 Ecke Laubenheimer Straße ist eine Inschrift: „In den hier vormals stehenden Wohnhaus Nr. 2 lebte von 1931  bis zu seiner Emigration im Jahre 1933 Georg Hermann, Schriftsteller. Er schilderte in den Romanen „Jenchen Gebert“, „Henriette Jacobi“ und „Kubinke“ das Leben in Berlin. Aus „Das Gedächtnis der Stadt“).


Heym, Stephan
Helmut Flieg wurde am 10. April 1913 als Sohn einer jüdischen Chemnitzer Kaufmannsfamilie geboren. Er engagierte sich früh als Antifaschist und wurde 1931 auf Druck der örtlichen Nationalsozialisten wegen seines antimilitaristischen Gedichts „Exportgeschäft”, das am 7. September 1931 in der sozialdemokratisch orientierten   Tageszeitung Volksstimme erschien, vom Gymnasium seiner Heimatstadt verwiesen. Er legte seine Reifeprüfung am Heinrich-Schliemann-Gymnasium in Berlin unter dem damaligen Direktor Paul Hildebrandt ab und begann dort ein Studium der Journalistik. Nach dem Reichstagsbrand floh er am 11. März 1933 in die Tschechoslowakei, wo er den Namen Stefan Heym annahm. („Colin”, „Fünf Tage im Juni”, „Der Winter unseres Missvergnügens”, „Pargfrider”, „Nachruf”).

Hiller, Kurt
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde Hiller, der als Pazifist, Sozialist, Jude und Homosexueller den Nazis gleich vierfach verhasst war, insgesamt dreimal verhaftet, in den Konzentrationslagern Columbia-Haus, Brandenburg und Oranienburg inhaftiert und schwer misshandelt. Nach seiner Entlassung 1934, die auf hohe Fürsprache hin zustande kam floh er nach Prag und 1938 weiter nach London.

Hirsch, Leon
Gründer und Leiter des fliegenden KabarettsDie Wespen“ in Berlin (19281933). 1933 Emigration in die Schweiz sein Grab liegt auf dem Jüdischen Friedhof Bern.

Hirschfeld, Magnus
(*14. Mai 1868 in Kolberg; † 14. Mai 1935 in Nizza) war Arzt, Sexualforscher und Mitbegründer der ersten Homosexuellen-Bewegung., von einer Auslandsreise kehrte er nicht nach Berlin zurück; er ging direkt ins Exil. Am 6. Mai 2008 wurde das Spreeufer zwischen Luther- und Moltkebrücke nach Dr. Magnus Hirschfeld benannt. Genau 75 Jahre zuvor hatten die Nationalsozialisten Hirschfelds „Institut für Sexualwissenschaft“ geplündert.

Holländer, Friedrich
Flüchtete über Paris nach Hollywood mit dem englischen Schiff „Mary“.

Holitscher, Georg
führender Kommunist, flieht über Wien und Budapest nach Ascona und Genf.

Hornborstel, Erich Moritz von

Der Musikologe von Hornborstel gehörte innerhalb der Musikwissenschaft zu den ersten, die Tonaufnahmetechniken nutzten, um Gesänge außereuropäischer Völker zu analysieren – damit gilt er als Begründer der vergleichenden Methode in der Musikwissenschaft. Von Hornborstel verließ Deutschland noch im Jahr der nationalsozialistischen Machtübernahme und ging in die Schweiz, die USA und später nach England, wo er an die Universität Cambridge berufen wurde. (Literatur: www.Berlin.de/2013 Zerstörte Vielfalt)

Horváth, Ödön von
Horváths Ruhm als Dichter erlebt im Jahr 1931 einen ersten Höhepunkt, als er auf Anregung Carl Zuckmayers gemeinsam mit Erik Reger mit dem Kleist-Preis ausgezeichnet wird und sein bisher erfolgreichstes Bühnenstück „Geschichten aus dem Wiener Wald aufgeführt wird. Als die SA nach Hitlers Machtergreifung 1933 die Villa seiner Eltern in Murnau durchsucht, verlässt Horváth Deutschland und lebte in den folgenden Jahren in Wien und in Henndorf bei Salzburg als eines der wichtigsten Mitglieder des Henndorfer Kreises um Carl Zuckmayer.

Ilberg, Werner
Verlässt Deutschland nach Haft in der Papestraße und weiteren Gefängnissen.

Isherwood, Christopher
Von 1929 bis 1933 in Berlin lebender Engländer, homosexuell. „I had learned German simply and solely to be able to talk to my sexpartners.” Die Motive seiner Geschichten wurden zum Teil für das Musical Cabaret adaptiert. Isherwood sieht in Berlin die Entwicklung, vieler seiner Freunde werden gefangen, viele sind geflüchtet. Er verlässt „seine” Stadt am 13. Mai 1933. Am Haus Nollendorfstraße 17 befindet sich eine Erinnerungstafel.

Jacoby.Hellmuth
Rechtsanwalt in Berlin, er vertrat die Eisenbahnergewerkschaft und war politischer Gegner des Naziregimes.   (“Wir waren Nachbarn”, Ausstellung im Rathaus Schöneberg, 126 Biographien jüdischer Zeitzeugen).

Kahmann, Fritz
Nationalsozialismus und Emigration (1933 bis 1945). Kahmann noch einige Monate lang für die nun verbotene KPD illegal in Deutschland tätig.

Kantorowicz, Alfred

Schriftsteller, Publizist. 1933 verließ Kantorowicz gleich nach der Machtübernahme Hitlers Berlin und Deutschland – es hat ihn bis zu seinem Lebensende mit Stolz erfüllt, unter den ersten hundert von den Nationalsozialisten Ausgebürgerten gewesen zu sein. Die erste Station war Paris, wohin ihm seine erste Frau Friedel im März 1933 folgte. Am Haus Kreuznacher Straße 48 Ecke Bonner Straße ist eine Gedenktafel: „In diesem Haus der ehemaligen Künstlerkolonie lebte von 1931 bis 1933 Kantorowicz“. (Literatur: „Das Gedächtnis der Stadt“).

Karsen, Fritz

Am 21. Februar 1933 wurde Karsen von den Nationalsozialisten aus dem Schuldienst entlassen. Eine Woche später floh er mit seiner Familie aus Berlin, um einer Inhaftierung als Sozialdemokrat zu entgehen. Er lebte zunächst in Zürich, später in Paris. Dort gründete und leitete er eine Schule für Emigrantenkinder, die „École nouvelle de Boulogne“.

Katz, Henry William
österreichischer Schriftsteller und Journalist. Katz war Zeuge der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933. Er emigrierte zunächst nach Frankreich (Ankunft in Lyon am 17. Mai 1933). Von 1939 bis 1940 war er Soldat in der französischen Armee. Im März 1941 emigrierte er in die USA. Er gilt als Exilautor.

Kerr, Alfred
1900 bis 1919 lebt er als Theaterkritiker in Berlin, seit 1920 beim Berliner Tageblatt, Präsident des deutschen PEN – Club, unternimmt zahlreiche Auslandreisen, muss 1933 über die Schweiz nach Paris und 1935 nach London emigrieren. („Essays”, „Wo liegt Berlin”, siehe auch 15. Februar 1933).

Kerr, Judith
musste aufgrund ihrer jüdischen Herkunft, Tochter von Alfred Kerr, als Kind mit ihren Eltern 1933 aus Deutschland fliehen. („Als Hitler das rote Kaninchen stahl“).

Kesten, Herrmann
Lektor, literarischer Leiter bei Kiepenheuer, 1928 erhält er den Kleist Preis, flieht nach Paris, Brüssel, Nizza, London und Amsterdam.

Kessler, Harry Graf
Nach der nationalsozialistischen „Machtergreifung„ im März 1933 resignierte Kessler und  emigrierte zunächst nach Paris, dann nach Mallorca und schließlich in die südfranzösische Provinz. Er starb 1937 in Lyon.

Kisch, Egon Erwin
wird in der Nacht des Reichtagsbrand verhaftet und als tschechischer Staatsbürger einige Tage später nach Prag abgeschoben. Unter den Linden 60 Ecke Schadowstraße ist ein Reliefporträt Kischs: „Egon Erwin Kisch 1885 – 1948, Kommunistischer Journalist und Schriftsteller. Der rasende Reporter schrieb für die Arbeiter-Illustrierte-Zeitung deren Redaktion sich bis 1927 im Hause Schadowstraße 1b befand“. (Literatur: „Das Gedächtnis der Stadt“ Gedenktafeln in Berlin). Eine Bronzetafel am Haus Hohenstaufenstraße 36, dort lebte er in den 20er Jahren.

Kläber, Kurt
war ein deutscher Schriftsteller, der 1933 in die Schweiz emigrierte. Nach dem Reichstagsbrand wurde er als bekannter Kommunist verhaftet, kam aber durch die Hilfe seiner Frau bald wieder frei.

Klee, Paul
Wurde 1933 aus seiner Professur in Düsseldorf entlassen. Er verließ kurz darauf Deutschland und kehrte in seine Heimat Schweiz zurück.

Koestler, Arthur
der Sohn eines deutschsprachigen jüdischen Industriellen. Er erlebte in Ungarn das Ende der Habsburgermonarchie, sowie die kommunistische Revolution. 1933 verlässt er Deutschland.

Kolb, Anette
1933 emigrierte Annette Kolb nach Paris und löste sich damit völlig vom Deutschland der Nationalsozialisten; 1936 wurde sie französische Staatsbürgerin. 1941 floh die 71-jährige nach New York.

Kortner, Fritz
Die Familie Kortner löst 1932 den Berliner Wohnsitz auf und zieht nach Ascona (Schweiz), im September wagt die Familie noch einmal die Rückkehr nach Berlin. Im Februar 1933 erfolgte die Emigration über die Tschechoslowakei, Wien und Paris nach England („Aller Tage Abend”).   (Literatur: „Die Kortner-Hofer-Künstler-GmbH“, erschienen im Archiv der Akademie  der Künste)

Kowalke, Alfred
Ab 1931 arbeitete Kowalke hauptamtlich im ZK der KPD. 1932/1933 hielt er sich zu Studienzwecken in Moskau auf. Geb. 1907, seit 1925 Mitglied der KPD, versah Kurierdienste im Auftrag seiner Partei, kam im Sommer 1941 wieder nach Deutschland,  wurde am 4.2.1943 verhaftet, im November zum Tode verurteilt und im Zuchthaus Brandenburg hingerichtet. An seinem Wohnhaus Boxhagener Straße 51 befindet sich eine Gedenktafel. (Literatur: „Das Gedächtnis der Stadt“).

Kracauer, Siefried
Zwischen 1923 und 1925 verfasste er einen Essay mit dem Titel „Der Detektiv-Roman“, in dem er sich mit einem Alltagsphänomen der modernen bürgerlichen Gesellschaft beschäftigte. Kracauer 1930: „Nur sechzehn Stunden von hier nach Paris“. Einen Tag nach dem Reichstagsbrand floh er mit seiner Frau ins Exil  –  nach Paris, dorthin fuhren ja die Züge vom Anhalter Bahnhof, einst Glücksversprechen, jetzt letzte Rettung. Krakauer lebte von 1931 bis 1933 in Berlin-Charlottenburg, Sybelstraße 36. An diesem Haus ist ein Gedenktafel angebracht; der Platz davor, ein unscheinbar begrüntes Dreieck, heißt heute Kracauerplatz. (Literatur: „Die Zeit“, 21. Juli 2011 und Bernhard Schulz in „Nur sechzehn Stunden nach Paris“ im Tagesspiegel, 28. Juli 2011).

Kraft, Werner
1928 trat er eine Stelle als Bibliotheksrat bei der Vormals Königlichen und Provinzial-Bibliothek (der heutigen Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek) in seiner Heimatstadt Hannover an, wo er mit seiner Frau und zwei Kindern lebte. Nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten wurde er als Jude aus dem Dienst entlassen und emigrierte  nach Jerusalem.

Kressmann, Willy
SAPD leitender Mitarbeiter, musste im Oktober 1933 emigrieren. Die Jahre 1933 bis 1947 verbrachte er im Exil in Prag, in Österreich und in der Tschechoslowakei. (Im Nachkriegs-Deutschland war er einige Zeit Bezirksbürgermeister von Berlin Neukölln.)

Lachmann-More, Gerhard
Historiker, Jahrgang 1918, die Familie floh kurz nach dem Reichstagsbrand, bereits am 31. März 1933 in die Schweiz, dann über Frankreich, Großbritannien in die USA.

Land, Robert
österreichischer  Regisseur – floh 1933 nach Tschechien.

Langhoff, Wolfgang
Emigrierte in die Schweiz.

Landshoff, Ruth

Die Schauspielerin und Schriftstellerin Ruth Landshoff-Yorck war in den 1920er-Jahren eine prominente Figur im Berliner Kulturleben; auch in Murnaus Film „Nosferatu“ (1922) war sie zu sehen. 1933 emigrierte sie nach Frankreich, dann nach England, in die Schweiz und 1937 in die USA. Bis zu ihrem Tod 1966 lebte sie als Publizistin, Übersetzerin und Theaterautorin in New York. (Literatur: www.Berlin.de/2013 Zerstörte Vielfalt)

 Lasker-Schüler, Elsa

war eine deutsche Dichterin jüdischen Glaubens. Obwohl die Dichterin 1932 mit dem Kleist-Preis ausgezeichnet worden war, emigrierte sie am 19. April 1933 nach tätlichen Angriffen und angesichts der nationalsozialistischen Bedrohung ihres Lebens nach Zürich, erhielt dort jedoch Arbeitsverbot. Von Zürich unternahm sie zwei Reisen nach Palästina, 1934 und 1937. Im Jahre1938 wurde ihr die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt, und 1939 reiste sie zum dritten Mal nach Palästina. Der Kriegsausbruch hinderte sie an einer Rückkehr in die Schweiz.

Lasker, Emanuel
Mathematiker, Jahrgang 1868, wohnhaft in Berlin Schöneberg, 1894 kämpfte er um die Schachweltmeisterschaft, diesen Titel gewann er und behielt ihn 27 Jahre bis 1921, Emigration über Niederlande, Groß-Britannien, Sowjet Union in die USA.

Lederer, Franz
österreichischer Darsteller – beschloss 1933 während einer USA-Tournee, nicht nach Deutschland zurückzukehren.

Lehmann-Rußbüldt, Otto
pazifistischer Publizist, Mitbegründer des Bund Neues Vaterland (BNV) und Geschäftsführer der Deutschen Liga für Menschenrechte (DLM); floh 1933 aus Berlin über die Niederlande nach England.

Lenya, Lotte

Die Schauspielerin und Sängerin Lotte Lenya feierte seit der Uraufführung von Bertolt Brechts „Dreigroschenoper“ (1928) in Berlin große Erfolge. 1933 emigrierte sie mit ihrem ehemaligen und zukünftigen Ehemann, dem Komponisten Kurt Weill, in die Schweiz, später nach England und in die USA, wo sie am Broadway erfolgreich war. In den 1950er-Jahren kehrte sie nach Deutschland zurück, war aber auch in großen Hollywood-Produktionen und einem James-Bond-Film zu sehen. (Literatur: www.Berlin.de/2013 Zerstörte Vielfalt)

Leonhard, Susanne und Wolfgang

Wolfgang, Sohn von Susanne,  * 16. April 1921 in Wien als Wladimir Leonhard; † 17. August 2014 in Daun war ein deutscher Historiker. Er galt als einer der führenden Kenner der Sowjetunion, der DDR und des Kommunismus. Leonhard war Mitglied der Gruppe Ulbricht und wurde bekannt durch seinen Bestseller Die Revolution entläßt ihre Kinder. Von 1968 bis zu seinem Tod war er Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland

Wegen der zunehmend kritischer werdenden Sicherheitslage in Berlin besuchte Leonhard 1932 für ein Jahr das reformpädagogische Landschulheim in Herrlingen und wurde nach der NS-Machtübernahme im Herbst 1933 nach Viggbyholm bei Stockholm in ein Internat in Sicherheit gebracht. Seine Mutter blieb bis Frühsommer 1935 illegal in Deutschland.

Leopold Lindtberg,
Regisseur – ging 1933 über Paris, Warschau und Tel Aviv in die Schweiz.

Liebmann, Robert
Drehbuchautor, ging 1933 nach Paris, später in die USA, dann wieder nach Frankreich.

Lifschütz, Alexander
in Bremen. 1933 musste er als Jude in die Niederlande emigrieren, wo er als Anwalt in Amsterdam wirkte.

Lilien, Kurt

Lilien war in den 1920er Jahren ein populärer Operetten– und Revuestar, besonders in den Revuen von Herman Haller. Nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933 konnte er wegen seiner jüdischen Herkunft in Deutschland nicht mehr arbeiten und floh in die Niederlande. Dort fand er eine Beschäftigung bei dem gleichfalls emigrierten Rudolf Nelson. (Literatur: www.Berlin.de/2013 Zerstörte Vielfalt)

 Lindtberg, Leopold

Regisseur – ging 1933 über Paris, Warschau und Tel Aviv in die Schweiz.

Lorre, Peter
1904 als László Loewenstein in Rosenberg geboren. Als 1933 die Nationalsozialisten unter Adolf Hitler an die Macht kamen, ging Lorre, der jüdischer Abstammung war, zurück nach Wien (angeblich wurde ihm die Flucht von Joseph Goebbels persönlich nahegelegt). Seine letzte Filmrolle in Deutschland spielte er in Unsichtbare Gegner (1933). Ein geplantes Kaspar-Hauser-Projekt kam nicht mehr zustande.

Mack, Max

Der Filmregisseur Max Mack war ein Pionier des deutschen Stummfilms. Er verhalf insbesondere mit seinem Film „Der Andere“ (1913) mit dem berühmten Theaterschauspieler Albert Bassermann in der Hauptrolle dem geschmähten jungen Medium zu künstlerischer Anerkennung und machte es salonfähig. Mack gründete eigene Produktionsfirmen und experimentierte um 1928 mit dem neuen Tonfilm. Als Jude emigrierte er 1933, im Londoner Exil drehte er 1935 seinen letzten Film. (Literatur: www.Berlin.de/2013 Zerstörte Vielfalt)

Mahler, Kurt
musste wegen seiner jüdischen Herkunft emigrieren und ging nach Manchester. Ein Jahr später ging er nach Groningen.

Mann, Heinrich
Fasanenstr, 61, geflüchtet am 21. Februar, bereits am 15. Februar aus der Akademie    ausgeschlossen worden. Mann hatte am 19. Februar 1933 ein Konzertabend im privaten Rahmen besucht. Der ebenfalls anwesend französische Botschafter André Francois-Poncet nahm ihn beiseite und sprach nur einen Satz: „Wenn Sie über den Pariser Platz kommen, mein Haus steht Ihnen offen”. Mann verstand die verschlüsselte Warnung und nahm sie ernst. („Henri Quatre, Die Jugend des Königs”, „Henri Quatre Die Vollendung des Königs”, „Liebesspiele Groß”, „Professor Unrat”)  (Literatur: „Heinrich Mann, eine Biographie“ von Manfred Flügge und aus „Das Gedächtnis der Stadt“ :Gedenktafel Fasanenstraße 61 (gegenüber der Ludwigkirchstraße). Hier lebte Heinrich Mann 1932 und 1933. 

Mann, Klaus
Mit Ernennung Hitlers zum Reichskanzler wurde Klaus Mann zum aktiven Gegner des Nationalsozialismus und engagierte sich in dem Anfang 1933 von Erika gegründeten Kabarett „Die Pfeffermühle“, das mit seinem politisch-satirischen Programm gegen den Faschismus agierte. Er emigrierte nach Amsterdam, („Escape to Life”, „Rundherum”, „Distinguished visitors”, „Kind dieser Zeit”, „Mephisto”, „Symphonie pathétique”, „Tagebücher 1934 – 1935”, „Tagebücher 1931 – 1933), „Der Vulkan”, „Der Wendepunkt”).

Mann, Thomas und seine Ehefrau Katharina Mann
(„Buddenbrooks”, „Joseph und seine Brüder”, „Königliche Hoheit”, „Lotte in Weimar”, „Tagebücher 1930-1943”, „Tod in Venedig”).

Marcuse, Herbert
war ein deutsch-amerikanischer Philosoph, Politologe und Soziologe. Nach der Machtübertragung an Hitler verließ Marcuse 1933 Deutschland und ging in die Schweiz.

May, Joe


Der Filmregisseur und -produzent Joe May war einer der Pioniere des deutschen Films. Für Abenteuer- und Historienfilme errichtete er nach dem Ersten Weltkrieg eine „Filmstadt“ in Woltersdorf und brachte damit die Produktion von Monumentalfilmen nach Deutschland. May drehte aber auch sozialkritische und expressionistische Filme wie „Asphalt“ (1928). 1933 emigrierte er nach London, dann nach Hollywood, konnte aber in den US-Studios nicht an seine alten Erfolge anknüpfen. (Literatur: www.Berlin.de/2013 Zerstörte Vielfalt)

 May, Mia

Österreichische Darstellerin – ging 1933 gemeinsam mit ihrem Mann in die USA.

Mehring. Walter
einen Tag vor dem Reichstagsbrand wurde Mehring von einem Freund, der im Auswärtigen Amt arbeitet, gewarnt. Dieser erschien bei der Mutter von Mehring und sagte: “Ihr Sohn fühlt sich doch am wohlsten in Paris. Er sollte wieder nach Paris gehen” Auf die Frage der Mutter, wie lange er dort bleiben solle, sagte der Herr: “Ich würde sagen 15 Jahre”. Mehring fuhr zu Ossietzky, um auch ihn zu warnen. Doch Ossietzky wollte Deutschland nicht verlassen. Einen Tag später wurde Ossietzky verhaftet. Mehring wollte am Nachmittag noch zu  einer Veranstaltung auf der er lesen sollte. “Als ich da hin kam warnte mich Mascha Kaleko: Mehring Sie müssen verschwinden, da oben ist die Hakenkreuz Hilfstruppe mit einem Haftbefehl für Sie. Aber das Haus war schon umstellt. Einer der Polizisten fragte mich gehen Sie auch zum Mehring-Vortrag? Ich antwortete, ich gehe nie zu Vorträgen, ich wollte Kaffee trinken. Der SS-Mann ließ mich passieren”. Mehring ging direkt zum Abendzug nach Paris. („Die verlorene Bibliothek”)

Mendelsohn, Erich

war ein bedeutender Architekt des 20. Jahrhunderts. Am bekanntesten sind seine Werke der 1920er Jahre, die sich am ehesten als expressionistisch und organisch bezeichnen lassen. Beim Wohn- und Geschäftskomplex (WOGA), Kurfürstendamm 153–156, nahm er auch die Möglichkeit zur stadtplanerischen Konzeption wahr. Heute die weithin bekannte Schaubühne am Lehniner Platz. Eine Gedenktafel befindet sich in Berlin-Westend, Am Rupenhorn 6.

Meinhard, Carl

Meinhard wirkte zwischen 1918 und 1933 in mehreren Filmen als Schauspieler mit und war 1931 in der Crew bei der Verfilmung von Emil und die Detektive engagiert. Nach der Machtübergabe durch die Nationalsozialisten floh er 1933 nach Prag. 1936 wurde er nach Wien geholt, um in den Aufsichtsrat der Filmproduktionsfirma Sascha-Messter Filmfabrik einzutreten. Ende Mai 1938 floh er erneut vor den Nationalsozialisten nach Prag.

Mendelssohn, Eleonora

Eleonora von Mendelssohn war die Tochter des Privatbankiers Robert von Mendelssohn aus dem Bankhaus Mendelssohn. Sie war eine deutsche Schauspielerin und Kunstsammlerin. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten emigrierten Eleonora und Francesco von Mendelssohn, obwohl sie getauft waren und zunächst keine Repressalien zu befürchten hatten. Eleonora von Mendelssohn zog auf Schloss Kammer am Attersee.

Mendelssohn, Francesco

ein deutscher Cellist und Kunstsammler. Francesco von Mendelssohn kaufte Werke von Toulouse-Lautrec, Segantini und Camille Corot hinzu. Sein eigentliches Interesse aber galt der Musik und dem Schauspiel. Als Schüler von Pablo Casals zum Cellisten ausgebildet, hatte er in ganz Europa Konzertauftritte. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten emigrierten die Geschwister von Mendelssohn. Während Eleonora von Mendelssohn, die in zweiter Ehe mit einem Österreicher verheiratet war, sich zunächst auf Schloss Kammer zurückzog, lebte Francesco von Mendelssohn zwischen 1933 und 1935 hauptsächlich in Paris und Venedig. Er hatte jedoch auch Kontakte in die USA. 1933 inszenierte er am Broadway die Dreigroschenoper. (Literatur für Eleonora und Francesco von Mendelssohn: „Gibt es was Schöneres als Sehnsucht“ von Thomas Blubacher).

Morgan, Paul

Paul Morgan war schon lange Jahre als Kabarettist und Schauspieler im Film und auf den Bühnen Berlins zu sehen, als er 1924 das einflussreiche „Kabarett der Komiker“ auf dem Kurfürstendamm eröffnete. Im Mai 1933 floh er vor den Nationalsozialisten in seine Heimat Österreich, was seine Karriere jäh beendete. Nach dem „Anschluss“ Österreichs wurde er verhaftet und ins KZ Dachau, später ins KZ Buchenwald verschleppt. Geschwächt starb Morgan dort Ende 1938. (Literatur:www.Berlin.de/2013 Zerstörte Vielfalt).

Mosheim, Grete

1905 bis 1986. Die Kreuzbergerin Grete Mosheim war in den 1920er- und frühen 1930er-Jahren eine der bekanntesten Schauspielerinnen Berlins. Bereits mit 17 Jahren trat sie am Deutschen Theater auf, mit 19 auch im Film. Als Jüdin emigrierte sie 1933 zunächst nach Österreich, später nach England und in die USA, wo sie in einem von ihr mitbegründeten deutschsprachigen Theater in New York auftrat. Mosheim kehrte lediglich für Gastspiele nach Deutschland zurück, sie starb in New York. (Renaissance Theater, Berlin,  1963  in “Die Nacht des Leguan”). (Literatur: www.Berlin.de/2013 Zerstörte Vielfalt).

Münzenberg, Willi
(Wilhelm Münzenberg), *14. August 1889 in Erfurt; † Juni 1940 in Saint-Marcellin, Dépt. Isère, Frankreich, war ein deutscher Kommunist, Verleger und Filmproduzent. Mit dem Neuen Deutschen Verlag, seinen Zeitungen Welt am Abend, Berlin am Morgen und vor allem der Arbeiter Illustrierte Zeitung (AIZ) gehörte Münzenberg zu den einflussreichsten Vertretern der KPD der Weimarer Republik. Als einer der gesuchtesten Kommunisten als Propagandist und Organisator kommunistischer Verlage und Filmunternehmen emigrierte 1933 nach Frankreich.

Musil, Robert
lebte in Berlin, zwischen 1923 und 1929 wurde Musil in den Vorstand des Schutzverbandes deutscher Schriftsteller in Österreich zusammen mit Hugo von Hofmannsthal gewählt. In diesen Jahren werden Musil 1923 der Kleist Preis, 1924 der Kunstpreis der Stadt Wien und 1929 der Gerhart-Hauptmann Preis verliehen. Ab 1931 lebte Musil wieder in Berlin. Dort gründete in dieser Zeit Kurt Glaser eine Musil-Gesellschaft. 1933 wieder Umzug nach Wien. 1934 wurde die Berliner Musil-Gesellschaft aufgelöst, aber in Wien neu gegründet. In Wien wohnte er in der Rasumofskygasse 20 im dritten Bezirk, wo heute ein „Robert-Musil-Gedenkraum” zu besichtigen ist. Emigrierte nach Wien und ging 1938 in die Schweiz („Verwirrungen des Zöglings Törleß”; „Mann ohne Eigenschaften”).

Nebenzahl, Seymour
war ein deutsch-amerikanischer Filmproduzent. Seymour Nebenzahl, der jüdischen Glaubens war, ging zunächst nach Paris und 1938 nach Hollywood, wo er von 1942 an für die Producers Releasing Company (PRC) arbeitete.

Nebenzahl, Heinrich (Jesekiel/Chaskel),
Heinrich Nebenzahl entstammte einer kinderreichen jüdischen Familie. *1870 in Krakau; † 6. Juli 1938 in Le Vésinet bei Paris, war ein Filmproduzent,  ging 1933 nach Paris.

Nelson,Rudolf

* 8. April 1878 in Berlin; † 5. Februar 1960 ebenda; eigentlich Rudolf Lewysohn) war ein im Berlin der 1920er-Jahre berühmt gewordener Kabarettist, Pianist, Komponist und Theaterdirektor mit der Spezialität der „kleinen“ Kunst. Was wären die „Goldenen Zwanziger“ ohne Rudolf Nelson? Der Berliner Revuekönig schrieb Chansons, Schlager und mehr als 30 Revuen für sein nach ihm benanntes Theater am Kurfürstendamm – das Publikum liebte seine unpolitische Kleinkunst. Als Jude floh er schon 1933 vor den Nationalsozialisten nach Amsterdam, wo er ab 1934 ein Kabarett leitete. Der Deportation entging er nur knapp in einem Versteck. 1949 kehrte er nach Berlin zurück, 1953 erhielt er das Bundesverdienstkreuz. In Berlin, Kurfürstendamm 186 Ecke Wielandstraße befindet sich eine Gedenktafel: „In diesem hause wohnte der Komponist Rudolf Nelson 1922 bis 1932. (Literatur: „Das Gedächtnis der Stadt“, Gedenktafeln in Berlin)

Neufeld, Max
österreichischer Regisseur – kehrte 1933 nach Österreich zurück, von wo er 1936 weiter nach Spanien und Italien floh.

Nosseck, Max
Darsteller, Regisseur – ging 1933 über Spanien in die USA (1940).

Nussbaum, Arthur
Tätig an der Berliner Universität, von 1921 bis zu seiner Entlassung 1933, musste in die USA emigrieren und unterrichtete von 1934 bis 1951 an der Columbia University.

Nussbaum, Felix

Geb. 1904, deutsch-jüdischer Maler. In den Jahren um 1930 hatte er große Ausstellungserfolge in Berlin. Seine ersten Einzelausstellungen  schon 1927 in einer Osnabrücker Buchhandlung und 1928 in der Berliner Galerie Casper. Mit dem Beginn der Nazizeit lebte Nussbaum mit Felka Platek im Exil in Italien, Frankreich und schließlich ab 1937 in Brüssel (Belgien). Das Malerpaar heiratete 1937 in Brüssel. Nach einer Denunziation im Juni 1944 wurde das Ehepaar Nussbaum von der Wehrmacht inhaftiert und mit dem letzten Deportationszug vom Sammellager Mechelen nach Auschwitz gebracht, wo Felix Nussbaum am 2. August, vermutlich zusammen mit seiner Frau, ermordet wurde.  (Literatur: „Das Gedächtnis der Stadt“, Gedenktafel Xantener Straße  23).

Olden Rudolf

Der Journalist Rudolf Olden warnte als einer der ersten bereits vor dem Hitler-Putsch im Jahr 1923 vor der nationalsozialistischen Gefahr. Der für pazifistische und liberaldemokratische Blätter wie die Weltbühne schreibende Olden floh noch 1933 über die Tschechoslowakei nach England, kurz darauf wurden seine Schriften verboten und Olden ausgebürgert. Auf dem Weg in die USA wurde das Schiff, auf dem sich Olden und seine Frau befanden, von deutschen Torpedos versenkt. (Literatur: www.Berlin.de/2013 Zerstörte Vielfalt)

 

O’Montis, Paul

Der in Budapest geborene Sänger Paul O’Montis war seit Mitte der 1920er-Jahre für seine frechen Schlager bekannt, die er sowohl auf Kleinkunstbühnen als auch auf Schallplatten zum Besten gab. Als Jude und offen homosexueller Künstler floh er 1933 nach Wien, konnte aber an seine Berliner Erfolge nicht mehr anknüpfen. Später floh er weiter nach Prag, wo er jedoch verhaftet und ins KZ Sachsenhausen nahe Berlin verschleppt wurde. Dort wurde er eines Morgens erhängt aufgefunden.

 

Ophüls, Max
Eigentlich Max Oppenheimer, er war ein deutschfranzösischer Film-, Theater- und Hörspielregisseur, ging 1933 mit seiner Familie nach Paris.

Ollenhauer, Erich
Ollenhauer flieht am 6.5. nach Prag, 1938 nach   Paris, 1940 nach Spanien und Portugal, 1941 nach Großbritannien.

Oswald, Richard
Regisseur – ging 1933 über Österreich, Frankreich, Holland und England in die USA (1938).

Otto, Theodor
1904-1968, Deutschlands bekanntester Bühnenbildner, entwirft Bühnenbild für Goethes Faust II, Premiere am 22.1.1933, noch im gleichen Jahr emigriert er nach Zürich.

Ottwald, Ernst
Mitglied der KPD, emigriert über  Dänemark nach Moskau.

Pabst, Georg Wilhelm
Regisseur des 1929 gedrehten klassischen Films „Die Büchse der Pandorra” und einer Filmfassung von Bert Brechts und Kurt Weills „Dreigroschenoper”.

Palmer, Lilly
An ihrem damaligen Wohnhaus in Berlin-Westend, Hölderlinstraße 11, enthüllt am 24. Mai 1994, ist eine Gedenktafel: Hier lebte von 1917 bis 1932 Lilly Palmer, 24.5.1914 – 27.1.1986, Schauspielerin und Schriftstellerin, Sie debütierte erfolgreich am Rose-Theater. 1933 musste sie Deutschland verlassen. Erfolge in Hollywood und ihre Filme in Europa machten sie zu einer Schauspielerin von internationalem Rang.

Pallenberg, Max

Der österreichische Schauspieler Max Pallenberg war einer der bedeutendsten Charakterdarsteller und zugleich besten Komiker auf deutschen Bühnen in den 1910er- und 1920er-Jahren. Gemeinsam mit den Stars der Zeit trat er in Revuen und Operetten, aber auch in Brecht- und Goethe-Stücken auf allen großen Bühnen Berlins auf. Als Jude von den Nationalsozialisten angefeindet, verließ er 1933 Berlin und ging nach Wien. Pallenberg starb bald danach bei einem Flugzeugabsturz. (Literatur: www.Berlin.de/2013 Zerstörte Vielfalt)

 

Passikowa, Lydia
Geb. Mendelssohn, geb. 1922 in Leningrad, lebte ab 1927 mit der Mutter in Berlin, beide waren aber weiterhin russische Staatsbürger, 1933 nur mit Handgepäck nach Russland geflohen, den deutschen Behörden wurde als Reisegrund ein Kuraufenthalt genannt.

Paulick, Richard
Nach dem Studium in Dresden und Berlin hatte Paulick Kontakt zum Bauhaus in Dessau gefunden. Hier arbeitete er zum Beispiel mit Georg Muche zusammen. Von 1927 bis 1928 war Paulick Assistent von Walter Gropius am Bauhaus in Dessau. Ab 1930 leitete er ein eigenes Architekturbüro in Berlin. Als politisch aktiver Mensch, er war zeitweise SAP-Funktionär, musste er 1933 emigrieren, was ihm mit Hilfe seines Freundes Rudolf Hamburger gelang. Paulick lebte bis 1949 in Shanghai und arbeitete hier als Planer. 1940 wurde er zum Professor an der Universität in Shanghai berufen und war später Chef des dortigen Stadtplanungsamtes. Nach der Errichtung der Volksrepublik China verließ Paulick 1949 Shanghai.

Pauly, Rose

Die Sopranistin Rose Pauly sang ab 1927 in avantgardistischen Uraufführungen bei Otto Klemperer an der Kroll-Oper. Bereits Ende der 1920er-Jahre zum Hassobjekt erkoren, diffamierte Goebbels‘ Wochenzeitung Der Angriff sie als „wohl die greulichste jüdische Sängerin Berlins“. 1933 war sie von den ersten Aufführungsverboten betroffen und floh nach Prag. Auf allen großen Bühnen Europas, aber auch in Amerika hatte sie Gastspielauftritte. 1942 emigrierte sie, durch einen Sturz berufsunfähig, nach Palästina. (Literatur: www.Berlin.de/2013 Zerstörte Vielfalt)

 

Perls, Fritz und Paula
Wohnhaft Berlin-Schöneberg, Ansbacher Str. 53, heute Nr. 13, Psychoanalytiker, flohen 1933 nach Holland, 1934 emigrierten Sie nach Johannisburg.

Petersen, Jan
sein bürgerlicher Name lautet Hans Schwalm. Petersen war Mitglied der KPD und ab 1931 Organisationsleiter des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller Deutschlands. Auch nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten führte er – nun als Vorsitzender – den Bund illegal weiter und vertrat linke und antifaschistische Autoren. Auf dem 1. Internationalen Schriftstellerkongress 1935 in Paris trat Petersen anonym auf und informierte über die Zustände im nationalsozialistischen Deutschland. 

Pfemfert, Franz

Die Flucht aus Nazideutschland führte den engagierten, antinationalsozialistischen Publizisten und seine Frau über die Tschechoslowakei, Frankreich, Portugal und die USA schließlich nach  Mexiko, wo er sich als Photograph durchschlug. Seine Frau war seit 1929 Literaturagentin und Übersetzerin von Leo Trotzki. In der Folge entwickelte sich ein lebhafter Briefwechsel, nicht nur zwischen Pfemferts Frau und Trotzki, sondern auch zwischen Pfemfert und dem im Exil in der Türkei lebenden Trotzki (Pfemferts Frau und Trotzki korrespondierten auf russisch, Pfemfert und Trotzki auf deutsch, was kein Problem darstellte, da Trotzki sehr gut deutsch sprach). Das Ehepaar lebte und arbeitete von 1911 bis 1933 in der Nassauischen Straße 17. Dort befindet sich eine Gedenktafel. (Literatur: „Das Gedächtnis der Stadt“).

Pieck, Wilhelm
flieht nach Paris, am 25. Mai 1933.

Pinkus, Theo
Buchhändler, Jahrgang 1909, Heimatstadt Zürich, hat Berlin 1933 fluchtartig verlassen und sich so der Ausweisung und Verhaftung entzogen.

Pinschewer, Julius
Produzent und Pionier des Werbefilms. – ging 1933 über England und Holland in die Schweiz

Planer, Franz
war ein österreichischer Kameramann. 1933, nach der Machtergreifung der Nazis in Deutschland, kehrt er mit seiner jüdischen Frau nach Wien zurück. 1937 emigrierte er in die Vereinigten Staaten.

Plievier, Theodor
Redakteur des Organs des Soldatenrats und des Spartakus, muss 1933 über Prag, über die Schweiz, Paris und Schweden nach Moskau emigrieren, („Stalingrad”).  (Literatur: „Das Gedächtnis der Stadt“, Wiesenstraße 29, unweit der Panke, ist eine Gedenktafel: „Hier stand das Geburtshaus des Schriftsteller Theodor Plievier, geboren 17.2.1892, Berlin Wedding, gestorben 12.3.1955 Avegno/Schweiz“).

Pinschewer, Julius
Produzent – ging 1933 über England und Holland in die Schweiz.

Piscator, Erwin
Regisseur, Intendant – Sowjetunion, Frankreich, USA.

Pletti, Martin
Hatte sich der Gewerkschaft angeschlossen, wurde Vorsitzender des Gesamtverbandes, ist am 2. Mai verhaftet worden, nach mehreren Wochen haft wurde er entlassen, er konnte dann nach Holland fliehen.

Poelzig, Hans

Hans Poelzig war einer der bedeutendsten Architekten seiner Zeit und europaweit bekannt. Zugleich war er als Bühnenbildner und Filmausstatter – wie für den Film „Der Golem, wie er in die Welt kam“ (1920) – äußerst erfolgreich. Am 1. Januar 1933 zum Direktor der renommierten Vereinigten Staatsschulen für freie und angewandte Kunst ernannt, veranlassten die Nationalsozialisten bereits im April seine Entlassung. Noch vor seiner geplanten Emigration nach Ankara starb er. (Literatur: www.Berlin.de/2013 Zerstörte Vielfalt)

Polgar, Alfred

Der Feuilletonist Alfred Polgar entstammte den Wiener Kaffeehaus-Literatenzirkeln und kam Ende der 1920er-Jahre nach Berlin. Hier schrieb der von den besten Schriftstellern seiner Zeit wegen seines brillanten Stils gelobte Polgar für pazifistische Zeitschriften wie Die Weltbühne. Als linksliberaler Jude floh er 1933 nach Prag, später nach Paris und in die USA. Dort war er zunächst in Hollywood als Drehbuchautor tätig. Nach dem Krieg ließ er sich in der Schweiz nieder. (Literatur: www.Berlin.de/2013 Zerstörte Vielfalt)

 Pommer, Erich

Produzent – ging 1933 über Paris in die USA.

Proskauer, Erna
Geboren 1903 in Bromberg als Erna Aronson, kam 1920 nach Berlin. Sie gehörte zu der Generation von Frauen, die mit der Öffnung der Universitäten in der Weimarer Republik Jura studierten. Nach ihrer Ausbildung mit er Befähigung zum Richteramt wurde ihr mit dem staatlich betriebenen Antisemitismus der NS-Zeit der Beruf genommen. Mit ihrem Mann floh sie 1933 nach Haifa/Palästina und kehrte erst in den 1950er Jahren aus Israel nach West-Berlin zurück.  (Literatur: „Aufeinander hören – Miteinander leben“ Veranstaltungshinweise der Gesellschaft für Christlich-jüdische Zusammenarbeit in Berlin e.V. für die Zeit der Woche der Brüderlichkeit 2011).

Rehfisch, Hans José

Hans José Rehfisch war als Schriftsteller und Spielleiter des Theaters am Schiffbauerdamm eine Größe im Berliner Kulturleben. 1933 verdrängten die Nationalsozialisten den politisch links orientierten Rehfisch und nahmen ihn kurzzeitig in Haft. Auf freiem Fuß, floh er nach Wien, später nach London, wo er weiterhin schöpferisch tätig blieb. Nach dem Krieg ging er in die USA, kam später aber auch nach Deutschland zurück, bis er sich schließlich in der Schweiz niederließ. (Literatur: www.Berlin.de/2013 Zerstörte Vielfalt).

Reich, Wilhelm
Arzt, Psychoanalytiker, Österreicher, Jahrgang 1897. Am 2. März1933 erschien im Völkischen Beobachter ein gegen ihn gerichteter Artikel. Einige Tage später verlies er mit seinem österreichischen Pass als Skitourist Deutschland. Am Tag des Reichstagsbrands hatte er bereits seine Kinder zu den Großeltern nach Wien in Sicherheit gebracht.

Reichenbach, Hans

Der Geistes- und Naturwissenschaftler Hans Reichenbach lehrte seit 1926 Philosophie der Physik an der Berliner Universität. Der Sozialist, der den Nationalsozialisten als Jude galt, wurde schon wenige Tage nach der Machtübernahme entlassen. Zu diesem Zeitpunkt befand er sich bereits auf dem Weg in die Türkei, um an der Universität Istanbul zu arbeiten. 1938 zog er weiter nach Los Angeles, wo er an der University of California bis zu seinem Tod Philosophie lehrte.

Regler, Gustav
war ein deutscher Schriftsteller und Journalist. 1929 trat Regler der KPD bei. War Mitarbeiter am Berliner Tageblatt und der Fürther Morgenpresse. Nach dem Reichstagsbrand 1933 floh Regler vor der Gestapo über Worpswede und das Saarland nach Paris.

Reinhardt, Max
emigrierte nach Österreich.

Rainer, Luise
Darstellerin – ging nach 1933 in die USA.

Reichenbach, Hans
musste  mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 emigrieren. Er ging in die Türkei (Haymatloz) und erhielt dort eine Professur.

Reisch, Walter
österreichischer Regisseur – 1933 Rückkehr nach Österreich, 1937 Emigration in die USA.

Remarque, Erich Maria
1933 verließ Remarque Deutschland und lebte zunächst in Porto Ronco im SchweizerKanton Tessin. Hier nahm er Kontakt zu anderen emigrierten deutschen Schriftstellern auf (u. a. Thomas Mann, Carl Zuckmayer, Ernst Toller, Else Lasker-Schüler, Ludwig Renn) und gewährte anderen Emigranten aus Deutschland Unterschlupf. Seine pazifistischen Bücher wurden 1933 nach der Machtergreifung der NSDAP in Deutschland von den Nazis, wegen „literarischen Verrates am Soldaten des Weltkrieges, für Erziehung des deutschen Volkes im Geiste der Wehrhaftigkeit”, verbrannt.  („Arc de Triomphe”, „Der Funke Leben”, „Der Himmel kennt keine Günstlinge”, „Schatten im Paradies”). (Literatur: Am 29. Januar 1933 saß Remarque in einem Berliner Café. Ein Unbekannter kam an seinen Tisch, legte ihm einen Zettel hin auf dem geschrieben stand, es sei empfehlenswert Deutschland zu verlassen. Er setzte sich sofort in seinen Wagen und fuhr direkt durch bis in die Schweiz. Aus: Wilhelm von Sternburg: “Als wäre alles das letzte Mal”).

Richter, Hans
1926 verwendete Richter in „Filmstudie” erstmals Bestandteile aus der gegenständlichen Welt, die er jedoch durch geschickte Montage zu abstrakten Stilelementen umfunktioniert. Über die Niederlande und die Schweiz konnte Richter 1933 emigrieren, doch erst 1940 glückte ihm die Auswanderung in die Vereinigten Staaten.

Robitschek, Kurt

Robitschek begann in Wien seine Kabarettisten-Karriere mit viel Gespür für jüdischen Witz und Musikalität. 1924 gehörte er zu den Gründern des „Kabarett der Komiker“, das Zeitkritik und Unterhaltung in überaus erfolgreicher Weise verband. Noch im Jahr der Machtübernahme der Nationalsozialisten emigrierte er zurück nach Wien, ging später nach London und 1938 nach New York. Seine engagierten Versuche, dort eine Kabarettbühne aufzubauen, scheiterten jedoch. (Literatur: www.Berlin.de/2013 Zerstörte Vielfalt).

Roda Roda, Alexander
* 13. April 1872 in Drnowitz, Mähren als Sándor Friedrich Rosenfeld, war ein österreichischer Schriftsteller und Publizist. Nach Hitlers Machtergreifung in Deutschland 1933 übersiedelte Roda Roda nach Graz und reiste 1938 wenige Tage vor dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich in die Schweiz aus. Am 1. November 1940 forderten ihn die Schweizer Behörden auf, bis zum Jahresende das Land zu verlassen und untersagten ihm zugleich jede Tätigkeit für schweizerische Medien. Roda Roda emigrierte in die USA. Dort blieben die Bemühungen des mittlerweile Siebzigjährigen um einen schriftstellerischen Broterwerb ohne größeren Erfolg. („Wilde Herren, Wilde Liebe, Die Pandura”). Er lebte von 1920 bis 1933 in Berlin-Schöneberg, Innsbrucker Str. 44; eine Gedenktafel ist an diesem Haus.

Roth, Emmy

Die angesehene Silberschmiedin Emmy Roth formte wertvolle Alltagsgegenstände von vollendeter Schönheit: Zuckerdosen, Mokkakannen oder extravagante Services im modernen, sachlichen Bauhausstil. Seit 1916 mit eigener Werkstatt, präsentierte Emmy Roth ihre Arbeiten auf Messen. Amerikanische Medien wie das New Yorker Kunstmagazin Creative Art widmeten ihr Artikel, und sie erhielt internationale Aufträge. 1933 emigrierte sie nach Frankreich, später nach Palästina. (Literatur: www.Berlin.de/2013 Zerstörte Vielfalt).

Roth, Joseph
bereits Febr. 33, flieht über Wien, Salzburg, Marseille und Nizza nach Paris („Die Geschichte der 1002. Nacht”, „Das Spinnennetz”, „Roth in Berlin”).

Ledig-Rowohlt, Heinrich Maria
Verleger, flüchtete nach Brasilien.

Rubinstein, Hilde
Als Mitglied der KPD wurde Hilde Rubinstein 1933 inhaftiert, sie emigrierte 1934 über Belgien und die Niederlande 1935 nach Schweden.

Rühle, Otto
Von 1925 bis zum Ende der Weimarer Republik war Rühle als Bildungsreferent der Gemeinschaft proletarischer Freidenker (GpF) tätig und widmete sich vornehmlich kulturhistorischen Studien. In der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, ging er mit Alice Rühle-Gerstel nach Mexiko ins Exil. Mitte der 1930er Jahre wirkte er in einer Kommission, die die im Moskauer Schauprozess gegen Leo Trotzki erhobenen Vorwürfe überprüfte.

Ruschin, Günter
verlässt Deutschland.

Sahl, Hans
nach seiner Promotion (1924) über altdeutsche Malerei arbeitete er in Berlin von 1926 bis 1932 bei verschiedenen Zeitungen wie beim „Berliner Börsen-Courier„ und dem „Montag Morgen”. 1933 emigrierte Sahl über Prag und Zürich, wo er u. a. Texte für das Kabarett „Die Pfeffermühle„ schrieb, nach Paris.

Saltenburg, Heinz

Heinz Saltenburg war in den 1920er-Jahren einer der erfolgreichsten Theaterleiter Berlins. Seine Häuser, zu denen zeitweise auch das Theater am Kurfürstendamm gehörte, führten vor allem die beliebten Operetten auf. In der Weltwirtschaftskrise ruiniert und ab 1933 als Jude verfolgt, emigrierte er zunächst nach Österreich. 1935 ging er nach London, wo ihm als Theaterproduzenten, Leiter einer Kleinkunstbühne sowie als Librettist noch einige Achtungserfolge vergönnt waren. (Literatur: www.Berlin.de/2013 Zerstörte Vielfalt).

Schachmeister, Efim

1894 – 1944. In den 1920er-Jahren brachte er Berlin zum Tanzen: der Geiger Chaim „Efim“ Schachmeister. Um 1910 nach Berlin gekommen, war er seit 1923 Leiter verschiedener Tanzorchester und spielte in den besten Tanzlokalen. Seine Kombination aus Jazz und traditioneller jüdischer sowie Roma-Musik war auch auf Schallplatten äußerst erfolgreich. Als Jazz-Geiger und Jude musste er 1933 fliehen – er starb im Exil in Buenos Aires.

Schaxel, Julius
Er war von 1918 bis zu seiner Emigration 1933 außerordentlicher Professor für Zoologie in Jena.

Scheidemann, Philipp

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 wurde Scheidemann massiv bedroht. Scheidemann emigrierte im März 1933 zunächst nach Prag, ehe er über die Schweiz, Frankreich und die USA nach Dänemark gelangte. Durch Nennung seines Namens auf der ersten Ausbürgerungsliste des Deutschen Reichs wurde ihm im August 1933 die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt. Obwohl sich seine gesundheitliche Lage verschlechterte, beobachtete er die Entwicklung in Deutschland aufmerksam und veröffentlichte unter einem Pseudonym Beiträge in der dänischen Arbeiterpresse. Am 29. November 1939 starb er in Kopenhagen. Am Reichstagsgebäude befindet sich eine Tafel: „Von diesem Balkon rief der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann am 9.11.1918 die deutsche Republik aus“. (Literatur: „Das Gedächtnis der Stadt“).

Schickele, René
ein deutsch-französischer Schriftsteller, Essayist und Übersetzer. Schon im Jahr 1932 ahnte er die drohende Machtergreifung durch die Nationalsozialisten und emigrierte in das südfranzösische Sanary-sur-Mer, einem kleinen Fischerdorf, in dem Katherine Mansfield lebte sowie auch Heinrich und Thomas Mann, Arnold Zweig, Franz Werfel, Lion Feuchtwanger, Ernst Toller, Bert Brecht und andere deutsche Literaten.

Schönberg, Arnold
war ein österreichischer Komponist, Musiktheoretiker, Lehrer, Maler, Dichter und Erfinder jüdischer Herkunft. Seit seiner Emigration nach Amerika 1933 schrieb er sich Schoenberg.

Schwarz, Vera

Die aus Kroatien stammende Opernsängerin Vera Schwarz trat auf den großen Bühnen auf, nicht nur zwischen Wien und Berlin, sondern in ganz Europa. Sie wirkte sowohl in großen Inszenierungen der Staatsoper Unter den Linden als auch in Operetten des Metropol-Theaters mit. 1933 floh sie zuerst nach Österreich, später nach England und in die USA, wo sie ihre Karriere mit Erfolg fortsetzen konnte. Nach dem Krieg kehrte sie nach Wien zurück und bildete den Sänger-Nachwuchs aus. (Literatur: www.Berlin.de/2013 Zerstörte Vielfalt)

Seghers, Anna
bürgerlich Netty Radványi, gebürtig Reilin) war eine deutsche Schriftstellerin. Sie wohnte in Berlin Helmstedter Straße, nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde Anna Seghers kurzzeitig von der Gestapo verhaftet; ihre Bücher wurden in Deutschland verboten und verbrannt. Sie muss nach Frankreich emigrieren und von dort 1940 nach Mexiko („Das siebte Kreuz”, „Transit”, „Mann der Höhle”, „Reise ins Elfte Reich”, „Hochzeit von Haiti”, „Crisanta”, „Schilfrohr, „Steinzeit”).

Seidlin, Oskar
US-Amerikanischer Germanist und Autor deutscher Herkunft. Geboren als Oskar Koplowitz, Sohn einer jüdischen Familie in Chorzów, Oberschlesien (ehemals Königshütte) studierte Oskar Seidlin Literatur und Philosophie in Freiburg, Frankfurt und Berlin (u.a. als Schüler von Theodor W. Adorno). 1933 emigrierte Seidlin in die Schweiz, wo er sich als freier Mitarbeiter bei schweizer Zeitschriften über Wasser hielt.

Seydewitz, Max
Nach einer Buchdruckerlehre schloss Seydewitz sich 1910 der SPD an, von 1918 bis 1920 arbeitete er als Redakteur des sozialdemokratischen Volksblattes in Halle/Saale. 1933 nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten und dem Reichstagsbrand ging Seydewitz ins Exil, Stationen waren die Tschechoslowakische Republik, die Niederlande, Norwegen und 1940 nach Schweden.

Sievers, Max

schloss sich 1919 der USPD an und wechselte 1920 in die KPD über; er war zeitweise der Sekretär ihrer Zentrale. Diese verließ er jedoch nach kurzer Zeit, in Kritik an der Märzaktion 1921, und schloss sich der kurzlebigen Kommunistischen Arbeitsgemeinschaft (KAG) an, deren geschäftsführendem Ausschuss er angehörte. Nach dem Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 wurde Sievers im SA-Gefängnis Papestraße in „Schutzhaft“ genommen. Im April 1933 wurde er überraschend freigelassen und emigrierte nach Brüssel. Am 23. August 1933 vollzog Deutschland die Ausbürgerung Sievers‘ – er war einer der Persönlichkeiten, die auf der Ersten Ausbürgerungsliste des Deutschen Reichs von 1933 standen. Gedenktafel mit einem Porträt am Haus Gneisenaustr. 41 in Berlin-Kreuzberg. (Literatur: „Das Gedächtnis der Stadt“).

Silverberg, Paul
Silverberg, der letzte frei gewählte Präsident der Industrie- und Handelskammer Köln. Im April musste der protestantische Silverberg aufgrund seiner jüdischen Herkunft in die Schweiz emigrieren.

Simon, Hugo

Im Haus des Bankiers und Kunstmäzens Hugo Simon trafen sich Berliner Künstler und Linksintellektuelle. Nach der Novemberrevolution 1918 war Simon als USPD-Mitglied einige Monate Finanzminister Preußens; in die Ankaufskommission der Berliner Nationalgalerie brachte er wiederum seinen Kunstverstand ein. 1933 emigrierte er nach Paris, wo er andere Flüchtlinge unterstützte, 1941 entkam er nach Brasilien. Seine wertvolle Kunstsammlung geriet weitgehend in fremde Hände. (Literatur: www.Berlin.de/2013 Zerstörte Vielfalt).

 

Siodmak, Robert

1900 – 1973. Robert Siodmak führte seit Ender der 1920er-Jahre für die UFA und andere Filmgesellschaften bei mehreren Spielfilmen Regie. Nachdem seine Adaption eines Romans von Stefan Zweig von den NS-Machthabern verboten wurde, emigrierte Siodmak 1933 nach Paris. Mit Ausbruch des Krieges ging er schließlich nach Hollywood, wo er als Regisseur, Drehbuchautor und Produzent vor allem das Genre des Film noir prägte. Seit den 1950er-Jahren drehte Siodmak auch wieder in Deutschland. (Literatur: www.Berlin.de/2013 Zerstörte Vielfalt).

Sorel-Abramowitsch, Ruth

Die Solotänzerin Ruth Sorel-Abramowitsch glänzte nicht nur auf der Bühne der Städtischen Oper, sondern faszinierte auch in Aufführungen eigener sozialkritischer Tanzbilder, mit denen sie schon 1930 als „verdächtige“ Künstlerin galt. 1933 als Jüdin entlassen, entkam sie nach Warschau, wo sie mit „Salome“ den internationalen Solotanz-Wettbewerb gewann. Ab 1940 erneut auf der Flucht, ließ sie sich nach jahrelanger Odyssee in Kanada nieder und gründete eine Tanzgruppe. (Literatur: www.Berlin.de/2013 Zerstörte Vielfalt)

 Spencer, Franz

eigentlich Franz Schulz, Drehbuchautor, 1933 emigrierte Schulz zunächst nach Prag und dann über England nach Hollywood. Nach seiner Vorlage schrieben sein ehemaliger Co-Autor Billy Wilder und Charles Brackett das Drehbuch zur Komödie „Enthüllungen um Mitternacht”.

Sperber, Manès
Nach der „Machtergreifung„ durch Adolf Hitler im Deutschen Reich tauchte Sperber zunächst in Berlin unter, das heißt, er betrat seine Wohnung nicht mehr. Durch eine Verkettung verschiedener Umstände kehrte er jedoch für eine Nacht dorthin zurück und wurde in den frühen Morgenstunden des 15. März 1933 von Polizisten und SA verhaftet und in so genannte „Schutzhaft„ genommen. Nachdem er einen Monat in verschiedenen Gefängnissen verbracht hatte, wurde er als österreichischer Staatsbürger am 20. April 1933, dem Geburtstag Hitlers, freigelassen mit der Aufforderung, das Deutsche Reich umgehend zu verlassen. Am 24. April fuhr Sperber von Berlin nach Wien.

Spira-Ruschin, Steffie
Steffie (Stephanie) Spira-Ruschin (* 2. Juni 1908 in Wien; † 10. Mai 1995 in Berlin) war eine DEFASchauspielerin. Sie prägte als Volksschauspielerin die sozialistische Theaterkultur der DDR entscheidend. Spira-Ruschin spielte unter anderem in Theaterstücken von Bertolt Brecht, Gerhart Hauptmann und Nikolai Wassiljewitsch Gogol und wirkte in Film und Fernsehen mit. 1931 trat sie in die KPD ein und wurde dort Mitbegründerin der Theater-Truppe 1931. Verheiratet war sie seit 1931 mit dem Regisseur Günther Ruschin. 1933 emigrierte sie in die Schweiz.  (Literatur: „Die Ost-West-Schwestern Camilla und Steffie Spira“ in „Deutsche Schwestern“ von Cornelia Geißler).

Spoliansky, Mischa

Der aus Białystok stammende Musiker Mischa Spoliansky war in den 1920er-Jahren nicht nur einer der erfolgreichsten Kabarettkomponisten, sondern auch ein bedeutender Interpret klassischer Werke am Klavier. 1920 schuf er mit „Das lila Lied“ die erste Hymne der Homosexuellenbewegung. Als Jude im Fadenkreuz der Nationalsozialisten, ging Spoliansky 1933 nach London, wo er hauptsächlich Filmmusik, aber auch gegen Hitler-Deutschland gerichtete Lieder komponierte. (Literatur: www.Berlin.de/2013 Zerstörte Vielfalt).

Stampfer, Friedrich
Sohn eines jüdischen Rechtsanwalts geboren, machte er schon als Gymnasiast beim sozialdemokratischen Volksfreund in Brünn die ersten journalistischen Versuche. Im August 1933 veröffentlichten die Nationalsozialisten die Erste Ausbürgerungsliste des Deutschen Reichs, in welcher auch Stampfer gelistet war. 1933 emigrierte Stampfer nach Prag. Er gehörte dort dem Exilvorstand der SPD an, gab einige Zeit den Neuen Vorwärts heraus und spielte eine wichtige Rolle bei Aufbau, Leitung und Theoriebildung der Partei im Exil.

Stark, Werner
Er musste nach England emigrieren und kehrte erst 1975 nach Österreich zurück.

Steel, Johannes
eigentlich Herbert Stahl, jüdischer Abstammung war, wuchs in Elberfeld auf. Nach dem Abitur studierte er in Heidelberg, Oxford, Genf und Berlin. Bereits kurz nach der nationalsozialistischen Machtergreifung musste er 1933 über Frankreich ins Vereinigte Königreich fliehen, wo er im Herbst des Jahres unter dem Autorennamen Johannes Steel ein Buch über das NS-Regime veröffentlichte (Hitler as Frankenstein), das wegen einiger  eingetretener Vorhersagen Aufsehen erregte. Anfang 1934 emigrierte er weiter in die Vereinigten Staaten.

Stöcker, Helene

Sie war eine deutsche Frauenrechtlerin, Sexualreformerin, Pazifistin und Publizistin. Sie gründete 1905 den Bund für Mutterschutz. Als die Nazis die Macht in Deutschland übernahmen, floh sie über die Schweiz und Schweden in die Vereinigten Staaten, wo sie 1943 völlig mittellos an Krebs verstarb. Frau Stöcker lebte in Berlin-Zehlendorf, Münchowstraße  1. An ihrem Wohnhaus befindet sich eine Gedenktafel. Literatur: „Das Gedächtnis der Stadt“.

Strassner, Joseph

1887 – 1965. Der Berliner Moderschöpfer Joseph Strassner war auch ein bedeutender Kostümbildner. Er machte sich in den 1920er-Jahren mit einem Modesalon auf dem Kurfürstendamm einen Namen und entwarf bald opulente Kostüme für große Filmproduktionen der UFA. Als Jude wurde er 1933 entlassen und ging nach Hollywood. Anknüpfen an alte Erfolge konnte er jedoch erst wieder in Produktionen eines Filmemachers, der einst selbst in den Filmstudios in Babelsberg drehte: Alfred Hitchcock. (Literatur: www.Berlin.de/2013 Zerstörte Vielfalt)

 

Szilárd, Leo
war ein ungarisch-deutscher-amerikanischer Physiker und Molekularbiologe.  1932 wechselte er nach der Entdeckung des Neutrons ganz zur Kernphysik, seine schon geplanten Experimente im Labor von Lise Meitner realisierte er aber aufgrund der Machtergreifung der Nationalsozialisten nicht mehr in Deutschland, sondern musste sich nach dem Reichstagsbrand 1933 erst nach Wien und dann nach England begeben.

Taut, Bruno

Architekt, 1921 Stadtrat von Magdeburg, 1924 Architekt der GEHAG, 1930 Professor für Wohnungsbau und Siedlungswesen an der Technischen Universität Berlin. 1931 Mitglied der Preußischen Akademie der Künste. 1933 wurde Bruno Taut von der Beteiligung an allen öffentlichen Bauvorhaben ausgeschlossen und emigrierte nach Japan, 1936 in die Türkei, 1938 ausgebürgert. Gedenktafel Argentinische Allee Ecke Riemeisterstraße.  (Literatur: „Das Gedächtnis der Stadt“).

Tergit, Gabriele

Ihr Roman „Käsebier erobert den Kurfürstendamm“ wurde 1931 ein Bestseller. Als Jüdin und NS-Gegnerin floh sie im März 1933 mit Mann und Kind. Im Exil – zunächst Prag, dann Tel Aviv und London – geriet sie weitgehend in Vergessenheit. (siehe auch 5. März 1933).

Tetzner, Lisa

Die Kinderbuchautorin Lisa Tetzner zog in den 1920er-Jahren als erfolgreiche Märchenerzählerin über die Dörfer. Ab 1927 arbeitete sie beim Berliner Rundfunk für den Kinderfunk, dessen Leitung sie 1932 übernahm. Tetzner emigrierte im März 1933 mit ihrem Ehemann, dem KPD-Politiker Kurt Kläber, in die Schweiz, wo sie gemeinsam Kinderbücher wie „Die schwarzen Brüder“ verfassten. 1938 wurde sie ausgebürgert und erhielt nach dem Krieg die Schweizer Staatsangehörigkeit. (Literatur: www.Berlin.de/2013 Zerstörte Vielfalt)

 

Thalheimer , August
deutscher kommunistischer Politiker und Theoretiker. 1933 emigrierte er nach Frankreich, wo er die Exilstrukturen der KPO   leitete, von wo ihm nach dem deutschen Einmarsch 1941 die Flucht nach Kuba gelang.

Tillich, Paul Johannes
war ein deutscher und später US-amerikanischer protestantischer Theologe (Dogmatiker) und Religionsphilosoph. 1933 wurde er, nachdem er mit Die sozialistische Entscheidung eine Schrift gegen den Nationalsozialismus veröffentlicht hatte und weil er den Religiösen Sozialisten angehörte, aufgrund des Berufsbeamtengesetzes aus dem Staatsdienst entlassen, worauf er Deutschland verließ.

Timm, Bruno
war ein deutscher Kameramann. Nach seiner Emigration 1933 wirkte er meist alleinverantwortlich. Timm fotografierte Musikkomödien, Abenteuerfilme mit Harry Piel und  Unterhaltungsfilme.

Toller, Ernst

flieht über die Schweiz, 1935 über Frankreich und 1936 über England in die  USA. Der Kriegsfreiwillige von 1914 wandelte sich durch die Erfahrungen des Ersten Weltkrieges zum Antimilitaristen. Ab 1924 wohnte er in Berlin an verschiedenen Orten (im Bayerischen Viertel und in der Lietzenburger Straße78, heute Nr.8). Er schrieb in der „Weltbühne“, im „Berliner Tageblatt“ und arbeitete mit Piscator auf der Bühne. 1927 wurde „Hoppla, wir leben“ aufgeführt. Am 10. Mai wurden seine Bücher verbrannt. Von 1931 bis 1933 wohnte er Wittelsbacher Straße 33a, Wilmersdorf, dort steht eine Gedenktafel. (Literatur: „Das Gedächtnis der Stadt“).

Valetti, Rosa
deutsche Schauspielerin, Kabarettistin und Chansonnière. Ging 1933 über Wien und Prag nach Palästina (1936).

Valentin, Veit

Historiker, 1885 bis 1947, sein Buch „Geschichte der deutschen Revolution 1848 – 1849“ (beide Bände 1930/1931 bei Ullstein erschienen), auch seine „Weltgeschichte“ (erschienen 1939 in Amsterdam und New York) und „Geschichte der Deutschen“ sind Leseklassiker. Im Juni 1933 wird Valentin, der im Potsdamer Reichsarchiv als Historiker beschäftigt ist, entlassen. Er geht für kurze Zeit nach Italien, erhält dann einen Ruf  an die University of London und stirbt 1947 im Georgetown Hospital in Washington. (Literatur: Ralf Zerback, Historiker und Journalist in Frankfurt am Main in „Der Meistererzähler“ in DIE ZEIT vom 13. März 2014)

Vallentin, Hermann
Darsteller. Die Machtübernahme der Nationalsozialisten beendete jäh seine Filmkarriere. 1933 emigrierte Vallentin in die Tschechoslowakei, wo er an deutschen Bühnen in Aussig und Prag auftrat. 1938 ging er in die Schweiz und wirkte am Stadttheater Basel und am Schauspielhaus Zürich. 1939 wanderte er nach Palästina aus

Vogel, Hans
Vogel war von 1907 bis 1911 Vorstandsmitglied des sozialdemokratischen Wahlvereins in Fürth. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme ging Vogel 1933 nach Saarbrücken, das zu dieser Zeit als Hauptstadt des Saargebietes unter Verwaltung des Völkerbundes stand. Schon am 2. Juni 1933 wechselte er nach Prag, um im Mai 1938 ins Pariser Exil zu gehen, wo er die Auslandsorganisation der SPD (Sopade) führte. Auch in Frankreich verschärfte sich der Druck auf die Exilanten bald; im Juni 1940 musste Vogel nach kurzer Internierung über Südfrankreich, Spanien und Portugal nach Großbritannien flüchten.

Wachenheim, Hedwig

Sie war eine deutsche Sozialpolitikerin und Historikerin, die sich bereits in jungen Jahren politisch engagierte. Nach dem Beginn einer intensiven Freundschaft mit dem sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Ludwig Frank trat Wachenheim 1914 in die SPD ein. Nach einer kurzen Zeit als Mitglied des Berliner SPD/USPD Magistrats 1919 wurde sie Berliner Stadtverordnete und zog 1928 als Abgeordnete von Frankfurt/Oder in den Preußischen Landtag ein, dem sie bis 1933 angehörte. 1933 emigrierte sie aus politischen Gründen und engagierte sich ab 1935 in den USA in der Exilorganisation deutscher Sozialdemokraten German Labour Delegation. Im Rahmen dieser Arbeit setzte sie sich besonders für die Einreise von durch die Nationalsozialisten verfolgten Menschen ein.

 

Wangenheim, Gustav von
Darsteller, Regisseur – ging nach 1933 in die Sowjetunion.

Wedding, Alex
Mitglied der KPD, , sie muss 1933 über die Tschechoslowakei und 1939 über Frankreich in die USA emigrieren.

Weichmann, Herbert
Herbert Weichmann entstammte einer jüdischen Familie. Er meldete sich nach dem Abitur 1914 in Liegnitz (Schlesien) als Kriegsfreiwilliger zur Teilnahme am Ersten Weltkrieg. Bereits 1933, nach dem Verbot der SPD infolge des Ermächtigungsgesetzes, aber zwei Jahre vor den Nürnberger Gesetzen, verließ Weichmann mit seiner Frau Deutschland wegen der nationalsozialistischen Verfolgung. Im Sommer 1933 flüchteten die Eheleute zu Fuß über das Riesengebirge in die Tschechoslowakei.

Weinert, Erich
Weinert gehörte zu den Mitbegründern des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller. 1929 trat er der KPD bei. Von 1933 bis 1935 ging Weinert mit Frau und Tochter mit Umweg über die Schweiz in das Exil in das Saargebiet, wo er 1934 steckbrieflich gesucht wurde. Gedenktafel am Haus Kreuznacher Straße 34 in Berlin-Wilmersdorf.

Weiß, Dr. Bernhard
Ex-Vice-Polizeipräsident flieht am 6. März 1933 in die Tschechoslowakei.

Wels, Otto
Geb. am 15. September 1873 in Berlin; er war ein sozialdemokratischer Politiker. Ab 1919 war Wels Parteivorsitzender der SPD Im August 1933 wurde Otto Wels die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt – er war in der Ersten Ausbürgerungsliste des Deutschen Reichs von 1933 gelistet. Nach dem unmittelbar zuvor erfolgten Betätigungsverbot für die SPD am 22. Juni 1933 ging Wels auf Beschluss der Parteiführung zunächst ins damals noch französisch verwaltete Saargebiet ins Exil, später dann nach Prag.

Wilder, Billy
österreichischer Regisseur – ging am 1. März 1933, einige Biographen schreiben: einen tag nach dem Reichstagsbrand, über Paris in die USA (1934) (Literatur: Hellmuth Karasek “Billy Wilder”, eine Nahaufnahme, Seite 90)

Weiß, Ernst
Kurz nach dem Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 verließ er Berlin für immer und kehrte nach Prag zurück. Dort pflegte er seine Mutter bis zu deren Tod im Januar 1934. Vier Wochen später emigrierte Weiß nach Paris.

Wolf, Dr. Friedrich
Flieht mit Familie (und Sohn Markus Wolf) in die Schweiz.

Wolff, Konrad
war ein amerikanischer Pianist und Klavierpädagoge deutscher Herkunft. Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 Emigration nach Paris und Klavierstudium bei dem ebenfalls vertriebenen Artur Schnabel in Italien.

Theodor Wolff
1933, nach dem Reichstagsbrand, floh Wolff über München zunächst nach Tirol, dann in die Schweiz. Da Wolff in der Schweiz keine Aufenthaltserlaubnis erhielt, ließ er sich Ende 1933 mit seiner Frau in Nizzanieder. Die Grünanlage in Berlin zwischen Friedrichstraße / Franz-Klühs-Straße und Wilhelmstraße erhielt 1993 den Namen Theodor-Wolff-Park. Eine am Metallpfosten angebrachte Tafel erinnert an ihn. Auf der Rückseite der Tafel ist im Faksimile der vergrößerte, sehr lesenswerte Leitartikel Wolffs aus dem Berliner Tageblatt vom 5.3.1933 zu den Reichstagswahlen „Geht hin und wählt“ wiedergegeben. (Literatur: „Das Gedächtnis der Stadt“).

Wolff, Charlotte
eine Ärztin, Sexualwissenschaftlerin und Schriftstellerin, emigrierte im Mai 1933 nach Paris.

Wollenberg, Albert
flieht am 2. März in die Schweiz.

Zadek, Walter
(Onkel von Peter Zadek). Bei einer der ersten großangelegten Razzien im März 1933 wird er aus seiner Wohnung herausgeprügelt, steht plötzlich als Rädelsführer da, ist namentlich erwähnt in der Nazipresse. Nun weiß er, was es heißt, als Jude in Deutschland zu leben. Wie durch ein Wunder kommt Zadek einen Monat später frei und flieht auf Schmugglerpfaden aus Deutschland. Ende 1933 erreicht er das „Gelobte Land”. Und dokumentiert, nun als Photoreporter, den Aufbau Palästinas.

Zelnik, Friedrich
Regisseur und Darsteller – ging 1933 nach England.

Zinner, Hedda
(*20. Mai 1905 in Lemberg; † 4. Juli 1994 in Berlin) war eine deutsche Schriftstellerin, Schauspielerin, Kabarettistin, Rezitatorin, Journalistin und Rundfunkleiterin. Ab 1930 publizierte sie politisch-satirische und gesellschaftskritische Gedichte u.a. in der Roten Fahne, der Arbeiterstimme, in der AIZ, im Weg der Frau und dem Magazin für Alle. 1933 emigrierte sie zunächst nach Wien und Prag, wo die das politische Kabarett „Studio 1934” gründete und leitete.

Zondek, Hermann
(* 4. September 1887 in Wronke, Posen; † 11. Juli 1979 in Jerusalem) Arzt.  Hermann Zondek studierte in Göttingen und Berlin, wo er 1912 promovierte. 1918 habilitierte er sich für das Fach Innere Medizin, wurde 1922 zum außerordentlichen Professor ernannt und lehrte an der I. Medizinischen Klinik und Poliklinik derCharité. 1926 wurde er zum Ärztlichen Direktor und Leiter der I. Inneren Abteilung des Städtischen Krankenhauses Am Urban bestellt. Am 12. März 1933 wurde er wegen seiner jüdischen Abstammung als einer der ersten von den Nationalsozialisten aus der Stellung geworfen. Über Zürich floh er nach England und emigrierte 1934 nach Palestina.

Zweig, Arnold
lebt ab 1919 als freier Schriftsteller in Starnberg, muss 1933 über die Tschechoslowakei, die Schweiz  und Frankreich nach Palästina emigrieren. („Aus dem Leben einer Frau”, „ Balzac”, „Baumeister der Welt”, „Maria Stuart”, „Marie Antoinette”, „Sternstunden der Menschheit”).

Zuckmayer, Carl
Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung, die Zuckmayers Arbeit in Deutschland immer mehr erschwerte, verlegte er seinen Lebensmittelpunkt immer mehr ins Exil in Henndorf am Wallersee.  („Als wär’s ein Stück von mir”, „Ich wollte nur Theater machen”, „Eine Liebesgeschichte”, „Die Magdalena von Bozen”, „Vermonter Roman”, „Die Farm in den grünen Bergen”).

 

 

 

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1933 Das Jahr der Machtergreifung (5): Auszüge aus den Texten 1-4, die Kirche betreffend

1933 Das Jahr der Machtergreifung

Teil 5: Auszüge aus den Texten 1-4, die Kirche                       betreffend

30. Januar 1933

Am 30. Januar 1933 wird die Reichskanzlerschaft Hitlers auch von evangelischer Seite, von Kirchenvolk und Geistlichkeit, als positives Ereignis oft “überschwänglich“ gefeiert. Es gibt begeisterte Grußadressen, auch von Geistlichen, die nicht zu den “Deutschen Christen” gehören, darunter von einem der bekanntesten Pfarrer, Martin Niemöller, der bald zu den unversöhnlichsten Gegnern des Nationalsozialismus gehören wird. Dieser Pfarrer ist im 1. Weltkrieg Marineoffizier gewesen, U-Boot-Kommandant. Danach ist er erst Pfarrer geworden. Sein Buch “Vom U-Boot zur Kanzel” hat ihn weithin bekannt gemacht. Niemöller – wie andere Kirchenmänner auch- begrüßte Hitlers Regierungsantritt und nach dem 5. März 1933 auch den Wahlsieg der NSDAP – DNVP-Koalition.   (Literatur: “Illustrierte Geschichte des Widerstandes in Deutschland und Europa      1933 – 1945” von Dr. Kurt Zentner, 1966, S.39. Niemöller (1892 –  1984) wurde   1934 durch den preuß. Landesbischof in den Ruhestand versetzt, er ignorierte diese   Maßnahme und führte sein Pfarramt weiter, 1937 wurde er verhaftet und in das KZ   Sachsenhausen eingewiesen, über Dachau und Südtirol, wurde dann 1945 befreit.)

5. Februar1933

„Evangelium im Dritten Reich”: Die Glaubensbewegung „Deutsche Christen“, „DC“, bereits 1932 gegründet, veranstaltet am 3.2.1933   in der St. Marienkirche einen Dankgottesdienst. Predigt hält Reichsleiter  Pfarrer Joachim Hossenfelder.

8. März 1933

Aus einem Rundbrief des Generalsuperintendenten Otto Dibelius an die Pastoren der Kurmark vom 8. März 1933:

“Denjenigen, die es in den Zeitungen noch nicht gelesen haben, möchte ich bei dieser Gelegenheit sagen, dass das Glockengeläut, das am 4. März während der Rede Adolf Hitlers zu hören war, nicht das Geläut des Königsberger Doms war, wie Herr Dr. Goebbels im Rundfunk behauptete, geschweige denn, dass die anderen ostpreußischen Kirchen geläutet hätten. Das Konsistorium hatte das verboten. Das Verbot ist respektiert worden. Man hat im Rundfunk eine Schallplatte mit Glockengeläut laufen lassen, und den Hörern eingeredet, das wäre der Königsberger Dom!  Die kirchliche Disziplin ist in Ostpreußen gewahrt worden. Sie muss auch bei uns gewahrt werden!  . . .”    (Dibelius, Otto: 1880 – 1967, Generalsuperintendent der Kurmark 1925 – 1933, vom Dienst suspendiert, Mitglied der Bekennenden Kirche,  wiederholt inhaftiert, nach 1945 Bischof von Berlin – Brandenburg, Vors. des Rates der Evangelischen Kirche Deutschlands)

26. März 1933

Der Generalsuperintendent Otto Dibelius kritisiert in der Zeitung “Der Tag”, die den  Deutschnationalen nahe steht, dass der anglikanische Bischof von New York, Dr. Manning, die antisemitischen Aktionen in Deutschland verurteilt habe: “Wie kommt ein anglikanischer Bischof in Amerika dazu, sich zum Schützer des Judentums in Deutschland zu machen?   (Literatur: Ernst Klee, “Die SA Jesu Christi”, S. 27.)

30. März 1933

Auch das katholisch orientierte “Bamberger Volksblatt” greift die vermeintlich ausländische Hetze gegen Deutschland  mit der Überschrift “Schluss mit der Gräuelpropaganda” auf und schrieb: “Alle diejenigen in Deutschland, denen es ernst mit ihrem Willen ist, am nationalen Aufbauwerk nach Kräften mitzuarbeiten, stehen geschlossen hinter der Regierung, wenn sie jetzt daran geht, der giftigen Schlange der Verleumdung den Kopf zu zertreten”.

Im März 1933

Die damals noch intakten Kirchenleitungen waren anlässlich des Judenboykotts und des “Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums” sowie seiner Begleitgesetze gegen jüdische Rechtsanwälte und Ärzte  in dieser Frage gefordert. Appelle und Anfragen aus dem kirchlichen Ausland sowie von zahlreichen Mitgliedern über Menschenrechtsverletzungen dürfen nicht widerspruchslos hingenommen werden. Doch die Kirchenleitungen konnten sich nicht zu Stellungnahmen durchringen. Die Zusammenarbeit mit der vermeintlich so kirchenfreundlichen nationalen Regierung wollte man nicht belasten. Die ausländische Kritik löste vielmehr patriotische Abwehrreaktionen aus. Dibelius‘ Rundfunkrede nach Amerika vom 4. April (siehe dort) ist dafür ein Zeugnis. Die Gründe für das beschämende Schweigen der Kirche lagen jedoch tiefer.

1. April 1933

Boykott-Tag: Organisierter Boykott gegen jüdische Geschäfte, Anwaltsbüros und Arztpraxen. Der Boykott der jüdischen Geschäfte am 1. April 1933 war der erste große landesweite Test für die Einstellung der christlichen Kirchen zur Lage der Juden unter der neuen Regierung. „Deutsche! Wehrt Euch! Kauft nicht bei Juden!“ – unter Parolen wie dieser begann am 1. April 1933 um 10 Uhr ein reichsweiter Boykott jüdischer Geschäfte, Ärzte und Rechtsanwälte. Organisiert wurde diese antisemitische Kampagne vom „Zentral-Komitee zur Abwehr der jüdischen Greuel- und Boykotthetze“ unter dem fränkischen Gauleiter Julius Streicher

Der Historiker Klaus Scholder schreibt: “Kein Bischof, keine Kirchenleitung, keine Synode wandte sich in den entscheidenden Tagen um den 1. April öffentlich gegen die Verfolgung der Juden in Deutschland”   (Literatur: Saul Friedländer: “Das Dritte Reich und die Juden” Die Jahre der Verfolgung, C. H. Beck, Seite 55)

3. bis 5. April 1933

Die in Berlin tagende erste Reichstagung der “Glaubensgemeinschaft Deutsche Christen” fordert u.a. die Einführung des “Arierparagraphen” im kirchlichen Bereich.

4. April 1933

Hier Auszüge aus der Radioansprache, die Otto Dibelius, damals Generalsuperintendent der Kurmark am 4. April 1933 gehalten hatte. Diese Ansprache wurde nach Amerika ausgestrahlt. Er leugnete, dass in den Konzentrationslagern irgendwelche Brutalitäten vorkämen, und behauptete, der Boykott  -den er als vernünftige Verteidigungsmaßnahme bezeichnete-  verlaufe in “Ruhe und Ordnung”.

“Die neue Regierung hat als ihre erste große Aufgabe die Rettung Deutschlands vor dem Bolschewismus in Angriff genommen  . . . “

“Wir haben es oft ausgesprochen, dass die Entscheidungsschlacht zwischen der abendlichen Zivilisation und  dem Bolschewismus auf deutscher Erde würde geschlagen werden müssen    . . . “

“Diese Entscheidungsschlacht ist ohne Straßenkämpfe und ohne Blutvergießen geschlagen worden. Die neue Regierung hat mit durchgreifenden Maßnahmen die kommunistischen Agitatoren  und ihre Bundesgenossen aus dem öffentlichen Leben ausgeschaltet. Sie hat erstaunlich wenig Widerstand gefunden.  . . .”

“. . .  Die kommunistischen Führer sind sämtlich gefangen gesetzt worden. . .   Wir haben die kommunistischen Führer im Gefängnis besucht, wir haben sie gesund angetroffen. Sie haben uns übereinstimmend gesagt, daß sie durchaus korrekt behandelt würden . . . und waren mit der Nahrung alle zufrieden.  . .  “

“Aufgrund der Schauernachrichten über grausame und blutige Behandlung der Kommunisten in Deutschland   . . .   hat nun das Judentum in mehreren Ländern eine Agitation gegen Deutschland begonnen.   . . .  Es ist zum Boykott gegen deutsche Waren aufgerufen worden.   . . .   Um diesen Boykott zu brechen, haben nun ihrerseits die deutschen Nationalsozialisten eine Boykottbewegung gegen das Judentum in Deutschland eingeleitet.  . . .    Dieser Boykott ist zunächst nur auf einen einzigen Tag beschränkt worden; er ist in absoluter Ruhe und Ordnung verlaufen. Nur einen einzigen blutigen Zwischenfall hat es gegeben. Das war in der Stadt Kiel an der Ostseeküste. . . . . “

“Der Boykott ist bis auf weiteres aufgehoben. Heute sind die Geschäfte alle wieder geöffnet.   . . . “

“Nebenher läuft eine Aktion der Regierung, die Juden aus der staatlichen Verwaltung, namentlich aus den Richterstellen, zu entfernen. Und das hängt damit zusammen, dass seit 1918 jüdische Beamte und Angestellte in so großer Zahl in die staatliche Verwaltung hineingekommen sind, dass es zum Beispiel in Berlin ganze Gerichte gibt, in denen kaum ein christlicher Richter noch zu finden ist. Dabei bilden die Juden in Deutschland  nicht einmal 1 % der Bevölkerung.”

“Hier sollen die Verhältnisse wieder so werden, wie sie früher waren .”

Der Generalsuperintendent der Kurmark weiter:

“Aus der inneren Zersetzung, in die uns die letzten fünfzehn Jahre geführt haben, wollen wir wieder zurück zu einem christlichen und wirklich deutschem Volksleben”   (Literatur: “Das Dritte Reich und die Juden, Die Jahre der Verfolgung 1933 – 1939” von Saul Friedländer, 1998, Zweite Auflage, C. H. Beck, Seite 55 ff)

einige Tage später, etwa 10. April 1933

Seine Sendung war keine einmalige Verirrung. Wenige Tage später schickte Dibelius an alle Pastoren seiner Provinz ein vertrauliches österliches Sendschreiben:

“Meine lieben Brüder! Für die letzten Motive, aus denen die völkische Bewegung hervorgegangen ist, werden wir alle nicht nur Verständnis, sondern volle Sympathie haben. Ich habe mich trotz des bösen Klanges, den das Wort vielfach angenommen hat, immer als Antisemiten gewusst. Man kann nicht verkennen, dass bei allen zersetzenden Erscheinungen der modernen Zivilisation das Judentum eine führende Rolle spielt”:   (Literatur: “Als die Zeugen schwiegen: Bekennende Kirche und die Juden”  von Wolfgang Gerlach, Berlin 1987, Seite 42)

5. April 1933

Müller, Ludwig, (23.6.1883 in Gütersloh – 31.7.1945 in Berlin), protestantischer Theologe. 1926 – 1933 Wehrkreispfarrer in Königsberg, wurde am 5.4.1933 von Hitler zum “Vertrauensmann und Bevollmächtigten für die Fragen der Evangelischen Kirche” berufen.

Von Müller stammt  der spätere Ausspruch: “Deutschland ist unsere Aufgabe, Christus unsere Kraft! . . . Wie jedem Volke, so hat auch unserem Volk der ewige Gott ein arteigenes Gesetz geschaffen. Es gewann Gestalt in dem Führer Adolf Hitler und dem von ihm geformten nationalsozialistischen Staat. Dieses Gesetz spricht zu uns in der aus Blut und Boden erwachsenen Geschichte unseres Volkes . . . Aus dieser Gemeinde deutscher Christen soll im nationalsozialistischen Staat  Adolf Hitlers die das ganze Volk umfassende “Deutsche Christliche Nationalkirche” erwachsen: Ein Volk! – Ein Gott! – Ein Reich! – Eine Kirche! “   (Literatur: “Reichsbischof Ludwig Müller, Eine Untersuchung zu Leben, Werk und Persönlichkeit” von Thomas Martin Schneider, Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, 1993)

20. April 1933

Der Vorsitzende der katholischen Zentrumspartei Dr. Ludwig Kaas sendet ein Geburtstagstelegramm an Reichskanzler Hitler: “Zum heutigen Tage aufrichtige Segenswünsche und die Versicherung unbeirrter Mitarbeit am großen Werk der Schaffung eines innerlich geeinten, sozialbefriedeten…Deutschlands.”

22. April 1933

Der Reichswart der Evangelischen Jugend Deutschlands, Erich Stange: “Die gottgesetzten Grundlagen von Heimat, Volk und Staat werden wieder neu erkannt. Das Volk steht auf. Eine Bewegung bricht sich Bahn, die eine Überbrückung der Klassen, Stände u. Stammesgegensätze verheißt…Darum kann die Haltung der jungen evangelischen Front in diesen Tagen keine andere sein als die einer leidenschaftlichen Teilnahme an dem Schicksal unseres Volkes und zugleich eine radikale Entschlossenheit, wie sie das Wort Gottes fordert.”

25. April 1933

Der Erzbischof Gröber von Freiburg beschwört die deutschen Katholiken, dass sie den „neuen Staat nicht ablehnen dürfen, sondern ihn politisch bejahen und in ihm unbeirrt mitarbeiten müssen“. (Literatur: Deschner „abermals krähte der Hahn“, Seite 538)

Im April 1933

“Befreiung vom Alten Testament mit seiner jüdischen Lehrmoral”: Pastor Witzig von der Neuköllner Magdalenen-Gemeinde bezeichnete sich selbst als “der erste Deutsche Christ”. Er sei diesen bereits 1932 beigetreten und wurde im gleichen Jahr auch Mitglied der NSDAP. Zusammen mit zwei anderen Pastoren hat er sich geweigert, anlässlich von Trauungen Bibeln mit dem Alten Testament auszugeben. Als das Konsistorium dem Geistlichen die Weisung erteilte, sich an die Agende zu halten, beschwerte er sich man könne ihm nicht befehlen “jüdisch-christliche Gottesdienste” zu halten.   (Literatur: “Deutsche Christen in der Reichshauptstadt Berlin”, Aufsatz von Lilian Hohrmann, veröffentlicht in “Berlin in Geschichte und Gegenwart, Jahrbuch des Landesarchivs Berlin 1999”)

Im Mai 1933

Harry Emerson Fosdick, mittlerweile Pastor der Riverside Church in New York, organisierte eine Protestschrift. „Herr Hitler hat seit Jahren einen unbarmherzigen Hass gegen die Juden gepredigt, einer von den Nationalsozialisten besonders vehement vertretenen Glaubenssätze lautet, die Juden seien giftige Bazillen in Deutschlands blut und müssten wie die Pest ausgerottet werden“ diesen glauben setzen sie nunmehr in die Tat um.

„Systematisch betreiben sie ein kaltes Progrom von unvorstellbarer Grausamkeit gegen unsere jüdischen Brüder, vertreiben sie aus angestammten Führungspositionen, entziehen ihnen bürgerliche und wirtschaftliche Rechte, verurteilen sie vorsätzlich, sofern sie überhaupt überleben, als ein geächtetes und exkommunizierte Volk und bedrohen die Juden mit einem Blutbad, sollten sie nur dagegen aufbegehren“.

1200 Geistliche unterzeichneten den Protestbrief, ihre Namen füllten den größten Teil einer Seite der New York Times.    (Literatur: „Menschen Rausch“ von Nicholson Baker)

3. Juni 1933

Am 3. Juni 1933 erschien ein gemeinsames Hirtenwort der Deutschen Bischofskonferenz, dessen Entwurf die Bischöfe Gröber übertragen hatten. Dort war zu lesen, wenn der Staat nur gewisse Rechte und Forderungen der Kirche achte, so werde die Kirche dankbar und freudig das Neugewordene unterstützen. „Wir  deutschen Bischöfe sind  weit davon entfernt, dieses nationale Erwachen zu unterschätzen oder gar zu verhindern.“   . . .“Auch die Ziele, die die neue Staatsautorität für die Freiheit unseres Volkes erhebt, müssen wir Katholiken begrüßen“. (Literatur: Deschner „abermals krähte der Hahn“)

6. Juni 1933

Die Richtlinien der DC (Deutsche Christen) wurden bereits am 6. Juni 1932 beschlossen und am 10.6.1932 durch den Reichsleiter der “Glaubensbewegung Deutsche Christen, Joachim Hossenfelder, bekannt gegeben. Es wird verlangt:

  • “eine wahrhaft deutsche Kirche, zu der jeder blutsdeutsche Volksgenosse gehören soll”
  • Ausschluss “getaufter Juden”
  • eine einheitliche zentralisierte evangelische Reichskirche

Aus den Punkten 7 und 8 der Richtlinien weiterhin:

  • “Schutz des Volkes vor Untüchtigen und Minderwertigen”

Ablehnung der Judenmission:

  • „In der Judenmission sehen wir eine schwere Gefahr für unser Volkstum. Sie ist das Eingangstor fremden Blutes in unseren Volkskörper. . .”
  • “Wir lehnen die Judenmission in Deutschland ab, solange die Juden das Staatsbürgerrecht besitzen und damit die Gefahr der Rassenverschleierung und Bastardierung besteht”.

Außerdem wurde ausdrücklich gefordert,  die

“Eheschließung zwischen Juden und Deutschen zu verbieten”   (Judenmission: Die Verkündung des Evangeliums von Jesus von Nazareth als dem im   Alten Testament verheißenen Messias an die Juden. Die “Judenmission” hält daran fest, auch den frommen Juden zum Glauben an Jesus Christus in die Gemeinschaft der christlichen Gemeinde einzuladen.)

19. Juni 1933

Bethel, 10. Diakonentag bis zum 26. Juni, “Die Deutsche Diakonenschaft hat von jeher aus ihrer inneren Einstellung  heraus den Geist der Gottlosigkeit und des Marxismus bekämpft. Deshalb konnte sie freudig und voll bejahend 1933 den nationalen Umbruch begrüßen. Sie hat in all ihren Gliederungen an dem Aufbau des Dritten Reiches mitgearbeitet, wo immer ihr dazu Gelegenheit gegeben wurde. Es ist darum nicht nur eine Pflicht, sondern auch eine Freude, sich…erneut zum Führer und Volk zu bekennen und treue Mitarbeit beim Aufbau des großdeutschen Reiches zu geloben.” Beitritt zu den DC

24. Juni 1933

für die Evangelische Landeskirche Preussen wird als Staatskommissar Herr Jäger ernannt.

26. Juni 1933

Der neue ernannte Staatskommissar Jäger: „Für die Abwendung des bolschewistischen Chaos schulden wir Gott und seinem Werkzeug Hitler Dank“.   .  .  „Mit sofortiger Wirkung beurlaube ich den Generalsuperintendenten der Kurmark D. Dibelius“

27. Juni 1933

Der Evangelische Oberkirchenrat Dr. Werner: „Aus Anlass des grossen Werkes der Kirche   .  .  .   ordnen wir an  .  .   am Sonntag, dem 2. Juli 1933 sind sämtliche Kirchen  .  .  .  mit schwarz-weiss-roten und der Hakenkreuzfahne zu beflaggen“

2. Juli 1933

Berlin, Lazaruskirche, Massentrauung ev. Paare, die Männer tragen SA-Uniformen. Im Jahr 1933 waren die Nationalsozialisten bemüht, ihr Bekenntnis zu einem „positiven Christentum” unter Beweis zu stellen.

Bericht des „Illustrierten Beobachters” vom Juli 1933:   Eine Berliner Sensation: 50 nationalsozialistische Paare lassen sich gemeinsam trauen, Pfarrer Lengning nimmt in der Berliner Lazaruskirche die Trauung vor. Unter verschiedenen Fotos:  „Ein langer Zug der Brautpaare zur Kirche”, „Die Paare durchschreiten beim Verlassen der Kirche ein Spalier grüßender Hitlerjugend”  und „Die Massentrauung fand die herzliche Anteilnahme der Berliner Bevölkerung.“

4. Juli 1933

Die „Bayerische Volkspartei” (DVP) löst sich „freiwillig” auf, am nächsten Tag folgt ihr die katholische Zentrumspartei. Die Auflösung der Zentrumspartei erfolgte auf Weisung des Vatikans. Da viele Katholiken protestierten, beschwichtigte sie der Vatikan sowohl in einer halboffiziellen Verlautbarung wie durch Staatssekretär Pacelli: „Hitler weiß das Staatsschiff zu lenken. Noch ehe er Kanzler wurde, traf ich ihn wiederholt und war sehr beeindruckt von seinen Gedanken und seiner Art, den Tatsachen ins Auge zu sehen und doch seinen edlen Idealen treu zu bleiben .“  . . . „Wie in Italien  … verschaffte der Vatikan in Deutschland durch Papen, Kaas und die Auflösung des Zentrums, der ältesten katholischen Partei Deutschlands, Hitler die unumschränkte Macht“ (Literatur: Deschner „abermals krähte der Hahn“, Seite 535)

14. Juli 1933

Zum Abschluss des Konkordats mit dem Heiligen Stuhl, das am 20.7. im Vatikan von Kardinal Pacelli (dem späteren Papst Pius XII.) und Vizekanzler Franz von Papen unterzeichnet werden wird, erklärt Hitler auf der Kabinettssitzung:  „Im Reichskonkordat wäre Deutschland eine Chance gegeben und eine Vertrauenssphäre geschaffen, die bei dem vordringlichen Kampf gegen das internationale Judentum besonders bedeutungsvoll wäre.”

19. Juli 1933

Pfarrer Wilhelm Niemöller, NSDAP-Genosse seit 1923 und Bruder Martin Niemöllers, wird wegen Verstoßes gegen die Parteidisziplin aus der Partei ausgeschlossen, er prozessiert erfolgreich gegen den Ausschluß – ein Parteigericht verfügt am 21.9.1934 die Rücknahme des Ausschlusses.

20. Juli 1933

Abschluss des Konkordats zwischen dem Deutschen Reich und der Kurie. Die Beziehung zwischen der katholischen Kirche und dem deutschen Staat wurde festgelegt. Hitler kam es weniger auf den Inhalt an. Er sah drei große Vorteile:

  • 1.) Dass der Vatikan überhaupt verhandelt habe, obwohl besonders in Österreich damit operiert würde, dass der Nationalsozialismus unchristlich und kirchenfeindlich wäre;
  • 2.) Dass die Kirche bereit sein würde die Bischöfe auf diesen Staat zu verpflichten und
  • 3.) dass die Kirche sich aus dem Vereins- und Parteileben herauszöge.

Bereits am 2. Juli 1933 gab Papen in einem Geheimschreiben aus Rom der Überzeugung Ausdruck, „dass der Abschluss des Konkordats außenpolitisch als ein großer Erfolg für die Regierung der nationalen Erhebung gewertet werden muss”. Übrigens: Bereits damals ist in einem geheimen Zusatzprotokoll eine vertragliche Abmachung mit dem Heiligen Stuhl für den Fall der allgemeinen Wehrpflicht in Deutschland getroffen worden.   (Literatur: Karlheinz Deschner “abermals krähte der Hahn”, S. 533)

24. Juli 1933

Kirchentagswahlen

Die Reichsregierung nutzte eine entstandene Verwirrung und schrieb für alle kirchlichen Organe Neuwahlen zum 24. Juli 1933 aus, die das „Führerprinzip mit einem lutherischen Reichsbischof“ festsetzte und von 28 Landeskirchen anerkannt wurde. Die DC erhielten die volle Unterstützung des Propagandaapparates der NSDAP. Hitler wandte sich am Vorabend der Wahl an die Wähler und forderte alle Parteigenossen auf, von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen und seine Politik zu unterstützen. Die innerkirchliche Opposition der sog. Jungreformatorischen Bewegung wurde in ihrem Wahlkampf von der Geheimen Staatspolizei behindert. So brachte die Wahl einen Triumph der DC.   (Literatur: “Die gescheiterte Zähmung” von Gotthard Jasper, Seite 198).

Völkischer Beobachter vom 24. Juli 1933: „Durch die Unterzeichnung des Reichskonkordats ist der Nationalsozialismus in Deutschland von der katholischen Kirche in der denkbar feierlichsten Weise anerkannt worden“.   . . .  „Diese Tatsache bedeutet ungeheure moralische Stärkung der nationalsozialistischen Reichsregierung und ihre Ansehens“

26. Juli 1933

ev. Generalsuperintendent Otto Dibelius beteuert in einem Schreiben an den preußischen Oberkirchenrat, er sei seit seinem Studium „im Kampf gegen Judentum und Sozialdemokratie gestanden.”

20. August 1933

Berlin-Neukölln, kath. Jugendtag, Dr. Erich Klausener, Prälat Georg Puchowski, Generalvikar Paul  Steinmann, Prälat Weber und viele andere Kleriker grüßen die Jugendlichen mit dem Hitler-Gruß.

6. September 1933

Die 10. Generalsynode der Evangelischen Kirche in Preußen führt den so genannten Arierparagraphen ein. Weitere Landeskirchen folgen diesem Beispiel. Mit der Begründung, es handele sich um Personen jüdischer Herkunft, werden daraufhin Pfarrer, aber auch andere Bedienstete der evangelischen Kirche, aus ihren Ämtern entlassen.   (Literatur: Gerhard Lindemann, Antijudaismus und Antisemitismus in den evangelischen Landeskirchen während der NS-Zeit, in: Geschichte und Gesellschaft, 29. Jg., 2003, H. 4, S. 578f.)

11. September 1933

„Für die Lippische Landeskirche ordnen wir hiermit folgendes an:

  • 1. Sämtliche Pfarrer, Beamte, Angestellte der Landeskirche sowie der Kirchengemeinden grüßen im Dienst und innerhalb der  dienstlichen Gebäude und Anlagen durch Erheben des rechten Arms.
  • 2. Es wird von allen erwartet, dass sie auch außerhalb des Dienstes in gleicher Weise grüßen…Der Landeskirchenrat; gez. Corvey, Weber, Josephson, Thelemann, Meyer, Toelle, Ruperti”

12. September 1933

Sachsen, Landesbischof Otto Koch am Sarg von „Handbuch zur Judenfrage“-Herausgeber Theodor Fritsch:

„…ich habe auch gemerkt wie dieser Mann das Wesen des Christentums im Kampf gegen das Judentum erkannt hat, den wesentlichen Unterschied zwischen Christen- und Judentum. Goethe hat das bekannte Wort geprägt: Der eigentliche Sinn des Lebens sei der Kampf zwischen Glaube und Unglaube…, der eigentliche Sinn der Weltgeschichte ist der Kampf zwischen Christentum u. Judentum…“,

13. September 1933

Hamburg, 9. Deutscher Diakonentag sendet „Huldigungsgruß“ an A. Hitler: „Dem Führer unseres Volkes und Retter unseres Vaterlandes vor dem Untergang im Bolschewismus senden tausend Diakone…  namens der gesamten Deutschen Diakonenschaft das Gelöbnis alter deutscher Mannestreue und des Einsatzes aller ihrer Kräfte für Aufbau und Vollendung des Dritten Reiches.“

Der Berliner Landesbischof Ludwig Müller verkündet „dass in Zukunft keiner auf die Kanzel kommt, der nicht das Volk verstehen gelernt hat, der im Arbeitsdienst, in der SA oder bei den Soldaten gelernt hat, sich… zusammenzureißen.“

Oberkonsistorialrat Friedrich Peter sagt in seiner Festrede: „Diakonie muss, wie die SA das Soldatentum des Dritten Reiches ist, das Soldatentum der Kirche sein.“,

Pfarrer Horst Schirrmacher sagt u.a. „…evangelische Diakonie (ist) Dienst und Kampf. Wir grüßen Euch alle als die  SA Jesu Christi und die SS der Kirche, ihr wackeren Sturmabteilungen und Schutzstaffeln im Angriff gegen Not, Elend, Verzweiflung und Verwahrlosung, Sünde und Verderben…  Evangelische Diakonie u. Nationalsozialismus gehören in Deutschland zusammen…Der echte Nationalsozialist ist Protestant und der echte Deutsche ist Nationalsozialist“.

15. September 1933

„Gesetz zu Schutze des deutschen Blutes und der deutsche Ehre”: Die Präambel: „Durchdrungen von der Erkenntnis, dass die Reinheit des deutschen Blutes die Voraussetzung für den fortbestand des deutschen Volkes ist, und beseelt von dem unbeugsamen Willen, die deutsche Nation für alle Zukunft zu sichern, hat der Reichstag einstimmig das folgende Gesetz beschlossen, das hiermit verkündet wird”  (Literatur: Dr. Kurt Zentner: Illustrierte Geschichte des Dritten Reiches”, Seite 218)

15. September 1933

Reichsaußenminister von Neurath äußert sich vor ausländischen Pressevertretern zu verschiedenen Fragen: „Zur Judenfrage sagt er, das unsinnige Gerede des Auslandes über rein innerdeutsche Dinge wie die sog. Judenfrage werde schnell verstummen, wenn man erkenne, dass die unbedingt notwendige Säuberung, bei allen Einzelfällen persönlicher Härte, nur dazu diene, die Herrschaft von Recht und Gesetz um so unerschütterlicher zu festigen. Das Ausland werde auch aufhören, den Lügenberichten deutscher Emigranten ihr Ohr zu leihen und werde statt dessen das Deutschland von heute als stolzes und pflichtliebendes Land kennenlernen.”   (Literatur: Chronologie des Holocaust von Knut Mellenthin)

15. September 1933

„Germania” (kath. Zentrums-Zeitung) berichtet über Eröffnung des neuen preußischen Staatsrats: „Im geistlichen Kleid schritt an der Spitze der Bischof von Osnabrück, Dr. Hermann Wilhelm Berning, (und Apostolischer Vikar) … Dann brachte der Ministerpräsident (Hermann Göring) ein dreifaches ,Sieg Heil’ auf den Führer aus  und die Versammlung sang stehend das Deutschland- und Horst-Wessel-Lied, das auch von Bischof   Berning und den übrigen kath. Geistlichen mit erhobener Hand gesungen wurde.”

17. September 1933

Berlin, St. Hedwigs-Kathedrale, von der NSDAP am 23.8. angeregter kath. Dankgottesdienst zur  Konkordatsratifizierung wird vom Apostolischen Nuntius Cesare Orsenigo, Kapitularvikar Dr. Paul  Steinmann und Domprediger Pater Marianus Vetter in Anwesenheit der Repräsentanten von Reichsregierung, NSDAP, SS und SA zelebriert, sie singen das „Te Deum” und vor der mit kath. und NS- Fahnen geschmückten Kathedrale singen tausende Deutsche Nationalhymne und Horst-Wessel-Lied;

Bamberg, Erzbischof Jacobus Hauck ordnet für Pfarrgemeinden seine Diözese ein „Te Deum” zum  Dank an Gott für den Abschluss des Reichskonkordats „…in dem sich Staat und Kirche einträchtiges  Zusammenwirken gefunden haben.”,

Düsseldorf-Kaiserswerth, Diakonissenanstalt, Hundertjahr-Feier, Ansprache von Pastor Walter Jeep (Innere Mission) u.a.: „…rechte evangelische Menschen (seien eigentlich die), die den Totalitätsanspruch dieses neuen Deutschen Reiches nicht nur am besten verstehen können, sondern auch am  echtesten, treuesten zu verwirklichen fähig sind.”

Nach einer „Hitlerfahnen-Weihe im Kindergarten”  des Diakonissen-Stammhauses, Hakenkreuzfähnchen schwenkend und die „Fahne hoch!” singend  marschieren über hundert kleine „Vaterlands- und Hitleranhänger” durch Kaiserswerth. „Das Herz   konnte einem aufgehen bei dem lieblichen Bild und der hellen Begeisterung von Deutschlands jüngster Zukunft. Gleich an der ersten Straßenecke begegneten wir einem SA-Führer. Der Mann   grüßte freundlich und mit todernsten Gesichtchen streckten sich über 100 Ärmchen zum Gegengruß.”

21. September 1933

Gegen die Überschwemmung und Durchdringung des Protestantismus durch „nationalsozialistisches Gedankengut” bildete sich eine organisierte Pfarreropposition in Gestalt des „Pfarrernotbundes” der BK, der „Bekennenden Kirche”. Deren Initiatoren waren drei  Pastoren: Pfarrer Martin Niemöller, Dahlem, Pfarrer Gerhard Jacobi von der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und Eitel-Friedrich von Rabenau von der Apostel-Paulus-Kirche.

Die Regierung hat später ( 18.9.1934) den Pfarrer-Notbund wie folgt bezeichnet:   „Bei den dem Notbund angehörenden Pfarrern handelt es sich z.T. um reaktionäre Kräfte, z.T. aber auch um Persönlichkeiten, die rückhaltlos für den nationalsozialistischen Staat eintreten und sich dagegen wehren, dass ihre Gegnerschaft gegen den Reichsbischof u. geg. die ,Deutschen Christen‘ als Stellungnahme geg. den Nationalsozialismus ausgelegt wird.“

25. September 1933

In ihrem „Theologischen Gutachten über die Zulassung von Christen jüdischer Herkunft zu den Ämtern der deutschen evangelischen Kirche”, verfasst von den Erlanger Professoren Dr. Paul Althaus und Dr. Werner Elert, heißt es u.a.:  „Das deutsche Volk empfindet heute die Juden in seiner Mitte mehr denn je als fremdes Volkstum. Es hat die Bedrohung seines Eigenlebens durch das emanzipierte Judentum erkannt und wehrt sich gegen diese Gefahr mit rechtlichen Ausnahmebestimmungen. Im Ringen um die Erneuerung unseres Volkes schließt der neue Staat Männer jüdischer oder halbjüdischer Abstammung von führenden Ämtern aus. Die Kirche muss das grundsätzliche  Recht des Staates zu solchen gesetzgeberischen Maßnahmen anerkennen. Sie weiß sich selber in der gegenwärtigen Lage zu neuer Besinnung auf ihre Aufgabe, Volkskirche der Deutschen zu sein, gerufen. Dazu gehört, dass sie heute ihren Grundsatz von der völkischen Verbundenheit der Amtsträger mit ihrer Gemeinde bewusst neu geltend macht und ihn auch auf die Christen jüdischer Abstammung anwendet.”   (Literatur: Ernst Klee, “Die SA Jesu Christi”,  S. 116.)

27. September 1933

Wittenberg, ev. „Nationalsynode”, Festgottesdienst mit „Theologensturm” bestehend aus Theologiestudenten des sächsischen Landesbischofs Friedrich Coch in feldgrauer Uniform, lila Kreuz und SS-Runen auf dem Arm. Coch: Leiter des Preßverbandes der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens. 1931 trat er in die NSDAP ein, wurde Gaufachberater in Kirchenfragen in Sachsen und Führer der Arbeitsgemeinschaft nationalsozialistischer Pfarrer. 1933 wurde er als Landesbischof in Sachsen eingesetzt,

Im September 1933

Im September 1933 hatte die preußische Generalsynode, die von den DC beherrscht wurde, beschlossen den Arierparagraphen in das kirchliche Dienstrecht zu übernehmen: Pfarrer jüdischer Abstammung mussten somit aus dem Amt scheiden. Das „Judenproblem” geriet in das Zentrum der innerkirchlichen Auseinandersetzungen.   (Literatur: “Die gescheiterte Zähmung, Wege zur Machtergreifung Hitlers 1930 – 1934” von Gotthard Jasper, Edition Suhrkamp, Seite 199)

Im September 1933

Die DC beherrschten fast alle Gemeindevertretungen und Synoden und erhielten die Gelegenheit, die Führungspositionen mit ihren Anhängern zu besetzen. Hitlers Vertrauensmann Müller wurde  erst preußischer Landesbischof und dann Ende September auf der 1. Nationalsynode in Wittenberg einstimmig zum Reichsbischof gewählt.

Ludwig Müller wurde von Emmy Göring  „der Reibi”, Reichsbischof, genannt.   (Literatur: “Ernstfälle, Erlebtes und Bedachtes” von Werner Jentsch, Brendow Buch Kunst Verlag, 1992, Seite 131)

Im Herbst 1933

Der evangelische Theologe Martin Niemöller , der später zu den Führern des kirchlichen Widerstands zählte, sprach auf einem Erntedankfest von dem „erwachenden, deutschen Volk, Beruf und Stand, Rasse und Volkstum” seien Forderungen, denen man sich nicht entziehen könne.

1. Oktober 1933

Paul Mendelsohn, geschäftsführender evangelischer Pfarrer an der Dankes-Gemeinde in Berlin-Wedding, wird wegen seiner jüdischen Herkunft zwangspensioniert.   (Literatur: Manfred Gailus, Die vergessenen Brüder und Schwestern. Zum Umgang mit Christen jüdischer Herkunft im Raum der evangelischen Kirchen Berlin- Brandenburgs, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 51. Jg.,)

10. Oktober 1933

Am 10. Oktober 1933 dankte Gröber, Erzbischof von Freiburg,  auf einer katholischen Großveranstaltung in Karlsruhe ausdrücklich den „Männern der Regierung” für ihr Erscheinen:

  • „Ich verrate kein Geheimnis, wenn ich erkläre, dass sich im Verlauf der letzten Monate der Verkehr der Kirchenregierung in Freiburg mit der Regierung in Karlsruhe in freundschaftlichster Form vollzogen hat. Ich glaube auch, weder vor ihnen noch vor dem deutschen Volk ein Geheimnis zu verraten, wenn ich sage, dass ich mich restlos hinter die neue Regierung und das neue Reich stelle.”

14. Oktober 1933

Das Breslauer christliche Wochenblatt „Evangelischer Ruf” veröffentlicht unter der Überschrift „Vision” folgenden Text:  „Gottesdienst. Das Eingangslied ist verklungen. Der Pfarrer steht am Altar und beginnt: ‚Nichtarier werden gebeten, die Kirche zu verlassen!’ Niemand rührt sich. ‚Nichtarier werden gebeten, die Kirche zu verlassen!’ Wieder bleibt alles still. ‚Nichtarier werden gebeten, die Kirche zu verlassen!’ Da steigt Christus vom Kreuze herab und verlässt die Kirche.”

15. Oktober 1933

München, Grundsteinlegung „Haus der Deutschen Kunst” mit Festzug „Glanzzeiten deutscher Kultur”.  Der Apostolischen Nuntius Alberto Vassallo di Torregrossa sagt dabei in Gegenwart von Bayerns   Staatsminister und NSDAP-Mitgl. Nr. 2, Hermann Esser, zum Reichsführer Adolf Hitler u.a. „Ich habe Sie     lange nicht verstanden. Ich habe mich aber lange darum bemüht. Heute verstehe ich Sie.”

28. Oktober 1933

Clemens August Graf von Galen, geboren 1878 in adliger Familie in Westfalen, wird katholischer Bischof von Münster; die erste bischöfliche Amtseinführung nach der Unterzeichnung des Konkordats. Vor seiner Bischofsweihe hatte er dem preußischen Ministerpräsiden Herman Göring  besucht und vor ihm entsprechend den Bestimmungen des Konkordats einen Treueid gegenüber dem Staat geleistet. Das wurde symbolisch erwidert, als während der Weihezeremonie lokale Funktionäre der NSDAP und SA vom Kreisleiter abwärts mit Hitlergruß an ihm vorbei zogen.   (Literatur Richard J. Evans: “Das Dritte Reich, Aufstieg”, Seite 480)

1.November 1933

Schweiz; „Neue Züricher Zeitung” „Der Freiburger Erzbischof (Dr. Conrad Gröber)…  hat noch in der  Zeit der Reichstagswahlen sehr entschieden gegen gewisse nationalsozialistische Auffassungen  Stellung genommen und längere Zeit war das Verhältnis der nationalsozialistischen badischen Regierung zur Kirche sehr gespannt. Umso größere Beachtung findet das Bekenntnis zum neuen Regime, das der Kirchenfürst auf einer katholischen Massenveranstaltung (am 9.10.) in Karlsruhe ausgesprochen hat…  Auch äußerlich trat die Wandlung in Karlsruhe dadurch zutage, dass die Versammlungsteilnehmer, die sicherlich vor einem halben Jahre noch stramme Zentrumsleute waren, den Erzbischof mit dem Deutschen Gruß empfingen. Das Verhalten des hohen kirchlichen Würdenträgers erscheint  bezeichnend für den neuen Kurs, den der deutsche Episkopat nach dem Abschluss des Reichskonkordats eingeschlagen hat.”

9. November 1933

An diesem Tage bekannte der Katholik Vizekanzler von Papen (er hatte Anfang  Januar im Hause eines Kölner Bankiers Hitler die Unterstützung des Papstes zugesagt)  in einer Rede vor der Arbeitsgemeinschaft katholischer Deutscher in Köln:

  • „Seit dem 30. Januar, da die Vorsehung mich dazu bestimmt hatte, ein Wesentliches zur Geburt der Regierung der nationalen Erhebung beizutragen, hat mich der Gedanke nicht los gelassen, dass das wundervolle Aufbauwerk des Kanzlers und seiner großen Bewegung unter keinen Umständen gefährdet werden dürfe durch einen kulturellen Bruch .
  • Denn die Strukturelemente des Nationalsozialismus sind nicht nur der katholischen Lebensauffassung nicht wesensfremd, sondern sie entsprechen ihr in fast allen Beziehungen:”   (Literatur: Karlheinz Deschner “abermals krähte der Hahn”, Seite 533)

12. November 1933

Die katholischen deutschen Studentenführer erklären durch den Verbandsführer Forschbach: „wer am 12. November nicht mit „Ja“ wählt, bricht seinen Burscheneid, weil er in der Stunde der größten Gefahr sein Vaterland und sein Volk verrät“. (Literatur: Deschner “ abermals krähte der Hahn“)

13. November 1933

Großkundgebung des Gaues Großberlin der „Deutschen Christen” im Sportpalast. Hauptredner Berliner Gauobmann Studienrat Dr. Reinhold Krause hatte am 13. November 1933 die Welt vor 20.000 Zuhörern wissen lassen, was sie wollten:

  • „Durchsetzung des Arierparagraphen in den Landeskirchen,”
  • „die Trennung von juden-christlicher und deutscher Volkskirche,”
  • „die Reinigung des Christentum von allen „Jüdischen”, also die
  • Trennung vom Alten Testament und die Entjudaisierung
  • des Christentums,”
  • „Befreiung von allem Undeutschem im Gottesdienst”
  • „Befreiung vom Alten Testament mit seiner jüdischen Lehrmoral,
  • von den Viehhändler und Zuhältergeschichten,”
  • „Das Alte Testament: das fragwürdigste Buch der Weltgeschichte,”

„Wenn wir Nationalsozialisten uns schämen (1933 ! ! ) eine Krawatte vom Juden zu kaufen, dann müssten wir uns erst recht schämen, irgendetwas, das zu unserer Seele spricht, das innerste Religiöse vom Juden anzunehmen”. „Hierher gehört auch, dass unsere Kirche keine Menschen judenblütiger Art mehr in ihren Reihen aufnehmen darf. . .” „Es wird aber auch notwendig sein, . . . dass alle offenbar entstellten und abergläubischen Berichte des Neuen Testaments entfern werden und dass ein grundsätzlicher Verzicht auf die ganze Sündenbock- und Minderwertigkeitstheologie des Rabbiners Paulus ausgesprochen wird . . .” „Wenn wir aus den Evangelien das herausnehmen, was zu unseren deutschen Herzen spricht, dann tritt das Wesentliche der Jesuslehre klar und leuchtend zutage, das sich   -und darauf dürfen wir stolz sein-   restlos deckt mit den Forderungen des Nationalsozialismus.”   (Literatur:  “. . . aber die Zeit war nicht verloren, Erinnerungen eines Altbischofs” Autobiographie von Albert Schönherr, Aufbau-Verlag, 1993, Seite 58)

14. November 1933

Reichsbankpräsident Dr. Hjalmar Schacht hält anlässlich eines Vortrags in Berlin. Gastgeber ist der „Berliner Lyzeumsklub” – eine aggressiv-antisemitische Rede, in der er judenfeindliche Passagen aus Reden und Schriften Martin Luthers zustimmend zitiert:   „Sie, die Juden, leben bei uns zu Hause, unter unserem Schutz und Schirm, brauchen Land und Straßen, Markt und Gassen. Dazu sitzen die Fürsten und Obrigkeiten, schnarchen und haben das Maul offen, lassen die Juden aus ihren offenen Beuteln und Kasten nehmen; sie lassen sie sich selbst und ihre Untertanen durch der Juden Wucher aussagen und mit ihrem eigenen Gelde sich zu Bettlern machen… Dazu wissen wir noch heutigen Tages nicht, welcher Teufel sie her in unser Land gebracht hat; wir haben sie zu Jerusalem nicht geholt. Zudem hält sie noch jetzt niemand, Land und Straßen stehen ihnen offen ; mögen sie ziehen in ihr Land, wenn sie wollen.” In fast allen wichtigen Tageszeitungen werden ausführliche Auszüge dieser Rede veröffentlicht.   (Literatur: Georg Denzler u. Volker Fabricius, Christen und Nationalsozialisten. Darstellung und Dokumente, Frankfurt a. M. 1995, S. 51.)

15. November 1933

Berlin, Kundgebung nach Zusammenschluss der verschiedenen Diakonissen-Verbände zur „Diakonie-gemeinschaft”, Emil Karow, Bischof von Berlin u.a. „Wir haben eben so kraftvolle Worte vom Nationalsozialismus gehört. Gestatten Sie mir, die Schwestern in der Kirche mit der SA zu vergleichen.” Pastor Großmann, Berlin-Zehlendorf: „Als Adolf Hitler die Macht ergriff, ging ein Aufatmen durch ihre (die Diakonie) Reihen. Sie dankt unserem Führer, daß sie im neuen Staat mitarbeiten darf…Wenn die SA die politischen Soldaten des Reiches sind, so sind unsere Schwestern die Soldaten der Kirche…”

24. November 1933

Reichstag akklamiert Gesetz gegen gefährliche Gewohnheitsverbrecher und über Maßregeln der Sicherung und Besserung,  Berlin  „Frankfurter Zeitung” berichtet über Berliner Sportpalast-Rede von „Deutsche Christen-Gauobmann   Dr. Reinhold Krause, der dabei das Alte Testament „Buch der Viehtreiber und Zuhälter” nannte

Im November 1933

Der ehemalige U-Bootkapitän Martin Niemöller, er hatte bereits im September 1933 den Pfarrernotbund ins Leben gerufen, sandte dennoch im November 1933 ein Glückwunschtelegramm an Hitler zum Entschluss des Austritts aus dem Völkerbund.   (Literatur: Martin Broszat: “Deutsche Geschichte seit dem ersten Weltkrieg”)

11. Dezember 1933

„Bekenntnis der Deutschen Christen” u.a.

„Wir Deutschen Christen…sind durch Gottes Schöpfung hineingestellt in die Blut- und Schicksalsgemeinschaft des deutschen Volkes und sind als Träger dieses Schicksals verantwortlich für seine Zukunft. Deutschland ist unsere Aufgabe…Wie jedem  Volk, so hat auch unserem Volk der ewige Gott ein arteigenes Gesetz eingeschaffen. Es gewann  Gestalt in dem Führer Adolf Hitler und in dem von ihm geformten nationalsozialistischen Staat. Dieses  Gesetz spricht zu uns in der aus Blut und Boden erwachsenen Geschichte unseres Volkes. Die Treue zu diesem Gesetz fordert von uns den Kampf für Ehre und Freiheit… Der Weg zur Erfüllung des  deutschen Gesetzes ist die gläubige deutsche Gemeinde…  Aus dieser Gemeinde Deutscher Christen  soll im nationalsozialistischen Staat Adolf Hitlers die das ganze Volk umfassende Deutsche christliche Nationalkirche erwachsen: Ein Volk! Ein Gott! Ein Reich! Eine Kirche!”

19. Dezember 19333

ev. Reichsbischof Ludwig Müller und Reichsjugendführer Baldur v. Schirach schließen „Abkommen über die Eingliederung der evangelischen Jugend in die Hitler-Jugend:

  • 1. Das evangelische Jugendwerk erkennt die einheitliche staatspolitische Erziehung der deutschen  Jugend durch den nationalsozialistischen Staat und die HJ als Träger der Staatsidee an. Die Jugendlichen des Evangelischen Jugendwerkes unter 18 Jahren werden in die HJ eingegliedert. Wer nicht Mitglied in der HJ wird, kann fürderhin innerhalb dieser Alterstufen nicht Mitglied des  Evangelischen Jugendwerkes sein.
  • 2. Geländesportliche (einschließlich turnerische und sportliche) und staatspolitische Erziehung wird bis zum 18. Lebensjahre nur in der HJ getätigt.
  • 3. Die Mitglieder des Evangelischen Jugendwerkes tragen entsprechend ihrer Zugehörigkeit zur HJ  den Dienstanzug der HJ.
  • 4. An zwei Nachmittagen in der Woche und an zwei Sonntagen im Monat bleibt dem Evangelischen Jugendwerk die volle Freiheit seiner Betätigung in erzieherischer und kirchlicher Hinsicht mit Ausnahme der in Ziffer 2 genannten Betätigung. An diesen Tagen werden, wenn nötig, die Mitglieder jeweils von der anderen Organisation beurlaubt. Für die Mitglieder des Evangelischen Jugendwerkes wird der Dienst in der HJ ebenfalls auf zwei Wochentage und zwei Sonntage im Monat beschränkt. Außerdem wird für die evangelische Lebensgestaltung und evangelische Jugenderziehung durch volksmissionarische Kurse und Lager den Mitgliedern des Evangelischen   Jugendwerkes vom Dienst in der HJ Urlaub erteilt.“
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1933 Das Jahr der Machtergreifung (3) Geschehnisse Juli bis Dezember 1933

Machtergreifung, Erste Schritte zum Aufbau der Diktatur

Teil 3: Juli bis Dezember 1933

1. Juli 1933

Der an der Universität Greifswald immatrikulierte jüdische Medizinstudent Walter Orloff wird ungeachtet seiner US – amerikanischen Staatsbürgerschaft verhaftet und von der Universität verwiesen.   (Literatur: Wolfgang Wilhelmus, Greifswalder Juden während der NS – Zeit, in: Menora. Jahrbuch für deutsch – jüdische Geschichte, Bd. 6. 1995, S. 393.)

Margarete Heymann-Loebenstein: Ihr  Betrieb der Keramikwerkstatt wurde stillgelegt, nachdem sie von einem ihrer Mitarbeiter bei der NSDAP als Staatsfeind denunziert worden war. Nach der Machtergreifung bedrohten die Nationalsozialisten Margarete Heymann-Loebenstein. Der „Angriff“ bezeichnete ihre Kunst in einem Vergleich mit den Arbeiten Hedwig Bollhagens als entartet und minderwertig.

Einrichtung eines “Amtes für Rassenforschung” im Reichsministerium des   Innern.

2. Juli 1933

Berlin, Lazaruskirche, Massentrauung ev. Paare, die Männer tragen SA-Uniformen. Bericht des „Illustrierten Beobachters” vom Juli 1933:   „Eine Berliner Sensation: 50 nationalsozialistische Paare lassen sich gemeinsam trauen. Pfarrer Lengning nimmt in der Berliner Lazaruskirche die Trauung vor. Unter verschiedenen Fotos:  „Ein langer Zug der Brautpaare zur Kirche”, „Die Paare durchschreiten beim Verlassen der Kirche ein Spalier grüßender Hitlerjugend”  und „Die Massentrauung fand die herzliche Anteilnahme der Berliner Bevölkerung.“

In Hamburg werden zwei ordentliche Professoren der Universität, ein leitender Oberarzt des Krankenhauses St. Georg, vier Richter sowie zwei weibliche Beamte des Jugendamtes als so genannte Nichtarier aus dem öffentlichen Dienst entlassen.   (Literatur: Ursel Hochmuth u. Gertrud Meyer, Streiflichter aus dem Hamburger Widerstand,  S. 204..)

3. Juli 1933

Der „Dortmunder Generalanzeiger” warnt die Metzgermeister der Stadt, weiterhin Umgang mit Juden zu pflegen:  „Es soll noch einige Metzgermeister in Dortmund geben, die ihre spießbürgerliche Haut noch nicht in nationalsozialistischem Sinne geschält haben. Selbst unter Parteigenossen dieses Faches soll eine möglichst schnelle Schälung angebracht sein. Es könnte nämlich in aller Kürze der Fall eintreten, dass die noch judenfreundlichen Metzger von ihren eigenen Parteigenossen boykottiert werden. Es wird, wenn alles nichts nützt, eine Veröffentlichung ihrer Namen erfolgen, die einen Ausschluss aus der Partei zur Folge haben wird. Auch das Freundschaftskegeln verschiedener Metzger mit Juden wird aufhören müssen… Ahnen diese Menschen denn gar nicht, wie schwer sie sich an unserem Führer versündigen und wie sie ihn gröblichst beleidigen, wenn sie seinen aus Liebe zu unserem Volke geführten Kampf gegen das Weltgaunertum der Juden sabotieren? Wir werden gerade bei den Metzgern in Zukunft sehr scharf aufpassen, dass auch nicht hinten herum Geschäfte mit den Juden gemacht werden.” (Literatur: Wolfgang Mönninghoff, Enteignung der Juden,  S. 39f.)

4. Juli 1933

Die „Bayerische Volkspartei” (DVP) löst sich „freiwillig” auf, am nächsten Tag folgt ihr die katholische Zentrumspartei. Die Auflösung der Zentrumspartei erfolgte auf Weisung des Vatikans. Da viele Katholiken protestierten, beschwichtigte sie der Vatikan sowohl in einer halboffiziellen Verlautbarung wie durch Staatssekretär Pacelli: „Hitler weiß das Staatsschiff zu lenken. Noch ehe er Kanzler wurde, traf ich ihn wiederholt und war sehr beeindruckt von seinen Gedanken und seiner Art, den Tatsachen ins Auge zu sehen und doch seinen edlen Idealen treu zu bleiben .“  . . . „Wie in Italien  … verschaffte der Vatikan in Deutschland durch Papen, Kaas und die Auflösung des Zentrums, der ältesten katholischen Partei Deutschlands, Hitler die unumschränkte Macht“ (Literatur: Deschner „abermals krähte der Hahn“, Seite 535)

Die Rieseberg-Morde waren Verbrechen der Nationalsozialisten kurz nach deren „Machtergreifung“ 1933, bei dem Angehörige der SS am 4. Juli 1933 in der Nähe des kleinen Ortes Rieseberg bei Königslutter am Elm, ca. 30 km östlich von Braunschweig elf Männer ermordeten. Das Verbrechen wurde noch im selben Jahr international durch die in deutsch, englisch und französisch erschienene Veröffentlichung Terror in Braunschweig von Hans Reinowski bekannt.

24 so genannte Nichtarier werden aus dem Schuldienst der Stadt Hamburg entlassen.   (Literatur: Ursel Hochmuth u. Gertrud Meyer, Streiflichter aus dem Hamburger Widerstand, , S. 204.)

Braunschweig; SS-Männer ermorden zehn Häftlinge – sieben der Ermordeten sind Kommunisten.

6. Juli 1933

An diesem Tag gab Hitler vor den Reichsstatthaltern, die durch das Gesetz vom 7. April ernannt waren und vor SA-Führern die Parole aus, das eine neue Periode begonnen hätte. Auf die „Machtergreifung” folge jetzt die „Machtbefestigung”; die Herstellung der Totalität des Staates mit Hilfe eines Propagandasystems mit dem ein ganzes Volk durchdrungen werden kann.   (Literatur: “Die nationalsozialistische Machtergreifung” von Bracher-Schulz-Sauer,    Seite 136)

Eintragung im Tagebuch des Willy Cohn: Das neue Nachtgebet: „Lieber Gott mach mich stumm, dass ich nicht nach Dürrgoy komm”   (Dürrgoy: gemeint ist das Konzentrationslager Breslau Dürrgoy.)

8. Juli 1933

Moritz Cederbaum, wohnhaft Berlin Schöneberg, engagierter Sozialdemokrat, Jugendfunktionär im Zentralverband der Angestellten und Mitglied der Liga für Menschenrechte hatte sich für die politische Arbeit nach Feierabend engagiert. Eine Hausdurchsuchung am 29. Mai 1933 ließ eine weitere politische Aktivität nicht mehr zu. Am nächsten beantragte er seinen Paß und stieg am 8. Juli auf dem Schlesischen Bahnhof in den Zug nach Paris.   (Literatur: “Orte des Erinnerns” vom Kunstamt Berlin Schöneberg,  Seite 147)

9. Juli 1933

„Juden werden aus dem großdeutschen Schachbund ausgeschlossen.”   (Literatur: “Orte des Erinnern, das Denkmal im Bayerischen Viertel”, eine von 80 Gedenktafeln. Hier:   Berchtesgadener Str. 21)

10. Juli 1933

James G. McDonald vom Verband der Auslandspresse hielt eine Rede auf dem Chautauqua-Festival. Ein Reporter der New York Times berichtete über die Veranstaltung. McDonald erwähnte nicht, was Hitler und Hanfstaengel ihm von ihren Plänen für die Juden erzählt hatten (siehe 1. April). Aber er betonte, die Versuche der Nazi-Verteidiger, zu leugnen, dass Juden grausam behandelt würden, „beleidigten die Intelligenz“. „Die Nazis glaubten an den Mythos der Überlegenheit der arischen Rasse und sind fest entschlossen, alles jüdische Wirtschaftsleben zu vernichten“. Hitler habe die Vorurteile und die Demütigungen Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg ausgeschlachtet: „Der Krieg, der Vertrag von Versailles und die Art, wie seither miit diesem Volk umgegangen worden ist, haben die Deutschen dazu gebracht, sich neuen Führern zuzuwenden“, sagte er. „Der Hitlerismus ist in einem ganz eindeutigen Sinne ein Geschenk der Alliierten und der Vereinigten Staaten“   (Literatur: „Menschen Rauch“ von Nicholson Baker)

11. Juli 1933

In einem Rundschreiben weist das Geheime Staatspolizeiamt alle Staatspolizeiämter in Preußen an, sofort Listen über sämtliche politischen wie unpolitischen jüdischen Vereine und Organisationen anzufertigen. Außerdem seien die Daten aller in- und ausländischen Juden zu erfassen, die bislang politisch in Erscheinung getreten seien. Begründet wird diese Anweisung mit dem angeblichen Eindringen „marxistischer“ Elemente in jüdische Vereine.   (Christoph Graf, Politische Polizei zwischen Demokratie und Diktatur. Die Entwicklung der preußischen Politischen Polizei vom Staatsschutzorgan der Weimarer Republik zum Geheimen Staatspolizeiamt des Dritten Reiches, Berlin 1983, S. 240.)

12. Juli 1933

Der Reichsminister des Innern, Wilhelm Frick, erlässt Richtinien für den Geschichtsunterricht an Schulen: Es sei fortan stärker die „Bedeutung der Rasse“ zu betonen.

In Nortlingen ahnte man nur gerüchteweise, dass es KZ’s gäbe. Doch an diesem Tag wurde in der örtlichen Presse berichtet, dass „neun auswärtige  kommunistische Schutzhäftlinge durch einheimische Polizeibeamte nach Moringen gebracht wurden, wo sieben in das Konzentrationslager und zwei in ein Arbeitshaus eingeliefert“ wurden.  Hierdurch erfuhren die Bewohner zum ersten Mal, dass in unmittelbarer Nähe ein Konzentrationslager existiert. (Literatur: William Sheridan Allen in „The Nazi Seizure of Power“. Allen, amerikanischer Historiker, hat in einem umfangreichen Werk die Entwicklung der Nazi-Diktatur geschildert, wobei er das Städtchen Northeim als Beispiel für alle deutschen Städte genommen hat.)

13. Juli 1933

Reichsinnenministerium, Dr. Frick’s Anordnung zur Einführung des Hitlergrußes: „Nachdem der Parteienstaat in Deutschland überwunden ist und die gesamte Verwaltung im Deutschen Reich unter der Leitung des Reichskanzlers Adolf Hitler steht, erscheint es angebracht, den von ihm eingeführten Gruß allgemein als deutschen Gruß anzuwenden…  Die Beamtenschaft muss auch hierin dem deutschen Volke vorangehen. Deshalb und um eine gleichmäßige Übung innerhalb der Behörden zu gewährleisten, bitte ich für Ihren Geschäftsbereich anzuordnen:

  • Sämtliche Beamte, Angestellte und Arbeiter von Behörden grüßen im Dienst und innerhalb der dienstlichen Gebäude und Anlagen durch Erheben des rechten Armes…
  • Es wird von den Beamten erwartet, dass sie auch außerhalb des Dienstes in gleicher Weise grüssen“.

14. Juli 1933

Der Reichstag akklamiert das Gesetz gegen die Neubildung von Parteien:

  • „In Deutschland besteht als einzige politische Partei die Nationalsozialistische Arbeiterpartei”
  • „Wer es unternimmt, den organisatorischen Zusammenhalt einer anderen  . . .  Partei aufrechtzuerhalten oder eine neue politische Partei zu bilden, wird  . . .  mit Zuchthaus  . . .  oder mit Gefängnis bestraft.”   (Literatur: “Illustrierte Geschichte des Dritten Reiches” von Dr. Kurt Zentner, Seite 157)

Gesetz „Zur Verhütung erbkranken Nachwuchs”, also Gesetz zur Zwangssterilisation wird erlassen. (Literatur: Wibke Bruhns, aus “Meines Vaters Land”, Seite 290) An allen Amtsgerichten wurden Erbgesundheitsgerichte angegliedert, die u. a. das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses mit Gesundheitszeugnissen durchführen sollten. Oberste von drei Instanzen war das neugeschaffene Reichserbhofgericht, das dem Reichsernährungsminister unterstellt wurde.

Dr. Goebbels verkündete in einer Rede die „totale Inbesitznahme” des deutschen Rundfunks. „. . . Ich habe mich letzten Endes entschlossen  . . . die Schlüsselstellungen des deutschen Rundfunks mit 100prozentigen Nationalsozialisten zu besetzen”.

Zum Abschluss des Konkordats mit dem Heiligen Stuhl, das am 20.7. im Vatikan von Kardinal Pacelli (dem späteren Papst Pius XII.) und Vizekanzler Franz von Papen unterzeichnet werden wird, erklärt Hitler auf der Kabinettssitzung:  „Im Reichskonkordat wäre Deutschland eine Chance gegeben und eine Vertrauenssphäre geschaffen, die bei dem vordringlichen Kampf gegen das internationale Judentum besonders bedeutungsvoll wäre.”

19. Juli 1933

Pfarrer Wilhelm Niemöller, NSDAP-Genosse seit 1923 und Bruder Martin Niemöllers, wird wegen Verstoßes gegen die Parteidisziplin aus der Partei ausgeschlossen, er prozessiert erfolgreich gegen den Ausschluß – ein Parteigericht verfügt am 21.9.1934 die Rücknahme des Ausschlusses

20. Juli 1933

Abschluss des Konkordats zwischen dem Deutschen Reich und der Kurie. Die Beziehung zwischen der katholischen Kirche und dem deutschen Staat wurde festgelegt. Hitler kam es weniger auf den Inhalt an. Er sah drei große Vorteile:

  • 1.) Dass der Vatikan überhaupt verhandelt habe, obwohl besonders in Österreich damit operiert würde, dass der Nationalsozialismus unchristlich und kirchenfeindlich wäre;
  • 2.) dass die Kirche bereit sein würde die Bischöfe auf diesen Staat zu verpflichten und
  • 3.) dass die Kirche sich aus dem Vereins- und Parteileben herauszöge.

Bereits am 2. Juli 1933 gab Papen in einem Geheimschreiben aus Rom der Überzeugung Ausdruck, „dass der Abschluss des Konkordats außenpolitisch als ein großer Erfolg für die Regierung der nationalen Erhebung gewertet werden muss”.

Übrigens: Bereits damals ist in einem geheimen Zusatzprotokoll eine vertragliche Abmachung mit dem Heiligen Stuhl für den Fall der allgemeinen Wehrpflicht in Deutschland getroffen worden.   (Literatur: Karlheinz Deschner “abermals krähte der Hahn”, S. 533)

20. Juli 1933

Bücher jüdischer Autoren werden von nun an in wissenschaftlichen Bibliotheken nur für „ernste wissenschaftliche Arbeit“ entliehen.

21. Juli 1933

Im Landkreis Jüterbog-Luckenwalde wird der Rektor Münchow aus Luckenwalde in „Schutzhaft” genommen. Münchow war SPD – Mitglied und hatte sich an führender Position in der SPD betätigt. Die „Inschutzhaftnahme” erfolgte auf Grund des § 1 der Verordnung des Reichspräsidenten vom 28. Februar. Begründung: „Es besteht die Gefahr, dass Münchow auch nach der Auflösung der SPD weiterhin versuchen wird, staatsfeindliche Maßnahmen durchzuführen”   (Literatur: Dr. Kurt Zentner: “Illustrierte Geschichte des Widerstandes in Deutschland und Europa”, Seite 23)

23. Juli 1933

„Sonntag.   . . . Heute steht eine neue Regierungsverfügung in der Zeitung, wonach die Todesstrafe ganz rasch verhängt werden kann, auch wegen Greuelpropaganda” aus dem Tagebuch von Willy Cohn    und am nächsten Tag

24. Juli 1933

„Montag. Die Breslauer neuen Nachrichten gelesen. In Köln sind sechs Todesurteile gefällt worden, was werden die nächsten Wochen in dieser Beziehung noch bringen …”   (Literatur: 2 Zitate aus “Kein Recht, nirgends, Tagebuch vom Untergang des    Breslauer Judentums” von Willy Cohn, Seite 62)

24. Juli 1933 Kirchentagswahlen

Die Reichsregierung nutzte eine entstandene Verwirrung und schrieb für alle kirchlichen Organe Neuwahlen zum 24. Juli 1933 aus, die das „Führerprinzip mit einem lutherischen Reichsbischof“ festsetzte und von 28 Landeskirchen anerkannt wurde. Die DC erhielten die volle Unterstützung des Propagandaapparates der NSDAP. Hitler wandte sich am Vorabend der Wahl an die Wähler und forderte alle Parteigenossen auf, von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen und seine Politik zu unterstützen. Die innerkirchliche Opposition der sog. Jungreformatorischen Bewegung wurde in ihrem Wahlkampf von der Geheimen Staatspolizei behindert. So brachte die Wahl einen Triumph der DC.   (Literatur: “Die gescheiterte Zähmung” von Gotthard Jasper, Seite 198)

Völkischer Beobachter vom 24.7.1933: „Durch die Unterzeichnung des Reichskonkordats ist der Nationalsozialismus in Deutschland von der katholischen Kirche in der denkbar feierlichsten Weise anerkannt worden“.   . . .  „Diese Tatsache bedeutet ungeheure moralische Stärkung der nationalsozialistischen Reichsregierung und ihre Ansehens“

25. Juli 1933

Der preußische Justizminister Kerrl erlässt „aus Anlass der Beendigung der nationalsozialistischen Revolution” für bisherige, im Eifer der Machtergreifung von Parteigenossen begangene Straftaten eine Amnestie.

26. Juli 1933

ev. Generalsuperintendent Otto Dibelius beteuert in einem Schreiben an den preußischen Oberkirchenrat, er sei seit seinem Studium „im Kampf gegen Judentum und Sozialdemokratie gestanden.”

26. Juli 1933

die jüdische deutsche Philosophin Hannah Arendt wird wg. illegaler Tätigkeit – der Dokumentation antisemitischer Äußerungen für die Zionistische Vereinigung für Deutschland – von der Gestapo verhaftet,  (im August flieht H. Arendt über CSR u. Schweiz nach Frankreich, 1941 flieht sie nach Internierung im französ. Lager Gurs über Portugal in die USA)

28. Juli 1933

Einführung des so genannten Arierparagraphen im Reichsverband Deutscher Schriftsteller.

31. Juli 1933

Reichsinnenministerium:     26.789 Menschen befinden sich in „Schutzhaft”-Lagern

Die Universität Hamburg entzieht vierzehn jüdischen Privatdozenten und nicht-beamteten außerordentlichen Professoren die Lehrbefugnis. (Literatur: Ursel Hochmuth u. Gertrud Meyer, Streiflichter aus dem Hamburger Widerstand)

Im Juli 1933

Das KZ Columbia,  ein frühes nationalsozialistisches Konzentrationslager am nördlichen Rand des Tempelhofer Feldes in Berlin-Tempelhof. Spätestens ab Juli 1933 nutzte die Gestapo das Columbia-Haus als Haftanstalt für politische Gefangene. Im Juli 1933 waren 80 Männer im Columbia-Haus inhaftiert, die Zahl stieg jedoch rasch an. Im September waren es bereits 300 Häftlinge. Durch seine Lage nahe der Berliner Innenstadt waren viele prominente Persönlichkeiten des politischen Lebens im Columbia-Haus inhaftiert. Anlässlich des Neubaus des Flughafens Tempelhof wurde das Columbia-Haus 1938 abgerissen. An die Geschichte des Ortes erinnert seit 1994 ein Mahnmal, Gedenktafel Columbiadamm 71

2. August 1933

Der Chemiker Dr. Georg Eppenstein, Inhaber einer Knoblauchsaft-Firma in Berlin – Köpenick, verstirbt in der Charité an den Folgen der schweren Misshandlungen, die ihm wie anderen Juden sowie Kommunisten und Sozialdemokraten während der so genannten Köpenicker Blutwoche im Juni 1933 von Angehörigen der SA im Sturmlokal „Demuth” in der heutigen Pohlestraße 13 zugefügt worden waren.   (Literatur: Gerd Lüdersdorf, Es war ihr Zuhause. Juden in Köpenick, Berlin 1997,)

Im Schuppen, dem so genannten „Heuboden”, des SA‐Lokals „Demuth” in der damaligen Elisabethstr 23  in der Köpenicker Kietzer Vorstadt wurden u. a. folgende Personen von SA‐Leuten „verhört” und teilweise bestialisch mißhandelt: Franz Bollfraß, Gustav Brose, Dr. Georg Eppenstein, Leonard Esser, Paul Fettke, Herta Gley, Erich Haverland, Werner Heber, Franz Keller, Bernhard Klappert, Artur Klepzig, Paul Küster, Alfred Kuschke, Bruno Lobitz, Walter Majchrzak, Dr. Meier, Karl Mönch, Georg Nusche, Hedwig Nusche, Karl Pischel, Kurt Pohle, Paul Pohle, Karl Pokern, Alfred Pusch, Erich Radke, Fritz Rebel, Rohrbeck, Karl Schöppe, Josef Spitzer, Paul Spitzer, Paul Wilczoch, Otto Zimmermann, Paul Zimmermann.

An den Folgen der Folter durch die SA‐Leute im Sturmlokal Demuth starben Walter Majchrzack, Fritz Ott, Paul Pohle, Karl Pokern, Josef Spitzer und Paul Spitzer, Paul Wilczoch und Alfred Pusch. Karl Pokern wurde durch Mißhandlungen entsetzlich zugerichtet und im Amtsgerichtsgefängnis erschossen.

4. August 1933

Die „Vossische Zeitung” teilt mit, dass gemäß einer Verordnung des Reichswehrministers General Werner von Blomberg künftig von heiratswilligen Soldaten der Nachweis zu erbringen sei, dass „die Braut des Wehrmachtsangehörigen arischer Abstammung ist”.   (Literatur: Norbert Burkert, Klaus Matußek u. Wolfgang Wippermann, “Machtergreifung” Berlin 1933,)

5. August 1933

Die „Frankfurter Zeitung” meldet aus Hamburg: „Der hamburgische Staat hat beschlossen, das Heinrich-Heine-Denkmal, das vielen ein Dorn im Auge sei, aus dem Stadtpark zu entfernen und, wie mitgeteilt wurde, in irgendeinem Schuppen zu lagern.”   (Literatur: Ursel Hochmuth u. Gertrud Meyer, Streiflichter aus dem Hamburger Widerstand,  S. 205.)

8. August 1933

Felix Fechenbach, (* 28. Januar1894 in Bad Mergentheim; † 7. August1933 im Kleinenberger Wald zwischen Detmold und Warburg) war ein deutscher politischer Journalist und Dichter. Seine Pseudonyme waren Rudolf Franke und Nazi Jüsken. Herausgeber des sozialdemokratischen Detmolder Volksblatt war bereits am 11. März 1933 verhaftet und zusammen mit anderen führenden Sozialdemokraten im Kreis Lippe in „Schutzhaft” genommen worden. Am 8. August holte ihn eine Abteilung SA-Leute aus dem staatlichen Gefängnis, um ihn angeblich nach Dachau zu bringen. Unterwegs zwangen sie den begleitenden Polizisten aus dem Wagen zu steigen und fuhren in einen Wald, wo sie Fechenbach erschossen. Die NS-Presse meldete später „auf der Flucht erschossen“. Willy Cohn in „Kein Recht nirgends”, Seite 67: schreibt dazu: „10. August 1933. In der Zeitung die üblichen Nachrichten. Felix Fechenbach ist auf der Flucht erschossen worden“.   (Literatur: Richard J. Evans “Das Dritte Reich, Aufstieg”, Seite 474)

10. August 1933

KZ Oranienburg, Fritz Ebert (Sohn vom SPD-Reichspräsident Friedrich Ebert, 1928-33 SPD-MdR, 1946 SED-Zentralsekretariat, 1948-67 Oberbürgermeister Ostberlin, 1949 SED-Politbüro, 1971 stellvertr.  DDR-Staatsratsvors. und SED-Fraktionsvors. in der Volkskammer) wird hier acht Monate inhaftiert.

13. August 1933

In Nürnberg nahmen SA-Männer eine 19-Jährige mit in ein Nachtlokal. Sie schnitten ihr die Haare ab, rasierten ihr den Schädel kahl und banden ihr ein Plakat um den Hals mit der Inschrift:  „Ich habe mich mit einem Juden eingelassen“. Eine Gruppe Touristen, die zeugen dieser Szene wurden, schrieben einen Brief an die Behörden, in dem sie erklärten, sie wollten sich zwar nicht in die inneren Angelegenheiten der Stadt einmischen, aber Vorfälle dieser Art müssten alle ausländischen Besucher entrüsten. Wenige Wochen später wurde das Mädchen für geisteskrank erklärt und in eine Irrenanstalt eingeliefert.   (Literatur: „Menschen Rauch“ von Nicholson Baker)

14. August 1933

Der Nazi-Verlag Lehmann in München propagiert die Einrichtung eines „Rassensonderfensters“ in allen Buchhandlungen anlässlich der vom September bis November durchzuführenden Kampagne für den „rassehygienischen und rassenkundlichen Gedanken“. Für diese Kampagne empfiehlt der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, Dr. Joseph Goebbels, 30 einschlägige „Werke“ besonders herauszustellen, von denen allein 17 im Verlag Lehmann erschienen sind. (Literatur: Manfred Overesch, Chronik deutscher Zeitgeschichte)

16. August 1933

„Juden werden aus Gesangsvereinen ausgeschlossen.”   (Literatur: “Orte des Erinnern, das Denkmal im Bayerischen Viertel”, eine von 80 Gedenktafeln. Hier:   Bayerischer Platz 14)

18. August 1933

Auf der „10. Großen deutschen Funkausstellung“ in Berlin hatte Joseph Goebbels, der „Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda“ den „Volksempfänger VE 301“ präsentiert. Die Ziffern sollten ein triumphales Datum einprägen: 30. Januar 1933. Adolf Hitler zum Reichskanzler. (Literatur: Jürgen Engert im „Tagesspiegel“ vom 18. August 2013)

19. August 1933

Großbritannien; London, White City, bei Athletikturnier salutiert deutsche Nationalmannschaft mit Hitler-Gruß.

20. August 1933

Berlin-Neukölln, kath. Jugendtag, Dr. Erich Klausener, Prälat Georg Puchowski, Generalvikar Paul  Steinmann, Prälat Weber und viele andere Kleriker grüßen die Jugendlichen mit dem Hitler-Gruß.

21. August 1933

Der Schriftsteller Jochen Klepper notiert in sein Tagebuch: „Den Juden ist das Benutzen der Badeanstalt Wannsee verboten worden. In Nürnberg erstreckt sich das Verbot sogar auf alle städtischen Badeanstalten…   Man ist nahe am Ghetto. – Es ist schwer, wenn man sein eigenes Volk hassen muss, an dem man in seiner unbefangenen, natürlichen Entwicklung immer mehr hängt. Ich habe mich immer mehr als Deutscher fühlen gelernt und muss diese Schande erleben.”   (Literatur: Jochen Klepper, Unter dem Schatten deiner Flügel. Aus den Tagebüchern der Jahre 1932-1942, München 1976, S. 100. Jochen Klepper wurde als Sohn eines evangelischen Pfarrers geboren. Er besuchte das Gymnasium in Glogau und studierte dann zunächst evangelische Theologie in Erlangen  und Breslau. Rudolf Hermann brachte ihm Martin Luther nahe und wurde sein väterlicher Freund. Wegen seines labilen Gesundheitszustandes verzichtete er jedoch darauf, Pfarrer zu werden. Er begann, beim Evangelischen Presseverband für Schlesien in Breslau unter Leitung von Kurt Ihlenfeld  als Journalist zu arbeiten.)

Der Maschinenschlosser Ewald Vogt, geboren 21. August 1905, Funktionär der KPD und Betriebsrat im Walzwerk Hennigsdorf wurde am 20. August aus seiner Wohnung abgeholt und in das „wilde KZ“ in der General-Pape-Straße gebracht und dort an seinem 28. Geburtstag ermordet.  Literatur: „Das Gedächtnis der Stadt“, Anklamer Str. 5

22. August 1933

„Badeverbot für Juden am Strandbad Wannsee.”    (Literatur: “Orte des Erinnern, das Denkmal im Bayerischen Viertel”, eine von 80      Gedenktafeln. Hier:   Grunewaldstr. 49)

KZ Dachau, Franz Stenzer, ein deutscher Kommunist und Reichstagsabgeordneter wird erschossen. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten tauchte Stenzer zunächst unter, nahm aber beispielsweise an der illegalen Tagung des ZK der KPD am 7. Februar 1933 im Sporthaus Ziegenhals teil, um anschließend aus dem Untergrund in Süddeutschland die illegale Arbeit weiter zu organisieren. Am 30. Mai 1933 hatte die Gestapo sein Versteck in München aufgespürt und verhaftete ihn. Nach monatelangen Verhören und Misshandlungen wurde Franz Stenzer am 22. August 1933 im KZ Dachau ermordet. Nach Angaben Himmlers in einem Schreiben an den bayerischen Innenminister Adolf Wagner wurde Stenzer bei einem angeblichen Fluchtversuch von einem SS-Scharführer durch einen Genickschuss getötet. Ein Ermittlungsverfahren gegen den Scharführer wurde im Dezember 1933 eingestellt, da dessen Darstellung nicht widerlegt werden konnte. Ein gerichtsmedizinisches Gutachten hatte zuvor kein eindeutiges Ergebnis erbracht.

25. August 1933

Erste Ausbürgerungsliste im „Reichsanzeiger”,  als „Volksverräter ausgestoßen aus der deutschen Volksgemeinschaft”. Plakate mit finsteren Fotos der „Volksverräter” hingen an deutschen Litfaßsäulen.

  1. Alfred Apfel, Anwalt
  2. Georg Bernhard, Journalist
  3. Rudolf Breitscheid, SPD-Politiker
  4. Eugen Eppstein, KPD-Politiker
  5. Alfred Falk, Pazifist
  6. Lion Feuchtwanger, Schriftsteller
  7. Friedrich Wilhelm Foerster, Pazifist
  8. Hellmut von Gerlach, Journalist, Pazifist, linksliberaler Politiker
  9. Elfriede Gohlke (= Ruth Fischer), kommunistische Politikerin
  10. Kurt Grossmann, Journalist
  11. Albert Grzesinski, SPD-Politiker, preußischer Innenminister
  12. Emil Julius Gumbel, Pazifist, Mathematik-Professor
  13. Wilhelm Hansmann, SPD-Politiker
  14. Friedrich Heckert, KPD-Politiker
  15. Max Hölz, Kommunist
  16. Alfred Kerr, Theaterkritiker
  17. Otto Lehmann-Rußbüldt, Pazifist
  18. Heinrich Mann, Schriftsteller
  19. Peter Maslowski, KPD-Politiker
  20. Willi Münzenberg, kommunistischer Verleger
  21. Heinz Neumann, KPD-Politiker
  22. Wilhelm Pieck, KPD-Politiker
  23. Berthold Jacob, Journalist, Pazifist
  24. Philipp Scheidemann, SPD-Politiker
  25. Leopold Schwarzschild, Journalist
  26. Max Sievers, Freidenker
  27. Friedrich Stampfer, Journalist
  28. Ernst Toller, Schriftsteller
  29. Kurt Tucholsky, Schriftsteller, Journalist, Pazifist
  30. Bernhard Weiß, Berliner Vizepolizeipräsident
  31. Robert Weismann, preußischer Staatssekretär
  32. Otto Wels, SPD-Politiker
  33. Johannes Werthauer, Jurist

28. August 1933

Magistrat Unna verbietet jüdischen Deutschen den Besuch des städtischen Schwimmbades Bornekampstraße.

Nach Berichten der Exilleitung der SPD in Prag waren im August 1933 in 65 Lagern mehr als 45.000 Häftlinge interniert. (Literatur:  Anna Maria Sigmund, “Diktator, Dämon, Demagoge, Seite  78)

Das Reichsbank-Direktorium beschließt, dass Beamte „arischer Abstammung“, die eine Ehe mit einem „nichtarischen“ Partner eingehen wollen, unverzüglich zu entlassen seien.

30. August 1933

In den sudetendeutschen Zeitungen der Tschechoslowakei wird eine Meldung verbreitet, dass in Deutschland eine Belohnung in Höhe von 80.000,– Reichsmark für denjenigen ausgesetzt worden sei, der Prof. Dr. Lessing entführt und den deutschen Behörden übergibt.  Am 30. August 1933 schießen nationalsozialistische Attentäter durch das Fenster seines Arbeitszimmers auf Lessing und treffen ihn lebensgefährlich. Am folgenden Tag stirbt er an den Verletzungen im Alter von 61 Jahren im Marienbader Krankenhaus.

Auf der Funkausstellung in Berlin wird der „Volksempfänger”, ein preiswertes Rundfunkgerät, vorgestellt. Der Rundfunk wird zum wichtigsten Propaganda-Medium der Nazis.

Der „Anhalter Anzeiger“ berichtet am 30. August 1933 über die beabsichtigte Errichtung des KZ in Roßlau, Kreis Zerbst, Sachsen-Anhalt. Ziel sei es, die Gerichtsgefängnisse zu entlasten, die nach den Verhaftungswellen im Mai, Juni und Juli überfüllt waren. Zwei Tage später, am 1. September 1933, meldete die „Frankfurter Zeitung“ die vollzogene Gründung des KZ’s. (Literatur: „Der Ort des Terrors“ von Wolfgang Benz, Band 2, Frühe Lager)

31. August 1933

Der Senat der Hansestadt Hamburg entlässt eine größere Anzahl von jüdischen Professoren, darunter den Mitbegründer der Universität, Prof. Dr. Richard Salomon. Außerdem werden zwei Oberlandesgerichtsräte jüdischen Glaubens, Dr. Rudolphi und Dr. Goldschmidt, in den Ruhestand versetzt.129

Im August 1933

Ein Christ   -das stand für Hitler fest-   müsse notwendigerweise auch Antisemit sein. So verstand er das „Positive Christentum”.

Alle Juden, die nach dem 2. August 1914 in Deutschland eingewandert waren, sollten ausgewiesen werden.   (Literatur: “Aufstieg und Fall des Dritten Reiches” von William L. Shirer, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln)

1. September 1933

Otto Joseph, geb. 1920 in Berlin, war der Sohn eines Hals-Nasen-Ohren Arzt. Dieser war Chefarzt der Kinderabteilung am Weddinger Krankenhaus. Die Familie emigrierte am 1.9.33 nach Florenz, später nach Paris.

6. September 1933

Die 10. Generalsynode der Evangelischen Kirche in Preußen führt den so genannten Arierparagraphen ein. Weitere Landeskirchen folgen diesem Beispiel. Mit der Begründung, es handele sich um Personen jüdischer Herkunft, werden daraufhin Pfarrer, aber auch andere Bedienstete der evangelischen Kirche, aus ihren Ämtern entlassen.   (Literatur: Gerhard Lindemann, Antijudaismus und Antisemitismus in den evangelischen  Landeskirchen während der NS-Zeit, in: Geschichte und          Gesellschaft, 29. Jg., 2003,          H. 4, S. 578f.)

11. September 1933

„Für die Lippische Landeskirche ordnen wir hiermit folgendes an: 1. Sämtliche Pfarrer, Beamte, Angestellte der Landeskirche sowie der Kirchengemeinden grüßen im Dienst und innerhalb der  dienstlichen Gebäude und Anlagen durch Erheben des rechten Arms. 2. Es wird von allen erwartet, dass sie auch außerhalb des Dienstes in gleicher Weise grüßen…Der Landeskirchenrat; gez. Corvey, Weber, Josephson, Thelemann, Meyer, Toelle, Ruperti”

12. September 1933

Reichsleiter Martin Bormann, Stabsleiter von Rudolf Heß, dem Stellvertreter Hitlers, erteilt allen Gauleitern der NSDAP folgende Weisung: „Was bisher im Abwehrkampf gegen jüdische Übergriffe erreicht wurde, ist mehr, als im Hinblick auf die allgemeine Lage erhofft werden konnte. Weitere Maßnahmen gegen das
Judentum sind aus außenpolitischen Gründen unbedingt zu unterlassen.

13. September 1933

„Vererbungslehre und Rassenkunde werden an allen Schulen als Prüfungsgebiete eingeführt.” (Literatur: “Orte des Erinnern, das Denkmal im Bayerischen Viertel”, eine von 80    Gedenktafeln. Hier:   Heilbronner Str. 6 )

Hamburg, 9. Deutscher Diakonentag sendet „Huldigungsgruß“ an A. Hitler: „Dem Führer unseres Volkes und Retter unseres Vaterlandes vor dem Untergang im Bolschewismus senden tausend Diakone…  namens der gesamten Deutschen Diakonenschaft das Gelöbnis alter deutscher Mannestreue und des Einsatzes aller ihrer Kräfte für Aufbau und Vollendung des Dritten Reiches.“

Der Berliner Landesbischof Ludwig Müller verkündet „dass in Zukunft keiner auf die Kanzel kommt, der nicht das Volk verstehen gelernt hat, der im Arbeitsdienst, in der SA oder bei den Soldaten gelernt hat, sich… zusammenzureißen.“

Oberkonsistorialrat Friedrich Peter sagt in seiner Festrede: „Diakonie muss, wie die SA das Soldatentum des Dritten Reiches ist, das Soldatentum der Kirche sein.“,

Pfarrer Horst Schirrmacher sagt u.a. „…evangelische Diakonie (ist) Dienst und Kampf. Wir grüßen Euch alle als die  SA Jesu Christi und die SS der Kirche, ihr wackeren Sturmabteilungen und Schutzstaffeln im Angriff gegen Not, Elend, Verzweiflung und Verwahrlosung, Sünde und Verderben…  Evangelische Diakonie u. Nationalsozialismus gehören in Deutschland zusammen…Der echte Nationalsozialist ist Protestant und der echte Deutsche ist Nationalsozialist“.

14. September 1933

In das „Wilde KZ“ Kolumbiahaus in Berlin wird Werner Seelenbinder eingeliefert. (Literatur: Sven Goldmann in „Kampf in den Tod“, Tagesspiegel, 31. Juli 2011) 

In der Eingangshalle der 1993 abgerissenen Werner Seelenbinder-Halle stand eine Büste auf einem Steinsockel: „Werner Seelenbinder, Vorbild der Sportler, Kämpfer gegen Krieg und Faschismus für Frieden und Völkerfreundschaft, ermordet am 24.10.1944. Anstelle der abgerissenen Halle entstand der Euro Sport Park Berlin, in dem eine kleine Mehrzweckhalle den Namen weiter führt. Der Verbleib der Büste konnte nicht aufgeklärt werden. Literatur: „Das Gedächtnis der Stadt

15. September 1933

„Gesetz zu Schutze des deutschen Blutes und der deutsche Ehre”: Die Präambel: „Durchdrungen von der Erkenntnis, dass die Reinheit des deutschen Blutes die Voraussetzung für den fortbestand des deutschen Volkes ist, und beseelt von dem unbeugsamen Willen, die deutsche Nation für alle Zukunft zu sichern, hat der Reichstag einstimmig das folgende Gesetz beschlossen, das hiermit verkündet wird”.   (Literatur: Dr. Kurt Zentner: Illustrierte Geschichte des Dritten Reiches”, Seite 218)

Reichsaußenminister von Neurath äußert sich vor ausländischen Pressevertretern zu verschiedenen Fragen:

  • „Zur Judenfrage sagt er, das unsinnige Gerede des Auslandes über rein innerdeutsche Dinge wie die sog. Judenfrage werde schnell verstummen, wenn man erkenne, dass die unbedingt notwendige Säuberung, bei allen Einzelfällen persönlicher Härte, nur dazu diene, die Herrschaft von Recht und Gesetz um so unerschütterlicher zu festigen. Das Ausland werde auch aufhören, den Lügenberichten deutscher Emigranten ihr Ohr zu leihen und werde statt dessen das Deutschland von heute als stolzes und pflichtliebendes Land kennenlernen.”   (Literatur: Chronologie des Holocaust von Knut Mellenthin)

„Germania” (kath. Zentrums-Zeitung) berichtet über Eröffnung des neuen preußischen Staatsrats: „Im geistlichen Kleid schritt an der Spitze der Bischof von Osnabrück, Dr. Hermann Wilhelm Berning, (und Apostolischer Vikar) … Dann brachte der Ministerpräsident (Hermann Göring) ein dreifaches ,Sieg Heil’ auf den Führer aus  und die Versammlung sang stehend das Deutschland- und Horst-Wessel-Lied, das auch von Bischof   Berning und den übrigen kath. Geistlichen mit erhobener Hand gesungen wurde.”

17. September 1933

Es wurde die „Reichsvertretung der deutschen Juden” gegründet, die fast alle jüdischen Deutschen umfasste. Bis dahin hatte es so etwas nicht gegeben; nun war es bittere Notwendigkeit. In ihrer Gründungserklärung gab die Reichsvertretung der Hoffnung Ausdruck „auf den verständnisvollen Beistand der Behörden und die Achtung unserer nichtjüdischen Mitbürger, mit denen wir uns  in der Liebe und Treue begegnen”.   (Literatur: Tagesspiegel, 14. Sept. 2008: “Die letzte Hoffnung” Seite S 7)

Berlin, St. Hedwigs-Kathedrale, von der NSDAP am 23.8. angeregter kath. Dankgottesdienst zur  Konkordatsratifizierung wird vom Apostolischen Nuntius Cesare Orsenigo, Kapitularvikar Dr. Paul  Steinmann und Domprediger Pater Marianus Vetter in Anwesenheit der Repräsentanten von Reichsregierung, NSDAP, SS und SA zelebriert, sie singen das „Te Deum” und vor der mit kath. und NS- Fahnen geschmückten Kathedrale singen tausende Deutsche Nationalhymne und Horst-Wessel-Lied; Bamberg, Erzbischof Jacobus Hauck ordnet für Pfarrgemeinden seine Diözese ein „Te Deum” zum  Dank an Gott für den Abschluss des Reichskonkordats „…in dem sich Staat und Kirche einträchtiges  Zusammenwirken gefunden haben.”,  Düsseldorf-Kaiserswerth, Diakonissenanstalt, Hundertjahr-Feier, Ansprache von Pastor Walter Jeep (Innere Mission) u.a.: „…rechte evangelische Menschen (seien eigentlich die), die den Totalitätsanspruch dieses neuen Deutschen Reiches nicht nur am besten verstehen können, sondern auch am  echtesten, treuesten zu verwirklichen fähig sind.” Nach einer „Hitlerfahnen-Weihe im Kindergarten”  des Diakonissen-Stammhauses, Hakenkreuzfähnchen schwenkend und die „Fahne hoch!” singend  marschieren über hundert kleine „Vaterlands- und Hitleranhänger” durch Kaiserswerth. „Das Herz   konnte einem aufgehen bei dem lieblichen Bild und der hellen Begeisterung von Deutschlands jüngster Zukunft. Gleich an der ersten Straßenecke begegneten wir einem SA-Führer. Der Mann grüßte freundlich und mit todernsten Gesichtchen streckten sich über 100 Ärmchen zum Gegengruß.”

18. September 1933

Der aus einer jüdischen Familie stammende Redakteur der sozialdemokratischen Zeitung „Lübecker Volksbote”, Dr. Fritz Sollmitz, wird im Konzentrationslager Hamburg-Fuhlsbüttel von seinen Nazi-Bewachern totgeschlagen und dann am Fensterkreuz seiner Zelle aufgehängt.   (Literatur: Ursel Hochmuth u. Gertrud Meyer, Streiflichter aus dem Hamburger Widerstand, S. 206.)

21. September 1933

Gegen die Überschwemmung und Durchdringung des Protestantismus durch „nationalsozialistisches Gedankengut” bildete sich eine organisierte Pfarreropposition in Gestalt des „Pfarrernotbundes” der BK, der „Bekennenden Kirche”. Deren Initiatoren waren drei  Pastoren: Pfarrer Martin Niemöller, Dahlem, Pfarrer Gerhard Jacobi von der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und Eitel-Friedrich von Rabenau von der Apostel-Paulus-Kirche.

Die Regierung hat später ( 18.9.1934) den Pfarrer-Notbund wie folgt bezeichnet: „Bei den dem Notbund angehörenden Pfarrern handelt es sich z.T. um reaktionäre Kräfte, z.T. aber auch um Persönlichkeiten, die rückhaltlos für den nationalsozialistischen Staat eintreten und sich dagegen wehren, dass ihre Gegnerschaft gegen den Reichsbischof und gegen die ,Deutschen Christen‘ als Stellungnahme gegen den Nationalsozialismus ausgelegt wird.“

22. September 1933

Ausschluss der Juden aus kulturellen Berufen. Es werden 7 Kammern für Schrifttum, Presse, Rundfunk, Theater, Musik und bildende Künste geschaffen. Eine vorläufige Filmkammer war bereits durch Gesetz vom 14. März 1933 geschaffen worden. Die Zugehörigkeit zur jeweiligen Kammer ist Voraussetzung für eine berufliche Betätigung. Juden können in der Regel nicht Mitglied sein, was eine nahezu vollständige Verdrängung der Juden aus allen künstlerischen und journalistischen Berufen bedeutet. Die Kammern wurden unter der „Reichskulturkammer“ unter Leitung von Goebbels zusammen gefasst. Er erklärte: „Sinn ist der Zusammenschluss aller Schaffenden in einer geistigen Kultureinheit“.

25. September 1933

In ihrem „Theologischen Gutachten über die Zulassung von Christen jüdischer Herkunft zu den Ämtern der deutschen evangelischen Kirche”, verfasst von den Erlanger Professoren Dr. Paul Althaus und Dr. Werner Elert, heißt es u.a.:  „Das deutsche Volk empfindet heute die Juden in seiner Mitte mehr denn je als fremdes Volkstum. Es hat die Bedrohung seines Eigenlebens durch das emanzipierte Judentum erkannt und wehrt sich gegen diese Gefahr mit rechtlichen Ausnahmebestimmungen. Im Ringen um die Erneuerung unseres Volkes schließt der neue Staat Männer jüdischer oder halbjüdischer Abstammung von führenden Ämtern aus. Die Kirche muss das grundsätzliche  Recht des Staates zu solchen gesetzgeberischen Maßnahmen anerkennen. Sie weiß sich selber in der gegenwärtigen Lage zu neuer Besinnung auf ihre Aufgabe, Volkskirche der Deutschen zu sein, gerufen. Dazu gehört, dass sie heute ihren Grundsatz von der völkischen Verbundenheit der Amtsträger mit ihrer Gemeinde bewusst neu geltend macht und ihn auch auf die Christen jüdischer Abstammung anwendet.”   (Literatur: Ernst Klee, “Die SA Jesu Christi”,  S. 116.)

26. September 1933

Emerich Ambros  wurde als Sohn eines jüdischen Vaters 1896 in Budapest geboren. Er wurde Klempner und arbeitete in den 20er Jahren im Reichsbahnausbesserungswerk (RAW) in Dresden, wo er später als Betriebsrat tätig wurde. Er war SPD-Mitglied und engagierte sich aktiv in der Partei. In den späten 20er Jahren wurde er zum Parteisekretär der SPD in Löbau ernannt. Als Funktionär der Partei und aktiver Gegner der Nationalsozialisten, aber auch als sogenannter „Halbjude” wurde er nach der „MachtergreifungAdolf Hitlers 1933 in Löbau verhaftet und in das KZ Hohnstein deportiert. wo er am 26. September 1933 ermordet wurde. Seine Ehefrau nahm sich mit ihren beiden Kindern im selben Jahr das Leben.

27. September 1933

Wittenberg, ev. „Nationalsynode”, Festgottesdienst mit „Theologensturm” bestehend aus Theologiestudenten des sächsischen Landesbischofs Friedrich Coch in feldgrauer Uniform, lila Kreuz und SS-Runen auf dem Arm. Coch: Leiter des Preßverbandes der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens. 1931 trat er in die NSDAP ein, wurde Gaufachberater in Kirchenfragen in Sachsen und Führer der Arbeitsgemeinschaft nationalsozialistischer Pfarrer. 1933 wurde er als Landesbischof in Sachsen eingesetzt,

später:

Sachsen, Landesbischof Otto Coch an einem Sarg: „…ich habe auch gemerkt wie dieser Mann das Wesen des Christentums im Kampf gegen das Judentum erkannt hat, den wesentlichen Unterschied zwischen Christen- und Judentum. Goethe hat das bekannte Wort geprägt: Der eigentliche Sinn des Lebens sei der Kampf zwischen Glaube und Unglaube…, der eigentliche Sinn der Weltgeschichte ist der Kampf zwischen Christentum u. Judentum…“,

28. September 1933

Die Staatspolizeileitstelle in Dortmund gibt in einem Erlass bekannt, dass sie in Zukunft Männer oder Mädchen, die sexuelle Beziehungen mit Jüdinnen und Juden pflegen, in Konzentrationslager einweisen werde.   (Literatur: Cuno Horkenbach, Das Deutsche Reich von 1918 bis heute,  S. 427.)

29. September 1933

Das „Reichserbhofgesetz” wird erlassen. Jedes über 400 Morgen große Anwesen wurde zum Erbhof erklärt. Erbhöfe konnten weder verkauft, geteilt oder verpfändet  und  nur ungeteilt vererbt werden. Dieses Gesetz hatte neben den Gründen aus der nationalsozialistischen „Blut- und Boden-Ideologie” auch einen ganz realen Zweck. Es diente den Autarkiebestrebungen des Dritten Reiches und damit der Wehrbereitschaft.   (Literatur: Dr. Kurt Zentner: “Illustrierte Geschichte des Dritten Reiches”, Seite 256)

30. September 1933

Deutscher Anwaltsverein (Vorsitz. seit dem Mai ist Hermann Voß) beschränkt Mitgliedschaft auf Arier.

Im September 1933

Im September 1933 hatte die preußische Generalsynode, die von den DC beherrscht wurde, beschlossen den Arierparagraphen in das kirchliche Dienstrecht zu übernehmen: Pfarrer jüdischer Abstammung mussten somit aus dem Amt scheiden. Das „Judenproblem” geriet in das Zentrum der innerkirchlichen Auseinandersetzungen.   (Literatur: “Die gescheiterte Zähmung, Wege zur Machtergreifung Hitlers 1930 – 1934” von Gotthard Jasper, Edition Suhrkamp, Seite 199)

Im September 1933

Albrecht Höhler, der im privaten Bereich Horst Wessel erschossen hatte, wurde von Gestapo-Beamten aus dem Zuchthaus geholt und in der Nähe von Frankfurt/Oder ermordet.   (Literatur: Carsten Dams: Die Gestapo, Seite 104)

Die DC beherrschten fast alle Gemeindevertretungen und Synoden und erhielten die Gelegenheit, die Führungspositionen mit ihren Anhängern zu besetzen. Hitlers Vertrauensmann Müller wurde  erst preußischer Landesbischof und dann Ende September auf der 1. Nationalsynode in Wittenberg einstimmig zum Reichsbischof gewählt.

Ludwig Müller wurde von Emmy Göring  „der Reibi”, Reichsbischof, genannt.   (Literatur: “Ernstfälle, Erlebtes und Bedachtes” von Werner Jentsch, Brendow Buch Kunst Verlag, 1992, Seite 131)

Der evangelische Theologe Martin Niemöller, der später zu den Führern des kirchlichen Widerstands zählte, sprach auf einem Erntedankfest von dem „erwachenden, deutschen Volk, Beruf und Stand, Rasse und Volkstum” seien Forderungen, denen man sich nicht entziehen könne.

1. Oktober 1933

„In den neu geschaffenen, zwangsvereinigtem Deutschen Automobilclub werden keine Juden aufgenommen.” (Literatur: “Orte des Erinnern, das Denkmal im Bayerischen Viertel”, eine von 80 Gedenktafeln. Hier:   Innsbrucker Str. 9)

Paul Mendelsohn, geschäftsführender evangelischer Pfarrer an der Dankes-Gemeinde in Berlin-Wedding, wird wegen seiner jüdischen Herkunft zwangspensioniert.   (Literatur: Manfred Gailus, Die vergessenen Brüder und Schwestern. Zum Umgang mit Christen jüdischer Herkunft im Raum der evangelischen Kirchen Berlin- Brandenburgs, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 51. Jg., 2003, H. 11, S. 981.)

Theodor Eicke, Kommandant des KZ Dachau und Inspekteur der Konzentrationslager, späterer Obergruppenführer der SS und General der Waffen-SS, nahm in Himmlers Auftrag eine Neugliederung der Konzentrationslager vor und systematisierte den Terror. Seine allgemeinverbindlich gewordene „Disziplinar- und Strafordnung für das Gefangenenlager” vom 1. Oktober 1933 ging von dem Grundsatz aus, dass der Häftling mit äußerster, aber unpersönlicher und disziplinierter Härte zu behandeln war. Eine grausame Prügelstrafe wurde eingeführt. Bei Anzeichen von Flucht war von der Schusswaffe Gebrauch zu machen. Warnschüsse waren verboten. Der Posten, der in Ausübung seiner Pflicht einen Gefangenen erschossen hat, geht straffrei aus.

2. Oktober 1933

In der Leipziger Universität wird die Akademie für Deutsches Recht konstituiert. Reichskommissar Dr. Hans Frank wird Führer dieser Institution. In seiner Ansprache formuliert er u.a.: „Wir glauben an die nordische Vergangenheit als eine Zukunftsmöglichkeit und führen nunmehr den Kampf nicht nur auf der Rechtsebene gegen das fremde Recht, sondern führen ihn im gesamten Geistesbereich durch die Hineinlegung des Begriffs der Rasse. Deutsches Recht wird in Zukunft Rasserecht sein!“ (Literatur: Cuno Horkenbach, Das Deutsche Reich von 1918 bis heute)

3. Oktober 1933

Leipzig: 4. Reichstagung des Bundes Nationalsozialistischer Deutscher Juristen unter dem Motto:   „Durch Nationalsozialismus dem Deutschen Volk das deutsche Recht“, bei Massenkundgebung am Reichsgericht bekennen über 20 000 teilnehmende deutsche Juristen mit ausgestrecktem rechten  Arm: „Wir schwören beim ewigen Herrgott,… bei dem Geist unserer Toten,… bei all denen, die Opfer   einer volksfremden Justiz einmal geworden sind,… bei der Seele des deutschen Volkes, dass wir unserem Führer auf seinem Wege als deutsche Juristen folgen wollen bis an das Ende unserer Tage.“

Am 3. Oktober 1933 wurde im Landesteil Lübeck das KZ Holstendorf eröffnet, um die im Eutiner Amtsgericht festgehaltenen Schutzhäftlinge aufzunehmen. (Literatur: „der Ort des Terrors“ von Wolfgang Benz. 2. Band)

4. Oktober 1933

Reichstag akklamiert Schriftleitergesetz (Zulassung als Redakteur/Journalist nach rassisch-politisch  und ideologischen Kriterien – um vom Volk alles fernzuhalten, was geeignet ist Gemeinschaftswillen, Kraft, Kultur, Wehrhaftigkeit, Wirtschaft des Volkes zu schwächen – führt zu Berufsverbot für mindestens  1.300 „jüdisch u. marxistischer” Journalisten). Dieses Schriftleitergesetz führte zur Ausschaltung jener Zeitungen, die nicht für Hitler eintraten oder sich weigerten, es künftig zu tun. Als eines der ersten Blätter musste dann zu Beginn 1934 die Vossische Zeitung, gegründet 1704, ihr Erscheinen einstellen.   (Reichsgesetzblatt, Teil I, Nr. 111, 7.10.1933, S. 713ff.

Göring  -Preußischer Minister-Präsident-  erlässt an die Regierungspräsidenten der Länder folgende Anordnung. „Nachdem die kommunistischen Organisationen im Lande zerschlagen sind, versucht ein Rest kommunistischer Hetzer den Aufbau des nationalsozialistischen Staates zu stören. . .  Ich befehle allen Polizeibeamten, diesem Treiben mit allen Mitteln entgegenzutreten.    . . . Es ist sofort  rücksichtslos von der Schusswaffe Gebrauch zu machen. Polizeibeamte, die in Ausübung dieses Befehles handeln, werde ich decken. . . .”

Artur Landsberger setzte in seiner Wohnung in Schöneberg, Haberlandstr. 4 seinem Leben ein Ende. Seine Gerichtsreportagen für die „BZ am Mittag” konnte er seit der Machtübernahme nicht mehr schreiben. Juden war das Betreten der Gerichtssäle verboten worden. Seinen Freitod hatte er lange geplant. Er schloss eine Lebensversicherung ab, die nach einer gewissen Frist auch der Witwe eines Selbstmörders die Versicherungssumme auszahlte. Einen Tag nach dem die Selbstmörderfrist abgelaufen war, eben am 4. Oktober 1933, schied er aus dem Leben.

Das „Israelitische Fremdenblatt” gibt ein Rundschreiben der Hessischen Molkereigenossenschaften bekannt, in dem es u.a. heißt: „Es ist uns wiederholt zu Ohren gekommen, dass es immer noch Bauern gibt, die die Geschäftemacherei mit Juden noch nicht lassen können.  Wir weisen heute letztmals darauf hin, dass es eines deutschen Bauern unwürdig ist, noch Geschäfte irgendwelcher Art mit den Juden zu tätigen…Wir haben bis heute davon abgesehen, diejenigen öffentlich zu brandmarken, werden aber nach der Generalversammlung jeden, der sich noch mit Juden einlässt, der Öffentlichkeit preisgeben und ihn auch noch in anderer Weise empfindlich zu treffen wissen.”

10. Oktober 1933

Walter Ulbricht (KPD) flieht nach Moskau (er kehrt 1945 mit der sowj. Armee zurück)

Am 10. Oktober 1933 dankte Gröber, Erzbischof von Freiburg,  auf einer katholischen Großveranstaltung in Karlsruhe ausdrücklich den „Männern der Regierung” für ihr Erscheinen:

  • Ich verrate kein Geheimnis, wenn ich erkläre, dass sich im Verlauf der letzten Monate der Verkehr der Kirchenregierung in Freiburg mit der Regierung in Karlsruhe in freundschaftlichster Form vollzogen hat. Ich glaube auch, weder vor ihnen noch vor dem deutschen Volk ein Geheimnis zu verraten, wenn ich sage, dass ich mich restlos hinter die neue Regierung und das neue Reich stelle.”

Bayreuth, Verhaftung von Mathematikstudent und KPD-Mitgl. Georg Klaus.  1932 begann er ein Studium der Mathematik an der Universität Erlangen. In dieser Zeit wurde er Mitglied der KPD. Wegen seiner politischen Aktivitäten wurde er 1933 verhaftet und wegen Hochverrats verurteilt. Er verbrachte zwei Jahre Haft im Nürnberger Zellengefängnis und danach drei Jahre „Schutzhaft“ bis 1939 im Konzentrationslager Dachau. Nach seiner Entlassung arbeitete er in Bleistiftfabriken in Nürnberg (Faber-Castell bzw. Schwan-Bleistift).

14. Oktober 1933

Das Deutsche Reich erklärt seinen Austritt aus dem Völkerbund. Der Völkerbund  war eine Internationale Organisation mit Sitz in Genf (Schweiz). Er nahm am 10. Januar 1920, kurz nach Ende des Ersten Weltkrieges, seine Arbeit auf, um den Frieden dauerhaft zu sichern, und wurde am 18. April 1946 in Paris, kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges, wieder aufgelöst. (Gründung der Vereinten Nationen 1955)

Das Breslauer christliche Wochenblatt „Evangelischer Ruf” veröffentlicht unter der Überschrift „Vision” folgenden Text:  „Gottesdienst. Das Eingangslied ist verklungen. Der Pfarrer steht am Altar und beginnt: ‚Nichtarier werden gebeten, die Kirche zu verlassen!’ Niemand rührt sich. ‚Nichtarier werden gebeten, die Kirche zu verlassen!’ Wieder bleibt alles still. ‚Nichtarier werden gebeten, die Kirche zu verlassen!’ Da steigt Christus vom Kreuze herab und verlässt die Kirche.”

15. Oktober 1933

München, Grundsteinlegung „Haus der Deutschen Kunst” mit Festzug „Glanzzeiten deutscher Kultur”.  Der Apostolischen Nuntius Alberto Vassallo di Torregrossa sagt dabei in Gegenwart von Bayerns   Staatsminister und NSDAP-Mitgl. Nr. 2, Hermann Esser, zum Reichsführer Adolf Hitler u.a. „Ich habe Sie   lange nicht verstanden. Ich habe mich aber lange darum bemüht. Heute verstehe ich Sie.”

17. Oktober 1933

Albert Einstein trifft in den USA als Flüchtling aus Deutschland ein.

20. Oktober 1933

Preußen verweigert Approbation nichtarischer Medizin- u. Zahnmedizinstudenten. Promotion nur bei gleichzeitigem Verzicht auf deutsche Staatsangehörigkeit möglich

Der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund untersagt seinen Mitgliedern, jüdische Repitoren aufzusuchen.

26. Oktober 1933

„Vossische Zeitung”: Preußische Akademie der Künste propagiert „Gelöbnis treuester Gefolgschaft” für Adolf Hitler von 88 Mitgliedern der Sektion Dichtkunst und Schriftstellern u.a. Gottfried Benn, Hanns Johst, Rudolf Binding, Arnold Bronnen, Hermann Claudius, Otto Flake, Hanns Franck, Friedrich Griese,Carl Haensel, Börries v. Münchhausen, Eckart v. Naso, Helene v. Nostitz-Wallwitz, Anton Schnack, Friedrich Schnack, Wilhelm v. Scholz, Lothar Schreyer, Lulu v. Strauß und Torney, Bruno Süßkind, Ina Seidel.

28. Oktober 1933

Clemens August Graf von Galen, geboren 1878 in adliger Familie in Westfalen, wird katholischer Bischof von Münster; die erste bischöfliche Amtseinführung nach der Unterzeichnung des Konkordats. Vor seiner Bischofsweihe hatte er dem preußischen Ministerpräsiden Herman Göring  besucht und vor ihm entsprechend den Bestimmungen des Konkordats einen Treueid gegenüber dem Staat geleistet. Das wurde symbolisch erwidert, als während der Weihezeremonie lokale Funktionäre der NSDAP und SA vom Kreisleiter abwärts mit Hitlergruß an ihm vorbei zogen.   (Literatur Richard J. Evans: “Das Dritte Reich, Aufstieg”, Seite 480)

Im Oktober 1933

Die im Februar gegründete SA-Feldpolizei (Fepo) erhielt im Oktober 1933 den Namen SA-Feldjägerkorps. Die Truppe zählte reichsweit inzwischen auf 2.000 Männer, von denen ca. 200 in der Papstraße  tätig waren. Anfang Dezember 1933 wurde dann der Sitz in die Nähe des Alexanderplatz verlegt.

Im Oktober 1933 bestimmte das „Politische Polizeiamt“ im württembergischen Innenministerium das „Fort Oberer Kuhberg“ in Ulm zum Nachfolger des KZ „Heuberg“ und amit zum Landes-KZ von Württemberg. (Literatur: „Der Ort des Terrors“ von Wolfgang Benz)

1. November 1933

Schweiz, „Neue Züricher Zeitung” „Der Freiburger Erzbischof (Dr. Conrad Gröber)…  hat noch in der  Zeit der Reichstagswahlen sehr entschieden gegen gewisse nationalsozialistische Auffassungen  Stellung genommen und längere Zeit war das Verhältnis der nationalsozialistischen badischen Regierung zur Kirche sehr gespannt. Umso größere Beachtung findet das Bekenntnis zum neuen Regime, das der Kirchenfürst auf einer katholischen Massenveranstaltung (am 9.10.) in Karlsruhe ausgesprochen hat…  Auch äußerlich trat die Wandlung in Karlsruhe dadurch zutage, dass die Versammlungsteilnehmer, die sicherlich vor einem halben Jahre noch stramme Zentrumsleute waren, den Erzbischof mit dem Deutschen Gruß empfingen. Das Verhalten des hohen kirchlichen Würdenträgers erscheint  bezeichnend für den neuen Kurs, den der deutsche Episkopat nach dem Abschluss des Reichskonkordats eingeschlagen hat.”

3. November 1933

Universität Freiburg, Rektor u. NSDAP-Mitgl. Prof. Dr. Martin Heidegger’s „Aufruf an die Deutschen  Studenten”:   „Nicht Lehrsätze und Ideen seien die Regeln Eures Seins. Der Führer selbst und allein ist  die heutige und künftige deutsche Wirklichkeit und ihr Gesetz.”

7. November 1933

Gemäß einer Änderung der Personalordnung der Deutschen Reichsbahn-Gesellschaft gilt mit sofortiger Wirkung: Wer „nichtarischer“ Abstammung oder mit einer Frau „nichtarischer“ Abstammung verheiratet ist, darf als Beamter nicht berufen werden. Beamte „arischer“ Abstasind zu entlassen

9. November 1933

An diesem Tage bekannte der Katholik Vizekanzler von Papen (er hatte Anfang  Januar im Hause eines Kölner Bankiers Hitler die Unterstützung des Papstes zugesagt)  in einer Rede vor der Arbeitsgemeinschaft katholischer Deutscher in Köln: „Seit dem 30. Januar, da die Vorsehung mich dazu bestimmt hatte, ein Wesentliches zur Geburt der Regierung der nationalen Erhebung beizutragen, hat mich der Gedanke nicht los gelassen, dass das wundervolle Aufbauwerk des Kanzlers und seiner großen Bewegung unter keinen Umständen gefährdet werden dürfe durch einen kulturellen Bruch . . . Denn die Strukturelemente des Nationalsozialismus sind nicht nur der katholischen Lebensauffassung nicht wesensfremd, sondern sie entsprechen ihr in fast allen Beziehungen:” (Literatur: Karlheinz Deschner “abermals krähte der Hahn”, Seite 533)

Die wichtigste und größte unter den 1933 entstandenen  revolutionären Einsatzkommandos  und SS-Einheiten war die am 17. März 1933 gegründete und in Berlin zusammen gestellte „Leibstandarte Adolf Hitler” unter Sepp Dietrich. Diese wurde am 9. November  auf Hitler persönlich vereidigt und unterstand als paramilitärischer Verband damit keiner partei- oder verfassungsrechtlichen Aufsicht.   (Literatur: Martin Broszat: “Deutsche Geschichte seit dem Ersten Weltkrieg”)

12. November 1933

9. Reichstagswahl mit Einheits- ”Liste des Führers”, Motto  „Früher = Arbeitslosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Verwahrlosung, Streik, Aussperrung  Heute = Arbeit, Freude, Zucht, Volkskameradschaft, Darum Deine Stimme dem Führer” (=92,2 %),

Volksbefragung zu Austritt aus der Genfer Abrüstungskonferenz und aus dem Völkerbund, Frage:  „Billigst Du, deutscher Mann, und Du, deutsche Frau, diese Politik Deiner Reichsregierung und bist Du  bereit, sie als den Ausdruck Deiner eigenen Auffassung und Deines eigenen Willens zu erklären und  Dich feierlich zu ihr bekennen.” (Ja = 96,3%), geheime Stimmabgabe (Wandschirm/Wahlkabine) ist  verpönt,   50% der Mandate sind NSDAP-Funktionären vorbehalten, 50% gehen an SS, SA u. der NSDAP angeschlossener Verbände.

Die katholischen deutschen Studentenführer erklären durch den Verbandsführer Forschbach: „wer am 12. November nicht mit „Ja“ wählt, bricht seinen Burscheneid, weil er in der Stunde der größten Gefahr sein Vaterland und sein Volk verrät“. (Literatur: Deschner “ abermals krähte der Hahn“)

13. November 1933

Großkundgebung des Gaues Großberlin der „Deutschen Christen” im Sportpalast. Hauptredner Berliner Gauobmann Studienrat Dr. Reinhold Krause hatte am 13. November 1933 die Welt vor 20.000 Zuhörern wissen lassen, was sie wollten:

  • „Durchsetzung des Arierparagraphen in den Landeskirchen,”
  • „die Trennung von juden-christlicher und deutscher Volkskirche,”
  • „die Reinigung des Christentum von allen „Jüdischen”, also die
  • Trennung vom Alten Testament und die Entjudaisierung des Christentums,”
  • „Befreiung von allem Undeutschem im Gottesdienst”
  • „Befreiung vom Alten Testament mit seiner jüdischen Lehrmoral, von den Viehhändler und Zuhältergeschichten,”   (Literatur:  “. . . aber die Zeit war nicht verloren, Erinnerungen eines Altbischofs” Autobiographie von Albert Schönherr, Aufbau-Verlag, 1993, Seite 58)

Weiter von der Großkundgebung des Gaues Großberlin der „Deutschen Christen”: „Das Alte Testament: das fragwürdigste Buch der Weltgeschichte,” „Wenn wir Nationalsozialisten uns schämen (1933 ! ! ) eine Krawatte vom Juden zu kaufen, dann müssten wir uns erst recht schämen, irgendetwas, das zu unserer Seele spricht, das innerste Religiöse vom Juden anzunehmen”. „Hierher gehört auch, dass unsere Kirche keine Menschen judenblütiger Art mehr in ihren Reihen aufnehmen darf. . .” „Es wird aber auch notwendig sein, . . . dass alle offenbar entstellten und abergläubischen Berichte des Neuen Testaments entfern werden und dass ein grundsätzlicher Verzicht auf die ganze Sündenbock- und Minderwertigkeitstheologie des Rabbiners Paulus ausgesprochen wird . . .” „Wenn wir aus den Evangelien das herausnehmen, was zu unseren deutschen Herzen spricht, dann tritt das Wesentliche der Jesuslehre klar und leuchtend zutage, das sich   -und darauf dürfen wir stolz sein-   restlos deckt mit den Forderungen des Nationalsozialismus.”

13. November 1933

An diesem Tag wird Hans Otto von der SA in einem kleinem Café am Viktoria-Luise-Platz entdeckt und verhaftet. Durch die Folter der SA und Gestapo fast schon zu Tode geschunden, stürzt man ihn schließlich aus einem  Fenster im dritten Stock der Voss-Kaserne auf die Straße, um Selbstmord vorzutäuschen; am 24. November erliegt er seinen Verletzungen.   (Goebbels verbietet die Teilnahme am  -von Gustaf Gründgens bezahlten-  Begräbnis, kein Kollege folgt Hans Ottos Sarg. Literatur: Thomas Blubacher “Gibt es was Schöneres als Sehnsucht?”, S. 195)

„Nichtarier“ dürfen fortan nicht mehr als Schöffen oder als Geschworene berufen werden.

14. November 1933

Der Vizekanzler von Papen, er sollte kurz darauf in die Diplomatie abgeschoben werden, hielt im Namen der Mitglieder der Reichsregierung eine huldigende Ansprache an Hitler. Darin heißt es: „In neun Monaten ist es dem Genie Ihrer Führung und den Idealen, die Sie neu vor uns aufrichteten, gelungen, aus einem innerlich zerrissenen und hoffnungslosen Volk ein in Hoffnung und Glauben an seine Zukunft geeintes Reich zu schaffe“.

Reichsbankpräsident Dr. Hjalmar Schacht hält anlässlich eines Vortrags in Berlin. Gastgeber ist der „Berliner Lyzeumsklub” – eine aggressiv-antisemitische Rede, in der er judenfeindliche Passagen aus Reden und Schriften Martin Luthers zustimmend zitiert: „Sie, die Juden, leben bei uns zu Hause, unter unserem Schutz und Schirm, brauchen Land und Straßen, Markt und Gassen. Dazu sitzen die Fürsten und Obrigkeiten, schnarchen und haben das Maul offen, lassen die Juden aus ihren offenen Beuteln und Kasten nehmen; sie lassen sie sich selbst und ihre Untertanen durch der Juden Wucher aussagen und mit ihrem eigenen Gelde sich zu Bettlern machen… Dazu wissen wir noch heutigen Tages nicht, welcher Teufel sie her in unser Land gebracht hat; wir haben sie zu Jerusalem nicht geholt. Zudem hält sie noch jetzt niemand, Land und Straßen stehen ihnen offen ; mögen sie ziehen in ihr Land, wenn sie wollen.” In fast allen wichtigen Tageszeitungen werden ausführliche Auszüge dieser Rede veröffentlicht.   (Literatur: Georg Denzler u. Volker Fabricius, Christen und Nationalsozialisten. Darstellung und Dokumente, Frankfurt a. M. 1995, S. 51.)

15.November 1933

Berlin, Kundgebung nach Zusammenschluss der verschiedenen Diakonissen-Verbände zur „Diakonie-Gemeinschaft”, Emil Karow, Bischof von Berlin u.a. „Wir haben eben so kraftvolle Worte vom Nationalsozialismus gehört. Gestatten Sie mir, die Schwestern in der Kirche mit der SA zu vergleichen.” Pastor Großmann, Berlin-Zehlendorf: „Als Adolf Hitler die Macht ergriff, ging ein Aufatmen durch ihre (die Diakonie) Reihen. Sie dankt unserem Führer, daß sie im neuen Staat mitarbeiten darf…Wenn die SA die politischen Soldaten des Reiches sind, so sind unsere Schwestern die Soldaten der Kirche…”

23. November 1933

Prinz Heinrich XXXIII Reuß zu Köstritz, Gatte der Prinzessin v. Preußen Victoria v. Hohenzollern, an Reichsführer SS Himmler: „Euer Hochwohlgeboren darf ich melden, dass ich zu längerem Aufenthalte in Berlin eingetroffen bin. Ich darf die sehr ergebene Anfrage an Euer Hochwohlgeboren richten, mir  freundlich gestatten zu wollen, als unbesoldeter Hilfsarbeiter arbeiten zu dürfen. Der Verbindungsstab der SS erscheint mir als richtig, ganz abgesehen von meinem Verbundenheitsgefühl zur SS”.

24. November 1933

Reichstag akklamiert Gesetz gegen gefährliche Gewohnheitsverbrecher und über Maßregeln der    Sicherung und Besserung,  Berlin    „Frankfurter Zeitung” berichtet über Berliner Sportpalast-Rede von „Deutsche Christen-Gauobmann   Dr. Reinhold Krause, der dabei das Alte Testament „Buch der Viehtreiber und Zuhälter” nannte

„Vater macht täglich seine Runde durch die Krankensäle, seine Assistenzärzte im Gefolge. Neulich bei der großen Chef-Visite hatte sein Oberarzt. Dr. Kunz, unter dem weißen Ärztemantel die SA-Uniform getragen, einschließlich Schaftstiefel. Nicht nur das  –  er hatte den Kittel weit offen, damit jeder sehen konnte, was darunter war. Nach der Visite nahm Vater ihn beiseite und sagte ihm in netter Form, dass er sich doch bitte für die Visite umziehen möchte, da er, Vater, nach wie vor die Politik aus dem Krankenhaus heraus halten wollte. Kunz fuhr hoch und erklärte, dass er nachher „Bereitschaftsdienst”  habe und daher keine Zeit zum Umziehen. Vater. Der leider noch immer eine Schwäche für die Nazis hat, blieb weiterhin freundlich und muss ihm in väterlicher Weise erwidert haben: „Dann entschuldigen Sie sich eben in einem solchen Falle von der Visite, Kollege”, woraufhin Kunz in einer leicht drohenden Form erklärte, dass er diesen Vorfall natürlich seinem Standartenführer werde melden müssen. Wie das Verhängnis will, ist besagter Standartenführer Beckerle zur Zeit Frankfurts Polizeipräsident.”   (Literatur: Lili Hahn: “Bis alles in Scherben fällt, Tagebuchblätter 1933 – 45”)

27. November 1933

Die Aufführung jüdischer Fest- und Feiertage in Behördenkalendern wird untersagt.

Der Monteur Karl Vesper, lokaler Funktionär der KPD in Lichtenberg wurde im November 1933 von SA-Leuten verhaftet, in das „Wilde-KZ“ Columbia-Haus gebracht und dort am 27. November 1933 ermordet. An seinem Wohnhaus in Hellersdorf, Briesener Weg 170 befindet sich eine Gedenktafel.

29. November 1933

Gesetz über den Aufbau des dt. Handwerks. Reichshandwerksführer wird Wilhelm Georg Schmidt   aus Wiesbaden, NSDAP 1923, 1930 Handwerkskammerpräsident, Zitat: „Über dem Leben der Nation und  seinen immer wechselnden Erscheinungsformen steht das Recht, das geboren aus Rasse und Seele  des Volkes, ewige Bindung der Nation an die ihr ureigenen Werte bedeutet.”

30. November 1933

Das Zweite Gestapo-Gesetz wurde erlassen; in Ergänzung zu dem Gesetz vom 26. April.

Im November 1933

Der ehemalige U-Bootkapitän Martin Niemöller, er hatte bereits im September 1933 den Pfarrernotbund ins Leben gerufen, sandte dennoch im November 1933 ein Glückwunschtelegramm an Hitler zum Entschluss des Austritts aus dem Völkerbund.   (Literatur: Martin Broszat: “Deutsche Geschichte seit dem ersten Weltkrieg”)

Anfang Dezember 1933

Brecht in einem offenen Brief  von 1933 an den Schauspieler Heinrich George: „Wir müssen uns mit der Frage an Sie wenden. Können Sie uns sagen, wo Ihr Kollege am Staatlichen Schauspielhaus, Hans Otto, ist? „Er soll von SA-Leuten abgeholt, einige Zeit versteckt gehalten und dann mit fürchterlichen Wunden in ein Krankenhaus eingeliefert worden sein. Einige wollen sogar wissen, dass er dort verstorben sei. Könnten Sie nicht gehen und nach ihm sehen? Wir hören nämlich, dass Sie unter keinerlei Verdacht stehen, etwas gegen das gegenwärtige Regime zu haben. Sehr frühzeitig sollen Sie es als einen Fehler eingesehen haben, dass Sie so lange mit uns Kommunisten arbeiteten, durch völlige Unterwerfung sollen Sie sich das höchste Lob unserer und früher auch Ihrer Feinde zugezogen haben. Wir können also annehmen, dass Sie ganz unbehelligt und frei herumgehen und nach Ihrem Kollegen Otto sich umsehen können  …  Seien Sie überzeugt, Ihre Zeit ist nicht zu schade dafür  …  Wir ermahnen Sie, an den Wandel der Zeiten zu denken, Sie und Ihresgleichen, die so rasch bereit sind, allzu fest vertrauend auf den ewigen Bestand der Barbarei und die Unbesiegbarkeit der Schlächter.”   (Literatur: Hilmar Thate, Autobiograhie: “Neulich, als ich noch Kind war”, Seite 139)

8. Dezember 1933

„Münchener Medizinische Wochenschrift“: „Die Stelle eines ärztlichen Direktors der städt. Frauenklinik Stuttgart mit 192 Betten ist zu besetzen. Gehalt nach besonderer Vereinbarung. Konsiliarpraxis, Sprechstunden- und Gutachtertätigkeit sind gestattet. Eintritt möglichst bald. Reichsrechtliche   Regelung der Anstellungsbestimmungen ist in Aussicht zu nehmen. Bewerber mit besonderer   Befähigung die längere und erfolgreiche klinische Tätigkeit nachweisen können, werden ersucht, ihre   Bewerbung mit Lebenslauf, Stammliste, Zeugnisabschriften, Nachweis über die arische Abstammung   und einem Ausweise über wissenschaftliche Arbeiten bis zum 30. Dezember…   Stuttgart, 4. Dezember 1933; Bürgermeisteramt“

11. Dezember 1933

„Bekenntnis der Deutschen Christen” u.a. „Wir Deutschen Christen…sind durch Gottes Schöpfung hineingestellt in die Blut- und Schicksalsgemeinschaft des deutschen Volkes und sind als Träger dieses Schicksals verantwortlich für seine Zukunft. Deutschland ist unsere Aufgabe…Wie jedem  Volk, so hat auch unserem Volk der ewige Gott ein arteigenes Gesetz eingeschaffen. Es gewann  Gestalt in dem Führer Adolf Hitler und in dem von ihm geformten nationalsozialistischen Staat. Dieses  Gesetz spricht zu uns in der aus Blut und Boden erwachsenen Geschichte unseres Volkes. Die Treue zu diesem Gesetz fordert von uns den Kampf für Ehre und Freiheit… Der Weg zur Erfüllung des  deutschen Gesetzes ist die gläubige deutsche Gemeinde…  Aus dieser Gemeinde Deutscher Christen  soll im nationalsozialistischen Staat Adolf Hitlers die das ganze Volk umfassende Deutsche christliche Nationalkirche erwachsen: Ein Volk! Ein Gott! Ein Reich! Eine Kirche!”

12. Dezember 1933

Der Bezirksbürgermeister von Berlin-Köpenick stellt dem für diesen Stadtbezirk zuständigen Stadtoberschularzt, Dr. Arthur Samuel, das Entlassungsschreiben zu, in dem es u.a. heißt: „Die Eigenart Ihrer Tätigkeit als Schularzt bringt Sie in enge Berührung mit allen Schichten der Bevölkerung, insbesondere mit der Schuljugend. Es kann nicht ausbleiben, dass Ihre nicht-arische Abstammung die Ausübung Ihrer Tätigkeit unter diesen Umständen zur Unmöglichkeit macht.”   (Literatur: Gerd Lüdersdorf, Es war ihr Zuhause. Juden in Köpenick, , S. 44f)

14. Dezember 1933

Die Zeitung des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens berichtet, dass die Kurverwaltung auf der Nordseeinsel Norderney Briefverschlussmarken habe drucken lassen mit der Aufschrift: „Nordseebad Norderney ist judenfrei!“ Zugleich seien von der Kurverwaltung Schreiben an jüdische Zeitungen gesandt worden, in denen es u.a. hieß, „dass jüdische Kurgäste auf Norderney nicht erwünscht sind. Sollten Juden trotzdem versuchen, im kommenden Sommer in Norderney unterzukommen, so haben sie selbst die Verantwortung zu tragen. Bei vorkommenden Reibereien müsste die Badeverwaltung im Interesse des Bades und der anwesen-den deutschen Kurgäste die anwesenden Juden sofort von der Insel verweisen.“ (Literatur: Frank Bajohr, „Unser Hotel ist judenfrei“. Bäder-Antisemitismus im 19. und 20. Jahrhundert)

15. Dezember 1933:

das Preußische Gemeindeverfassungsgesetz vereinheitlichte zum 1. Januar 1934 alle bis dahin in Preußen geltenden Kommunalverfassungen; Bürgermeister als Gemeindeleiter wurden ohne Wahl auf 12 Jahre berufen und konnten in der Gemeinde alle Entscheidungen ohne Gemeinderat treffen. „Führerprinzip”).

19. Dezember 19333

ev. Reichsbischof Ludwig Müller und Reichsjugendführer Baldur v. Schirach schließen „Abkommen über die Eingliederung der evangelischen Jugend in die Hitler-Jugend:

  • 1. Das evangelische Jugendwerk erkennt die einheitliche staatspolitische Erziehung der deutschen  Jugend durch den nationalsozialistischen Staat und die HJ als Träger der Staatsidee an. Die Jugendlichen des Evangelischen Jugendwerkes unter 18 Jahren werden in die HJ eingegliedert. Wer nicht Mitglied in der HJ wird, kann fürderhin innerhalb dieser Alterstufen nicht Mitglied des  Evangelischen Jugendwerkes sein.
  • 2. Geländesportliche (einschließlich turnerische und sportliche) und staatspolitische Erziehung wird bis zum 18. Lebensjahre nur in der HJ getätigt.
  • 3. Die Mitglieder des Evangelischen Jugendwerkes tragen entsprechend ihrer Zugehörigkeit zur HJ  den Dienstanzug der HJ.

4. An zwei Nachmittagen in der Woche und an zwei Sonntagen im Monat bleibt dem Evangelischen Jugendwerk die volle Freiheit seiner Betätigung in erzieherischer und kirchlicher Hinsicht mit Ausnahme der in Ziffer 2 genannten Betätigung. An diesen Tagen werden, wenn nötig, die Mitglieder jeweils von der anderen Organisation beurlaubt. Für die Mitglieder des Evangelischen Jugendwerkes wird der Dienst in der HJ ebenfalls auf zwei Wochentage und zwei Sonntage im Monat beschränkt. Außerdem wird für die evangelische Lebensgestaltung und evangelische Jugenderziehung durch volksmissionarische Kurse und Lager den Mitgliedern des Evangelischen   Jugendwerkes vom Dienst in der HJ Urlaub erteilt.“

Die “Machtergreifung“ der Nationalsozialisten 1933 ging mit Staatsverbrechen einher, denen mit dem Verlust an Menschlichkeit, Zivilisation und Kultur Millionen von Menschen zum Opfer fallen sollten. In der spontanen Gründerwelle wurde ein flächendeckendes Netz von Lagern errichtet, wobei vorhandene Gefängnisse, Lager, Klöster und Fabriken umfunktioniert wurden. Das Konzentrationslager Oranienburg ist eine der Einrichtungen in dieser ersten Phase der Verbrechen.

Die “Schutzhaft“ wurde ausschließlich von Exekutivorganen befohlen und war jeglicher richterlicher Kontrolle entzogen. Auch unterlag sie keinerlei Rechtsmittel oder Rechtsbehelfe. Am 11. Juli 1933 trafen  in der “Alten Brauerei” 79 Gefangene aus dem Konzentrationslager Börnicke und 26 Gefangenen aus dem KZ Alt Daben in Oranienburg ein. Am 29. November 1933 kamen unter anderem 168 Gefangene aus dem KZ Moringenan. In dieser frühen Phase der Konzentrationslager waren auch Entlassungen möglich, das betraf größere Gruppen am 1. Mai und zu Weihnachten. Die Entlassenen hatten sich schriftlich zu verpflichten, sich nicht über die Haft zu äußern und keine Regressansprüche zu stellen.

Aus der Zeit des Bestehens des KZ Oranienburg sind nur zwei Fälle von Flucht aus den Außenlagern bekannt, am 11. September 1933 Arthur Plötzke und am 4. Dezember 1933 Gerhart Seger. Seger gelang die Flucht nach Prag, wo er einen Erlebnisbericht mit dem Titel “Oranienburg” verfasste. Versehen mit einem Vorwort von Heinrich Mannerregte dieser 1934 veröffentlichte erste “authentische Bericht” aus einem Konzentrationslager internationale Aufmerksamkeit und machte Oranienburg zu einem Synonym für das nationalsozialistische Terrorregime.


 

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1933 Das Jahr der Machtergreifung (2) Geschehnisse April, Mai und Juni 1933

Machtergreifung, Erste Schritte zum Aufbau der Diktatur

Teil 2: April, Mai und Juni 1933

1. April 1933

Boykott-Tag: Organisierter Boykott gegen jüdische Geschäfte, Anwaltsbüros und Arztpraxen „Deutsche! Wehrt Euch! Kauft nicht bei Juden!“ – unter Parolen wie dieser begann am 1. April 1933 um 10 Uhr ein reichsweiter Boykott. Es war der erste große landesweite Test für die Einstellung der christlichen Kirchen zur Lage der Juden unter der neuen Regierung.

Organisiert wurde diese antisemitische Kampagne vom „Zentral-Komitee zur Abwehr der jüdischen Greuel- und Boykotthetze“ unter dem fränkischen Gauleiter Julius  Streicher.

Der Historiker Klaus Scholder schreibt: “Kein Bischof, keine Kirchenleitung, keine Synode wandte sich in den entscheidenden Tagen um den 1. April öffentlich gegen die Verfolgung der Juden in Deutschland”   (Literatur: Saul Friedländer: “Das Dritte Reich und die Juden” Die Jahre der Verfolgung)

Goebbels schreibt in sein Tagebuch unter dem 28. März: “Ich telephoniere mit dem Führer. Der Boykottaufruf wird heute veröffentlicht.” Und unter dem 29. März:  “Ich versammle meine Referenten um mich und entwickle ihnen die Organisation des Boykotts”. Bereits am 29. März unterrichtete Hitler das Kabinett über den geplanten Boykott.  Binnen vier Tagen organisierte Goebbels mit seinem Referentenstab die Durchführung. Er formulierte den Boykottaufruf, der am 29. März im Völkischer Beobachter Nr. 88 und in der übrigen staatlich gelenkten Presse erschien: “Samstag, Schlag 10 Uhr, wird das Judentum wissen, wem es den Kampf angesagt hat”.

Erich Simenauer, Arzt, Psychoanalytiker, Rilke Interpret, Chirurg wird am 1. April 1933, dem Boykott-Tag, im Urban Krankenhaus verhaftet und in die Papestraße verschleppt. Später schrieb Simenauer: “Zufällig war einer unserer Bewacher ein ehemaliger Patient von mir, dem ich kurz zuvor den Blinddarm rausgenommen hatte. Um sich mir erkenntlich zu zeigen, veranlasste er, dass auf der Rückseite meines Laufzettels handschriftlich vermerkt wurde “nicht misshandeln”. Als in der folgenden Nacht die SA-Wachmannschaft eine wilde Prügelorgie veranstaltete, hielt ich denen, als ich an der Reihe war, meinen Laufzettel mit dieser Aufschrift entgegen. Darauf befahl mir einer “Hinlegen”, und ich warf mich zu Boden und wurde verschont.  Rechts und links von mir wurden einige Leute mit Knüppeln so lange geschlagen bis sie tot waren; es war entsetzlich. Wenn sie die wenigstens erschossen hätten, aber sie haben sie zu Tode geprügelt. Mir hat dieser Zettel das Leben gerettet.”   (Literatur: Ernst Klee, Deutsche Medizin im Dritten Reich. Karrieren vor und nach 1945, Frankfurt a. M. 2001, S. 43.)

James McDonald, Vorsitzender der amerikanischen „Foreign Policy Association“, traf sich in Berlin zum Abendessen mit Hitlers Freund Ernst Hanfstaengl. Es war der 1. April. McDonald erzählte Herrn Hanfstaengl, er habe sich soeben mit Hitler getroffen und ihm gesagt, seine antisemitische Politik sei für Deutschland von Schaden. Hitler habe erwidert, die Welt werde Deutschland noch einmal dafür danken, dass es sie lehre, wie man mit Juden umzugehen habe. Hanfstaengl griff zum Weinglas. Er war ein leidenschaftlicher Vertreter des arischen Rassegedanken. „Wissen Sie eigentlich“, sagte er zu Mcdonald, „dass wir geplant haben, die gesamte jüdische Bevölkerung im Reich auszurotten? Jeder Jude hat einen ihm zugeteilten SA-Mann. Alles ist bereit und kann in einer einzigen Nacht erledigt werden.   (Literatur: Nicholson Baker: „Menschenrauch, wie der Zweite Weltkrieg begann und die Zivilisation endete).

“Sämtliche Berliner Bezirksämter sind angewiesen, jüdische Lehrkräfte an Städtischen Schulen sofort zu beurlauben.”   (Literatur: “Orte des Erinnern, das Denkmal im Bayerischen Viertel”, eine von 80 Gedenktafeln. Hier:   Berchtesgadener Str. 11)

2. April 1933

“Hamburger Tageblatt”: “Karstadt wieder ein rein christliches Unternehmen. Aus dem Aufsichtsrat der Rudolf Karstadt AG sind Dr. Gustav Gumpel, Dr. Norbert Labowsky, Julius Oppenheimer, Albert  Schöndorff, Dr. Fritz Warburg und Dr. Arno Wittgensteiner ausgetreten. Da bekanntlich aus dem Vorstand und aus den Geschäftsleitungen der Filialen auch andere jüdische Mitarbeiter …  ausgeschieden sind, ist nunmehr der Karstadt-Konzern wieder ein rein christliches Unternehmen.”

3. bis 5. April 1933

Die in Berlin tagende erste Reichstagung der “Glaubensgemeinschaft Deutsche Christen” fordert u.a. die Einführung des “Arierparagraphen” im kirchlichen Bereich.

4. April 1933

Hier Auszüge aus der Radioansprache, die Otto Dibelius, damals Generalsuperintendent der Kurmark am 4. April 1933 gehalten hatte. Diese Ansprache wurde nach Amerika ausgestrahlt. Er leugnete, dass in den Konzentrationslagern irgendwelche Brutalitäten vorkämen, und behauptete, der Boykott  -den er als vernünftige Verteidigungsmaßnahme bezeichnete-  verlaufe in “Ruhe und Ordnung”.

  1. “Die neue Regierung hat als ihre erste große Aufgabe die Rettung Deutschlands vor dem Bolschewismus in Angriff genommen  . . . “
  2. “Wir haben es oft ausgesprochen, dass die Entscheidungsschlacht zwischen der abendlichen Zivilisation und  dem Bolschewismus auf deutscher Erde würde geschlagen werden müssen    . . . “
  3. “Diese Entscheidungsschlacht ist ohne Straßenkämpfe und ohne Blutvergießen geschlagen worden. Die neue Regierung hat mit durchgreifenden Maßnahmen die kommunistischen Agitatoren  und ihre Bundesgenossen aus dem öffentlichen Leben ausgeschaltet. Sie hat erstaunlich wenig Widerstand gefunden.  . . .”
  4. “. . .  Die kommunistischen Führer sind sämtlich gefangen gesetzt worden. . .   Wir haben die kommunistischen Führer im Gefängnis besucht, wir haben sie gesund angetroffen. Sie haben uns übereinstimmend gesagt, dass sie durchaus korrekt behandelt würden . . . und waren mit der Nahrung alle zufrieden.  . .  “
  5. “Aufgrund der Schauernachrichten über grausame und blutige Behandlung der Kommunisten in Deutschland   . . .   hat nun das Judentum in mehreren Ländern eine Agitation gegen Deutschland begonnen.   . . .  Es ist zum Boykott gegen deutsche Waren aufgerufen worden.   . . .   Um diesen Boykott zu brechen, haben nun ihrerseits die deutschen Nationalsozialisten eine Boykottbewegung gegen das Judentum in Deutschland eingeleitet.  . . .    Dieser Boykott ist zunächst nur auf einen einzigen Tag beschränkt worden; er ist in absoluter Ruhe und Ordnung verlaufen. Nur einen einzigen blutigen Zwischenfall hat es gegeben. Das war in der Stadt Kiel an der Ostseeküste. . . . . “
  6. “Der Boykott ist bis auf weiteres aufgehoben. Heute sind die Geschäfte alle wieder geöffnet.   . . . “
  7. “Nebenher läuft eine Aktion der Regierung, die Juden aus der staatlichen Verwaltung, namentlich aus den Richterstellen, zu entfernen. Und das hängt damit zusammen, dass seit 1918 jüdische Beamte und Angestellte in so großer Zahl in die staatliche Verwaltung hineingekommen sind, dass es zum Beispiel in Berlin ganze Gerichte gibt, in denen kaum ein christlicher Richter noch zu finden ist. Dabei bilden die Juden in Deutschland  nicht einmal 1 % der Bevölkerung.”
  8. “. . .  Hier sollen die Verhältnisse wieder so werden, wie sie früher waren .”

Der Generalsuperintendent der Kurmark weiter:

  • “Aus der inneren Zersetzung, in die uns die letzten fünfzehn Jahre geführt haben, wollen wir wieder zurück zu einem christlichen und wirklich deutschem Volksleben“.   (Literatur: “Das Dritte Reich und die Juden, Die Jahre der Verfolgung 1933 – 1939” von Saul Friedländer, 1998, Zweite Auflage, C. H. Beck, Seite 55 ff)

einige Tage später, etwa 10. April 1933

Seine Sendung war keine einmalige Verirrung. Wenige Tage später schickte Dibelius an alle Pastoren seiner Provinz ein vertrauliches österliches Sendschreiben:

  • “Meine lieben Brüder! Für die letzten Motive, aus denen die völkische Bewegung hervorgegangen ist, werden wir alle nicht nur Verständnis, sondern volle Sympathie haben. Ich habe mich trotz des bösen Klanges, den das Wort vielfach angenommen hat, immer als Antisemiten gewusst. Man kann nicht verkennen, dass bei allen zersetzenden Erscheinungen der modernen Zivilisation das Judentum eine führende Rolle spielt”:   (Literatur: “Als die Zeugen schwiegen: Bekennende Kirche und die Juden”  von Wolfgang Gerlach, Berlin 1987, Seite 42)

Im Scheunenviertel in Berlin-Mitte veranstaltet die Polizei eine groß angelegte Razzia gegen jüdische Bewohner und verhaftet dabei unter anderem zehn polnische Juden, die keine Aufenthaltserlaubnis besitzen. Der Rundfunk berichtet live über diese Polizeiaktion. Verhöre der Polizeibeamten werden ebenso übertragen wie Interviews mit beteiligten Personen. Reporter schalten sich dabei teilweise in die polizeilichen Verhöre ein.   (Literatur: Horst Helas: “Juden in Berlin-Mitte. Biografien – Orte – Begegnungen”, 2., ergänzte u. durchgesehene Aufl., Berlin 2001, S. 43 u. derselbe, Die Razzia am 4.   April 1933, in: Das Scheunen-Viertel. Spuren eines verlorenen Berlins, Berlin 1994,   S. 135f.)

Am 4. April 1933 wurde auf Anordnung der Amtshauptmannsschaft Döbeln im sächsischen Hainichen, nordöstlich von Chemnitz, ein KZ eingerichtet. Am darauf folgenden Tag berichtet der „Hainicher Anzeiger“:

  • „Machtvoll flattert das siegreiche Hakenkreuzbanner auf dem ehemaligen Volks- und Sportheim Hainichen im Frühlingswind, ein SA-Mann steht mit geladenem Gewehr als Wachposten vor dem Eingang, und drinnen in dem schönen Gebäude herrscht ein ungewohntes Treiben. Das ehemalige Volks- und Sportheim hat nun endgültig seine Verwendung, allerdings in einer Art, wie es sich der Erbauer dieses Heimes niemals hätte träumen lassen. In dem Gebäude ist seit dem 4. April ein Konzentrationslager für politische Schutzhäftlinge eingerichtet worden. Es sind ungefähr 50 marxistische Personen im Lager eingetroffen.“ (Literatur: „Der Ort des Terrors“ von Wolfgang Benz, Band 2)

5. April 1933

Müller, Ludwig, (23.6.1883 in Gütersloh – 31.7.1945 in Berlin), protestantischer Theologe. 1926 – 1933 Wehrkreispfarrer in Königsberg, wurde am 5.4.1933 von Hitler zum “Vertrauensmann und Bevollmächtigten für die Fragen der Evangelischen Kirche” berufen.   (Literatur: “Reichsbischof Ludwig Müller, Eine Untersuchung zu Leben, Werk und Persönlichkeit” von Thomas Martin Schneider, Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, 1993)

Von Müller stammt  der spätere Ausspruch:

“Deutschland ist unsere Aufgabe, Christus unsere Kraft! . . . Wie jedem Volke, so hat auch unserem Volk der ewige Gott ein arteigenes Gesetz geschaffen. Es gewann Gestalt in dem Führer Adolf Hitler und dem von ihm geformten nationalsozialistischen Staat. Dieses Gesetz spricht zu uns in der aus Blut und Boden erwachsenen Geschichte unseres Volkes . . . Aus dieser Gemeinde deutscher Christen soll im nationalsozialistischen Staat Adolf Hitlers die das ganze Volk umfassende “Deutsche Christliche Nationalkirche” erwachsen: Ein Volk! – Ein Gott! – Ein Reich! – Eine Kirche! “

Das “Wittenberger Tageblatt” berichtet über den Boykott jüdischer Händler auf dem städtischen Markt:  “Auf dem Jahrmarkt nahm gestern Mittag ein großer Teil der Bevölkerung gegenüber den jüdischen Ständen eine bedrohliche Haltung ein. Im Interesse der eigenen Sicherheit der jüdischen Händler wurden diese seitens der Polizei aufgefordert, ihre Stände zu räumen.   (Literatur: Ronny Kabus, Juden der Lutherstadt Wittenberg im III. Reich,  S. 33.)

Die Stadt Düsseldorf kündigt allen im Dienst der Stadt stehenden Apothekern, Ärzten und Chemikern jüdischer Herkunft ihre Arbeitsverträge.

6. April 1933

Das Reichsfinanzministerium hebt die Zulassung aller jüdischen Steuerberater auf; neue Zulassungen dürfen “bis auf weiteres” nicht mehr ausgestellt werden.   (Literatur: Chronologie des Holocaust von  Knut Mellenthin)

7. April 1933

Fortsetzung vom 31. März 1933:  . . .  bereits am 7. April erließ Hitler ein weiteres Gesetz mit dem für jedes Land ein Reichstatthalter ernannt wurde. Alle Reichsstatthalter waren NSDAP-Mitglieder; sie hatten die vom Reichskanzler festgelegte allgemeine Politik zu verwirklichen.

Aufgrund des am 7. April beschlossenen „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ wurden an Kunsthochschulen Professoren und Lehrkräfte beurlaubt, z.B.:

Erwin Brodky,                 Siegfried Borris,

Oskar Dariel,                   Bruno Eisner,

Emanuel Feuermann,     Eva Heinitz,

Robert Hernried,           Käthe Jacob,

Stefan Jeidels,                 Leonid Kreutzer,

Frieda Loebenstein,       Claudia Pfeiffer,

Hugo Strelitzer,              H. Reichenbach,

Emy von Stetten

Das Gesetz und das “Rechtsanwaltsgesetz” legalisierten einen faktisch seit dem März bestehenden Zustand: Richter, Staatsanwälte und Rechtsanwälte waren an vielen Orten durch NS-Anhänger am Betreten der Gerichtsgebäude gehindert worden. Nationalsozialistische Justizminister der einzelnen Länder hatten Hausverbote erlassen und Beamte in den Zwangsurlaub geschickt. Das Gesetz ist eine irreführende Verbrämung des eigentlichen Zwecks. Es sah die Entlassung aller im Sinne der neuen Machthaber national unzuverlässigen und aller jüdischen Beamten vor.

“Jüdische Beamte werden aus dem Staatsdienst entlassen.”    (Literatur: “Orte des Erinnern, das Denkmal im Bayerischen Viertel”, eine von 80 Gedenktafeln. Hier:   Salzburger Str. 5)

10. April 1933

Die BVP Bayerische Volkspartei wurde aufgelöst. Diese Partei hatte noch im  März im Reichstag für das Ermächtigungsgesetz gestimmt, das letztlich Hitler die Vollmacht gab, auch die BVP zu vernichten. Die Funktionäre der Partei wurden verhaftet und misshandelt.   (Literatur: Anna Maria Sigmund: “Diktator, Dämon, Demagoge”, Seite 73)

Der Kommissar der ärztlichen Spitzenverbände erklärt, dass in der Ärzteschaft seit langem ein zahlenmäßiges Missverhältnis zwischen Deutschstämmigen und Juden bestanden habe. Inzwischen seien zahlreiche jüdische Ärzte aus Krankenhäusern, Instituten, Universitäten und aus dem öffentlichen Gesundheitsdienst entlassen worden. Auch aus den Berufsorganisationen der Ärzte seien Juden ausgeschieden worden. Für die Krankenkassen sollen in Zukunft Juden nur in Ausnahmefällen zugelassen werden. Die gleichen Maßnahmen würden gegen marxistische Ärzte ergriffen werden.

Eintrag aus dem Tagebuch von Klemperer: “Ein  … Arzt in Berlin, aus der Sprechstunde geholt, im Hemd und schwer misshandelt ins Humboldtkrankenhaus gebracht, dort, 45 Jahre alt, gestorben“.   (Literatur: Viktor Klemperer: “Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten, Tagebücher 1933 – 1941”, Seite 20)

11. April 1933

Hans Beimler, wird verhaftet. Beimler gehörte von Dezember 1929 bis August 1932 dem Stadtrat von Augsburg an, von April bis Juli 1932 dem Bayerischen Landtag. Von 1932 bis 1933 war er Abgeordneter im Deutschen Reichstag. Im Frühjahr 1932 kehrte Beimler nach München zurück und wurde Politischer Sekretär des Bezirks Südbayern der KPD.

12. April 1933

Das Präsidium der Industrie- und Handelskammer zu Berlin nötigt seinen Vizepräsidenten Heinrich Grünfeld, den jüdischen Seniorchef einer alteingesessenen Berliner Textil- und Bekleidungsfirma, zum Rücktritt.   (Literatur: Johannes Ludwig, „Boykott – Enteignung – Mord“,  S. 184ff)

Paul Tollmann, geb. 1915, wird als 17-jähriger verhaftet. (Auf der Veranstaltung Führung durch die Folterkammern in der General-Pape-Straße am 11. Oktober 2009 „Erinnern und nicht vergessen: Naziterror in Tempelhof“ hat er persönlich über sein Schicksal gesprochen.) Er berichtete, er habe Flugblätter versteckt, die die SA gefunden hatte. Zusammen mit seinem Vater und Bruder wurde er verhaftet, zunächst in die „Rote Villa“ in die Albrechtstraße, dann in die General-Pape-Str. gebracht. Nach 5 Tagen kam er frei. Er hat dort gesehen wie ein jüdischer Arzt auf einem Feldbett gestorben ist. Immer wieder ist Tollmann verprügelt worden.

Im Konzentrationslager Dachau kommt es zu den ersten Häftlingsmorden. Betroffen sind vier aus Nürnberg bzw. Fürth stammende Juden, die zuerst gequält und dann – so der Nazi- Jargon – auf der Flucht erschossen werden. Es handelt sich um den Studenten Arthur Kahn, die Kaufleute Ernst Goldmann und Erwin Kahn sowie um den Diplom-Volkswirt Dr. Rudolf Benario.   (Literatur: Jürgen Matthäus, Konrad Kwiet, Jürgen Förster u. Richard Breitmann  Ausbildungsziel Judenmord? “Weltanschauliche Erziehung” von SS, Polizei und   Waffen-SS im Rahmen der “Endlösung”, Frankfurt a. M. 2003, S. 43f)

In Berlin – Kreuzberg, Skalitzer Straße 46, heiratet der zum Judentum konvertierte “Arier” Max Rosenhand eine Jüdin. Noch am Abend der Hochzeitsfeier verschleppt ihn die SA in eines ihrer “wilden KZ” und schlägt ihn brutal zusammen.   (Literatur: „Juden in Kreuzberg“,  S. 205.)

Am 12. April 1933 fand auf Veranlassung des Landeskriminalamtes Dresden die Besichtigung eines Spinnereigrundstückes in Sachsenburg statt, dabei wurde festgestellt, dass sich das Grundstück ganz hervorragend für die Errichtung eines großen Schutzhaftlagers eignet. Bereits am 19. April 1933 wurde die Sachsenburg in den „vorläufigen Bestimmungen über die Errichtung und Verwaltung von Konzentrationslagern“ aufgeführt. (Literatur: „Der Ort des Terrors“ von Wolfgang Benz)

 

weiterhin 12. April 1933

Dr. jur. Friedrich Oppler, 45 Jahre alt, hauptamtlicher Vorsitzender am Landesarbeitsgericht Berlin, schrieb an den preußischen Justizminister: „Ich habe nichts als mein Amt, das mir vom Staat als ein lebenslängliches verheißen worden war, in dem ich mich wie ich glaube sagen zu können, stets untadelig geführt habe, mit dem ich verwurzelt bin, dem ich mein ganzes Leben und meine ganze Kraft widmete“. Gegen Oppler wurde auf Grund des „Gesetzes zur Herstellung des Berufsbeamtentum“ im Juli ein Berufsverbot erlassen. (Literatur: „Jüdische Richter in der Berliner Arbeitsgerichtsbarkeit 1933“ von Hans Bergemann)

13, April 1933

Am 13. April 1933 wurde Czeminski, Schöneberger Stadtrat, verhaftet, um die Gleichschaltung der von ihm geführten Genossenschaft durchzusetzen. In dem “wilden KZ” SA-Gefängnis Papestraße wurde er gefoltert und schwer misshandelt.

14. April 1933

Die Berliner Ärztin Dr. Hertha Nathorff notiert in ihrem Tagebuch:

  • “Aus allen Berufen, aus allen Stellen schalten sie die Juden aus ‚Zum Schutze des deutschen Volkes’. Was haben wir diesem Volk denn bis heute getan? In den Krankenhäusern ist es furchtbar. Verdiente Chirurgen haben sie mitten aus der Operation herausgeholt und ihnen das Wiederbetreten des Krankenhauses einfach verboten.“ (Literatur: Das Tagebuch der Hertha Nathorff. Aufzeichnungen 1933 bis 1945, hrsg.  und eingeleitet v. Wolfgang Benz, München 1987, S. 109.)

15. April 1933

Die “Gubener Zeitung für Stadt und Land” (Mark Brandenburg) berichtet über die ersten Beurlaubungen jüdischer Professoren durch den preußischen Kulturminister Dr. Rust: “Insgesamt sind davon 16 Hochschulprofessoren, vor allem Staatsrechtler und Nationalökonomen, erfasst worden. Die meisten entfallen auf Frankfurt, nämlich Heller, Hochheimer, Löwe, Mannheimer, Sinzheimer und der evangelische Theologe Paul Tillich. Die weiteren beurlaubten Professoren sind Bonn von der Handelshochschule und Lederer von der Universität Berlin. Cohn = Breslau,  Dehn = Halle, Feiler = Königsberg, Löwenstein = Bonn, Kantorowicz = Kiel, Kelsen = Köln und Mark = Breslau.”   (Literatur: Margrid Bircken u. Helmut Peitsch, Hrsg., Brennende Bücher. Erinnerungen an den 10. Mai 1933, Potsdam 2003, S. 139.)

15. April 1933

Erneut wird in der Hedemannstraße in Berlin-Kreuzberg ein Jugendlicher jüdischen Glaubens von den Nazis ermordet; es handelt sich diesmal um einen Siebzehnjährigen namens Spido. (Literatur: „Antifaschistischer Stadtplan Kreuzberg“)

16. April 1933  (Ostersonntag)

Armin T. Wegner  (1886 – 1976) verfasste Ostern 1933 ein Schreiben an den Deutschen Reichskanzler Adolf Hitler:

  • “Herr Reichskanzler in Ihrer Bekanntmachung vom 29. März 1933 hat die Staatsregierung die Acht über die Geschäftshäuser aller jüdischen Bürger verhängt. Beleidigende Inschrift: “Betrüger! Nicht Kaufen! Den Juden den Tod!” leuchteten an den Spiegelscheiben, Männer mit Knüppeln und Faustbüchsen hielten vor den Türen der Läden Wache . . .  Jüdische Richter, Staatsanwälte und Ärzte werden aus ihren wohlverdienten Ämtern gestoßen, man sperrt ihren Töchtern und Söhnen die Schule, treibt die Hochschullehrer von der Kanzel und schickt sie auf Urlaub, eine Gnadenfrist, die niemanden zweifelhaft sein kann, beraubt die Leiter von Schauspielhäusern, Schauspieler und Sänger ihrer Bühnen, die Herausgeber von Zeitungen ihrer Blätter . . .       Gerechtigkeit war stets eine Zierde der Völker, und wenn Deutschland groß in der Welt wurde, so haben auch die Juden daran mitgewirkt. Erinnern Sie sich, dass es Albert Einstein, ein deutscher Jude, war der Erschütterer des Raumes, der wie Kopernikus über sich in das All griff und der Erde ein neues Weltbild  geschenkt hat. Erinnern Sie sich, dass Albert Ballin, ein deutscher Jude, der Schöpfer der großen Schiffslinie nach dem Westen gewesen ist, auf dem das mächtigste Schiff der Welt nach dem Lande der Freiheit zog, Ballin, der die Scham nicht ertragen konnte, dass der von ihm verehrte Herrscher sein Land im Stich ließ und deshalb Hand an sich legte? Erinnern Sie sich, dass es Emil Rathenau, ein deutscher Jude, war, der die Allgemeine Gesellschaft zur Erzeugung des geheimnisvollen Stromes von Kraft und Licht in fremden Ländern zu einem Weltwerk machte! Erinnern Sie sich  . . .“
  • „… Herr Reichskanzler, es geht nicht um das Schicksal unserer jüdischen Brüder allein, es geht um das Schicksal Deutschlands! Im Namen des Volkes, für das zu sprechen ich nicht weniger das Recht habe, als die Pflicht, wie jeder, der aus seinem Blut hervorging, als ein Deutscher, dem die Gabe der Rede nicht geschenkt wurde, um sich durch Schweigen zum Mitschuldigen zu machen, wenn sein Herz sich vor Entrüstung zusammenzieht, wende ich mich an Sie: Gebieten Sie diesem Treiben Einhalt! Das Judentum hat die Babylonische Gefangenschaft, die Knechtschaft in Ägypten, die spanischen Ketzergerichte, die Drangsal der Kreuzzüge und die sechzehnhundert Judenverfolgungen in Russland überdauert. Mit jener Zähigkeit, die dieses Volk alt werden ließ, werden die Juden auch diese Gefahr überstehen  — die Schmach und das Unglück aber, die Deutschland dadurch zuteil werden, werden für lange Zeit nicht vergessen sein! Denn wen muss einmal der Schlag treffen, den man jetzt gegen die Juden führt, wen anders als uns selbst   . . .  schützen Sie Deutschland indem Sie die Juden schützen   . . . wahren Sie die Würde des deutschen Volks”   (Literatur: Jürgen Serke “Die verbrannten Dichter”, Verlag Beltz und Gelbert, Seite 40)

16. April 1933

Königstein, der kommunistische Arbeiter Fritz Gumpert aus Heidenau wird im “Schutzhaftlager” auf die entsetzlichste Art zu Tode gefoltert (er hinterlässt eine Frau und fünf schulpflichtige Kinder).   (Literatur: Internet, Bericht über die Stadt Heidenau, zwischen Dresden und Pirna gelegen.)

17. April 1933

In Göttingen entschloss sich James Franck (1882-1964) zu einem öffentlichen Protest gegen das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentum. Er selbst fiel zwar als Frontkämpfer nicht unter das neue Gesetz, lehnte aber die Inanspruchnahme einer derartigen Sonderregelung für seine Person ab. In Francks Erklärung vom 17. April, die er dem Rektor der Universität und auszugsweise auch der Göttinger Zeitung übermittelte, hieß es u.a.: “Ich habe meine vorgesetzte Behörde gebeten, mich von meinem Amte zu entbinden. Ich werde versuchen, in Deutschland weiter wissenschaftlich zu arbeiten. Wir Deutsche jüdischer Abstammung werden als Fremde und Feinde des Vaterlandes behandelt.” Trotzdem habe er Verständnis für diejenigen, “die es heute für ihre Pflicht halten, auf ihrem Posten auszuharren.” Die internationale Presse berichtete ausführlich darüber und selbst in deutschen überregionalen Zeitungen gab es positive Kommentare.

18. April 1933

Johannes Fest, Vater von Joachim, wird vom Bürgermeister des Bezirks Berlin Lichtenberg mit sofortiger Wirkung beurlaubt, später am 1.10.1933, entlassen. Johannes Fest war Rektor der 20. Volksschule in Berlin. Die Beurlaubung wird schriftlich vom “Staatskommissar zur Wahrnehmung der Geschäfte des Bezirksbürgermeisters” erteilt. Mündlich wurde Herrn Fest mitgeteilt, dass seine führende Zugehörigkeit zur Zentrumspartei und zum Reichsbanner sowie seine “öffentlich herabsetzenden Reden gegen den Führer und weitere Märtyrer der Bewegung, (Horst Wessel)” zur Suspendierung führten.   (Literatur: Joachim Fest: “Ich nicht”, 2006 Seite 52 und 65)

19. April 1933

Elsa Lasker-Schüler (11.2.1869 – 22.1.1945) hatte ihr Stück “Arthur Aronymus und seine Väter” geschrieben, es sollte im Schillertheater uraufgeführt werden. Noch vor der Generalprobe  wurde es von den Nazis abgesetzt. Ein Stück, in dem sie hellsichtig die Judenverfolgungen vorwegnimmt: “Unsere Töchter wird man verbrennen auf Scheiterhaufen. Nach mittelalterlichem Vorbild. Der Hexenglaube ist auferstanden, aus dem Schutt der Jahrhunderte. Die Flamme wird unsere unschuldigen jüdischen Schwestern verzehren”. Lasker-Schüler emigrierte direkt danach in die Schweiz.  starb 1945 verarmt in Jerusalem. Literatur: Jürgen Serke „Die verbrannten Dichter“,  Verlag Beltz und Gelbert, Seite    31, am Haus Katharinenstraße 5 (Halensee) befindet sich eine Inschrift: „In dem Haus, das früher hier stand lebten und arbeiteten Herwarth Walden und Else Lasker-Schüler“

20. April 1933

Ein weiterer Protest gegen das “Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums” kam aus Stuttgart. Am 20. April legte der Ordinarius für theoretische Physik an der dortigen Technischen Hochschule Peter Paul Ewald (1888-1985) das Rektorat nieder, weil es ihm nicht möglich war, “in der Rassenfrage den Standpunkt der nationalen Regierung zu teilen”. Ewald gehörte eigentlich zum betroffenen Personenkreis. Ebenso wie seine beiden Großväter war seine Frau jüdischer Herkunft. Die Ausnahmebestimmungen erlaubten ihm jedoch ein Verbleiben auf seiner Professur. Er emigrierte 1938.

Der Vorsitzende der katholischen Zentrumspartei Dr. Ludwig Kaas sendet ein Geburtstagstelegramm an Reichskanzler Hitler: “Zum heutigen Tage aufrichtige Segenswünsche und die Versicherung unbeirrter Mitarbeit am großen Werk der Schaffung eines innerlich geeinten, sozialbefriedeten…Deutschlands.”

Zum Gottesdienst zur Feier des Hitler Geburtstages  am 20. April marschierten in der Gemeinde Stephanus im Bezirk Wedding die NSDAP-Ortsgruppe „Gesundbrunnen“ und zwei SA-Stürme auf. Pfarrer Walther Aner predigte über 1. Joh. 5, Vers 4: „Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat“. Tiefste Ergriffenheit hätten die Fürbitten am Schluss des Gottesdienstes ausgelöst, als derer gedacht worden sei, die in der „Gefolgschaft des Führers für die Wiedergeburt unseres Volkes starben“ und leise von der Orgel das Horst Wessellied erklang. In dieser Gemeinde schlossen sich 17 von 18 Kirchenältesten, sämtliche vier Pfarrer, die Kirchenbeamten, Gemeindeschwestern und Pfarrgehilfeninnen der neuen „Glaubensbewegung“ an. (Literatur: Prof. Dr.  Manfred Gailus in „Kreuze und Hakenkreuze“, Tagesspiegel 2. Februar 2013).

21. April 1933

Geheimbefehl von Dr. Ley

Am 21. April 1933 wurde – nicht einmal im Namen der Regierung, sondern der Nazi-Partei – von dem Verschwörer Robert Ley ein Befehl herausgegeben, in dem er sich selbst als »Stabsleiter der Politischen Organisation der NSDAP« bezeichnete, und der sich auf den Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund und den Allgemeinen Freien Angestelltenbund, die beiden größten deutschen Gewerkschaften, bezog. Er ordnete die Beschlagnahme ihres Eigentums und die Verhaftung ihrer obersten Leiter an. Der Befehl bestimmte, dass Gliederungen der Partei, die wir hier als verbrecherische Organisationen anklagen, die SA und SS, »zur Besetzung der Gewerkschaftshäuser und der Inschutzhaftnahme der in Frage kommenden Persönlichkeiten einzusetzen« seien. Ferner sollten alle Verbandsvorsitzenden und Bezirkssekretäre der Verbände und die Filialleiter der Bank der Arbeiter, Angestellten und Beamten in »Schutzhaft« genommen werden. (Literatur: Ein Dokument, das in Nürnberg ans Tageslicht kam: Ein von Dr. Ley unterzeichneter Geheimbefehl vom 21. April enthält bis ins einzelne gehende Instruktionen für die am 2. Mai vorzunehmende „Gleichschaltung“ der Gewerkschaften; SA und SS sollen die „Besetzung der Gewerkschaftshäuser“ vornehmen und alle Gewerkschaftsführer „in Schutzhaft“ nehmen. Das Gewerkschaftsvermögen sei zu beschlagnahmen. Aus Shirer: „Aufstieg und Fall des Dritten Reiches“.)

 

22. April 1933

Änderung des Buchstabieralphabets: In der sogenannten Buchstabiertafel für Ferngespräche sind Änderungen vorgenommen worden. David ist durch Dora, Jakob durch Julius, Nathan durch Nikolaus, Samuel durch Siegfried und Zacharias durch Zeppelin ersetzt worden.   (Literatur: Lisa Matthias “Ich war Tucholskys Lottchen”, Seite 294; der Beamte Neugebauer vom Postamt Rostock “bereinigt”  die Buchstabiertafel. In allen deutschen Telefonbüchern ist  ab 1934 die neue Buchstabiertafel  dann enthalten.)

Der Reichswart der Evangelischen Jugend Deutschlands, Erich Stange: “Die gottgesetzten Grundlagen von Heimat, Volk und Staat werden wieder neu erkannt. Das Volk steht auf. Eine Bewegung bricht sich Bahn, die eine Überbrückung der Klassen, Stände u. Stammesgegensätze verheißt…Darum kann die Haltung der jungen evangelischen Front in diesen Tagen keine andere sein als die einer leidenschaftlichen Teilnahme an dem Schicksal unseres Volkes und zugleich eine radikale Entschlossenheit, wie sie das Wort Gottes fordert.”

Die Kampfaktion „Wider den undeutschen Geist“ beschlagnahmt in der Kieler Universitätsbibliothek Publikationen „undeutscher“ Dozenten und Literaten, unter ihnen solche von jüdischen Autoren, wie z.B. Jakob Wassermann und Kurt Tucholsky. (Literatur: Manfred Overesch, Chronik deutscher Zeitgeschichte. Politik – Wirtschaft – Kultur)

Der Deutsche Apothekerverein führt den „Arierparagraphen“ ein.

25. April 1933

“Gesetz gegen die Überfüllung deutscher Schulen und Hochschulen”, Zulassungsbeschränkung für jüdische Schüler und Studenten.  Dieses Gesetz richtete sich ausschließlich gegen jüdische Schüler und Studenten und begrenzt den Anteil jüdischer Studenten und Schüler an weiterbildenden Schulen auf maximal 1,5 Prozent.   (Literatur:  “Illustrierte Geschichte des Dritten Reiches” von Dr. Kurt Zentner, 1965)

“Juden werden aus Sport- und Turnvereinen ausgeschlossen.”   (Literatur: “Orte des Erinnern, das Denkmal im Bayerischen Viertel”, eine von 80 Gedenktafeln. Hier:   Münchener Str. 9)

Eintrag im Tagebuch von Viktor Klemperer: “Der preußische Unterrichtsminister  hat angeordnet, dass unversetzte Schüler, wenn sie der Hitlerbewegung angehören, nach Möglichkeit  -die Klassenkonferenz entscheide weitherzig!-  doch noch versetzt werden”.  .  .  Anschlag am Studentenhaus: “Wenn der Jude deutsch schreibt lügt er. Er darf nur noch hebräisch schreiben. Jüdische Bücher in deutscher Sprache müssen als Übersetzungen gekennzeichnet werden”.   (Literatur: Viktor Klemperer: “Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten”, Seite 24)

In einer Ministerbesprechung an diesem Tag äußerte sich Göring verächtlich über den Opportunismus der deutschen Beamtenschaft. In einer Gesprächsnotiz wurde festgehalten: “Es habe Göring angewidert und angeekelt zu sehen, wie in seinem Ministerium, dessen Beamtenkörper notorisch zu 60 % aus eingesetzten Severing – Anhängern bestanden habe, schon nach wenigen Tagen die Hakenkreuzabzeichen wie Pilze aus der Erde geschossen seien, und wie schon nach 4 Tagen der Hackenknall und die hocherhobenen Hände auf den Korridoren eine allgemeine Erscheinung gewesen seien” (Aufzeichnung von Staatsrat Dr. Schulz (Hamburg) vom 27. April über die Besprechung am 25. April 1933.   (Literatur Richard J. Evans: “Das Dritte Reich, Aufstieg”, Seite 500)

Der Erzbischof Gröber von Freiburg beschwört die deutschen Katholiken, dass sie den „neuen Staat nicht ablehnen dürfen, sondern ihn politisch bejahen und in ihm unbeirrt mitarbeiten müssen“. (Literatur: Deschner „abermals krähte der Hahn“, Seite 538)

26. April 1933

Gesetz über die Errichtung eines Geheimen Staatspolizeiamtes wurde beschlossen. Die politische Polizei nahm ihren neuen Sitz im Karl-Liebknecht-Haus, der besetzten KPD-Zentrale.   (Literatur: Carsten Dams: “Die Gestapo, Herrschaft und Terror im Dritten Reich”)

28. April 1933

In Alt-Daber, einem Vorort von Wittstock, Ostprignitz,, richtete der Landrat des Kreises Ostprignitz in Zusammenarbeit mit der SA-Standarte 39 am 28. April 1933 ein Konzentrationslager für politische Gefangene ein. (Literatur: „Der Ort des Terrors“ von Wolfgang Benz, Band 2)

30. April 1933

Spektakulär war dann die Rücktrittserklärung von Fritz Haber (1868-1934) vom 30. April. (Haber erhielt den Nobelpreis für Chemie des Jahres 1918 “für dieSynthese von Ammoniak aus dessen Elementen“.) Wie auch andere verzichtete er auf einen Ausnahmestatus für sich selbst und verurteilte die diskriminierenden Gesetze: “Meine Tradition verlangt von mir in einem wissenschaftlichen Amte, dass ich bei der Auswahl von Mitarbeitern nur die fachlichen und charakterlichen Eigenschaften der Bewerber berücksichtige, ohne nach ihrer rassemässigen Beschaffenheit zu fragen.” Diese Rücktritte waren kein Zeichen der Resignation, sondern des Protestes, der nicht nur die akademische Öffentlichkeit aufrütteln sollte. Noch schien es Hoffnung für eine Zukunft in Deutschland zu geben.

Im April 1933

“Befreiung vom Alten Testament mit seiner jüdischen Lehrmoral”: Pastor Witzig von der Neuköllner Magdalenen-Gemeinde bezeichnete sich selbst als “der erste Deutsche Christ”. Er sei diesen bereits 1932 beigetreten und wurde im gleichen Jahr auch Mitglied der NSDAP. Zusammen mit zwei anderen Pastoren hat er sich geweigert, anlässlich von Trauungen Bibeln mit dem Alten Testament auszugeben. Als das Konsistorium dem Geistlichen die Weisung erteilte, sich an die Agende zu halten, beschwerte er sich man könne ihm nicht befehlen “jüdisch-christliche Gottesdienste” zu halten. (Literatur: “Deutsche Christen in der Reichshauptstadt Berlin”, Aufsatz von Lilian Hohrmann, veröffentlicht in “Berlin in Geschichte und Gegenwart, Jahrbuch des Landesarchivs Berlin 1999”)

Konrad Heiden, geboren 1901 in München, Journalist, Schriftsteller ehemals Korrespondent und Redakteur der Frankfurter Zeitung und Mitarbeiter der Vossischen Zeitung geht ins Exil. Vom Saarland aus setzte er den Widerstand gegen den Nationalismus fort und publizierte u. a. unter dem Pseudonym “Klaus Bredow”. Heidens 1936 im Züricher Exil veröffentlichtes Werk “Adolf Hitler, das Leben eines Diktators” ist die “erste substanzielle Studie über Hitler”, wie ein Historiker schrieb. 1936 ist Heiden ausgebürgert worden.   (Literatur: Anna Maria Sigmund “Diktator, Dämon, Demagoge”, Seite 18 und Informationen zu politischen Bildung, Heft 243)

Im April 1933 wurde Max Beckmann fristlos aus seiner Professur an der Frankfurter Städelschule entlassen. Seine Schüler hatten keine Möglichkeit mehr, sich künstlerisch zu betätigen; später sprach man von einer “Verschollenen Generation”. Einige ihrer Werke wurden von den Nazis auf dem Römerberg verbrannt. Der Beckmann-Saal im Kronprinzenpalais wurde aufgelöst. Max Beckmann war für die Nazis einer der meist verhassten Künstler; sie schmähten ihn nun in vielen Propaganda-Ausstellungen, die in ganz Deutschland begannen. Der Künstler verließ Frankfurt und lebte bis zu seiner Emigration in Berlin.

Unter dem Eindruck des Geschäftsboykotts im April 1933 und der sich daran anschließenden antijüdischen Gesetzgebung verließen 1933 rund 37.000 Juden Deutschland.

Lilian Mowrer (amerikanische Schriftstellerin, Autorin vieler Bücher über Europa) hörte den Reichskanzler Hitler in einer Rede sagen: „Unsere Feinde werden brutal und rücksichtslos ausgerottet werden“. Mowrer glaubte sich verhört zu haben. So etwas würde der Führer eines großen Landes niemals sagen. Dann las sie die offiziell verbreitete Version. Doch, da stand brutal und rücksichtslos ausgerottet. Woraufhin es los ging mit dem nächtlichen Verschwinden, den Prügeln, den Morden, schrieb sie „denen Hunderte und Aberhunderte zum Opfer fielen, kaltblütig von triebgestörten Sadisten und kaum 20-jährigen Burschen auf Befehl ihrer „Parteioberen“ verübte Untaten“. Dann erschienen die gelben Plakate an den Geschäften in jüdischem Besitz. Vor dem KaDeWe musste sich Mowrer, ihren amerikanischen Pass in der Hand, an SA-Leuten vorbeischieben, die mit verschränkten Armen eine Kette bildeten. Im Kaufhaus herrschte kaum Betrieb. Die einzigen Kunden waren gegen den Boykott protestierende Ausländer. „Die Verkäufer standen stumm und traurig herum. Ich hätte m liebsten alles in Sichtweite gekauft“, schrieb sie. „Den ganzen Vormittag lang ging ich von einem jüdischen Geschäft ins andere“.

Wir konnte so etwas geschehen?, fragte sie sich. Im Land herrscht doch Ruhe. Die Straßen waren sauber. Der Verkehr lief reibungslos.

„Die Deutschen gehören zu den liebenswertesten Völkern Europas und haben sicher nicht mehr Schläger und Sadisten als irgend ein anderes Land zu verzeichnen“ schrieb sie. „Der Unterschied bestand drin, dass Hitlers Regime bis zur Spitze hinauf auf Sadisten und Schlägern errichtet war  –  je höher, desto schlimmer“.   (Literatur: Nicholson Baker in „Menschen Rauch“)

Das Gesetz und das “Rechtsanwaltsgesetz” legalisierten einen faktisch seit dem März bestehenden Zustand: Richter, Staatsanwälte und Rechtsanwälte waren an vielen Orten durch NS-Anhänger am Betreten der Gerichtsgebäude gehindert worden. Nationalsozialistische Justizminister der einzelnen Länder hatten Hausverbote erlassen und Beamte in den Zwangsurlaub geschickt. (Das Gesetz ist eine irreführende Verbrämung des eigentlichen Zwecks. Es sah die Entlassung aller im Sinne der neuen Machthaber national unzuverlässigen und aller jüdischen Beamten vor.)

 

In der Arbeiterkolonie Ankenbruck, gelegen zwischen Bad Dürrheim und Villingen im Schwarzwald wurde Ende April 1933 das zweite Konzentrationslager Badens eingerichtet. (Literatur: „Der Ort des Terrors“ von wolfgang Benz, Band 2)

Frühjahr 1933

Im Frühjahr 1933 kam es überall in Deutschland vielfach zu Massenverhaftungen. Im März wurden eine Gruppe von Bewag-Betriebsräten und etliche Angestellte des Arbeitsamtes Friedrichshain während ihrer Tätigkeit verhaftet und in der Papestraße festgehalten. Im April wurde auch nahezu der gesamte Genossenschaftsvorstand der Schöneberger Lindenhof-Siedlung – darunter Franz Czeminski – dort eingeliefert. Im selben Monat führten die antijüdischen Maßnahmen und die Aufdeckung einer Schöneberger KPD- Gruppe zu vielen Inhaftierungen. Als im Mai 1933 während der Auflösung der Gewerkschaften auch das Verbandshaus der Textilarbeiter von der SA besetzt wurde, war der Gewerkschaftsvorsitzende Martin Pletti (siehe 2. Mai 1933) unter denen, die in die Papestraße gebracht wurden. Die Verhaftungsaktionen setzten sich das Jahr über fort: noch im September und Oktober 1933 kamen größere Gruppen von KPD-Mitgliedern der Bezirke Reinickendorf und Prenzlauer Berg in das SA-Gefängnis Papestraße.

Nach vorsichtigen Schätzungen waren im SA-Gefängnis General-Pape-Straße von März bis Dezember 1933 mindestens 2000 Menschen inhaftiert. Durch langjährige Recherchen konnten inzwischen die Namen von fast 400 Inhaftierten ermittelt werden. Die Verhafteten kamen aus allen Bezirken Berlins, doch es gab auch einen deutlich erkennbaren lokalen Bezug nach Schöneberg. Wieviele Häftlinge insgesamt in der Papestraße umgebracht wurden, ist bis heute nicht genau bekannt. Zu 15 Ermordeten liegen inzwischen genauere Angaben vor, zu weiteren zehn existieren Hinweise.

1. Mai 1933

Herzog Carl Eduard (Charles Edward) von Sachsen-Coburg, Enkel der britischen Königin Viktoria trat am 1. Mai der NSDAP bei. Am 9. März 1933 bereits ließ er auf der “Veste Coburg” die Hakenkreuzfahne hissen. Der Herzog galt als äußerst einflussreicher Vertreter des Hochadels. Der 59-jährige hatte er verwandtschaftliche Beziehungen sowohl zum englischen Königshaus, als auch zur deutschen Kaiserin Auguste Viktoria. Am 1. Mai 1933 trat er außerdem in die SA ein.   (Literatur: Christine Kohl in “Bilder eines Vaters, die Kunst, die Nazis und das Geheimnis der Familie Meyer”, Seite 270)

Herbert von Karajan ist in die NSDAP eingetreten

Ein Reichsgesetz tritt in Kraft, dass das rituelle Schächten verbietet. (Literatur: Cuno Horkenbach, Das Deutsche Reich von 1918 bis heute).

Der Tag der Arbeit, der 1. Mai wird von den Nationalsozialisten zum gesetzlichen Feiertag (“Tag der nationalen Arbeit”) erklärt. Gewerkschaftsführer und  Arbeiter aus ganz Deutschland werden zum Teil per Flugzeug nach Berlin eingeladen, um auf dem Tempelhofer Feld den Tag zu feiern. Am nächsten Tag jedoch . . .

2. Mai 1933

.  .  .  Auflösung der Gewerkschaften. Das gesamte Vermögen der Gewerkschaften wird der DAF übereignet, der “Deutschen Arbeitsfront”, Hitlers Zwangsgewerkschaft. Aus dem Rundschreiben “Zur Gleichschaltung der Gewerkschaften”, ein Dokument, das in Nürnberg ans Tageslicht kam: Ein von Dr. Ley unterzeichneter Geheimbefehl vom 21. April:

  • “Am 2.5. vormittags beginnt die Gleichschaltungsaktion . . .
  • Im Reich werden besetzt, die Leitung der Verbände, die Gewerkschaftshäuser   . . .
  • In Schutzhaft sind zu nehmen  . .  alle Verbandsvorsitzenden, alle Bezirkssekretäre  . .
  • Alle Gewerkschaftsführer sind „in Schutzhaft“ zu nehmen.  . . .“

Am 2. Mai 1933 im Berliner Börsen-Courier (Tageszeitung): “Alle Führer der freien Gewerkschaften in Schutzhaft”.   (Literatur: “Widerstand in den Bezirken” von Hans-Rainer Sandvoß und aus Shirer: „Aufstieg und Fall des Dritten Reiches“)

Robert Ley, Reichsleiter und Chef der “Deutschen Arbeitsfront” (DAF) verkündet dem deutschen Arbeiter:

  1. “Adolf Hitler ist Dein Freund!
  2. Adolf Hitler ringt um Deine Freiheit!
  3. Adolf Hitler gibt Dir Brot!”

Martin Pletti, schloss sich nach einer Schneiderausbildung früh der Gewerkschaftsbewegung an. Er wurde Vorsitzender des Gesamtverbandes Bekleidungsarbeiter Förderation. Am 2. Mai wurde das Verbandshaus von SA-Männern besetzt. Pletti wurde zusammen mit anderen verhaftet und zur Papestraße verschleppt, nach vier Tagen in das Polizeigefängnis Alexanderplatz und dann nach Spandau. Nach mehreren Wochen Haft wurde er entlassen und unter Polizeiaufsicht gestellt. Er konnte nach Holland fliehen.

2. Mai 1933

Der Gewerkschafter Theodor Leipart wurde 1921 Vorsitzender des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes, der traditionell der SPD nahestand. Seine Versuche, den ADGB nach der nationalsozialsozialistischen Machtübernahme für parteipolitisch neutral zu erklären, halfen ihm nichts: Am 2. Mai 1933 wurde er festgenommen und misshandelt, 1936 wurde ein Schauprozess gegen ihn inszeniert. Leipart zog sich ins Privatleben zurück, 1946 wurde er SED-Mitglied. (Literatur: www.Berlin.de/2013 Zerstörte Vielfalt)

3. Mai 1933

KZ Flossenbürg/Bayern eröffnet; Kommandanten u.a. Karl Künstler, Jakob Weiseborn, Egon Zill, Max Kögel, Hans Vogel.   Bis 1945 ca. 100 000 Häftlinge, ca. 30 000 Ermordete/Tote.

4. Mai 1933

Privatrechtliche Verträge mit “nicht arischen” Angestellten und Arbeitern des Reichs, der Länder, der Gemeinden usw. sind mit Monatsfrist zu kündigen. Es gelten die üblichen Ausnahmen. Außerdem können für wirtschaftliche Unternehmungen Ausnahmen bei “zwingenden Gründen” zugelassen werden. (RGBl I, S. 233-235)

Berlin, letzte SPD-Vorstandssitzung. Vorstandsmitglied Ollenhauer flieht am 6.5. nach Prag, 1938 nach  Paris, 1940 nach Spanien u. Portugal, 1941 nach Großbritannien.

5. Mai 1933

Breslau, Tagebucheintrag vom jüdisch-deutschen Autor Walter Tausk: “In den Schulen werden jetzt die nicht-arischen, also jüdischen Kinder durch einige Lehrer von den anderen getrennt, für sich gesetzt!. Zum  Teil haben das die Kinder, die arischen, selbst verlangt! Sie wurden von offenen Pöbeleien der Lehrer   unterstützt, die z.B. in der Augustaschule, Breslau, die jüdischen Kinder nicht mit drannehmen, “weil   sie ja doch keine deutsche Geschichte verstünden, die sie auch nichts anginge.”  (Literatur: Walter Tausk, Breslauer Tagebuch 1933- 1940, , S. 72f.)

6. Mai 1933

“Nichtarier” werden als Steuerberater nicht mehr zugelassen, bestehende Zulassungen sind zurückzunehmen.  (Gesetz des Reichskanzlers und des Reichsministers für Finanzen)   (Literatur: Chronologie des Holocaust von  Knut Mellenthin und Reichsgesetzblatt, Teil I, Nr. 49, 11.5.1933, S. 257f.)

Amtsgericht Nürnberg, der kath. Richter Dr. Theodor Hauth ist erstaunt, dass “bei der in Nürnberg herrschenden Auffassung über die Judenfrage  Schritte zur Beseitigung der   Beklagten (aus dem Haus) nicht unternommen worden sind” und verurteilt im Namen des Deutschen Volkes eine jüdische Familie ihre Wohnung zu räumen, weil Juden keine Volksgenossen sind.

An diesem Tage wurde die Schließung des Instituts für Sexualwissenschaft (das Institut befand sich in den Zelten 9a / 10, dort, westlich unterhalb der Kongreßhalle,  steht eine 1,60 m hohe Gedenkstele) durch die Nationalsozialisten angeordnet, das Institut wurde am 6. Mai 1933 von Studenten der Hochschule für Leibesübungen geplündert und zerstört. Die Institutsbibliothek landete zusammen mit einer Büste Magnus Hirschfelds im Feuer der Bücherverbrennung auf dem Berliner Opernplatz (Bebelplatz).   (Literatur: Der Tagesspiegel am 10. Juni 2010 im Artikel “Der Anti-Psychiater”.)

Die jüdischen Leiter des Krankenhauses Moabit in Berlin-Tiergarten und des Rudolf-Virchow-Krankenhauses in Berlin-Wedding werden entlassen.

Die „Deutschen Christen“ veröffentlichen ihre „Grundsätze“. Dort heißt es u.a.:

  • „Die evangelische Reichskirche ist die Kirche der Deutschen Christen, das heißt der Christen arischer Rasse“.

(Literatur: Cuno Horkenbach, Das Deutsche Reich von 1918 bis heute.)

7. Mai 1933

Berlin, Preußische Akademie der Künste, erzwungener Rücktritt von Ehrenpräsident Max Liebermann      (Zitat: “Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich kotzen möchte.” Liebermann stirbt 1935, die Witwe Martha des Impressionisten begeht 85-jährig vor ihrer Deportation in ein KZ Selbstmord.   (Literatur: Schmalhausen „Ich bin doch nur ein Maler“)  An seinem Haus Zehlendorf, Am Großen Wannsee 42 befindet sich eine Gedenktafel. Hier ist vermerkt: „Aus Protest gegen die antisemitische Propaganda der Nationalsozialisten legte er 1933 alle öffentlichen Ämter nieder“

Alle bei der Wehrmacht beschäftigten Arbeiter und Angestellten, die Juden oder jüdischer Abstammung sind, werden entlassen.

8. Mai 1933

Willy Anker war Vorsitzender der Meißner SPD  und Abteilungsleiter bei der Meißner Volkszeitung. Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung wurde die Volkszeitung im März von der SA besetzt; Willy Anker wurde am 8. Mai 1933 verhaftet. Bis Ende Juli war er im berüchtigten KZ Hohnstein inhaftiert, danach stand er unter Hausarrest und später unter Polizeiaufsicht. Seine Erwerbsmöglichkeiten waren eingeschränkt.

9. Mai 1933

Der Staatsanwalt beschlagnahmte das gesamte Vermögen der SPD, lange bevor am 22. Juni das Verbot der Partei erfolgte.   (Literatur: “Widerstand in Kreuzberg 1933 – 1945” von Hans-Rainer Sandvoß, Seite 45)

10. Mai 1933

Bücherverbrennung auf dem Berliner Opernplatz und in verschiedenen anderen Universitätsstädten. Die offizielle Bezeichnung war damals

  • “Verbrennung undeutschen Schrifttums”.
  • “Gegen Dekadenz und moralischen Verfall”,
  • “Für Zucht und Sitte in der Familie”.

Mit diesen Slogan wurden Bücher und Schriften verbrannt u.a. von Marx und Kautsky, Heinrich Mann, Ernst Glaeser, Erich Kästner, Alfred Kerr, Kurt Tucholsky, Carl von Ossietzky, Theodor Wolff, Georg Bernhard. (Thomas Mann blieb von der verbrennung verschont)

Anlässlich der Bücherverbrennung in Berlin hält der Reichspropagandaminister Joseph Goebbels eine Rede, in der es u.a. heisst:

  • „Das Zeitalter eines überspitzten jüdischen Intellektualismus ist nun zu Ende, und der Durchbruch der deutschen Revolution hat auch dem deutschen Geist wieder die Gasse  freigemacht…
  • 1918 brach der Materialismus durch, der Marxismus behauptete das Feld. Die Kräfte des Unter-Menschentums haben das politische Terrain erobert, und darauf folgten dann in Deutschland vierzehn Jahre unausdenkbarer und unbeschreiblicher materieller und geistiger Not…
  • Die Bibliotheken füllten sich an mit dem Unrat und dem Schmutz dieser jüdischen Asphaltliteraten.“

Der “Würzburger Generalanzeiger” veröffentlicht folgende Mitteilung der NSDAP, Abteilung Unterfranken-Würzburg:  

  • “Die Frauen, die öffentlich oder hintenherum von Juden kaufen, müssen als juden-hörig gebrandmarkt werden….. 
  • Es wird ratsam sein und auch verwirklicht werden, dass man in Dachau daran geht, eine Abteilung für weibliche Volksverräter zu schaffen. Ebenso ist es ratsam, alle die Frauen, die jüdische Erzeugnisse kaufen, zu brandmarken, in der Zeitung zu veröffentlichen und zu bestrafen. ….  
  • Deutsche, merkt Euch diese Frauen, die mit dem deutschen Volke nichts mehr gemein haben! Denn eines Tages…  kommt auch für diese Menschen die Abrechnung.” (Literatur: Wolfgang Mönninghoff, “Enteignung der Juden”)

12. Mai 1933

Das „Groß-Berliner Ärzteblatt“ fordert den „Ausschluss aller Juden von der ärztlichen Behandlung deutscher Volksgenossen“

Das KZ Havelberg ist (vermutlich) an diesem Tag eröffnet worden. Bereits am 11. Mai 1933 hatten die „Havelberger Zeitung“, die „Prignitzer Nachrichten “ und „Der Prignitzer“ über Massenverhaftungen  durch die Polizei in den  Städten und den größeren Ortschaften der Prignitz berichtet.

Oskar Maria Graf protestiert zur Bücherverbrennung in Berlin in der Wiener „Arbeiter-Zeitung“ vom 12. Mai 1933 mit dem Aufruf „Verbrennt mich“.

Weitere Bücherverbrennungen finden statt am 12. Mai 1933 in Erlangen, in Halle, und  in Regensburg.

Am Vormittag des 12. Mai 1933 sind im Wohlfahrtsamt der Kultus gemeinde München, in en Büros und Wohnungen der Vorsitzenden fast sämtlicher jüdischer Vereine und in einigen Wohlfahrtsanstalten Beamte der politischen und Kriminalpolizei erschienen. Die Beamten haben in zum Teil stundenlangen Haussuchungen Geldbeträge, Sparkassenbücher u.ä. beschlagnahmt. Sie erklärten, dass die Vereine aufgelöst seien und das Vermögen der Vereine beschlagnahmt sei.

and: last but not least  Berlin: Erika Lenz was born

13. Mai 1933

Der Engländer Christopher Isherwood verlässt „seine“ Stadt Berlin.

15. Mai 1933

Die Düsseldorfer Anwaltskammer untersagt ihren Mitgliedern, unter das Berufsverbot fallende jüdische Rechtsanwälte als Bürovorsteher oder in anderen Positionen in ihren Kanzleien anzustellen

24. Mai 1933

Voraussetzung für die Zugehörigkeit zur Deutschen Turnerschaft wird die “arische Abstammung” bis zur Generation der Großeltern. Die im Beamtengesetz vorgesehenen Ausnahmen für Weltkriegsteilnehmer werden nicht mehr berücksichtigt.   (Literatur: Chronologie des Holocaust von  Knut Mellenthin)

25. Mai 1933

Wilhelm Pieck flieht nach Paris.

26. Mai 1933

Immer wieder kam es in Deutschland an den verschiedensten Orten zu Plünderungen und Überfällen durch die SA. Gesetzwidrige Beschlagnahme von Eigentum marxistischer Organisationen häuften sich. Die beteiligten Plünderer beschlagnahmten auch Musikinstrumente, Turngeräte, selbst Betten, offensichtlich für den privaten Gebrauch. Um den Gesetzwidrigkeiten zu begegnen wurde schließlich am 26. Mai 1933 ein Gesetz erlassen, mit dem das Eigentum an der (formal noch immer zugelassenen) KPD an die Länder überging.   (Literatur: Richard J. Evans: “Das Dritte Reich, Aufstieg”, Seite 453)

Der Landkreis des Kreises Osthavelland informiert den Regierungspräsidenten in Potsdam, dass in der Gemeinde Börnicke ein KZ für 50 Schutzhäftlinge eingerichtet und am 1. Juni 1933 in betrieb genommen werden soll.

  • „Die Schutzhaftgefangenen im Lager Börnicke werden nach vollständiger Einrichtung des Lagers zu Wegebau- und Forstarbeiten herangezogen  . . .“ (Literaur: „Der Ort des Terrors“, Frühe Lager, von Wolfgang Benz)

27. Mai 1933

Die Tausend-Mark-Sperre war eine Wirtschaftssanktion, die am 27. Mai 1933 von der deutschen Reichsregierung gegen Österreich verhängt worden war. Deutsche Staatsbürger mussten fortan vor Antritt einer Reise nach Österreich eine Gebühr von 1.000 Reichsmark zahlen. Verglichen mit heutiger Kaufkraft (2010) entspräche diese Gebühr einem Betrag von etwa €  10.000,– . Ziel war die Schwächung der österreichischen Wirtschaft, die schon zu dieser Zeit stark vom Tourismus abhängig war. Die Sperre wurde drei Jahre später im “Juliabkommen“ vom 11. Juli 1936 wieder aufgehoben.

29. Mai 1933

Die Deutsche Bank und Disconto Gesellschaft gibt öffentlich bekannt, dass die jüdischen Vorstandsmitglieder Theodor Frank und Oscar Wassermann zum 1. Januar 1934 aus ihren Ämtern ausscheiden werden.   (Literatur: Eberhard Czichon, Die Bank und die Macht. Hermann Josef Abs, die   Deutsche Bank und die Politik,  Köln 1995, S. 100f.)

Der Berliner Magistrat streicht sämtliche Subventionen für jüdische Kinderkrippen und Kindergärten.

Im Mai 1933

Peter Blachstein, der Sohn eines Textilkaufmanns besuchte das Gymnasium in Dresden, das er ohne Abitur verließ und begann zunächst eine Buchhändlerlehre, die er jedoch auch nicht beendete. Von 1929 bis 1933 studierte er mit einer Ausnahmegenehmigung des sächsischen Wissenschaftsministeriums in Dresden Germanistik und Wirtschafts-Wissenschaften mit dem Ziel als Journalist arbeiten zu können. Er schrieb zu dieser Zeit schon für die „Dresdner Volkszeitung“, für die „Sozialistische Arbeiterzeitung“ aus Breslau und für die Jugendzeitschrift „Junge Pioniere“. Seine Artikel beschäftigten sich meist mit kulturellen Themen und brachten ihm einen Nebenverdienst während des Studiums. Nebenbei absolvierte er ein Gaststudium für Schauspiel, Oper und Regie bei Erich Ponto, Josef Gielen und Fritz Busch. Nach der Abspaltung der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAPD) von der SPD wurde Blachstein aktives Mitglied in deren Jugendorganisation für die er das politische Kabarett “Die Nebelspalter” aufbaute. Im Mai 1933 wurde Blachstein mit 90 anderen SAPD-Gesinnungsgenossen verhaftet und bis August 1934 im KZ Hohnstein gefangen gehalten. Nach der Haftentlassung im Rahmen der Amnestie zu Hindenburgs Tod wurde er zuerst unter Polizeiaufsicht gestellt und mit einem Berufsverbot belegt. Im Januar 1935 gelang ihm nach Empfehlung Walter Fabiansdie Flucht in die Tschechoslowakei. Von dort ging er im Herbst 1935 nach Oslo, wo er gemeinsam mit Willy Brandt für die Jugendorganisation des Londoner Bürosarbeitete.

Im Mai 1933

Harry Emerson Fosdick, mittlerweile Pastor der Riverside Church in New York, organisierte eine Protestschrift. „Herr Hitler hat seit Jahren einen unbarmherzigen Hass gegen die Juden gepredigt, einer von den Nationalsozialisten besonders vehement vertretenen Glaubenssätze lautet, die Juden seien giftige Bazillen in Deutschlands Blut und müssten wie die Pest ausgerottet werden“ diesen glauben setzen sie nunmehr in die Tat um. „Systematisch betreiben sie ein kaltes Progrom von unvorstellbarer Grausamkeit gegen unsere jüdischen Brüder, vertreiben sie aus angestammten Führungspositionen, entziehen ihnen bürgerliche und wirtschaftliche Rechte, verurteilen sie vorsätzlich, sofern sie überhaupt überleben, als ein geächtetes und exkommunizierte Volk und bedrohen die Juden mit einem Blutbad, sollten sie nur dagegen aufbegehren“. 1200 Geistliche unterzeichneten den Protestbrief, ihre Namen füllten den größten Teil einer Seite der New York Times.   (Literatur: „Menschen Rausch“ von Nicholson Baker)

Bis Ende Mai 1933

Überall richteten sich die Unterdrückungsmaßnahmen auf Gleichschaltung. Bereits bis Mitte Februar hatte Göring 12 Polizeipräsidenten durch eigene Leute ersetzt. Seit März hatte die Gewalt der SA zunehmend politisch unerwünschte Kommunalpolitiker aus ihren Ämtern verdrängt. (Adenauer wurde bereits am 13. März amtsenthoben).  Bis Ende Mai 1933 waren 70 Bürgermeister aus ihren Ämtern ausgeschieden.

Im Mai 1933 wird Fritz Bauer, da Jude und Sozialdemokrat aus dem Staatsdienst entlassen. Erwurde von der Gestapo fest genommen und 8 Monate im KZ Heuberg inhaftiert. 1936 emigrierte er nach Dänemark und floh im Oktober 1943, als die Nazis mit der Deportation der dänischen Juden in das KZ Theresienstadt begannen, mit Unterstützung von einheimischen Helfern nach Schweden. Dort gründete er mit Willy Brandt und anderen die Zeitschrift Sozialistische Tribüne. Nach dem Krieg, als Landgerichtsdirektor, später Generalstaatsanwalt, wollte er die Widerständler des 20. Juli rehabilitieren und leitete den Prozess gegen Ernst Remer, der 1944 gegen die am Umsturzversuch Beteiligten vorging. (Literatur: Ernst Piper im Artikel im „Tagesspiegel“ vom 11. März 2012).

1. Juni 1933

Michael Freiherr von Godin wird verhaftet. Godin war 1923 Offizier der Landespolizei München. Am 9. November 1923, am Tag des Hitlerputsches hatte man ihm befohlen mit einer Hundertschaft gegen die Nationalsozialisten am Odeonsplatz vorzugehen. Es kam zu einer Schießerei; 16 Nationalsozialisten blieben auf dem Platz liegen. Hitler floh, Ludendorff tauchte in der Menge unter. Der Putschversuch war vereitelt. Am 1. Juni 1933, 10 Jahre danach wird Godin verhaftet und zur Rechenschaft gezogen. Vergeblich beteuert er, dass er damals nur den Befehl seiner Vorgesetzten ausgeführt habe, nämlich den Odeonsplatz zu räumen.  Michael von Godin wurde im Januar 1934 aus Dachau entlassen. Er ging 1938 ins Exil in die Schweiz nach Luzern.   (Literatur: Stefan Lorant in “Ich war Hitlers Gefangener”, Seite 121)

2. Juni 1933

Jetzt wird auch jüdischen Zahnärzten die Zulassung als Kassenärzte entzogen. Auch jüdische Zahntechniker bekommen ihre Leistungen nicht länger von den gesetzlichen Krankenversicherungen erstattet.   (Literatur: Reichsgesetzblatt, Teil I, Nr. 62, 10.6.1933, S. 300f.)

Der jüdische Rechtsanwalt Ludwig Bendix wird von der SA bis zum Oktober in so genannte Schutzhaft genommen. Der in Berlin – Kreuzberg praktizierende Jurist ist bei den Nazis besonders deshalb verhasst, weil er einen KPD – Funktionär vor Gericht verteidigt und einem Kollegen, der mit den Kommunisten sympathisiert, bei einem standesrechtlichen Verfahren Beistand geleistet hatte.  Bendix emigriert 1937 nach Palästina.

3. Juni 1933

Am 3. Juni 1933 erschien ein gemeinsames Hirtenwort der Deutschen Bischofskonferenz, dessen Entwurf die Bischöfe Gröber übertragen hatten. Dort war zu lesen, wenn der Staat nur gewisse Rechte und Forderungen der Kirche achte, so werde die Kirche dankbar und freudig das Neugewordene unterstützen.

  • „Wir deutschen Bischöfe sind  weit davon entfernt, dieses nationale Erwachen zu unterschätzen oder gar zu verhindern.“   . . .
  • „Auch die Ziele, die die neue Staatsautorität für die Freiheit unseres Volkes erhebt, müssen wir Katholiken begrüßen“. (Literatur: Deschner „abermals krähte der Hahn“)

6. Juni 1933

Die Richtlinien der DC (Deutsche Christen) wurden bereits am 6. Juni 1932 beschlossen und am 10.6.1932 durch den Reichsleiter der “Glaubensbewegung Deutsche Christen, Joachim Hossenfelder, bekannt gegeben. Es wird verlangt:

  • “eine wahrhaft deutsche Kirche, zu der jeder blutsdeutsche Volksgenosse gehören soll”
  • Ausschluss “getaufter Juden”
  • eine einheitliche zentralisierte evangelische Reichskirche

Aus den Punkten 7 und 8 der Richtlinien weiterhin:

  • “Schutz des Volkes vor Untüchtigen und Minderwertigen”
  • Ablehnung der Judenmission: “In der Judenmission sehen wir eine schwere Gefahr für unser Volkstum. Sie ist das Eingangstor fremden Blutes in unseren Volkskörper. „
  • “Wir lehnen die Judenmission in Deutschland ab, solange die Juden das Staatsbürgerrecht besitzen und damit die Gefahr der Rassenverschleierung und Bastardierung besteht”.

Außerdem wurde ausdrücklich gefordert,  die

  • “Eheschließung zwischen Juden und Deutschen zu verbieten”

(Judenmission: Die Verkündung des Evangeliums von Jesus von Nazareth als dem im   Alten Testament verheißenen Messias an die Juden. Die “Judenmission” hält daran fest, auch den frommen Juden zum Glauben an Jesus Christus in die Gemeinschaft der christlichen Gemeinde einzuladen.)

7. Juni 1933

SA-Männer durchsuchen das Jüdische Jugend- und Lehrheim in Wolzig in der Mark Brandenburg (Landkreis Beeskow-Storkow) und “entdecken” angeblich Waffen und regimefeindliche Flugblätter und Broschüren.  Die 40 jugendlichen Heiminsassen, zwischen 13 und 18 Jahre alt, werden in das Konzentrationslager Oranienburg verbracht, wo sie in der so genannten Judenkompanie Schikanen und Quälereien ausgesetzt sind. Erst am 10. Juli erfolgt die Entlassung der jungen Leute aus dem KZ, denen bei den Verhören Geständnisse abgepresst werden, sie hätten im Sinne der Kommunisten bzw. der Sozialdemokraten politische Aktivitäten entfaltet. Das Heim wird “arisiert” und vom bisherigen Eigentümer, dem Deutsch-Israelitischen Gemeindebund, auf die “Reichsschule für Landjahrerzieher” überschrieben. (Literatur: Klaus Drobisch, Überfall auf jüdische Jungen 1933. Dokumente, in:  Brandenburg in der NS-Zeit. Studien und Dokumente, hrsg. v. Dietrich Eichholtz u. Almuth Püschel, Berlin 1993, S. 168ff)

Die NSDAP – Gauleitung von Koblenz – Trier weist alle Kreisleitungen an, Ausschüsse zur „Judenbekämpfung“ zu bilden: “Es gehen Ihnen in den nächsten Tagen  gesammelte Listen der Orte Ihres Kreises zu, in welcher Sie die jüdischen Geschäfte und Firmen Ihres Kreises aufgezeichnet finden.  ….. Die Parteigenossenschaft muss im Interesse der Nation soweit gehen, dass sie den besten Bekannten die Freundschaft kündigt, wenn sie weiterhin beim Juden kaufen. Es muss soweit kommen,  …dass kein Deutscher wenn es nicht irgend sein muss, mit einem Juden spricht.  Deutsche Mädchen, welche mit Juden verkehren, sind vorläufig auf das Schändliche ihrer Handlung aufmerksam zu machen. Ein Mitglied unserer Organisation darf auf keinen Fall sich mit einer solchen Person einlassen.”   (Literatur:  Kurt Pätzold, Hrsg., Verfolgung, Vertreibung, Vernichtung, , S. 57.)

8. Juni 1933

USA New York:, der jüdisch-amerikanische Boxer Max Baer schlägt ev.-deutschen Boxer Max Schmeling k.o.  (aus Protest gegen die Judenverfolgung in Deutschland trägt Baer Boxershorts mit Davidstern)

9. Juni 1933

Hamburg, Deutsche Boxmeisterschaft im Halbschwergewicht, der deutsche Sinto Johann Wilhelm  Trollmann besiegt Adolf Witt. Da der Boxverband bereits mit Nazis durchsetzt  und Trollmann Sinto war, wollte man den Kampf als “nicht gewertet” betrachten, nur die Empörung des Publikums sorgte dafür, dass der Champion auch als solcher ausgerufen wurde. Nach acht Tagen wurde ihm der Titel jedoch wegen “armseligen Verhaltens” aberkannt. (1938 wird Trollmann sterilisiert, 1942 wird  er ins KZ Neuengamme eingeliefert und am 9.2.1943 dort ermordet.

13. Juni 1933

Das Lager Lichtenburg, in Prettin im Osten des Landes Sachsen-Anhalt, hatte im NS-Staat als eines der ersten Konzentrationslager Vorläuferfunktion für das Lagersystem im Deutschen Reich. Am 13. Juni 1933 wurde es als “Konzentrationslager für männliche Schutzhäftlinge” eingerichtet. Für 1.000 Häftlinge geplant, war das KZ Lichtenburg bereits im September 1933 mit ca. 2.000 Häftlingen stark überbelegt, dadurch verschlechterten sich die Lebensbedingungen der Häftlinge extrem. Mindestens 20 (dokumentiert) Häftlinge sind in der Zeit des Lagerbestehens, durch Misshandlungen, schlechte Haftbedingungen und Morde im Strafbunker, umgekommen. Es heißt, hier wurde der Prügelbock erfunden, der in anderen Konzentrationslagern übernommen wurde. Wolfgang Langhoff, ehemaliger Häftling, der am 6. Dezember 1933 eintraf, traf in der Lichtenburg ungefähr 70 Prozent Kommunisten, 20 Prozent Sozialisten und 10 Prozent politisch unorganisierte Häftlinge an.

15. Juni 1933

KZ Breitenau-Guxhagen bei Kassel wird auf dem Gelände der Landesarbeitsanstalt eröffnet. Der Polizeipräsident in Kassel hatte dieses Konzentrationslager für politische Schutzhäftlinge bestimmt. (Literatur: „Der Ort des Terrors“ von Wolfgang Benz)

16. Juni 1933

Gründung des Kulturbundes der deutschen Juden. (Der Kulturbund Deutscher Juden war im nationalsozialistischen Deutschland eine von jüdischen Initiatoren ins Leben gerufene Selbsthilfeorganisation für vom Berufsverbot betroffene jüdische Künstler. Von den Behörden wurde der bis 1941 geduldete Kulturbund zur Kontrolle und zur Isolierung der jüdischen Künstler benutzt.)

Volks- und Berufszählung:

  • Im Deutschen Reich leben rund 500.000 Juden (im Sinne der Religionszugehörigkeit),
  • davon 99.000 Ausländer (insbesondere 56.000 polnische Staatsangehörige und 20.000 Staatenlose).
  • Die Gesamtzahl der „Glaubensjuden“ entspricht 0,77 % der Gesamtbevölkerung.
  • In Berlin lebten: 160.500 Juden = 3,78 % der Gesamtbevölkerung,
  • in Berlin – Schöneberg: 16.250 Bürger = 7,35 % der Gesamtbevölkerung.

Die Ergebnisse beider Volkszählungen (1925 und 1933) bildeten die wichtigste Voraussetzung zur Festlegung der zur späteren Deportation vorgesehenen Bevölkerung.

17. Juni 1933

Baldur von Schirach wurde von Hitler zum “Jugendführer des Deutschen Reiches” ernannt. Hierbei handelte es sich nicht um ein staatliches Amt  vielmehr um eine gleichsam revolutionäre Überwachungsfunktion  für den Gesamtbereich der Jugendbewegung.   (Literatur: Martin Broszat: “Deutsche Geschichte seit dem Ersten Weltkrieg”)

18. Juni 1933

„Breslau, Sonntag. Seitdem ich das letzte Mal eingeschrieben hatte hat sich allerhand ereignet. Als ich Freitag noch in großem Schweiß im Bett lag kam der Hauswart Stephan aus der Schule, um mir das Schreiben zu bringen, dass ich mit sofortiger Wirkung beurlaubt sei“. Aus dem Tagebuch.   (Literatur: Willy Cohn “Kein Recht nirgends, Tagebuch vom Untergang des Breslauer Judentums”. Willy Cohn, geb. 1888 in Breslau, stammte aus einer wohlhabenden jüdischen Breslauer Kaufmannsfamilie, war aktiver Soldat im Ersten Weltkrieg und wurde mit demEisernen Kreuz ausgezeichnet, seit 1919 Lehrer am Johannesgymnasium in Breslau.)

19. Juni 1933

Der württembergische Staatspräsident Eugen Bolz, einer der führenden Konservativen des Zentrums, wird verhaftet und schwer misshandelt, nachdem er bereits am 11. März 1933 aus dem Amt gedrängt worden ist. Er ist mehrere Wochen in dem frühen Konzentrationslager Festung Hohenasperg interniert worden. Später gehörte er zum Widerstandskreis Goerdeler und wurde hingerichtet.   (Literatur: Richard J. Evans: “Das Dritte Reich, Aufstieg” Seite 480)

Bethel, 10. Diakonentag bis zum 26. Juni, “Die Deutsche Diakonenschaft hat von jeher aus ihrer inneren Einstellung  heraus den Geist der Gottlosigkeit und des Marxismus bekämpft. Deshalb konnte sie freudig und voll bejahend 1933 den nationalen Umbruch begrüßen. Sie hat in all ihren Gliederungen an dem Aufbau des Dritten Reiches mitgearbeitet, wo immer ihr dazu Gelegenheit gegeben wurde. Es ist darum nicht nur eine Pflicht, sondern auch eine Freude, sich…  erneut zum Führer und Volk zu bekennen und treue Mitarbeit beim Aufbau des großdeutschen Reiches zu geloben.”

20. Juni 1933

Das Reichsbank-Direktorium beschließt, dass alle jüdischen Beamten zu entlassen sind. „Die Entlassungs-Urkunden sind bis spätestens 30.9.1933 zuzustellen“.   (Literatur: Albert Fischer, Hjalmar Schacht und Deutschlands “Judenfrage”.   Der ”Wirtschaftsdiktator” und die Vertreibung der Juden aus der deutschen Wirtschaft, Köln u. Wien 1995, S. 136.)

21. Juni 1933

Beginn der „Köpenicker Blutwoche“, circa 500 Gegner des Nationalsozialismus wurden dabei von der Köpenicker SA-Standarte 15 gefangen genommen, gedemütigt, gefoltert und teilweise ermordet. Die von SA-Sturmbannführer Herbert Gehrke geleitete Verhaftungsaktion sollte ein Exempel statuieren und folgte einige Wochen nach den Reichstagswahlen 1933, die in Berlin noch immer 1.377.000 Stimmen für SPD und KPD ergeben hatten. Bei der Blutwoche sind 91 Kommunisten und Sozialdemokraten von SA-Leuten ermordet werden. In Köpenick wohnten damals viele prominente Sozialdemokraten. Eine bis dahin  beispiellose Mordwelle. Eine Gedenktafel am Haus Schmausstraße 2 erinnert an den Tod des Widerstandskämpfer Johann Schmaus, der während der „Köpenicker Blutwoche“ am 21. Juni 1933 ermordet worden ist. Zu den Ermordeten der Köpenicker Blutwoche gehörte auch Johannes Stelling, von 1921 bis 1924 Ministerpräsident von Mecklenburg-Schwerin, SPD-Mitglied. Er wurde am 21. Juni  aus seinem Haus in Köpenick in das Amtsgericht  Köpenick verschleppt und dort ermordet.  Seine Leiche wurde in die Dahme geworfen und erst Anfang Juli gefunden. Literatur: „das Gedächtnis der Stadt“; in Adlershof/Grünau gibt es eine Gedenktafel an der Stelling-Janitzky-Brücke.

Einen Tag noch vor der SPD zerschlägt Hitler die Partei seines Koalitionspartners, die Deutschnationale Volkspartei. Die Partei von Hugenberg hatte am 5. März noch  8 % Stimmen 55 Mandate, Hugenberg reichte den Rücktritt ein, die Partei beschloss die Selbstauflösung, einige Abgeordnete schlossen sich der NSDAP an, andere aber auch den Widerstandskämpfern gegen die Nazis, der Gruppe um Goerdeler.

22. Juni 1933

Die Sozialdemokratische Partei ist mit sofortiger Wirkung verboten. Die SPD gilt als staats- und volksfeindliche Partei, Parteivermögen ist beschlagnahmt. Keine Ausübung parlamentarischer Mandate mehr. Noch am 19. Mai  hatte sich in der Reichstagsdebatte über die Außenpolitik die SPD, ebenso wie die anderen Parteien, hinter Hitler gestellt. Goebbels Tagebuch.: „22. Juni 1933. SPD aufgelöst. Bravo! Der totale Staat lässt nicht mehr lange auf sich warten.“

Am 22. Juni schließlich erklärte der NS-Innenminister Wilhelm Frick: „Die Vorgänge der letzten Zeit haben den unumstößlichen Beweis dafür geliefert, dass die deutsche Sozialdemokratie vor hoch- und landesverräterischen Unternehmungen gegen Deutschland und seine rechtmäßige Regierung nicht zurückschreckt. Dies alles zwingt zu dem Schluss, die Sozialdemokratische Partei Deutschlands als eine staats- und volksfeindliche Partei anzusehen, die keine andere Behandlung mehr beanspruchen kann, wie sie der Kommunistischen Partei gegenüber angewandt worden ist.“

24. Juni 1933

für die Evangelische Landeskirche Preussen wird als Staatskommissar Herr Jäger ernannt.

25. Juni 1933

Ernst Heilmann war ein deutscher Jurist und sozialdemokratischer Politiker. Vor dem Ersten Weltkrieg engagierte sich Heilmann insbesondere als Journalist für die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD). Am 25. Juni wird er verhaftet. Nach 7-jähriger Odyssee durch Gestapo-Lager und KZ wird er 1940 im KZ Buchenwald ermordet; seinem Sohn Peter Heilmann wird im Dt. Reich aus politischen und rassischen Gründen das Studium versagt.   (Gedenktafel für Ernst Heilmann befindet sich in Berlin-Kreuzberg. Das Bronzerelief   wurde 1987 von Ludmilla Seefried-Matejkowa angefertigt, und zwei Jahre später an seinem Wohnhaus in der Brachvogelstraße 5 angebracht.)

26. Juni 1933

Der neu ernannte Staatskommissar Jäger:

„Für die Abwendung des bolschewistischen Chaos schulden wir Gott und seinem Werkzeug Hitler Dank“.   .  .

„Mit sofortiger Wirkung beurlaube ich den Generalsuperintendenten der Kurmark D. Dibelius“

27. Juni 1933

Der in Rathenow lebende jüdischer Pädagoge und Prediger Max Abraham, Mitglied der SPD, wird in das KZ Oranienburg eingeliefert. Er hatte sich gegen den SA – Mann Heinrich Meierkord zur Wehr gesetzt, der ihn auf offener Straße überfallen und misshandelt hatte. Im Dezember 1933 gelingt Abraham nach seiner Entlassung aus der so genannten Schutzhaft die Flucht in das tschechoslowakische Exil.   (Literatur: Günter Morsch, Hrsg., Das Konzentrationslager Oranienburg,  S. 52f.)

Der Evangelische Oberkirchenrat Dr. Werner:

„Aus Anlass des grossen Werkes der Kirche   .  .  .   ordnen wir an  .  .   am Sonntag, dem 2. Juli 1933 sind sämtliche Kirchen  .  .  .  mit schwarz-weiss-roten und der Hakenkreuzfahne zu beflaggen“

27. Juni 1933

Der Leiter des Außenpolitischen Amtes und Ideologe der NSDAP, Alfred Rosenberg („Der Mythus des 20. Jahrhunderts“), erklärt: „In der Judenfrage ist in Deutschland nur die Parität wiederhergestellt worden. Ausnahmen für die Juden bestehen nur bei den Beamtenstellen, Anwälten, Notaren usw. sowie im Schulwesen.“ (Literatur: Keesing’s Archiv der Gegenwart)

Immer noch 27. Juni 1933

Zerschlagung der Arbeitersportbewegung, eine sozialistisch geprägte Sportbewegung. Mit der Machtergreifung Hitlers und der Nationalsozialisten sah sich der ATSB gezwungen, sich selbst aufzulösen, da der Verband eine drohende Zerschlagung aufgrund des Ermächtigungsgesetzes vom 23.März 1933 nahen sah. Da die bürgerlichen Verbände zur Zufriedenheit des Reichssportkommissars handelten, bestand vorerst nicht die Notwendigkeit in die Auflösung des Arbeitersports eingreifen zu müssen. Die Auflösung der Arbeitersportverbände war Aufgabe der SA, der Politischen Polizei und des Reichsministers des Inneren. Am 27.Juni 1933 wurde jedoch ein Runderlass an die Landesregierungen getragen, der den Ausschluss der Klassensportverbände aus der nationalsozialistischen Vereinslandschaft beinhaltete. Das Vermögen der zerschlagenen Verbände wurde beschlagnahmt und ab dem 14.Oktober 1933 sollte dieses für sportliche Maßnahmen verwendet werden. (Literatur: Dennis Grabowsky im Tagesspiegel vom 23. Dezember 2013 in „Als Seeler und Beckenbauer um Kartoffeln spielten“.)

28. Juni 1933

“Als deutscher Film wird ein Film anerkannt, welcher in Deutschland von deutschen Staatsbürgern deutscher Abstammung hergestellt wurde.”   (Literatur: “Orte des Erinnern, das Denkmal im Bayerischen Viertel”, eine von 80   Gedenktafeln. Hier:   Landshuter Str. 12)

Am 28. Juni 1933 wurde Werner Ilberg, Schriftsteller, er stammte aus einer jüdischen Kaufmannsfamilie, seinen Lebensunterhalt verdiente er durch den Verkauf von gebrauchten Büchern,  gemeinsam mit der Wilmersdorfer Bibliothekarin Herta Block und Walter Stolle, die beide im “Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller” aktiv waren, bei einem Treffen verhaftet und in das Gefängnis Papestraße gebracht. Ilberg kam nach seiner zwei-wöchigen Haft im SA-Gefängnis Papestraße in weitere Gefängnisse, bis er, noch im Jahr 1933, in die Tschechoslowakei flüchtete.

30. Juni 1933

Tagebuch Eintragung: “Ich habe beobachtet seit dem 20. Juni ist in den Regierungskundgebungen nicht mehr von “nationaler Erhebung” (Etappe I) oder von “nationaler Revolution (II) die Rede, sondern von “national-sozialistischer Revolution”. Dazu das neue Schlagwort “totaler Staat” unter dem “Volkskanzler”. (Literatur: Viktor Klemperer: “Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten”, Seite 36)

Ende Juni 1933

Der Wasserturm im Prenzlauer Berg, 1877 erbaut, wurde im März 1933 kurzerhand von der SA beschlagnahmt und als geeigneter Ort für ein KZ ausgewählt. In vier Monaten nutzte die SA das Maschinenhaus als ein Konzentrationslager. Beispielhaft sei hier das Schicksal von Ernst Förstner erwähnt, er war Mitglied der KPD und Hauptkassierer der internationalen Arbeiterhilfe. Die SA führte Anfang Mai bei ihm eine Hausdurchsuchung durch, brachte ihn ins KZ Wasserturm, wo man ihm das Kopfhaar verschnitt, ihn nach dem Verbleib des Geldes der Arbeiterhilfe vernahm und bis zur Bewusstlosigkeit schlug, wobei er sieben Zähne verlor. (Literatur:  “Der Ort des Terrors, Geschichte der nationalsozialistischen    Konzentrationslager)

Ende Juni 1933

Bereits in den ersten März-Wochen wurden 11.000 Kommunisten verhaftet. Im Juni 1933 waren mehr als die Hälfte (17 von 28) Bezirksleitern der KPD nicht mehr in Freiheit, ebenso mehr als ein Drittel der Abgeordneten des Reichstags und des Preußischen Landtags.   (Literatur: Informationen zur politischen Bildung, Heft 243)

Ebenfalls im Juni 1933

Die Enkelin Ottos von Bismarck, Frau Hannah von Bredow, geboren 1893, trug im Juni 1933 in ihr Tagebuch ein: „In fünf Jahren macht der Bursche Krieg“; es dauerte nur ein Jahr länger. (Literatur: Hannes Schwenger im Tagesspiegel vom 4. September 2013)

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1933 Das Jahr der Machtergreifung (1) 30. Januar bis 31. März 1933

Machtergreifung, Erste Schritte zum Aufbau der Diktatur

Teil 1: 30. Januar bis 31. März 1933

Vorwort

Warum habe ich versucht, mich mit den Geschehnissen und der Entwicklung des Nationalsozialismus des Jahres 1933 in Deutschland zu befassen? Eine Vielzahl von Fragen die mich immer wieder beschäftigten.

  • Wie war es möglich innerhalb eines sehr kurzen Zeitraums aus einer Demokratie (wenn auch sehr jungen) eine Diktatur aufzubauen?
  • Waren unsere Eltern, Großeltern zu passiv, zu schwach?
  • Hatte die Gesellschaft versagt?
  • Waren die politischen Parteien zu schwach?
  • Hätte die Kirche nicht erkennen müssen, was auf das deutsche Volk zukommt?
  • Waren die weltweit vertretenen jüdischen Organisationen nicht genügend informiert?
  • Konnten oder wollten die Staatsmänner der europäischen Mächte nicht gegensteuern?


Auf alle diese Fragen suchte ich, Jahrgang 1930, Antworten. Hinzu kommen aber auch ganz persönliche Fragen. Mein Vater hatte Theologie studiert, nicht zu Ende gebracht, ging dann, um Geld zu verdienen,  zur Polizei, war im 3. Reich Kriminalkommissar und Mitglied der Bekennenden Kirche (BK).  Ich bedauere, dass ich ihn über das Geschehen im Nationalsozialismus nicht hinterfragt habe. Damals hatten meine eigenen Probleme im Vordergrund gestanden.

Ich versuchte nun mit Hilfe meiner Bücher den Themen auf den Grund zu gehen. Dann musste ich jedoch feststellen, dass die eigenen Bestände bei Weitem nicht ausreichten. Deshalb beschaffte ich mir ständig Bücher aus den Öffentlichen Büchereien.

Wegen des umfangreichen Materials habe ich den Bericht in fünf Teile aufgeteilt und zwar:

Teil 1:      30. Januar bis 31. März 1933

Teil 2:     April, Mai und Juni 1933

 Teil 3:    Juli bis Dezember 1933

Teil 4:     Emigrationen bereits in 1933

 Teil 5:    Auszüge aus den Texten 1-3, die Kirche  betreffend


Berlin, Im Mai 2011

Eckehard Leuschner

Meinen Bericht beginne ich mit dem Tag, an dem Hitler die Reichskanzlerschaft übernahm, dem

30. Januar 1933

Am 30. Januar 1933 wird die Reichskanzlerschaft Hitlers auch von evangelischer Seite, von Kirchenvolk und Geistlichkeit, als positives Ereignis oft “überschwänglich“ gefeiert. Es gibt begeisterte Grußadressen, auch von Geistlichen, die nicht zu den „Deutschen Christen” gehören, darunter von einem der bekanntesten Pfarrer, Martin Niemöller, der bald zu den unversöhnlichsten Gegnern des Nationalsozialismus gehören wird. Dieser Pfarrer ist im 1. Weltkrieg Marineoffizier gewesen, U-Boot-Kommandant. Danach ist er erst Pfarrer geworden. Sein Buch “Vom U-Boot zur Kanzel” hat ihn weithin bekannt gemacht. Niemöller – wie andere Kirchenmänner auch- begrüßte Hitlers Regierungsantritt und nach dem 5. März 1933 auch den Wahlsieg der NSDAP – DNVP-Koalition. Niemöller (1892 –  1984) wurde   1934 durch den preuß. Landesbischof in den Ruhestand versetzt, er ignorierte diese   Maßnahme und führte sein Pfarramt weiter, 1937 wurde er verhaftet und in das KZ   Sachsenhausen eingewiesen, über Dachau und Südtirol, wurde dann 1945 befreit. (Literatur: “Illustrierte Geschichte des Widerstandes in Deutschland und Europa      1933 – 1945” von Dr. Kurt Zentner, 1966, S.39.)

Die Reichskanzlerschaft Hitlers dauerte 12 Jahre, 3 Monate und 9 Tage.

Bemerkenswert ist:

Bereits an einem Sonntag im Februar 1928 sagte Joseph Roth:

In zehn Jahren wird

a)   Deutschland gegen Frankreich Krieg führen,

b)   Werden wir, wenn wir Glück haben in der Schweiz als Emigranten leben,

c)   Werden die Juden auf dem Kurfürstendamm geprügelt werden. (Literatur: Brigitte Fischer in „Sie schrieben mir oder was aus meinem Poesiealbum wurde“, Seite 283)

 

31. Januar 1933

Am Abend des 31. Januar 1933 veranstalteten NSDAP, SA, SS, Stahlhelm und der Preußische Landeskriegerverbandeinen Fackelzug zu Ehren der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler, bei dem es zu schweren Zusammenstößen zwischen der sie beschützenden Polizei und den Mitgliedern des Reichsbanners sowie der Antifaschistischen Aktion kam.

1. Februar 1933

In den Morgenstunden des 1. Februar 1933 kam es zu weiteren gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen dem Reichsbanner und einer SA-Gruppe. Dabei stach Lebers Reichsbanner-Leibwächter Willi Rath den SA-Marinesturmmann Rudolf Brügmann nieder, der diesen Verletzungen erlag. Unter Missachtung seiner Immunität als Mitglied des Reichstags wurde Leber verhaftet, was zu großen Demonstrationen der Eisernen Front am 14. und 19. Februar 1933 führte. Rath wurde zu einem Jahr, Leber als „geistiger Urheber“ zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt. Anschließend wurde er im KZ Esterwegen (Emsland) und Sachsenhausen festgehalten, 1944 vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt.  (In Berlin wird erinnert: Julius-Leber-Brücke, Kolonnenstraße Ecke Feurigstraße)

 

1. Februar 1933

Bereits zwei Tage nach der Regierungsbildung Hitler tritt die Verordnung des Reichspräsidenten über die Auflösung des Reichstages in kraft.

„Nachdem sich die Bildung einer arbeitsfähigen Mehrheit als nicht möglich herausgestellt hat löse ich auf Grund des Artikel 25 der Reichsverfassung den Reichstag auf, damit das Volk durch die Wahl eines neuen Reichstag zu der  neu gebildeten Regierung des nationalen Zusammenschluss Stellung nimmt.” (Literatur: Czech-Jochberg:”Vom 30. Januar bis zum 21. März”, Verlag “Das neue Deutschland”)

Der 5. März 1933 wurde zur Wahl des neuen Reichstags festgesetzt.

2. Februar 1933

Berlin, Karl-Liebknecht-Haus: polizeiliche Durchsuchung der KPD-Parteizentrale (Schließung am 8. März. 1933)

Max Fechner (SPD) wird ins KZ Oranienburg eingeliefert, Medizinstudent Albert Wollenberger (KPD) flieht in die Schweiz, Dr. Friedrich Wolf (KPD) u. Familie (Sohn Markus Wolf) fliehen in die Schweiz.

3. Februar 1933

Bereits bei seiner allerersten Ansprache als Reichskanzler vor den Generalen der Reichswehr hatte Hitler am Abend des 3. Februar 1933 in der Berliner Wohnung des Chefs der Heeresleitung, Kurt von Hammerstein-Equord, die Eroberung neuen Lebensraum im Osten und dessen rücksichtslose Germanisierung angekündigt. (Literatur: Ian Kershaw in „Der Weg ins Inferno“, Die Zeit vom 1. Juni 2011)

4. Februar 1933

Nur wenige Tage nach der Regierungsübernahme ist am 4. Februar 1933 die „Notverordnung zum Schutz des Deutschen Volkes“ erlassen worden. Diese regelte die Ausweitung der polizeilichen Haft bis zu drei Monaten bei Verdacht auf Landes- und Hochverrat bzw. bewaffneter Störung der Öffentlichen Sicherheit, allerdings formaljuristisch noch ein Recht auf Vorführung vor einen Richter. (Diese Notverordnung ist nicht zu verwechseln mit der vom 28. Februar 1933, siehe dort)

5. Februar 1933

„Evangelium im Dritten Reich”: Die Glaubensbewegung „Deutsche Christen“, „DC“, bereits 1932 gegründet, veranstaltet am 5.2.1933   in der St. Marienkirche einen Dankgottesdienst. Predigt hält Reichsleiter  Pfarrer Joachim Hossenfelder. Er predigt über 1. Korinther 15,57: „Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unseren Herrn Jesus Christus“. Reichpräsident Hindenburg, so tönt es von der Kanzel, habe „den denkbar besten Mann“ an die Spitze der Regierung berufen. Hossenfelder schildert den neuen katholischen Reichskanzler als „Mann aus einem Guß,  gegossen aus Reinheit, Frömmigkeit, Energie und Charakterstärke, unseren Adolf Hitler“. (Literatur: Prof. Dr. Manfred Gailus in „Kreuze und Hakenkreuze im Tagesspiegel vom 2. Februar 2013)

7. Februar 1933

Bois, Curt, geboren am 5. April 1901, wohnhaft in Berlin Schöneberg, spielte bereits in den zwanziger Jahren in vielen Filmen mit, einer der ersten Kinderstars der Filmgeschichte. Bois emigrierte über Prag, Wien und London nach New York.

10. Februar 1933

Großkundgebung im Sportpalast in Berlin. Reichskanzler Hitlers   1. Sportpalastrede vor jubelnden Pg’s, u. a.   dem konservativen Wahlhelfer Prinz August Wilhelm v. Preußen, Kaiser-Sohn u. NSDAP-Ehrenmitglied Nr. 24. Hitler: „Deutsches Volk, gib uns vier Jahre Zeit… Ich hege felsenfest die Überzeugung, dass eben doch dann einmal die Stunde kommt, in der die Millionen, die uns heute verfluchen, hinter uns stehen und mit uns dann das gemeinsam geschaffene, wieder erkämpfte, bitter erworbene deutsche Reich der Größe und der Ehre und der Kraft und der Herrlichkeit und der Gerechtigkeit begrüßen werden. Amen!”

11. Februar 1933

Aufgrund eines Erlasses des preußischen Ministerpräsidenten Göring werden Angehörige von SA, SS und des Stahlhelms zu Hilfspolizisten ernannt, circa  3.000 bis 4.000 SA- und SS-  Männer, zur SA-Feldpolizei (Fepo), eine kasernierte Sondereinheit. (Literatur: “Machtergreifung 1933” von Hans-Norbert Burkert, Klaus Matußek und    Wolfgang Wippermann, Stätten der Geschichte Berlin, Edition Albert Hentrich im Rembrandt Verlag Berlin, 1982, Seite 65, 74)

12. Februar 1933

Eisleben, Friedrich-Jahn-Turnhalle, NSDAP-Kreisleiter  Ludolf  von Alvensleben, NSDAP-Reichstagsabgeordneter, SS-Gruppenführer. Am 12. Februar 1933 leitete Alvensleben den Überfall von 600, meist bewaffneten SS- und SA-Leuten auf eine Arbeitersporthalle und ein von der KPD genutztes Gebäude in Eisleben. Bei diesem „Eisleber Blutsonntag“ starben vier Menschen, 24 weitere wurden schwer verletzt.  (Literatur, Wikipedia: Ludolf-Hermann Emmanuel Georg Kurt Werner von Alvensleben)

15. Februar 1933

Preußische Akademie der Künste schließt den eigenen Präsidenten der Sektion Dichtkunst,  Heinrich Mann, aus (er  emigriert am 21. Februar 1933 über die Tschechoslovakei nach Frankreich und 1940 in die USA, Bruder Thomas Mann kehrte nach deutscher Medienhetzkampagne nicht heim ins Reich, auch die Neffen Golo Mann und Klaus Mann emigrieren 1933.

Alfred Kerr,  lange vor 1933 hatte Kerr vor dem drohenden Nationalsozialismus und insbesondere vor Hitler gewarnt. Er nahm die Warnung einer Polizeistelle am 15. Februar ernst, ihm werde am nächsten Tag der Pass abgenommen und er solle fliehen. Bereits am nächsten Tag floh er über die Tschechoslowakei, Schweiz und Frankreich.  Am 10. Mai 1933 wurden seine Bücher auf dem Opernplatz, heute Bebelplatz, verbrannt. Am Grundstück Douglasstraße 10 ist am Gartenzaun eine Inschrift befestigt: „Hier wohnte bis zu seiner Emigration im Jahr 1933 Alfred Kerr“. Ebenfalls eine Inschrift am Haus Höhmannstraße 6, dort wohnte Kerr bis 1929.   (Literatur: “Orte des Erinnerns”, Band 2, Hrsg. Kunstamt Schöneberg, Seite 131)

17. Februar 1933

Göring fordert die Polizei auf, bei der Verfolgung politischer Gegner von der Schusswaffe gebrauch zu machen. „Polizeibeamte, die in Ausübung dieser Pflichten von der Schusswaffe Gebrauch machen, werden ohne Rücksicht auf die Folgen des Schusswaffengebrauch von mir gedeckt…”

Die bestehenden Anordnungen an die Polizei, von der Ausweisung von ausländischen oder staatenlosen “Ostjuden“, die schon lange in Deutschland gelebt hatten, abzusehen, werden aufgehoben.   (Literatur: „Chronologie des Holocaust“ von  Knut Mellenthin)

19. Februar 1933

Der Reichsbanner („Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold”, Bund Deutscher Kriegsteilnehmer und Republikaner) versammelte sich, etwa 10.000 Personen, zum letzten Mal im Lustgarten. Die SA schoss in den Demonstrationszug, es gab viele Tote und Verletzte.   (Literatur: „Machtergreifung Berlin 1933“, Edition Albert-Hentrich im Rembrandt Verlag Berlin, Seite  65)

20. Februar 1933

Beim Geheimtreffen vom 20. Februar 1933 Hitlers mit 25 Industriellen (u.a. Dr. Carl Bosch, August v. Finck – Bankhaus Merck, Finck & Co., Friedrich Flick, Gustav Krupp v. Bohlen u. Halbach, Dr. Hjalmar Schacht, Kurt v. Schröder, Georg v. Schnitzler, Fritz Springorum-Hoesch AG, Ernst Tengelmann – Gelsenkirchener Bergwerks AG, Fritz Thyssen u. Dr. Albert Vögler – Vereinigte Stahlwerke). Die industriellen stellen  der NSDAP einen Wahlfonds von 3 Millionen Reichsmark zur Verfügung.

23. Februar 1933

Es kam zur letzten Wahlkundgebung der Berliner KPD . Hauptredner war der Reichstagsabgeordnete Wilhelm Pieck, ein Gründungsmitglied der Partei.   (Literatur:  „Widerstand 1933 – 1945  in Neukölln“, von Hans-Rainer Sandvoß, Seite  145)

Die Berliner Jüdin Frieda Friedmann richtet angesichts der wachsenden antisemitischen Propaganda und des judenfeindlichen Terrors einen Brief an Reichspräsident Paul v. Hindenburg, in dem  es u.a. heißt:

“Ich war 1914 verlobt, mein Verlobter fiel 1914. Zwei meiner Brüder fielen im Jahre  1916 und 1918. Mein letzter Bruder Willy kam erblindet durch Verschüttung aus dem  Felde zurück. Alle haben das Eiserne Kreuz für Verdienste am Vaterland. Jetzt jedoch ist es in unserem Vaterlande so gekommen, dass auf der Straße öffentlich Broschüren  gehandelt werden; ‚Juden raus!’ öffentliche Aufforderung zu Pogromen und Gewalttaten  gegen die Juden.  Wir sind Juden und haben unsere vollste Pflicht  für das Vaterland  erfüllt. Sollte Ew. Exzellenz da nicht Abhilfe schaffen können, und dessen eingedenk sein, was auch die Juden dem Vaterland geleistet haben? Ist die Judenhetze Tapferkeit oder Feigheit, wenn es im deutschen Staat bei 60 Millionen Menschen 1% Juden gibt?”

Dieser Brief wird auch Adolf Hitler persönlich vorgelegt, der an den Rand schreibt: “Diese Behauptungen dieser Dame sind ein Schwindel. Es ist selbstverständlich nicht eine Aufforderung zum Pogrom erfolgt.”   (Literatur: Wolfgang Benz, Realität und Illusion. Die deutschen Juden und der  Nationalsozialismus, in: derselbe, Herrschaft und Gesellschaft im nationalsozialistischen Staat, Frankfurt a. M. 1990, S. 120f.)

24. Februar 1933

An diesem Tage verpflichtete das preußische Innenministerium die Landeskriminalpolizei „sämtliche Beobachtungen und Feststellungen politischer Art” zu melden. Ein umfangreiches Berichts- und Kontrollwesen ist damit eingeführt worden. (Literatur: Peter Longerich: „Davon haben wir nichts gewusst“, Seite 33)

26. Februar 1933

Walter Mehring, deutscher Schriftsteller und einer der bedeutendsten satirischen Autoren der Weimarer Republik, emigriert.

27. Februar 1933

Reichstagsbrand. Noch in der Brandnacht werden in Berlin 1.500 und im Reich weitere 8.500 Personen verhaftet. Sog. “wilde KZ’s“ werden eingerichtet. Durch die Reichstagsbrandverordnung, vom nächsten Tage werden Grundrechte außer Kraft gesetzt.

In Berlin: Razzien im Scheunenviertel (Wilde KZ’s waren u.a. Gerätekammern im Wasserturm auf dem Prenzlauer Berg, Friedrichshain Elbinger Str./ Petersburger Str.  86 (SA-Lokal Keglerheim), im Keller der ehemaligen Kaserne in der General-Pape-Straße). Zu den Verhafteten noch während der Nacht des Reichstagsbrandes gehörten u.a. die Schriftsteller Erich Mühsam, Carl v. Ossietzky, Egon Erwin Kisch Fritz Ausländer. Ossietzky wurde zunächst in das wilde Konzentrationslager General-Pape-Straße gebracht. Am 6. April  wurde er dann vom Schlesischen Bahnhof in das Konzentrationslager Sonnenburg bei Küstrin überführt.

(Mühsam: Der Schriftsteller Erich Mühsam war eine der Leitfiguren in der 1918 ausgerufenen Münchner Räterepublik und als linker Revolutionär bekannt. Schon früh thematisierte der anarchistische Kommunist in seinen Theaterstücken die drohende Gefahr des Nationalsozialismus. Noch in der Nacht des Reichstagsbrands wurde er verhaftet, 1934 wurde er in das Konzentrationslager Oranienburg verschleppt. Nach monatelangen Misshandlungen wurde Mühsam dort von der SS erhängt.)

(Ausländer: Der Lehrer Fritz Ausländer wurde 1928 für die KPD in den Preußischen Landtag gewählt. Bereits 1932 war er wieder aus der Partei ausgetreten, dennoch wurde er nach dem Reichstagsbrand 1933 festgenommen und in mehreren Konzentrationslagern inhaftiert. Später wurde Ausländer aus dem Schuldienst entlassen, seine Pension wurde ihm entzogen. 1939 folgten eine erneute Verhaftung und Verhöre durch die Gestapo. Um eine abermalige Inhaftierung zu verhindern, nahm er sich 1943 das Leben.)

 

 

(Der Begriff „Konzentrationslager“ bezeichnete in verschiedenen Epochen verschiedener Länder mehrere Arten von Internierungs- und Arbeitslagern . Ursprünglich stammt der Begriff aus dem Spanischen. Er wurde erstmals nachweisbar 1896 während des kubanischen Unabhängigkeitskrieges gegen die spanische Kolonialmacht verwendet. Im deutschen Sprachraum steht der Begriff Konzentrationslager seit der Zeit des Nationalismus in Verbindung mit der Abkürzung KZ, deren Herkunft ungeklärt ist, für die Arbeits- und Vernichtungslagern des NS-Regimes. Zunächst wurde von nationalsozialistischen Funktionären die Abkürzung “KL” für Konzentrationslager verwendet (auch in der Schreibweise K. L.). Nach Eugen Kogon „Der SS-Staat“ gaben SS-Wachmannschaften dann der Abkürzung “KZ” wegen ihres härteren Klanges den Vorzug. In der NS-Zeit wurde umgangssprachlich mit der Abkürzung KZ oder dem Wort Lager wahrscheinlich in vielen Fällen zunächst die Haftorte oder das nächstliegende KZ und die Haft auf unbestimmte Zeit unter unmenschlichen Bedingungen verstanden.)

In der Nacht des Reichstagsbrandes am 27. Februar 1933, in der, wie dargestellt, die erste große Verhaftungswelle lief, besetzte die Polizei auf Geheiß Görings das Vorwärtsgebäude in der Lindenstraße 3 – die Lindenstraße 3 war damals der Hauptsitz der SPD –  und hielt die Druckmaschinen an. Nur wenige Exemplare entgingen der Beschlagnahme. Die Polizei zog danach wieder ab, doch sollten sich die Angriffe der Regierung und ihrer Bürgerkriegshilfstruppen mehren.   (Literatur: “Widerstand in Kreuzberg” Seite 43)

28. Februar 1933

„Gesetz zum Schutz von Volk und Staat.“ Die sog. Notverordnung, die “Reichstagsbrandverordnung” ; jeder politische Gegner kann zu jeder Zeit verhaftet werden. Die wichtigsten Grundrechte der Weimarer Verfassung werden außer Kraft gesetzt und der Ausnahmezustand verkündet. U. a. wird die kommunistische Presse – zunächst auf die Dauer von vier Wochen-  verboten. Artikel 118 der Weimarer Verfassung, der die Pressefreiheit garantierte, ist außer Kraft gesetzt worden.   (Literatur:  Die “Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze von Volk und Staat” vom 28.2.1933 (Ein Tag nach dem “Reichstagsbrand ! !). “Aufgrund des Art. 48 Abs. 2 der Reichsverfassung werden die Art. 114, 115, 117, 118, 123, 124 und 153 der Verfassung außer Kraft gesetzt”. Diese Artikel betrafen die Grundrechte der Bürger. Diese Verordnung bildete die Grundlage für die antidemokratische Gesetzgebung der NS – Zeit).

Einen Tag nach dem Reichstagsbrand ist Bertolt Brecht mit Helene Weigel aus Deutschland geflohen, zunächst nach Dänemark.  1935 wurde Brecht offiziell ausgebürgert.

Am 28. Februar 1933 wurde Wolfgang  Langhoff, deutscher Schauspieler und Regisseur, von der Gestapo verhaftet und zunächst im Düsseldorfer Polizeigefängnis inhaftiert, wo er schwerer Folter durch die SA ausgesetzt war. Wenige Tage später wurde er in das Düsseldorfer Zuchthaus “Ulmer Höhe” verlegt. Im Juli 1933 wurde er ins Konzentrationslager Börgermoor im Emsland verbracht, wo er 13 Monate inhaftiert blieb. Die Häftlinge sollten 50.000 ha Moor (100 qkm) mit Hacke und Spaten entwässern und kultivieren. Dort überarbeitete er im August 1933 einen Text von Johann Esser zum später weltberühmt gewordenen Moorsoldaten-Lied. Die Melodie komponierte der Mithäftling Rudi Goguel.

Wohin auch das Auge blicket
Moor und Heide ringsherum
Vogelsang uns nicht erquicket
Eichen stehen kahl und  krumm.
Wir sind die Moorsoldaten
Wir ziehen mit dem Spaten
Ins Moor

Morgens ziehen die Kolonnen
Durch das Moor zur Arbeit hin
Graben bei dem Brand der Sonnen
Doch zur Heimat steht der Sinn
Wir sind die Moorsoldaten
Und ziehen mit dem Spaten
Ins Moor

Auf und nieder geh’n die Posten,
Keiner, keiner kann hindurch,
Flucht wird nur das Leben kosten. Vierfach ist
umzäumt die Burg
Wir sind die Moorsoldaten
Und ziehen mit dem Spaten
Ins Moor

Doch für uns gibt es kein Klagen
Ewig kann’s nicht Winter sein
Einmal werden froh wir sagen
Heimat, du bist wieder mein!
Dann ziehen die Moorsoldaten
Nicht mehr mit dem Spaten
Ins Moor

Nach der Verlegung ins KZ Lichtenburg erfolgte 1934 die Entlassung Langhoffs im Rahmen der sogenannten Osteramnestie; unmittelbar darauf – im Juni desselben Jahres – floh er in die Schweiz, kurz vor Schließung der Grenze. Am Schauspielhaus Zürich fand er Unterkunft und Arbeit als Regisseur und Schauspieler. 1935 wurde der autobiographische Bericht “Die Moorsoldaten. 13 Monate Konzentrationslager” veröffentlicht, der nach der Übersetzung durch Lilo Linke ins Englische weltweit Beachtung fand als eine der ersten Augenzeugenschilderungen der Brutalität in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern. Langhoff war Gründungsmitglied der Bewegung Freies Deutschland in der Schweiz.   (Langhoff war von 1946 bis 1963 Intendant des Deutschen Theater in Berlin)

In der Nacht des 28. Februar wurde auch Hans Achim Litten, 1903 in Halle geboren, ein junger Rechtsanwalt, verhaftet.  Die folgenden fünf Jahre bis zu seinem Tode verbrachte er in Zuchthäusern und Konzentrationslagern.   (Literatur: Informationen zur politischen Bildung, Heft 243) Litten hatte 1932 als Anwalt in einem Prozess Hitler als Zeugen geladen, um darzustellen, dass „Übergriffe“ gegen Kommunisten von den Nazis gesteuert waren.   (Literatur: Irmgard Litten „Eine Mutter kämpft gegen Hitler“)  Neben Litten wurden unter anderem auch die kommunistischen Reichstagsabgeordneten Fritz Emmerich, Ottomar Geschke, Willi Kasper, Ernst Schöller und Walter Stoecker, der Schriftsteller Egon Erwin Kisch, Ludwig Renn, Carl von Ossietzky, bürgerliche Intellektuelle, wie Erich Baron  (Literatur: „Das Gedächtnis der Stadt“: Baron, seit 1924 Generalsekretär der „Gesellschaft der Freunde des neuen Russland“ wurde in der Reichstagsbrandnacht verhaftet und zunächst in Polizeipräsidium gebracht. Zwei Monate später erlag er den in der Haft erlittenen Mißhandlungen. Eine Gedenktafel befindet sich an seinem damaligen Wohnhaus, Pankow, Kavalierstraße 22) und Felix Rosenheim, und auch Littens Kollegen Ludwig Barbasch und Prof. Felix Halle verhaftet.

Ebenfalls am 28. Februar 1933 wurde Ernst Schneller verhaftet und ins Untersuchungsgefängnis Moabit und im April in das KZ Sonnenhang gebracht. Schneller wurde im Dezember 1924 Mitglied des Deutschen Reichstages in Berlin, dem er ununterbrochen bis 1933 angehörte. An seinem Wohnhaus in Niederschöneweide, Schnellerstraße 70a befindet sich eine Gedenktafel.  Literatur: „Das Gedächtnis der Stadt“

Im Februar 1933

Dr. Netty Radvanyi geb. Reiling alias Dr. Anna Seghers (KPD) wird verhaftet aber wegen ihrer ungarischen Staatsbürgerschaft nach kurzer Zeit entlassen (und flieht danach über die Schweiz nach Frankreich und später nach Mexiko.) Frau Seghers wohnte damals in der  Helmstedter Str. 4; nach dem Krieg von 1955 – 1983 in Adlershof.

1933 wurde Richard Tauber in Berlin vor dem Hotel Kempinski von einem SA-Trupp mit den Worten “Judenlümmel, raus aus Deutschland” angegriffen und niedergeschlagen. Eigentlich wollte Tauber sofort emigrieren, blieb dann aber doch, um an seiner Operette “Der singende Traum” zu arbeiten.

1. März 1933

Der Philosoph Theodor Lessing, bereits 1926 wegen seiner Kritik an Reichspräsident Hindenburg als exponierter Linker, Pazifist und Kämpfer gegen Rechtsradikalismus bezeichnet, hatte bereits seine außerordentliche Professur an der Technischen Hochschule Hannover verloren. Am 1. März 1933 flüchtet er mit seiner Frau Ada in die Tschechoslowakei und lässt sich dort im berühmten Kurbad Marienbad nieder. Von hier aus setzt er seine publizistische Tätigkeit in deutschsprachigen Auslandszeitungen fort. (siehe auch 30. August 1933)

Walter Ulbricht wird von den Nationalsozialisten steckbrieflich zur Fahndung ausgeschrieben. Er lebt noch sechs Monate im Untergrund in Deutschland und geht im Oktober auf Beschluss der Parteiführung in die Emigration nach Paris.

Dr. Kurt Georg Kiesinger wird NSDAP-Mitglied Nr. 2 633 930

Reichsminister Wilhelm Frick (NSDAP) ersucht, aufgrund der Notverordnung vom 2. Februar, die Landesregierungen die Landesregierungen alle Zeitungen und Versammlungen der KPD zu verbieten.

2. März 1933

Georg Schwarz, von Beruf Bäcker, war ein deutscher Politiker und Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus. Von 1929 bis 1933 war Schwarz  Politischer Sekretär der KPD-Unterbezirke Leipzig, Flöha und Zwenkau. Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten wurde Schwarz bereits in der Nacht vom 1. auf den 2. März 1933 verhaftet. Er war in den KZ’s Hohnstein und Sachsenburg inhaftiert.

Alle Länderregierungen verbieten, aufgrund der Anweisung vom 1. März,  kommunistische Druckschriften und Versammlungen jeder Art. Weitere Verhaftungen im ganzen Reich.   (Literatur: Chronologie des Holocaust von  Knut Mellenthin)

Otto Braun (1932 durch Reichspräsident v. Hindenburgs u. Reichskanzler v. Papens “Preußenputsch” amtsenthobener demokratisch gewählter preußischer SPD-Minister-Präsident) verlässt das Dt. Reich im Auto und bezieht sein Haus in der Schweiz. Er war während der Weimarer Zeit dreimal preußischer Ministerpräsident. Erst die auf den Reichstagsbrand folgenden Ereignisse und Warnungen, dass sein Leben bedroht sei, veranlassten Braun zur Flucht. Am 2. März (oder am 4. März??) 1933 flüchtete er  über die Grenze nach Österreich und dann in die Schweiz. Diese Flucht, die noch vor Schließung der Wahllokale in der am 5. März stattfindenden Landtags- und Reichstagswahl bekannt wurde, verzieh ihm die Parteiführung der SPD nicht.

3. März 1933

An diesem Tage hatte man den vor dem Terror untergetauchten Vorsitzenden der KPD Ernst Thälmann in seinem Versteck aufgespürt und verhaftet und nach elf Jahren Isolationshaft, 1944, auf direkten Befehl Adolf Hitlers erschossen. Thälmann war in der Weimarer Republik von 1925 bis 1933 Vorsitzender der Kommunistischen Partei Deutschlands(KPD). Am Karl-Liebknecht-Haus, Kleine Alexanderstraße 28 Ecke Weydingerstraße), ist eine Gedenktafel: „Ernst Thälmann, der Führer der deutschen Arbeiterklasse, der heldenhafte Kämpfer gegen Faschismus und Krieg arbeitete in diesem Haus“. Literatur: Das Gedächtnis der Stadt“ Gedenktafeln in Berlin.


4. / 5. März 1933

In der Nacht vom 4. zum 5. März 1933, nachdem Hitler von Königsberg aus in einer von allen Rundfunkanstalten übertragenden Rede den Höhepunkt des Wahlkampfes markiert hatte, brennen auf allen Bergen und Höhenzügen in Deutschland Freudenfeuer. Hitler hatte seine Rede mit einem “Amen” beendet.   (Literatur: “Illustrierte Geschichte des Dritten Reiches” von Dr. Kurt Zentner.

5. März 1933

Wahl des Reichstages:

NSDAP                   17.277.180 Stimmen                       288 Sitze,                          44 %

SPD                      7.181.620 Stimmen                            120 Sitze

KPD                   4.848.058 Stimmen                   81 Sitze

Zentrum             4.424.900 Stimmen                73 Sitze

DNVP                   3.136.760 Stimmen               53 Sitzezuzügl.              

sonstige                                          32 Sitze

total                                                                          647  Sitze

Die NSDAP bildet mit der DNVP eine Koalition. 

5. März 1933. 

Erlass des Thüringischen Ministerium des Innern: „Aufgrund des § 1 der VO vom 28.2.1933 wird mit sofortiger Wirkung der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens im Lande Thüringen verboten. Vereinseinrichtungen, Akten, Vereinsvermögen, Druckschrift, Zeitschriften usw. polizeilich sofort sicherstellen und in Verwahrung nehmen.”

5. März 1933

Gabriele Tergit, eigentlich Elise Reifenberg,  erlebte den ersten Prozess gegen Adolf Hitler im Kriminalgericht Moabit, der zusammen mit Goebbels wegen eines Pressevergehens angeklagt war. Die daraus folgende Reportage und andere Artikel über die völkische Bewegung und die Nazis veranlassten die Nazis, sie hoch auf ihre Gegnerliste zu setzen. Am 5. März 1933 um drei Uhr morgens überfiel die SA die Tergit-Reifenbergsche Wohnung in Siegmundshof in Berlin-Tiergarten. Die SA scheiterte an den frisch angebrachten Eisenbeschlägen, ein Kollege vom Berliner NSDAP-Blatt Angriff gab ihr den Tipp, sich an den neuen Polizeireferenten Hans Mittelbach zu wenden, der ihr wiederum die noch sozialdemokratisch dominierte Schutzpolizei empfahl, die schließlich den Überfall abwenden konnte. Ihr Mann brachte Gabriele Tergit daraufhin nach Spindlermühle, den Rest ihres Lebens verbrachte sie im Exil. Er emigrierte nach Palästina, sie selbst floh nach Prag und folgte ihrem Mann im November 1933 nach. 1938 siedelte sie schließlich nach London über, wo sie schließlich im Stadtteil Putney lebte. Dort wählte sie 1957 das P.E.N.-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Auslandzum Sekretär. Dieses Amt hatte sie bis 1981 inne. (Literatur: „Das Gedächtnis der Stadt“. Am Haus Siegmunds Hof 22 ist eine Tafel angebracht: „Hier lebte bis zu ihrer Vertreibung durch die SA am 4. März 1933 Gabriele Tergit, Gerichtsreporterin und Schriftstellerin „Käsebier erobert den Kurfürstendamm“. Sie floh über Palestina und wirkte von 1957 bis 1981 als Sekretär des deutschen Exil-Pen in London)

5. März 1933

Hugo Simon, Bankier und Mäzen, einer der wichtigsten Sammler u.a. der Werke von Frau Renèe Sintenis,  flieht mit seiner Frau über die Schweiz nach Paris. Er war Vorsitzender der Aufsichtsrats des Fischer Verlags, USPD-Mitglied und zeitweise preußischer Finanzminister. Literatur: „Renèe Sintenis“ von Silke Kettelhake

6. März 1933

Beginn von Angriffen der Nationalsozialisten gegen Juden auf dem Berliner Kurfürstendamm, mit einem ersten blutigen Höhepunkt am 9. März. Mehrere Nazis stürmen in das Pensionszimmer des amerikanischen Touristen Nathaniel S. Wolff am Kurfürstendamm 48-49. In einem Brief an den Reichsminister des Innern schildert Wolff den Vorgang:„Heute morgen, um 5 Uhr, kamen fünf oder sechs Nazis mit gezogenen Revolvern in mein Zimmer. Sie beschimpften mich, nannten mich einen schmutzigen russischen Juden und fingen an, meine Sachen zu durchsuchen.”Wolff wird geschlagen und in einen Raum in der Knesebeckstraße in Charlottenburg verbracht, gefesselt an Händen und Füßen. Vor seiner Freilassung im Grunewald wird er gezwungen, folgendes Papier zu unterschreiben:

  • “1. Ich bin Jude.
  •  2. Ich werde heute Abend nach Paris abreisen.
  •  3. Ich verspreche, nie wieder meinen Fuß auf deutschen Boden zu setzen.”

Eine Angestellte der Pension hat mittlerweile mit dem zuständigen Polizeirevier in der Grolmannstraße telefoniert. Man habe ihr aber mitgeteilt, der Vorfall ginge die Polizei nichts an. Die Nazis hätten das Recht, in jedes Haus mit Gewalt einzudringen.Berlin, Ex- Polizeivizepräsident Dr. Bernhard Weiß flieht in die Tschechoslowakei. Als die Nationalsozialisten ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt hatten – er stand auch auf der Ersten Ausbürgerungsliste des Deutschen Reiches (siehe 25. August 1933)–, ermöglichten ihm Kollegen die Flucht. Weiß floh 1933 über Prag nach London; der deutsch-jüdische  Philosoph u. KPD-Mitgl. Dr. Ernst Bloch flieht in die Schweiz.In Königsberg drang die SA in das lokale Parteibüro der SPD ein, zerschlug das Mobiliar und machte aus den Räumlichkeiten eine behelfsmäßige Folterkammer, in der sie Häftlinge so schwer misshandelte, dass der kommunistische Reichstagsabgeordnete Walter Schütz an seinen Verletzungen starb.   (Literatur: Richard J. Evans “Das Dritte Reich, Aufstieg”, Seite 452)

In Wuppertal schleppten Braunhemden den Arbeiter Heinrich B., einen ehemaligen Kommunisten, aus seiner Wohnung; Sein Leichnam wurde am nächsten Tag in einem Schrebergarten gefunden.

Der  US-amerikanische Botschafter in Berlin, Frederc M. Sackett, telegraphierte nach Washington, dass die Demokratie in Deutschland einen Schlag bekommen hat, von der sie sich vielleicht nie mehr erholen werde Literatur: Karl Grünberg in „Bleiben oder Gehen“ im Tagesspiegel vom 3. März 2013

7. März 1933

Am 7. März wurden im Reich, darunter in Berlin, Parteibüros und Gewerkschaftshäuser besetzt.   (Literatur: “Widerstand in Kreuzberg” Seite 43)

In Dresden: mehrtägige, reichsweite antisemitische Straßenkrawalle, Geschäftsschließungen, Plünderungen, körperliche Misshandlungen u. Verhaftungen jüdischer Deutscher.

In der Semperoper Dresden wird am 7. März Generalmusikdirektor Fritz Busch aus dem Publikum beschimpft.Die “Neue Wiener Presse” veröffentlicht die Zusage des konservativen Vizekanzlers Papen, Juden würden in Deutschland behandelt wie alle anderen Staatsbürger. (Literatur: Chronologie des Holocaust von  Knut Mellenthin)


8. März 1933

Aus einem Rundbrief des Generalsuperintendenten Otto Dibelius an die Pastoren der Kurmark vom 8. März 1933: “Denjenigen, die es in den Zeitungen noch nicht gelesen haben, möchte ich bei dieser Gelegenheit sagen, dass das Glockengeläut, das am 4. März während der Rede Adolf Hitlers zu hören war, nicht das Geläut des Königsberger Doms war, wie Herr Dr. Goebbels im Rundfunk behauptete, geschweige denn, dass die anderen ostpreußischen Kirchen geläutet hätten. Das Konsistorium hatte das verboten. Das Verbot ist respektiert worden. Man hat im Rundfunk eine Schallplatte mit Glockengeläut laufen lassen, und den Hörern eingeredet, das wäre der Königsberger Dom!  Die kirchliche Disziplin ist in Ostpreußen gewahrt worden. Sie muss auch bei uns gewahrt werden!  . . .”   (Otto Dibelius: 1880 – 1967, Generalsuperintendent der Kurmark 1925 – 1933, am 26. Juni 1933 vom Dienst suspendiert, Mitglied der Bekennenden Kirche,  wiederholt inhaftiert, nach 1945: Bischof von Berlin – Brandenburg, Vors. des Rates der Evangelischen Kirche Deutschlands)

Reichsinnenminister Wilhelm Frick kündigt die Errichtung von Konzentrationslagern an. Die SA unterhält bereits zahlreiche Lager.

Am 8. März 1933 besetzten SA-Leute des Sturmes 5/100 die Jugendburg Hohnstein(Sächsische Schweiz, Ost-Erzgebirge) und funktionierten sie in ein Konzentrationslager um. Ab dem 14. März kamen die ersten Gefangenen in das Lager. Bei den Inhaftierten handelte es sich meist um NS-Gegner – größtenteils Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschaftler – und andere dem Nationalsozialismus Missliebige aus dem Großraum Dresden. Es waren aber auch etwa 400 Jugendliche auf der Burg inhaftiert. Bis August 1934 wurden ungefähr 5.600 Menschen nach Hohnstein verschleppt. Die Bewachung erfolgte durch Angehörige des Pirnaer SA-Sturmes 177. Die Gefangenen wurden im Steinbruch Heeselicht (bei Stolpen) zu schwerster Zwangsarbeit eingesetzt. Hier starben mehrere Häftlinge an den Folgen der Peinigung durch SA-Angehörige, einige nahmen sich das Leben. Ab dem 30. Juni 1934 übernahmen Angehörige der SS unter Leitung des SS-Hauptsturmführers Karl Otto Koch die Bewachung. Das Lager wurde am 25. August 1934 aufgelöst. Viele der Häftlinge wurden in das KZ Sachsenburg verlagert.Das Karl-Liebknecht-Haus in Berlin, die Parteizentrale der KPD, wird erneut von der Polizei besetzt. Es wird bekannt gegeben, dass die am 5. März gewählten 81 Abgeordneten der KPD, also die vor drei Tagen Gewählten, ihre Mandate im Reichstag nicht antreten dürfen. Der Reichsinnenminister Dr. Wilhelm Frick erklärt dazu, dass die Kommunisten beim  Reichstagszusammentritt durch dringende und nützlichere Arbeit an der Teilnahme verhindert sein würden. Man werde ihnen in Konzentrationslagern Gelegenheit geben, sich an fruchtbringende Arbeit zu gewöhnen. Wenn sie sich zu nützlichen Gliedern der Nation erziehen lassen, werde man sie wieder willkommen heißen, sonst aber sie auf die Dauer unschädlich zu machen wissen.Durch die Aufhebung der kommunistischen Mandate verfügen die Nationalsozialisten über die absolute Mehrheit im Reichstag. (288 Sitze von nunmehr 566 Sitzen).In Duisburg-Hamborn, Oberhausen, Moers und in Essen erzwingen SA-Trupps die zweitägige Schließung der “jüdischen” Warenhäuser von Leonhard Tietz.   (Literatur: Johannes Ludwig, Boykott – Enteignung – Mord. Die “Entjudung” der   deutschen Wirtschaft, München 1992, S. 104 f.)

Berlin, Regisseur u. Deutsche Theater-Leiter Max Reinhardt emigriert nach Österreich (ab 1937 USA) 

ebenfalls am 8. März 1933 taucht in der Presse der Begriff KZ für Nohra, ehemaliger Flugplatz bei Nohra, sechs Kilometer von Weimar entfernt, auf. Die „Allgemeine Thüringische Landeszeitung“ hatte hierüber berichtet.

9. März 1933

In Berlin, Magdeburg und im Rheinland blockieren SA-Männer vereinzelt jüdische Warenhäuser und Geschäfte. In Chemnitz zwingen SA und Stahlhelm jüdische Beamte zum Verlassen des Amtsgerichts; ähnliches geschieht in mehreren schlesischen Städten.In Kassel werden jüdische Ladenbesitzer gezwungen, ihre Geschäfte zu schließen, vor denen Nazis lautstarke Kundgebungen organisiert hatten. (Literatur: Avraham Barkai, Paul Mendes – Flohr u. Steven M. Lowenstein, Deutsch- jüdische Geschichte der Neuzeit. Vierter Band: 1918 – 1945, München 1997, S. 195f.)

Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens – die zahlenmäßig und politisch bedeutendste Organisation der deutschen Juden – veröffentlicht eine Meldung über ein Gespräch mit Minister Göring. Dieser habe zugesagt, dass die Sicherheit des Lebens und des Eigentums der jüdischen Staatsbürger, die sich der Regierung gegenüber loyal verhalten, gewährleistet werde. Anhaltspunkte für Zusammenhänge des Centralvereins mit kommunistischen und staatsfeindlichen Bestrebungen liegen lt. Göring nicht vor. (Literatur: Chronologie des Holocaust von  Knut Mellenthin)

Die Politische Polizei wurde aus der Inneren Verwaltung heraus gelöst. In Preußen ist  an diesem Tag öffentlich demonstriert worden. Die politische Polizei nahm ihren neuen Sitz im Karl-Liebknecht-Haus, der besetzten KPD – Zentrale. Offiziell gegründet wurde die Geheime Staatspolizei dann durch Gesetz vom 26. April 1933.(Literatur: Dams/Stolte “Die Gestapo, Herrschaft und Terror im Dritten Reich”)

In Chemnitz besetzen SA-Leute sowie andere Nazis und Mitglieder des “Stahlhelms-Bund der Frontsoldaten” Gerichtsgebäude und zwingen jüdische Beamte unter Anwendung von Gewalt zum Verlassen ihrer Amtsräume. Einige von ihnen werden in “Schutzhaft” genommen. Am Tag darauf ereignen sich ähnliche Vorfälle in Zweibrücken und in Kaiserslautern. (Literatur: Peter Longerich, Politik der Vernichtung. Eine Gesamtdarstellung der nationalsozialistischen Judenverfolgung, München u. Zürich 1998, S. 29.

In Bayern wurde Heinrich Himmler am 9. März 1933  zum kommissarischen Polizeipräsidenten ernannt. In seinem Schlepptau stieg Reinhard Heydrich zum kommissarischen Leiter der dortigen Abteilung VI , der  Politischen Polizei auf.

In seiner Kölner Wohnung wird der Chefredakteur der „Rheinischen Post“ und frühere Reichsinnenminister Wilhelm Sollmann (SPD) von SA-Leuten mißhandelt. Wie andere Funktionäre der SPD und KPD wird er in Schutzhaft genommen, um „der Gefahr tätlicher Angriffe vorzubeugen“.

10. März 1933

Göring fordert in einer öffentlichen Rede in Essen zum Boykott jüdischer Geschäfte auf  und erklärte die Polizei sei “keine Schutztruppe für jüdische Warenhäuser”; Hierüber wird berichtet im “Völkischen Beobachter” am 12.3. /13.3., in der “Essener Nationalzeitung” am 11. und im “Angriff” am 11.3. 1933.

Der jüdische Bezirksbürgermeister von Berlin-Kreuzberg, Dr. Carl Herz (SPD), wird gewaltsam aus seinem Amt vertrieben. Die SA treibt den seit 1926 amtierenden Kommunalpolitiker zur “Belustigung” der Nazis und ihrer Anhängerschaft durch die York-, Möckern- und Bergmannstraße, um ihn schließlich in einem berüchtigten “Sturmlokal” in der Friedrichstraße 234 zu foltern. Dr. Herz emigriert 1939 nach England.   (Vgl. Juden in Kreuzberg. Fundstücke, Fragmente, Erinnerungen, hrsg. v. d. Berliner  Geschichtswerkstatt e. V.,  Berlin 1991, S. 371ff., bes. 381ff..)

Ein SA – Trupp marschiert auf vor der Berliner Börse, um den Rücktritt des jüdischen Börsenvorstandes zu verlangen. (Bericht des “Völkischen Beobachter” vom gleichen Tage) Das “Hamburger Tageblatt” veröffentlicht einen Aufruf unter der Überschrift “Kampf den jüdischen Warenhäusern !”   (Literatur: Ursel Hochmuth u. Gertrud Meyer, Streiflichter aus dem Hamburger Widerstand, Frankfurt a. M. 1969, S. 203.)

München, der jüdische Rechtsanwalt Michael Siegel hatte einen verhafteten Juden vertreten, er wird barfuss durch die Innenstadt getrieben, er muss am Hals ein Schild tragen “Ich bin ein Jude, aber ich will mich nicht über die Nazis beschweren”, die Fotos gehen durch die Weltpresse.   (durch die Fotos wurde Rechtsanwalt Siegel weltbekannt als er in München von SA-Truppen von der Ettstraße, über die Kaufinger-/Neuhauserstraße über den Stachus und von dort über die Prielmayerstraße zum Hauptbahnhof getrieben wurde.)

Der Intendant der Vereinigten Theater von Breslau, Paul Barnay, wird von SA-Leuten entführt und schwer mißhandelt. Er muss sein Amt aufgeben.

Der Deutschlandkorrespondent des „Manchester Guardian“ berichtete: „Viele Juden wurden von den Braunhemden geschlagen, bis ihnen das Blut über Kopf und Gesicht strömte. Viele brachen ohnmächtig zusammen und wurden in den Straßen liegen gelassen bis sie von Freunden oder Bekannten aufgehoben und ins Krankenhaus gebracht wurden“. (Literatur:  Michael Wildt in „Als die Barberei begann“ im Tagesspiegel vom 28. März 2013)

11. März 1933

Lübeck, der jüdische “Lübecker Volksbote”-Redakteur Dr. Fritz Solmitz wird verhaftet und durch die Innenstadt getrieben, er muss am Hals das Schild “Jude” tragen (Dr. S. stirbt am 19.9.1933 an den in der Strafanstalt Fuhlsbüttel erlittenen Misshandlungen, die Verantwortlichen werden nie bestraft).

SA-Trupps unter der Leitung des Berliner SA – Führers Graf Helldorf dringen in das Urban-Krankenhaus in Berlin – Kreuzberg ein und verhaften jüdische Ärzte und Mitarbeiter. Mehrere der Verhafteten werden in “wilde Konzentrationslager” eingeliefert, z.B. in die Kaserne in der General – Pape – Straße. Zu den Opfern der SA gehören der ärztliche Direktor der Klinik, Prof. Dr. Zondek, und Dr. Leo Wiclicki.  Professor Zondek hat in der Vergangenheit unter anderem die Reichskanzler Gustav Stresemann und Hermann Müller, den Reichstagspräsidenten Paul Löbe, Angehörige der Verleger – Familien Ullstein und Mosse sowie den Schauspieler Fritz Kortner behandelt. Über seine “Amtsenthebung” berichtet er: “Inzwischen hatte sich im Nebenraum eine Art SA – Gericht konstituiert, vor das ich geführt wurde. Mein früherer Medizinalpraktikant Herr Kohn (mit ‚K’ geschrieben) saß da als einer meiner Richter. Sehr kurz und abrupt eröffnete man mir, das ich meiner Stelle als Direktor des Spitals entsetzt sei und dasselbe nicht mehr zu betreten habe.” Professor Zondek emigriert noch am selben Tag in die Schweiz.   (Literatur: Antifaschistischer Stadtplan Kreuzberg, hrsg. v. d. VVN Westberlin – Verband der Antifaschisten, , S. 14.)

In Breslau verprügeln SA-Leute einzelne Rechtsanwälte und Richter. Dabei dringen sie auch in Justizgebäude ein. Ein Augenzeuge, der jüdische Rechtsanwalt Ludwig Foerder, erinnert sich:   (Literatur: Testimony of Ludwig Foerder on Assaulting the Breslau Courts, March 1933: “It was on Saturday, 11 March 1933…. I was standing in the lawyers‘ chamber on the first floor of the courthouse and talking to one of my colleagues. Suddenly, it was exactly at 11 A.M., shouts like wild animals were heard in the hallways, rapidly coming nearer. The doors of the room burst open. Two SA men in brown shirts and caps entered, screaming: ‘Jews out!‘ At first everybody – Jews and Christians – were paralyzed. Then most Jewish lawyers left the room.”). In „Landgericht“ von Ursula Krechel wird das Geschehen (Seite 224 ff) erwähnt, allerdings unter dem Datum 1. April 1933

12. März 1933

Stadtverordnetenwahlen in Berlin. Die Einschüchterungen und tätlichen Übergriffe gegen die Mitglieder der KPD nehmen überhand, die letzten Reste der Bewegungsfreiheit  wurden der KPD genommen. Man erkannte deren Mandate ab. Die Funktionsträger wurden verhaftet, die Partei faktisch verboten.   (Literatur:  “Widerstand in Mitte und Tiergarten” von Hans-Rainer Sandvoß)

Am 12. März 1933 berichtet die „Niedersächsische Tageszeitung“: „Wie wir bereits berichteten, mussten gestern unter dem Druck der Volksmassen die jüdischen Grosskaufhäuser in Hannover ihre Pforten schließen. Diese Aktion geschah nicht auf Veranlassung irgendwelcher Parteistellen, sie war vielmehr der spontane Ausdruck des Massenwillens, der die Totengräber des deutschen Mittelstandes und des deutschen Gewerbetreibens beseitigt wissen will“.

13. März 1933

Der Gauleiter von Berlin Joseph Goebbels übernimmt das neu geschaffene Ministerium für Volksaufklärung und Propaganda. Hitler und Goebbels bekannten sich bereits vorher  zu Propagandaprinzipien und der Primitivität der Wiederholungen. “Die Masse ist eine schwache, faule, feige Mehrheit von Menschen”, schrieb Goebbels am 13. März 1933 in sein Tagebuch. Um die Masse einer  einheitlichen und zentral gelenkten Meinungsführung zu unterwerfen, wurde gleich zu Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft das Ministerium für Volksaufklärung und Propaganda gesetzlich verankert.

Klaus und Erika Mann haben Deutschland verlassen.   (Literatur: “Der Wendepunkt” von Klaus Mann, Bertelsmann Lesering 1960, Seite 285)Köln: Oberbürgermeister Dr. Konrad Adenauer (Zentrum) und 13 weitere Rhein-Provinz Bürgermeister werden amtsenthoben.

Köln: Oberbürgermeister Dr. Konrad Adenauer (Zentrum) und 13 weitere Rhein-Provinz Bürgermeister werden amtsenthoben.

Der Intendant der Städtischen Oper Berlin, Carl Ebert, wird von einer Abteilung der SA für abgesetzt erklärt und vom Berliner Oberbürgermeister Heinrich Sahm daraufhin für zwei Monate beurlaubt.

14. März 1933

Der erstaunlich willfährige Reichspräsident erklärte das Hakenkreuzbanner der NSDAP zum nationalen Hoheitszeichen (Der sogenannte “Flaggenerlaß”).

Martin Wagner wurde  zusammen mit den sozialdemokratischen Mitgliedern des Magistrats als Stadtbaurat durch die NS-Machthaber „beurlaubt“. Wagner war Architekt, baute in Berlin die „Lindenhof-Siedlung“, war Mitglied der SPD, Baustadtrat in Schöneberg und Stadtplaner. 1935 emigrierte er nach Istanbul, später in die USA. Literatur: „Das Gedächtnis der Stadt“;  Röblingstraße  Ecke Reglinstraße befindet sich eine Gedenktafel.

15. März 1933

Absetzung des bisherigen Berliner Magistrats. Der Führer der nationalsozialistischen Stadtverordnetenfraktion, Julius Lippert, wird zum Staatskommissar von Berlin ernannt.

Das Reichsinnenministerium weist die Länderregierungen an, die Zuwanderung von Ostjuden abzuwehren und nicht mehr einzubürgern.   (Literatur: Chronologiedes Holocaust von  Knut Mellenthin)

In den frühen Morgenstunden des 15. Februar kam es zu einer großangelegten Durchsuchungs- und Verhaftungsaktion in der Künstlerkolonie am Südwestkorso in Berlin. Die Künstlerkolonie wurde von Polizei und SA umstellt und abgeriegelt. Bis 15 Uhr wurden zahlreiche Wohnungen durchsucht. Wo nicht geöffnet wurde, drang die Polizei über Feuerwehrleitern in die Wohnungen ein. 14 Personen, unter ihnen Theodor Balk, Peter Martin Lampel, Günther Ruschin, Manès Sperber, Curt Trepte und Wlter Zadek, wurden festgenommen. Eine unbekannte Anzahl ausländischer Staatsangehöriger, die sich nicht ausweisen konnten, wurden zur Personenfeststellung auf das Polizeipräsidium gebracht. Mehrere Lastwagen voller Akten wurden beschlagnahmt, ebenso wie zahlreiche Waffen. Literatur, die die Nationalsozialisten für kommunistisch oder marxistisch hielten wurde auf den Laubenheimer Platz geschafft und verbrannt. Zahlreiche Bewohner der Künstlerkolonie, wie Ernst Bloch, Ernst Busch, Axel Eggebrecht, Walter Hasenclever, Peter Huchel, Alfred Kantorowicz, Arthur Koestler, Susanne und Wolfgang Leonhard, Gustav Regler, Günter Ruschin, Manès Sperber, Steffie Spira-Ruschin, Erich Weinert,  Walter Zadek und Hedda Zinner verließen noch 1933 Deutschland. Andere organisierten – trotz der Gefahren, die die Großrazzia vom 15. März 1933 verdeutlicht hatte – den polotischen Widerstand.   (Die Künstlerkolonie Berlin ist eine Wohnsiedlung im Süden des Berliner Ortsteils Wilmersdorf in südöstlicher Fortsetzung des Rheingauviertelsan der Grenze zu den Ortsteilen Friedenau und Steglitz. Sie wird begrenzt durch den Südwestkorso, die Laubenheimer und die Kreuznacher Straße sowie dem Steinrückweg. Das Zentrum der Künstlerkolonie bildet der Ludwig-Barnay-Platz. Die Siedlung wurde von den damaligen Interessenvertretungen der Künstler und Schriftsteller ab 1927 errichtet. Beginnend mit dem Wahlkampf für die Reichstagswahl 1930 wurden die Bewohner der Künstlerkolonie Ziel nationalsozialistischer Provokationen und Übergriffe. Es wurde zu dieser Zeit gefährlich, abends alleine den Heimweg vom nahe gelegenen U-Bahnhof Breitenbachplatz anzutreten. Bald reichte auch eine Verabredung und der Schutz einer Gruppe nicht mehr aus. Die Bewohner der Künstlerkolonie gründeten deshalb einen Selbstschutz, der als bewaffneter Geleittrupp im Konvoi-System von bestimmten späten U-Bahn-Zügen die Bewohner abholte und nach Hause begleitete. Etwa 400 der rund 1000 Bewohner der Künstlerkolonie beteiligten sich am organisierten Selbstschutz.) In der Grünanlage befindet sich an der Seite zur Bonner Straße ein Findling mit eingelassener Tafel „Mahnmal für die politisch Verfolgten der Künstlerkolonie“

16. März 1933

Leo Krell wurde am 16. März 1933 auf dem Lausitzer Platz in der Nähe seiner Wohnung verhaftet. Er hatte bei der zu diesem Zeitpunkt bereits verbotenen kommunistischen Zeitung »Berlin am Morgen«, die von Bruno Frei als Chefredakteur geleitet wurde, volontiert. Nach den ersten Folterungen in einem Kreuzberger SA-Lokal kam er noch am Tag der Verhaftung in das SA-Gefängnis Papestraße. Vier Tage später wurde er von der SA-Feldpolizei (die Feldpolizei war eine Elite-Einheit der SA mit Merkmalen schwerer Misshandlungen ins Staatskrankenhaus der Polizei gebracht. Dort starb er am 21. März 1933. Seinen Tod meldete die Exilzeitung »Unsere Zeit« am 15. April 1933 unter der Überschrift »Chronik des Terrors«.In Mannheim stürmt die SA jüdische Kaufhäuser, nachdem eine von ihr aufgehetzte Menge in Sprechchören lautstark ihre sofortige Schließung gefordert hatte.   (Literatur: Avraham Barkai u.a., Deutsch-jüdische Geschichte der Neuzeit, S. 196.)

Reichsbankpräsident Hans Luther tritt zurück. Zu seinem Nachfolger wählt der Generalrat Hjalmar Schacht. Die Absetzung Luthers entspricht den Wünschen der von Adolf Hitler geführten Reichsregierung. Luthers Politik der Währungskonsolidierung steht im Widerspruch der von Hitler geforderten Ausweitung der Staatsverschuldung, durch die der Kanzler die geplante Aufrüstung finanzieren will.

In Mannheim stürmt die SA jüdische Kaufhäuser, nachdem eine von ihr aufgehetzte Menge in Sprechchören lautstark ihre sofortige Schließung gefordert hatte. (Literatur: Avraham Barkai u.a., „Deutsch-jüdische Geschichte der Neuzeit“, S. 196.)

 

17. März 1933

Alle Mitglieder der Sektion Dichtkunst bei der Preußischen Akademie der Künste wurden aufgefordert, gegenüber der nationalsozialistischen Regierung eine Treueerklärung abzugeben, Thomas Mann erklärte mit einem Schreiben an den Akademie-Präsidenten Max von Schillings vom 17. März 1933 seinen Austritt. Von der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 blieben Manns Werke verschont, nicht aber die seines Bruders Heinrich Mann und seines Sohnes Klaus Mann.

18. März 1933

Anordnung der Stadtverwaltung Berlin vom 18.3.1933, also vor dem Gesetz vom 7.4.1933, dem “Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentum” :“Jüdische Anwälte und Notare dürfen in Zukunft nicht in Rechtsangelegenheiten der Stadt Berlin tätig sein.”   (Literatur: “Orte des Erinnern, das Denkmal im Bayerischen Viertel”, eine von 80 Gedenktafeln. Hier:   Wartburgstraße 17)

In der Hedemannstraße in Berlin- Kreuzberg wird der aus einer jüdischen Familie stammende, achtzehnjährige Bäckerlehrling Siegbert Kindermann von SA-Leuten zu Tode geprügelt, weil er im Jahr zuvor Nazis angezeigt hatte, die ihn auf offener Straße überfallen hatten.   (Literatur: Antifaschistischer Stadtplan Kreuzberg, a,a,O., S. 15 u. Hans-Norbert Burkert, Klaus Matußek u. Wolfgang Wippermann, “Machtergreifung” Berlin 1933, Berlin 1982, S. 113.)

20. März 1933

Der Film “Der Blaue Engel”, mit triumphalen Erfolgen seit 1930 in Wien, London, Paris und schließlich auch in den USA wurde vom Innenministerium des NS-Regimes verboten.

Der Arbeitsgerichtspräsident Depène ist von den Mitarbeitern des Arbeitsgericht gedrängt worden fünf missliebige Richterkollegen, die Juden oder jüdischer Herkunft waren, vom Dienst zu suspendieren. Am 20. März 1933 schrieb er an die Privatanschriften der Richter, ohne formelle Anrede, mit dem Zusatz „Geheim“: „Die NS-Arbeitsgemeinschaft, die NS-Betriebszelle und der Beamtenausschuss des Arbeitsgerichts haben gebeten, Ihnen mit Rücksicht auf die geänderten Zeitumstände nahezulegen, bis zur Klärung Ihre Beurlaubung zu beantragen. Diese Organisationen gehen davon aus, dass es nicht angängig ist, das in einem nationalen Deutschland fremdblütige Menschen zu Gericht sitzen, besonders nicht beim Arbeitsgericht, da über das Schicksal der Ärmsten, die ihre Stellung eingebüßt haben, entschieden wird“.(Literatur: „Jüdische Richter in der Berliner Arbeitsgerichtsbarkeit 1933“ von Hans Bergemann)

21. März 1933  (Der Tag von Potsdam)

Erste Eröffnung des Reichstages am 21. März, dem Jahrestag der Reichstagseröffnung durch Bismarck 1871, in der Potsdamer Garnisonkirche. Die KPD (4.848.058 Stimmen am 5. März mit 81 Sitzen) war verboten (siehe: 8. und 12. März 1933), die Gesamtzahl der verbliebenen Mandate war nur noch 566, die 2/3 Mehrheit auf 378 Stimmen gesunken.

Konzentrationslager  (KZ) Oranienburg wird errichtet. (Der Vorgänger von Sachsenhausen). Razzien von Polizei, SA und SS. Verhaftete Juden, Kommunisten und Sozialisten  werden häufig  in “wilde KZ’s” gebracht.

Am 21. März nahm die Oranienburger SA-Standarte 208 in der Stadt und in den umliegenden Gemeinden vierzig Kommunisten gefangen. Diese wurden als erste Gefangene in die verlassenen Räume einer ehemaligen Brauerei in der Berliner Straße in Oranienburg gebracht. Das Gelände der Alten Brauerei befand sich in unmittelbarer Nähe zum Stadtzentrum, die Berliner Straße war damals eine belebte Ausfallstraße nach Berlin.  

Die “Machtergreifung“ der Nationalsozialisten 1933 ging mit Staatsverbrechen einher, denen mit dem Verlust an Menschlichkeit, Zivilisation und Kultur Millionen von Menschen zum Opfer fallen sollten. In der spontanen Gründerwelle wurde ein flächendeckendes Netz von Lagern errichtet, wobei vorhandene Gefängnisse, Lager, Klöster und Fabriken umfunktioniert wurden. Das Konzentrationslager Oranienburg ist eine der Einrichtungen in dieser ersten Phase der Verbrechen.

immer noch am 21. März 1933:

Berlin, Boykott jüdischer Geschäfte u. a. in der Potsdamer Straße, Hauptstraße, Rheinstraße, Wittenbergplatz. (Boykott zur Probe)

Der bayerische Ministerpräsident Dr. Held unterschreibt den Befehl zur Gründung eines “Schutzhaftlagers” im Dachauer Moor. Das erste Konzentrationslager wird damit in Bayern amtlich geschaffen. Helds Anweisung ist gegengezeichnet vom Münchener kommissarischen Polizeipräsidenten, Heinrich Himmler. Das Konzentrationslager  hat ein Volumen für 5.000 Menschen. Allein in Bayern werden innerhalb weniger Tage über 10.000 Menschen, Kommunisten und Sozialdemokraten, verhaftet. Die  „Münchner Neueste Nachrichten“ veröffentlichen hierzu am 21. März 1933:

  • In einer Pressebesprechung teilte der kommissarische Polizeipräsidenten von München, Himmler, mit: Am Mittwoch wird in der Nähe von Dachau das erste Konzentrationslager eröffnet. Es hat ein Fassungsvermögen von 5000 Menschen. Hier werden die gesamten kommunistischen und  -soweit notwendig-  Reichsbanner- und marxistischen Funktionäre, die die Sicherheit des Staates gefährden, zusammen  gezogen, da es auf die Dauer nicht möglich ist, wenn der Staatsapparat nicht so sehr belastet werden soll, die einzelnen kommunistischen Funktionäre in den Gerichtsgefängnissen zu lassen. Bei einzelnen versuchen, die wir gemacht haben, war der Erfolg der, dass sie weiter hetzen und zu organisieren versuchen. Wir haben diese Massnachme ohne jede Rücksicht auf kleinliche bedenken getroffen in der Überzeugung, damit zur Beruhigung der nationalen Bevölkerung und in ihrem Sinn zu handeln. (Literatur: „Der Ort des Schreckens“ von Wolfgang Benz)

Der Landesverband Mittelrhein der DNVP schreibt an die Hauptgeschäftsstelle der Partei in Berlin, die wegen der angeblichen “jüdischen Abstammung” eines Arztes, der Mitglied der Deutschnationalen werden möchte, entsprechende Ermittlungen angestellt hatte: “Dr. Hans Wassermeyer ist nicht Jude. Die Familie Wassermeyer ist eine alte christliche Familie Bonns. Auch die Mutter des Dr. Hans Wassermeyer entstammt einer alten christlichen Familie. Somit sind die Vermutungen betr. jüdischer Abstammung des Herrn Dr. Hans Wassermayer absolut irrig. Wie ich allerdings heute festgestellt habe, ist Dr. Hans Wassermeyer, also der Sohn unseres Justizrates Wassermeyer, mit einer Frau verheiratet, deren Vater getaufter Jude ist.”

Am 21. März 1933 verhaftete die SA-Feldpolizei Fränkel, Arzt und Psychologe, in seiner Wilmersdorfer Wohnung und inhaftierte ihn im Gefängnis Papestraße. Während er dort von den SA-Leuten schikaniert und geprügelt wurde, begegnete er dem durch Misshandlungen schwer gezeichneten Mithäftling und Arztkollegen Arno Philippsthal, der kurz darauf seinen Verletzungen erlag. Fränkel konnte am 23. März das SA-Gefängnis verlassen. Er flüchtete sofort in die Schweiz, der ersten Station seines Exils, das ihn über Frankreich und Spanien, wo er für die Internationalen Brigaden als Arzt tätig war, schließlich nach Mexiko führte. Dort starb Fränkel am 21. Juni 1944.Auszug aus einem Brief des Dr. Fritz Fränkel  an die Gesandtschaft des Deutschen Reiches in Bern, wohin er mit seiner Familie geflohen ist:“Am 21. dieses Monats wurde ich von einer Berliner SA – Truppe verhaftet. Es erfolgte eine Haussuchung, bei welcher Akten über Patienten… mitgenommen wurden. Schon in dem ersten SA-Heim wurde ich schwer misshandelt, und zwar mit Peitschen und Gummiknüppeln. Mit einem Riemen erhielt ich einen heftigen Schlag gegen das linke Auge, das jetzt noch blutunterlaufen ist. Es erfolgte die Überführung in eine größere SA – Kaserne in der General – Pape – Straße in Berlin – Schöneberg… Hier wurden die Misshandlungen in grausamer Weise wiederholt. Ich wurde auf eine Holzbank gelegt und der entblößte Rücken so geschlagen, dass das Hemd später klebte. Dann wurde mir…Anzug und Mantel weggenommen. Ich wurde in eine verdreckte Joppe und zerrissene Hose gesteckt. (Ausspruch eines SA-Mannes: Wir haben den Lokus damit gereinigt.)… Die Misshandlungen wiederholten sich die ganze Nacht über, man goss mir, während ich einen anderen fast zu Tode geprügelten Arzt (Dr. Philippsohn aus Biesdorf bei Berlin) untersuchen musste, einen Eimer mit Wasser über den Kopf. Dann erhielt der Schwerverletzte einen Eimer extra. Ich war dauernd wüsten Beschimpfungen ausgesetzt, musste z.B. ständig erklären: Ich bin ein stinkender Jude. Abgesehen von dem persönlichen Leid wirkte schwer auf mich, dass ich die fortgesetzten Misshandlungen von anderen mir unbekannten Menschen mit ansehen musste. Da wurde einem Gefangenen die Haut unter den Fußsohlen mit Feuer abgebrannt, zuerst mit der Zigarette, dann mit Streichhölzern, dann mit einer Papierfackel…Man gab dem vorher erwähnten Arzt schweißige Socken zu kauen. Während der Schreie der Gepeinigten wurde im ersten Stock gesungen und Harmonika gespielt. Am nächsten Tage musste ich trotz heftigster Schmerzen ca. eine Stunde exerzieren, (an einem Kellergang) – Laufschritt, Kniebeugen, Wendungen… Bei der Entlassung wurde mir gedroht, falls ich meine Praxis wieder aufnehmen würde, würde ich am nächsten Tage verschwinden und nicht wieder zum Vorschein kommen. Ferner musste ich mich schriftlich verpflichten, in kürzester Zeit Deutschland zu verlassen und nicht wiederzukehren (auf dem Schein steht: endgültig). Ich fuhr daher Hals über Kopf mit meiner Frau und dem 3 jährigen Kinde in die Schweiz.”(Anmerkung: Dr. Fränkel war im 1. Weltkrieg Frontarzt und hatte das Eiserne Kreuz II. Klasse verliehen bekommen.)

22. März 1933

In Berlin wird der von der SPD gestellte langjährige Reichstagspräsident Paul Löbe verhaftet, mit ihm auch andere leitende Mitarbeiter der SPD.  Löbe ist bis Anfang Juli 1933 im Berliner Gefängnis am Alexanderplatz und in Spandau, dann bis Mitte August im KZ Breslau-Dürrgoy, dann bis Ende Dezember im Gefängnis Berlin-Alexanderplatz.   (Literatur: Philip Metcalfe “Berlin 1933, Lebensläufe zu Beginn des Nationalsozialismus”. Paul Löbe hatte 1925 dem Reichspräsidenten Hindenburg den Amtseid abgenommen. Löbe ist Ehrenbürger von Berlin. An seinem Wohnhaus Rubensstraße 118 befindet sich eine Gedenktafel. )

Das “Hamburger Schauspielhaus” entlässt alle jüdischen Künstlerinnen und Künstler. Bald darauf folgen alle anderen Theater in der Hansestadt diesem Beispiel.   (Literatur: Ursel Hochmuth u. Gertrud Meyer, Streiflichter aus dem Hamburger Widerstand, Rosa-Luxemburg-Stiftung –Gesellschaftsanalyse und Politische Bildung – Seminarmaterialien).

23. März 1933

2. Sitzung des Reichstages (in der Kroll – Oper). 2 Tage nach dem „Tag von Potsdam“ „Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich”  (Ermächtigungsgesetz).Die Regierung wird ermächtigt, vier Jahre lang, alle  Aufgaben durchzuführen, die bisher allein dem Reichstag als der gewählten Volksvertretung vorbehalten waren. In den fünf Abschnitten des kurzen Gesetzes wird der Reichsregierung die Befugnis übertragen:

1. Gesetze zu erlassen

2. den Reichshaushalt selbst zu kontrollieren

3. Verträge mit fremden Staaten abzuschließen

4. Verfassungsänderungen zu beschließen

5. alle diese Regierungsvollmachten unmittelbar dem Reichskanzler zu                     übertragen.

Das Zentrum und  die Staatspartei stimmen dem Ermächtigungsgesetz zu. Es gilt auf 4 Jahre und gibt der Regierung alle Handlungsfreiheit. Es wird mit Vier-Fünftel-Mehrheit angenommen, nur die SPD stimmt dagegen. Jetzt sind wir auch verfassungsmäßig die Herren des Reiches., schrieb Goebbels. (Literatur: “Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei” von Dr. Joseph Goebbels, Eine historische Darstellung in Tagebuchblättern, Zentralverlag der NSDAP, 1937)

Ausweislich des amtlichen Protokolls wurden insgesamt 538 gültige Stimmen abgegeben, 94 Abgeordnete stimmten mit nein. Alle anderen Abgeordneten (insgesamt 444) stimmten für das Gesetz. Entweder geschah dies aus Überzeugung oder aus Sorge um ihre persönliche Sicherheit und die Sicherheit ihrer Familien, aber auch weil sie sich dem Fraktionszwang ihrer Partei beugten. Prominente Beispiele für die letzte Gruppe waren der spätere Bundespräsident Theodor Heuss (Deutsche Staatspartei), der spätere Bundesminister und CDU-Politiker Ernst Lemmer und der erste Ministerpräsident von Baden-Württemberg Reinhold Maier (DStP). Als Hermann Göring das Abstimmungsergebnis bekannt gab, stürmten die NSDAP-Abgeordneten nach vorn und sangen das Horst-Wessel-Lied.

23. März 1933 (siehe auch 1. März und “Im Juni 1933)

Schreiben des Vorstand der Deutschen Studentenschaft an das preußische  Ministerium für  Wissenschaft, Kunst und Volksbildung:

“Sehr geehrter Herr Professor Achelis. Die Studentenschaft der technischen Hochschule in Hannover macht uns darauf aufmerksam, dass der Privatdozent für Philosophie, Herr Dr. Theodor Lessing, immer noch nicht beamteter, außerordentlicher  Professor an der Technischem Hochschule in Hannover ist. Professor Lessing hält zur Zeit keine Vorlesungen, sondern hat einen Forschungsauftrag vom Ministerium erhalten. Die Studentenschaft der Technischen Hochschule hat an den Vorstand der Deutschen Studentenschaft die Bitte gerichtet, in ihrem Namen beim preußischen Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung vorstellig zu werden, dass die Vorfälle, die zu dem Kampf der Studentenschaft der Technischen Hochschule Hannover gegen Professor Dr. Lessing führten, nochmals einer Untersuchung unterzogen werden, mit dem Ziel Professor Dr. Lessing endgültig aus seinem Amte zu entfernen. Der Vorstand der Deutschen Studentenschaft macht darauf aufmerksam, dass im Vorlesungsverzeichnis 1932 Professor Lessing  noch immer als Mitglied des Lehrkörpers der Hochschule aufgeführt wird. Die Deutsche Studentenschaft darf der  Erwartung Ausdruck geben, dass durch die Entfernung Professor Dr. Lessing’s aus dem Lehrkörper der Technischen Hochschule Hannover der Öffentlichkeit gegenüber dokumentiert wird, dass der Kampf, den die Studentenschaft für die Reinerhaltung der Hochschule geführt hat, nunmehr unter einer nationalen Regierung auch die Unterstützung des Staates findet.   . . . “ (Literatur: Akademie der Künste: “Das war ein Vorspiel nur” , Seite 36)

Max Ebel wird bei der Besetzung der Geschäftsstelle der Ambulatorien in der Alexanderstraße von der SA verhaftet, inhaftiert in der General-Pape-Straße, und ist dort kurz danach unter ungeklärten Umständen gestorben. (Literatur: Internet, Ausstellung über das SA-Gefängnis General-Pape-Straße)

24. März 1933

“Ich bringe als ersten Gesetzentwurf die Erklärung des 1. Mai zum nationalen Feiertag des deutschen Volkes durch und werde vom Kabinett mit seiner Durchführung betraut. Wir werden das in größtem Rahmen aufziehen und zum ersten mal das ganze deutsche Volk in einer einzigen Demonstration zusammenfassen. Von da ab beginnt dann die Auseinandersetzung mit den Gewerkschaften. Wir werden nicht eher Ruhe bekommen, bis sie restlos in unserer Hand sind.” (Literatur: Aus den Tagebüchern von Goebbels) (siehe auch 2. Mai mit dem Geheimdokument vom 21. April)

24. März 1933

In Duisburg wird der jüdische Inhaber eines Polstermöbelgeschäftes von SA Leuten und einem seiner Konkurrenten zusammengeschlagen und anschließend in “Schutzhaft” genommen. (Literatur: Avraham Barkai u.a., Deutsch – jüdische Geschichte der Neuzeit, , S. 196.)Erik Jan Hanussen war das Pseudonym von Hermann Steinschneider, der in Wien geboren wurde. Seit seiner Jugend als Wanderkomödiant und Varietékünstler tätig. In einer okkultistischen Sitzung am 26. Februar 1933, bei der unter anderem sein Bekannter Graf Helldorf, der damalige Berliner SA-Führer, anwesend war, »prophezeite« Hanussen den Reichstagsbrand, der am Abend des nächsten Tages gelegt wurde. Am 24. März wurde Hanussen in seiner Wohnung verhaftet und in das Gefängnis Papestraße gebracht. Zwei Wochen später wurde sein Leichnam in einem Waldgebiet südlich der Berliner Stadtgrenze gefunden. Aus den Unterlagen des früheren Berlin Document Center geht hervor, dass Graf Helldorfs Nachfolger, der SA-Führer Karl Ernst, den Befehl zur Ermordung von Hanussen gegeben hatte

25. März 1933

SA-Kolonnen aus Heilbronn brechen in Häuser jüdischer Bewohner Niederstettens sowie in die Synagoge in Creglingen ein und misshandeln ihre in die örtlichen Rathäuser verschleppten Opfer.  Zwei Juden werden dabei getötet: der 67jährige Hermann Stern und der 53-jährige Arnold  Rosenfeld. (Literatur: Saul Friedländer, Das Dritte Reich und die Juden. Die Jahre der       Verfolgung 1933 – 1939, München 2000, S. 54.)

Die New York Times berichtet auf ihrer Titelseite der Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, dem 60.000 Mitglieder angehören, habe eine Erklärung herausgegeben, der zufolge die Berichte über von Nazis an Juden verübte Gräuel „reine Erfindung“ seien. Dass es Antisemitismus in Deutschland gebe, hieß es in der Erklärung, sei zwar besorgniserregend, aber eine innerstaatliche Angelegenheit. „Wir sollten einen energischen Standpunkt gegenüber all denen einnehmen, die auf kriminelle Weise versuchen, die Gestaltung von Deutschlands Zukunft durch ausländische Zeitungen zu beeinflussen“. (Literatur: „Menschen Rauch“ von Nicholson Baker)

26. März 1933

Der Generalsuperintendent Otto Dibelius kritisiert in der Zeitung “Der Tag”, die den Deutschnationalen nahe steht, dass der anglikanische Bischof von New York, Dr. Manning, die antisemitischen Aktionen in Deutschland verurteilt habe: “Wie kommt ein anglikanischer Bischof in Amerika dazu, sich zum Schützer des Judentums in Deutschland zu machen? (Literatur: Ernst Klee, “Die SA Jesu Christi”, S. 27.)

von der Schutzwache des SA-Sturmbannes III-102 (Dresden) wurde die Gemeinde Hainewalde / Sächische Schweiz  besetzt, welche für politische Gefangene ein provisorisches Konzentrationslager einrichtete, in dem zwischen 450 und 1.000 Häftlinge eingekerkert und misshandelt wurden, unter ihnen die Juden besonders. Bereits am 28. März 1933 trafen die ersten Gefangenentransporte ein. Am 10. August 1933 wurde das KZ Hainewalde wieder aufgelöst. Inhaftiert war hier auch für kurze Zeit Axel Eggebrecht. (Literatur: Axel Eggebrecht: “Der halbe Weg, Zwischenbilanz einer Epoche”)

27. März 1933

Kassel, Rechtsanwalt Dr. Max Plaut wird zu Tode geprügelt. (Literatur: Zur Vertreibung und Vernichtung der deutsch-jüdischen Bevölkerung   Nordhessens in der Zeit der NS-Diktatur von Dietfrid Krause-Vilmar: „Am 24. März 1933 abends holten SA-Leute Plaut aus seinem Büro und führten ihn durch die Straßen in das SA-Lokal Bürgersäle in der Oberen Karlsstraße. Nach stundenlangen Mißhandlungen in den Kellern dieser Wirtschaft wurde er schwerverletzt in seine Wohnung in der Wilhelmshöher Allee geschafft. Dort starb er eine Woche später, am 31. März 1933. Seine Frau durfte erst nach der Beerdigung in den “Kasseler Neuesten Nachrichten” den Tod ihres Mannes anzeigen. Kurz darauf verließ sie mit den drei Kindern Deutschland und wanderte in die Schweiz aus“.)

27. März 1933

Eine Woche vor dem offiziellen Boykott vom 1. April ging die gesamte Parteipresse zu einer massiven und konzentrierten antijüdischen Kampagne über; alle Aufmacher waren darauf zugeschnitten. Im Vordergrund stand die Behauptung, gegen die neue deutsche Regierung ergieße sich eine weltweite “jüdische Gräuelhetze”; angesichts dieser Welle sei der geplante Boykott jüdischer Geschäfte in Deutschland eine legitime Gegenmaßnahme. (Literatur: Im “Völkischen Beobachter” und im “Angriff” erschienen Schlagzeilen wie “Der Kampf gegen die Gräuelpropaganda”, “Angriff gegen die Lügenjuden”,  “Boykott! Wir nehmen den Kampf auf”. Ähnlich titelte auch der       “Westdeutsche Beobachter”.)

27. März 1933

Käthe, Katja Niederkirchner wird erstmals verhaftet und anschließend aus Deutschland ausgewiesen, da sie wegen der donauschwäbischen Herkunft ihres Vaters immer noch die ungarische Staatsbürgerschaft hatte. Sie folgte ihrer Familie in die Sowjetunion. In Moskau konnte sie endlich studieren und wurde Sprecherin in den deutschen Sendungen von Radio Moskau. Am 7. Oktober 1943 sprang sie zusammen mit Theodor Winter (Schwiegersohn von Wilhelm Pieck) über Polen ab, um Kontakte zu Widerstandkämpfern in Deutschland herzustellen. Sie wurde von der Gestapo gefasst und in der Nacht vom 27. zum 28. 9.1944 in Ravensbrück erschossen. Literatur: „Das Gedächtnis der Stadt“, am Haus Pappelallee 22 in Prenzlauer Berg ist eine Erinnerungstafel, in diesem Hause wurde sie 1909 geboren

28. März 1933

Die “Frankfurter Zeitung” schreibt unter dem Titel “Auf falschem Wege”: “Wenn die Juden verschiedener großer Länder sich der Hoffnung hingeben sollten, durch die Entfaltung irgendwelcher deutschfeindlicher Propaganda den deutschen Juden zu Hilfe kommen zu können, so müssen wir ihnen sagen, dass sie dabei viel Schaden, aber keinen Nutzen anrichten werden . . .” (Literatur: Peter Longerich “Davon haben wir nichts gewusst”, Seite 61)

28. März 1933

Von 18 Uhr an marschieren ca. 200 SA-Männer durch Göttingens Hauptgeschäftsstraßen und demolieren dabei die Schaufensterscheiben jüdischer Geschäfte. Einzelne Juden werden verprügelt. In der Nacht kommt es zu Plünderungen. Auf Bürgersteigen werden judenfeindliche Parolen wie “Itzig verrecke” und “Du wirst erschossen” gepinselt. Der jüdische Besitzer einer Viehhandlung, Gustav Neuhaus, wird auf einem seiner Schlachterwagen grölend durch die Stadt gezogen.  Während der Fahrt werden auch andere jüdische Geschäftsleute gezwungen, auf den Wagen aufzusteigen. Schließlich dringt der Mob auch in die Göttinger Synagoge ein und beschädigt die Inneneinrichtung sowie ein Glasfenster. An diesen Ausschreitungen beteiligen sich neben Nazis auch “ganz normale Bürger” und vereinzelt auch Kinder und Jugendliche.

29. März 1933

Die Stadt Breslau kündigt die Arbeitsverträge mit insgesamt 28 jüdischen Ärzten, die in kommunalen Krankenhäusern tätig sind. Die Entlassungen treten am 8.4. bzw. am 30.6.1933 in Kraft. (Literatur: Andreas Reinke, Stufen der Zerstörung: Das Breslauer Jüdische Krankenhaus während des Nationalsozialismus, in: Menora. Jahrbuch für deutsch-jüdische Geschichte, Bd. 5, 1994, S. 386.)

30. März 1933

Die NSDAP sendet ein Rundschreiben heraus, das es jeder Ortsgruppe der NSDAP zur Pflicht macht ein Aktionskomitee “zur praktischen, planmäßigen Durchführung des Boykotts jüdischer Geschäfte, jüdischer Waren, jüdischer Ärzte und jüdischer Rechtsanwälte” zu bilden. (Literatur: Tagesspiegel, 14. Sept. 2008: “Die letzte Hoffnung” Seite S 7)

Auch das katholisch orientierte “Bamberger Volksblatt” greift die vermeintlich ausländische Hetze gegen Deutschland  mit der Überschrift “Schluss mit der Gräuelpropaganda” auf und schrieb: “Alle diejenigen in Deutschland, denen es ernst mit ihrem Willen ist, am nationalen Aufbauwerk nach Kräften mitzuarbeiten, stehen geschlossen hinter der Regierung, wenn sie jetzt daran geht, der giftigen Schlange der Verleumdung den Kopf zu zertreten”.

31. März 1933

Die 81 Mandate der Kommunisten werden formell storniert. Schon vorher sind den Abgeordneten der Zutritt zu allen Sitzungen verwehrt worden.

31. März 1933

“Jüdische Richter werden beurlaubt”. (AnO des Reichskommissars der Preußischen Justiz vom 31.3.1933: “Jüdische Richter und sonstige jüdische Juristen, welche bei Gerichten beschäftigt sind, werden zwangsweise beurlaubt. Das Betreten der Gerichtsgebäude ist ihnen verboten.”) (Literatur: “Orte des Erinnern, das Denkmal im Bayerischen Viertel”, eine von 80   Gedenktafeln. Hier:   Wartburgstraße 17)

31. März 1933

Karstadt entlässt in Berlin alle jüdischen Angestellten. Deshalb wird im Gegensatz zum KaDeWe und den Häusern des Tietz – Konzerns das Kaufhaus am Hermannplatz in Berlin-Neukölln vom antijüdischen Boykott des kommenden Tages nicht betroffen sein. (Literatur: Johannes Ludwig, Boykott – Enteignung – Mord, S. 113.)

31. März 1933

Eine große Menschenmenge, bestehend aus SA-Leuten, erscheint vor den Gebäuden des Landgerichts I und des Amtsgerichts in Berlin-Mitte in der Neuen Friedrich- und Grunerstraße und verlangt lautstark die Entlassung aller jüdischen Richter und Beamte sowie die Entfernung jüdischer Rechtsanwälte aus den Gerichtsverhandlungen. (Literatur: Hans-Norbert Burkert, Klaus Matußek u. Wolfgang Wippermann, “Machtergreifung” Berlin 1933.)

31. März 1933

Jüdische Anwälte und Richter werden von SA-Leuten am Betreten der Gerichtsgebäude Berlins gehindert.

31. März 1933

“Nach dem 1.4.1933 entstandene Kosten für die Behandlung bei einem jüdischem Arzt werden von der städtischen Krankenversicherungsanstalt nicht mehr erstattet.” (Literatur: “Orte des Erinnern, das Denkmal im Bayerischen Viertel”, eine von 80         Gedenktafeln. Hier:   Bayerischer Platz 3)

31. März 1933

Am 31. März machten Hitler und sein Reichsinnenminister Wilhelm Frick zum ersten Mal Gebrauch von dem vor einer Woche beschlossenen Ermächtigungsgesetz und erließen ein Gesetz zur Auflösung der Landtage aller Länder, Reichsstatthalter werden eingesetzt. Sie ordneten an neue Landtage ohne vorherige Wahlen zusammen zu stellen. Bereits am 7. April   …   siehe dort

31. März 1933

Aus dem “Schutzverband deutscher Autoren” wurden u.a. ausgeschlossen:

Rudolf Arnheim                                     Axel Eggebrecht

Lion Feuchtwanger                                Magnus Hirschfeld

Dr. Erich Kästner                                  Alfred Kerr

Egon Erwin Kisch, Güntzelstr. 3,            Peter Martin Lampel

Willi Münzenberg,

Im März 1933

Die damals noch intakten Kirchenleitungen waren anlässlich des Judenboykotts und des “Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums” sowie seiner Begleitgesetze gegen jüdische Rechtsanwälte und Ärzte  in dieser Frage gefordert. Appelle und Anfragen aus dem kirchlichen Ausland sowie von zahlreichen Mitgliedern über Menschenrechtsverletzungen dürfen nicht widerspruchslos hingenommen werden. Doch die Kirchenleitungen konnten sich nicht zu Stellungnahmen durchringen. Die Zusammenarbeit mit der vermeintlich so kirchenfreundlichen nationalen Regierung wollte man nicht belasten. Die ausländische Kritik löste vielmehr patriotische Abwehrreaktionen aus. Dibelius‘ Rundfunkrede nach Amerika vom 4. April (siehe dort) ist dafür ein Zeugnis. Die Gründe für das beschämende Schweigen der Kirche lagen jedoch tiefer.

Im März 1933

Max Seydewitz, 1931 Mitbegründer der SAP, Sozialistische Arbeiterpartei, emigrierte. (Literatur: “Gestohlenes Leben” von Susanne Leonhard, Seite 33. Seydewitz: 19. Dezember 1892 in Forst (Lausitz); † 8. Februar 1987 in Dresden) war sozialistischer Politiker und 1950/1952 Ministerpräsident von Sachsen.

31. März 1933

Am Vorabend des Boykotts jüdischer Geschäfte hatte der Propagandaminister Goebbels in einer gehaltenen Rede, so schreibt die      Presse, “mit Recht an die Schamlosigkeiten der Tucholsky und Toller     erinnert, die schmähten und besudelten, was dem Deutschen heilig ist”.

Im März 1933

Den Aktionen der SA-Feldpolizei fielen manchmal auch Denunzierte zum Opfer. So wurde etwa Gerhard Rosenbaum zusammen mit seinem jüdischen Vater, einem Hausverwalter aus Schöneberg, im März 1933 aufgrund von Beschuldigungen eines Hausbewohners verhaftet und ins Gefängnis Papestraße gebracht. Arno Philippsthal,  ein in Biesdorf niedergelassener jüdischer Arzt, kam im gleichen Monat, vermutlich       ebenfalls aufgrund einer Denunziation, in die Haftkeller der SA-Feldpolizei. Der junge Rosenbaum und Arno Philippsthal (Dr. Arno Philippsthal wurde von den Nazis der ärztlichen Hilfeverweigerung beschuldigt. Diese Anschuldigung soll als vorwand für seine Verschleppung in die SA-Kaserne General-Pape-Straße  am 21.3. 1933 gedient haben. Am 3. April erlag er den erlittenen Folterungen. An seinem Wohnhaus, Marzahn, Oberfeldstr. 10 befindet sich eine Gedenktafel) starben beide an den dort erlittenen Misshandlungen.

Im März 1933

Ende März 1933 war Albert Einstein selbst, damals wohnhaft Schöneberg Haberlandstr. 5, seinem Ausschluß aus der Akademie der Wissenschaften zuvor gekommen. Er schrieb: “Die in Deutschland herrschenden Zustände veranlassen mich, meine Stellung bei der Preußischen Akademie der Wissenschaften nieder zu legen. Einstein emigrierte noch 1933 in die USA.

Im März 1933

Max Hirschberg (* 13. November 1883 in München; † 21. Juni 1964 in New York, NY) war ein deutscher Rechtsanwalt jüdischer Abstammung. In der Weimarer Republik wurde er durch zwei politische Prozesse bekannt, in denen er als Strafverteidiger auftrat. Von ihm stammt auch eine bedeutende Kategorisierung von Fehlerquellen der Rechtsprechung (“Genealogie der Rechtsprechung”). Als engagierter Gegner Hitlers wurde Hirschberg im März 1933 in mehr als fünfmonatige Schutzhaft genommen. 1934 floh er zunächst nach Mailand und arbeitete dort bei einem italienischen Anwalt. Im März 1939 emigrierte er nach New York.

Ende März 1933

Im März 1933 hatte Frau Dr. Else Weil, erste Ehefrau von Tucholsky, ihren Mädchen-Namen wieder angenommen. Ihr wurde die kassenärztliche Zulassung wegen ihrer jüdischen Herkunft entzogen; bis zum 25. März 1933 war sie als Ärztin  an der Inneren Abteilung des Krankenhaus Friedrichhain beschäftigt. Es wird vermutet, dass ihr ein „freiwilliges“ Ausscheiden nahe gelegt wurde. (Sie wurde 1942 in Auschwitz ermordet.) Im November 2010 ist in Rheinsberg im Literaturmuseum ihr zum Gedenken eine Ausstellung eröffnet worden. Else Weil ist als „Claire“ in Tuchos Erzählung „Rheinsberg“ bekannt geworden. (Literatur: Tagesspiegel vom 14. November 2010 und Sunhild Pflug „Dr. med. Else Weil“)

Ende März 1933 (evtl. auch in den ersten beiden April-Tagen) tagte in Northeim (Niedersachsen) der Kreisrat und beschloss, dass den Juden alle Aufträge des Kreises genommen, dass sie aus dem Kreisaltersheim entlassen werden und sämtliche Vergünstigungen verlustig gehen sollten.   (Literatur: „Das haben wir nicht gewollt“ von William Sheridan Allen; Originaltitel: „The Nazi Seizure of Power“)

Veröffentlicht unter 1984 Berlin - Stettin auf dem Wasserweg | Kommentare deaktiviert für 1933 Das Jahr der Machtergreifung (1) 30. Januar bis 31. März 1933

1984 Mit dem Sportboot durch die DDR

Berlin – Stettin 1984 auf dem Wasserweg

Wir   – drei Männer aus Berlin –   hatten bereits vor mehreren Jahren, nämlich 1981, beschlossen, auf dem Wasserweg nach Polen, insbesondere nach Stettin, zu reisen.

Die Probleme traten schon bei den ersten Gesprächen mit den polnischen Behörenden auf. „Natürlich können Sie ein Visum erhalten“ wurde uns geantwortet aber „um auf dem Seeweg nach Polen einzureisen benötigen Sie die Einladung eines polnischen Segelclubs“. Da wir in Berlin Mitglieder eines Segelclubs sind, müsste es möglich sein, sich eine Einladung zu verschaffen. Zu diesem Zweck hatten wir einen Brief in deutsch und englisch entworfen und diesen dann an ca. 25 bis 30 verschiedene Orte entlang der polnischen Ostseeküste mit „An den Segelclub in  . . .“ versandt. Drei Briefe kamen mit dem Vermerk der Unzustellbarkeit zurück. Die versehentlich angegebenen Ortnamen in der deutschen Version wurden nicht anerkannt. Diese Briefe wurden noch einmal versandt, nun jedoch mit der gültigen polnischen Ortsbezeichnung.

Jetzt warteten wir auf die Antworten und auf unsere „Einladung“. Nichts geschah, nicht eine einzige Reaktion, keine Einladung. 30 Briefe blieben unbeantwortet. Auch ein späterer Versuch in der gleichen Art   -nun aber über den polnischen Seglerverband-  brachte das gleiche negative Ergebnis.

Keine Einladung   –   kein Visum. Unser Plan war gescheitert.

Doch etwa 1 Jahr später sah ich auf der Berliner Tourismusbörse eine großen polischen Stand, hier wurden Touristen für Polen geworben. Ein hoher polnischer Beamter, der einen Sitz in Ost-Berlin und in Warschau hatte, wollte alles regeln. Ich solle ihm nur unser Problem schreiben, er würde es dann in die richtigen Wege leiten. Inzwischen gab es in Polen Lebensmittelkarten, unser Interesse war gar nicht mehr so stark. „Ich werde dafür sorgen, dass Sie alles erhalten, ausreichend Lebensmittelkarten, jederzeit Diesel für den Motor, frisches Wasser und alles andere, was Sie für den Lebensunterhalt benötigen“. Mit dieser Auskunft versehen, habe ich dann noch einmal nach Warschau geschrieben, eben an den uns bekannten Tourismus-Chef. Ich habe nie eine Antwort bekommen.

Nach weiteren Jahren hatten wir erneut versucht, den alten Plan aufzugreifen. Die Einreisemöglichkeiten sind leichter geworden, ein Visum zu erhalten soll 1984 wieder möglich sein. Die hiesigen polnischen Behörden verlangten jedoch, dass wir uns im voraus für einen bestimmten polnischen Hafen und einen vorher genau festgelegten Tag entscheiden. Das aber ist für Segler, die vom Wind und Wetter hinsichtlich Route und Zeit abhängig sind, nahezu unmöglich.

Die Behörden waren einsichtig. Nach einem Antragsverfahren bekamen wir unsere Visa. Diese berechtigten uns innerhalb unserer Reisezeit einen uns genehmen Hafen anzulaufen. Jedoch mussten wir uns bereits in Berlin auf die Anzahl der Hafentage fest legen. Wir hatten uns für drei Häfen entschieden. Hierfür sollten wir pro Person und Tag DM 30,– im voraus bezahlen. Harald Grabsdorf jedoch war besser informiert. Er war bereits auf normalen Weg in Polen, hatte dort u. a. gezeltet und nur eine Tagesgebühr von DM  13,– bezahlen müssen. Er wusste auch, dass dieses auch für Wassersportler gelte. Das hatte die hiesige polnische Behörde dann auch bestätigt.

Für unsere eingezahlten Beträge erhielten wir nicht, wie eigentlich zu erwarten, Slotys, sondern lediglich DM-Gutscheine, die dannin Polen ausgezahlt würden.

Der direkte Wasserweg Berlin-Stettin über die Havel und Oder ist uns Berlinern verschlossen. Der andere Wasserweg Henningsdorf – Lehnitz – Oranienburger Kanal – Oder Havel Kanal – Schiffshebewerk Niederfinow – Oder ist uns versperrt. Verhandlungen mit polnischen Behörden, diesen Weg für uns Berliner zu ermöglichen, sind schon vor Jahren nicht zum Abschluss gekommen. Für Berliner gelten die gesetzlichen Grundlagen nach dem Vier-Mächte-Abkommen von 1971.

  • Im Viermächte-Abkommen vom 3. September 1971 und dem Abkommen zwischen der Bundesrepublik und der DDR vom 17. Dezember 1971 sind die gesetzlichen Grundlagen für Überführungen von Segel- und Motorbooten von oder nach Berlin über Havel und Elbe geregelt. Im Transitverkehr von zivilen Personen ist im Artikel 13 festgehalten, Sportboote dürfen nur als Decksladung oder im Schlepp befördert werden.

Alle Lastschiffe, die von Berlin nach Hamburg oder Lübeck fahren nehmen gegen eine Gebühr  von etwa DM 300,– Sportboote im Schlepp mit. An der Zollstelle Kladow kann man sich „per Anhalter“ einen Schlepper suchen. Wir brauchten nicht zu suchen, wir hatten mit Herrn Mischke, Kapitän der „Heimatland“,  ein Treff für Samstag, 7. Juli 1984, früh 07.00 Uhr in Kladow verabredet. Dieter und ich (Die Besatzung eines Sportbootes im Schlepp muss nach den Bestimmungen aus zwei Personen bestehen (mehr als zwei Personen ist nicht zulässig, beide Personen müssen gültige Reisepässe haben. Die Pässe der beiden muss der Kapitän der „Heimatland“ verwalten. Während der gesamten Überführung gelten wir als Mitglieder der offiziellen Schiffsmannschaft und werden in die Personalbesetzungsliste der „Heimatland“ eingetragen) sind mit dem „Himmelsbesen“ pünktlich. Nach nur wenigen Minuten kommt die „Heimatland“, voll beladen mit Sportbooten und weiteren fünf Booten im Schlepp. Wir sind das sechste Schiff.

Wir werden angewiesen auf der Steuerbordseite unsere Schleppleine unserem Vormann zu übergeben. In Zweierreihen hängen wir an der „Heimatland“. Bereits nach wenigen Minuten setzt sich unser Schleppzug in Bewegung. Dieter sorgt vorn dafür dass sich unsere 60 Meter lange Schwimm-Schleppleine langsam strafft, ich gebe ihm am Ruder des noch langsam mitlaufenden Motors die notwendige Unterstützung. Beim Anfahren muss unbedingt eine ruckartige, plötzliche Bewegung vermieden werden. Schon nach wenigen Minuten wird der Motor ausgeschaltet. Unser Schleppzug gleitet dahin.

Die Grenztonnen, direkt hinter Brüningslinden auf der Steuerbordseite und die auf der Backbordseite hinter uns liegenden Pfaueninsel werden passiert. Wir fahren in Richtung Sakrow – Potsdam, auf der linken Seite ist Nikolskoe, auf der rechten Seite sehen wir die Heilandskirche auf Sakrow. Sie soll in diesem Jahr mit Mitteln der evangelischen Kirche (Spendengelder aus dem Westen) restauriert werden. Wir fahren natürlich nur auf der zur DDR gehörenden Seite der Havel; die Grenze liegt hier in der Mitte des Fahrwassers.

Sakrow ist zum Süden total abgeschirmt. Eine um die Halbinsel laufende hohe Mauer, zwischendurch gespickt mit Wachtürmen verhindert für die Bewohner die Flucht zum Westen und die Sicht dort hin. Margots inzwischen verstorbener Onkel hatte dort seine „Datscha“, ein kleines an das Wasser angrenzende Grundstück mit einer Laube auf der Nordseite der Halbinsel.  Die Bewohner eines Wasser-Grundstücks auf der Südseite, also gen Westen, hatten die Mauer vor der Nase.

Langsam, mit einer Geschwindigkeit von ca. 10 km/h fahren wir an Sakrow vorbei, in den zur DDR gehörenden „Jungfernsee“. Hier fand 1891 die allererste Segel-Regatta des Potsdamer Yacht Clubs, damals noch „Seglerverein der Unterhavel“, statt. Unser Kurs richtet sich in Richtung Nedlitz, hinter uns die „Brücke der Einheit“, heute wieder „Glienicker Brücke“, links neben uns der „Cecilienhof“, Tagungsort der „Potsdamer Konferenz“ von 1945.

Nur noch wenige Meter bis Nedlitz, der offiziellen Grenzkontrollstelle für die Berufsschifffahrt. Umfangeiche Pfahlanlagen zeigen unserem Skipper den Weg. Die „Heimatland“ reduziert die Geschwindigkeit. Herr Mischke gibt uns zu verstehen, unsere Motoren anzuwerfen, die Schleppleinen einzuholen und neben dem Schlepper längsseits zu gehen. Die „Heimatland“ muss an einer ihr zugewiesenen Stellen an den Pfählen festmachen.

Herr Mischke sammelt unsere Ausweise ein. „Die kriegt Ihr erst wieder, wenn wir die DDR verlassen haben“. Zunächst müssen wir warten. Wir nutzen die Zeit zur Bereitung eines Zweifrühstücks. In der Kajüte duftet es nach frischem Kaffee und gebratenen Eiern. Wir ziehen uns zurück und genießen in aller Ruhe diese Frühstückspause, obwohl, wir sind seit Kladow noch nicht einmal eine halbe Stunde unterwegs gewesen. Nach etwa 20 Minuten werden wir gebeten  an Deck unseres Segelbootes zu kommen. Auf der „Heimatland“ waren inzwischen mehrere Grenzbeamte. Unsere Ausweisbilder werden mit uns verglichen. „Wieviele Personen sind Sie an Bord“? werden wir gefragt. Eigentlich verstehen wir die Frage nicht. Denn zwei Personen müssen die Überführungen zusammen machen und mehr als zwei Personen dürfen es nicht sein. Uns wundert es, dass der Grenzbeamte nicht zu uns an Bord gekommen ist.

In wenigen Minuten sind wir und auch die anderen Sportskipper abgefertigt. Kurz danach werden die Polizisten von ihrem „Wassertaxi“, wie sie es nannten, abgeholt. Wir können wieder weiter fahren. Motor an, ablegen von der „Heimatland“ und kreisen bis unser Schlepper wieder Fahrt auf nimmt. Zunächst werden von Herrn Mischke die Leinen der ersten beiden unseres Konvois backbord und steuerbord übergeben. Diese lassen sich dann langsam zurückfallen bis ihre Leinen straff sind. Dann übernehmen die der zweiten Reihe die Leinen. Wir müssen warten bis auch diese im Schlepp hängen, dann übergeben wir unsere Leinen und lassen uns zurückfallen, fahren unter Motorkraft mit, nach und nach strafft sich unsere Leine. Der Schlepp läuft. Mischke, ständig nach achtern beobachtend, kann nun seine Fahrt aufnehmen. Unser Motor ist aus. Ruhe kehrt wieder ein auf unserem „Himmelsbesen“(„Himmelsbesen“ ist das Segelboot des Autors, eine DUETTA 86, 1983 gebaut von der Werft Dehler)

Ein Grund, endlich unser erstes kühles Bier an Bord zu trinken. „Haste bemerkt“ fragt Dieter nach dem ersten Schluck, „von allen haben wir das beste Manöver gefahren“.

Uns steht ein langer Tag bevor. Obwohl es erst 09.00 Uhr ist wird es warm, ein heißer Sonnentag erwartet uns. Das Tagesziel, so hatte uns Herr Mischke in Nedlitz mitgeteilt, sei Havelberg. Aber zunächst nach Brandenburg. Dort erwartet uns die erste Schleuse. Von Nedlitz bis nach Brandenburg sind es etwa 20 sm (38 km), für diese Strecke werden wir etwa 3 Stunden benötigen.

Wir biegen nach Backbord in den etwa 10 Kilometer langen Sakrow-Paretz-Kanal, passieren den Fahrländer See und queren den Schlanitzsee. Kurz danach unterfahren wir eine Autobahn, den Berliner Ring. Dieser kanalisierte Teil der Havel ist schmal, überall an den Ufern stehen Angler, sie winken uns zu, wünschen uns eine gute Reise und denken sicher mit Wehmut daran, dass wir in den Westen fahren   –  sie dürfen es nicht.

Die Havel, von der mecklenburgischen Seenplatte bis zur Elbe bei Havelberg, ist bei einer Gesamtlänge von 337 km der fischreichste Fluss der DDR und hat auf seiner gesamten Länge nur ein Gefälle von 39 Metern.

Paretz, am Paretz-Niederneuendorfer-Kanal, kommt in Sicht. Das Schloss, einst Lieblingsaufenthalt Friedrich-Wilhelm III und der Königin Luise, können wir allerdings nicht sehen. Fontane liebte diesen historischen Ort besonders, er widmete Paretz in seinen „Wanderungen“ ein breit angelegtes Kapitel.

Brandenburg kommt zur Mittagszeit in Sicht. Der Dom ist schon von weitem zu sehen. Kurz vor der Schleuse werden wir langsamer, Herr Mischke deutet an die Motoren anzuwerfen (Zu den Hinweisen für die Schleppfahrt gehört: Für den Schlepp ist eine mindestens 50 m lange Schleppleine erforderlich. Bei der Schleppfahrt muss Wahrschau auf das Fahrverhalten des Berufsschiffs gehalten werden. Da auf den Transitwegen teilweise starker Verkehr herrscht oder Geschwindigkeitsbeschränkungen vorkommen können und das Schleppfahrzeug plötzlich mit der Fahrt zurückgehen muss, ist ständige Beobachtung des Schleppers erforderlich. In solchen Momenten ist das Schlepptau einzuziehen. Unter Umständen muss sogar der Motor des Sportfahrzeuges angeworfen werden, damit geringe Eigenmanöver  gefahren werden können. Das Abwerfen der Schleppleine kann immer nur  auf Anweisung des Schiffsführers geschehen. Die Leine wird immer nur vom Schleppschiff abgeworfen und niemals vom Sportfahrzeug)., unsere Schleppleinen einzuholen und zu warten bis der Schleusenwärter die Einfahrt in die Schleuse frei gibt. Da starker Betrieb herrscht, legen wir kurzfristig am Ufer an und vertreten uns an Land die Beine. Dann geht es in die Schleuse, hier geht es mit uns etwa 1,70 Meter abwärts.

Nach dem Schleusen wirft der Schlepper als erster die Motoren an, wir müssen zunächst unseren „Himmelsbesen“ mit der Leine an der Kaimauer halten und warten bis die „Heimatland“ aus der Schleuse gefahren ist, damit wir nicht in den Sog dessen Motors gelangen. Danach hängt sich jeder von sechsen in der alten Reihenfolge wieder an.

Nun kommen wir durch Brandenburg. Auf der Backbordseite 11 hässliche, riesige, rauchende Schornsteine der dortigen Stahlwerke, auf den Brücken über uns der Straßenbahn- und Autoverkehr.

Etwa um 13.00 Uhr haben wir Brandenburg verlassen. Während der Fahrt durch den mehrere Kilometer langen und breiten Breitlingssee und Plauer See haben wir gegessen.

Am Ende des Plauer See gibt es zwei Möglichkeiten weiter zu fahren. Entweder in Richtung Westen durch den Elbe-Havel-Kanal oder den kürzeren Weg weiter nach Norden auf der Havel. Die Havel hatte ausreichend Wasser, den Umweg brauchten wir nicht zu fahren. Deshalb lassen wir Plaue backbord liegen, unser Schleppzug richtet seinen Kurs gen Norden zunächst nach Pritzerbe. Vom Plauer See fließt die Havel in mal mehr nördlicher, mal mehr westlicher Richtung durch den Pritzerber See und die Städte Premnitz und Rathenow in Richtung Havelberg. Bis zur Grenze Sachsen-Anhalts gehört hier der Flusslauf zum Naturpark Westhavelland, dem größten Naturpark im Land Brandenburg, der sich vom Beetzsee über den Rhin erstreckt, im Süden mehr von sandigen Hügeln (‚Ländchen‘), im Norden mehr von feuchten Niederungen (‚Luchen‘) geprägt. In dem landschaftlich wunderschönen Teil dieser kurvenreichen Havel  begleiten und begegnen uns immer wieder unsere dortigen Landsleute. Auch hier ständiges Winken und Grüßen. Ein Schleppzug mit vielen Berliner Booten kommt uns entgegen. Die Skipper kommen vom Urlaubstörn von der Ostsee zurück. „Hoffentlich habt Ihr besseres Wetter“ rufen sie uns zu. Tatsächlich, in den vergangenen Wochen hatten wir noch keinen Sommer. Es kann eigentlich nur besser werden  –  so wie heute.

Gegen 15.00 Uhr nähern wir uns der Schleuse Warnitz. Hier wieder die nun ständig geübten Manöver: Motor an, zunächst Leerlauf, Leine einholen, unter Motor hinter der „Heimatland“ in die Schleuse einlaufen, abschleusen, hier um ca. 50 cm, abwarten bis unser Schlepper  der Schleuse verlassen hat und dann hinterher und alle nach und nach sich an den Schlepper anhängen und Motor aus. Wir schleichen dann wieder  durch die Havel-Landschaft, genießen die Sonne und hören nur das an der Bordwand plätschernde Wasser. Auf der Backbordseite ein verfallener Schornstein, oben ein Storch mit seinen Jungen, ein für uns Großstädter seltener Anblick.

Pritzerbe hatten wir passiert, Rathenow kommt in Sicht. Wir werden in der alten Schleuse abgeschleust. Bisher haben wir für die einzelnen Schleusungen immer zwischen 20 und 45 Minuten benötigt, je nach Fülle und Wartezeit. Abschleusen um 1,40 m.

Um 17.30 Uhr Weiterfahrt Richtung Havelberg, zunächst jedoch kommt die Schleuse Grütz, die wir um etwa 18.45 Uhr erreicht haben, um uns ca. 50 cm abschleusen zu lassen. Herr  Mischke erklärt uns wir werden bald Anker werfen und dann dort übernachten. Unser eigentliches Tagesziel, Havelberg, werden wir nicht erreichen.

Kurz vor 20.00 Uhr geht die Heimatland vor Anker. Westschiffe dürfen nicht irgendwo übernachten  –  auch hierfür gibt es exakt vorgeschriebene, gekennzeichnete „nur für Schiffe der BRD“ Ankerplätze.

  • Nach den Bestimmungen der DDR-Behörden dürfen westberliner- und westdeutsche Frachtschiffe nur in der Zeit von einer halben Stunde vor Sonnenaufgang und bis zu einer halben Stunde nach Sonnenuntergang fahren. Zur Übernachtung der Westfahrzeuge sind auf den Transit-Wasserstrassen festgelegte  Übernachtungsstellen eingerichtet.

Mischke weist uns an, ab abzuwarten bis die „Heimatland“ den Anker ausgebracht hat. Dann sollen wir gegen den Strom neben unserem Schlepper, steuerbord drei und backbord drei, längsseits gehen. Die Havel hat heute eine Strömung von etwa 1 kn (knapp 2 km), wie wir nach dem Festmachen an unserem Log ablesen konnten.

Wie die Küken hocken wir nun bei abendlicher Stille neben unserer „Klucke“. Nach unserem Abendessen (Auch für die Ausrüstung der Sportfahrzeuge gibt es Bestimmungen. Hiernach ist für die Fahrt durch die DDR das Sportfahrzeug mit Wasser und Lebensmitteln  für mindestens eine Woche auszurüsten. Einkaufsmöglichkeiten gibt es nur an den von den DDR-Behörden vorgeschriebenen „Landgangstellen“. Die Mehrzahl der westberliner- und westdeutschen Berufsschiffer lehnen das Anfahren dieser Landgangstellen ab).  gehen wir einer herrlich zu erwartenden Nacht entgegen. Wir wissen: pünktlich um sechs am nächsten Morgen werden wir wieder ablegen.

Während der Nacht, in einer Entfernung von etwa 150 Metern legt sich ein Wachboot der Volkspolizei vor Anker. Erst später erfahren wir, die Polizei hat nicht uns beobachten wollen. Ihre Aufgabe war es zu verhindern, dass die eigenen Landsleute evtl. zu unserer Gruppe an Bord geschwommen kommen.

Gute 11 Stunden sind wir heute im Schlepp gewesen, ganze 50 sm hatten wir seit Kladow zurückgelehnt. Es war das erste Mal, dass ich in der „Zone“ übernachtete. Bei sternenklaren Himmel quakten neben uns einige Frösche.

Pünktlich um 5.50 Uhr klingelt unser Wecker. 8. Juli 1984, Sonntag früh. Die Volkspolizei hatte ihren Ankerplatz bereits verlassen. Der Kuckuck ruft und die Morgennebel steigen, über uns einige Raubvögel. Aber dafür wir haben keine Zeit, zunächst einmal den Motor anwerfen, damit er sich warm laufen kann. Noch im Schlafanzug bereiten wir auf die Schnelle einen Kaffe, für Dieter jedoch einen Tee.  Und schon geht die Unruhe los. Um 06.15 Uhr legen wir ab. Wir kreisen, warten bis unser Schlepper die Anker gelichtet hat und Fahrt aufnimmt, hängen uns an  -immer noch im Schlafanzug-  und setzen unsere Fahrt in Richtung Havelberg fort. Unser heutiges Ziel soll Lauenburg, etwa gegen 20 / 21.00 Uhr sein.

Alles läuft trotz der kurzen Nacht wieder wie geplant. Jetzt haben wir Zeit  -einer nach dem anderen-  für die Morgentoilette und für die Vorbreitung unseres Frühstücks.

Die nächste Schleuse naht: Garz, dort etwa um 07.15 Uhr  Abschleusen ca. 80 cm.

Dann Weiterfahrt nach Havelberg. Havelberg kommt in Sicht. Rechts und links erscheinen Häuser, Straßen und frühe Sonntagsausflügler. Das Kloster mit seiner mehr als tausendjährigen Geschichte sehen wir nur kurz. Schon ist die Schleuse da, „Schleppzug-Schleuse-Havelberg“. Hier geht es mit uns zum ersten Mal aufwärts, 1,20 Meter. 20 Minuten später, 09.15 Uhr, ist die Havel zu Ende, die Havel fließt in die Elbe.

Eintragung in unser Logbuch:

09.15 Uhr „Himmelsbesen“ zum ersten Mal auf der Elbe.

Ein Blick auf die Karte zeigt uns, jetzt geht es immer Nord-West. Die „Heimatland“ dreht auf. Bisher mussten auf der Havel die vielen Geschwindigkeitsbegrenzungen eingehalten werden., Jetzt fährt Mischke auf der breiten, sich dahin schlängelnden Elbe mit 7 bis 8 Knoten. Die Rumpfgeschwindigkeit unseres Schiffes wird überschritten. „Geht das gut?“ überlegen wir, hält der Hahnepott, hält die Schleppleine, halten die Klampen? Aber wir haben und bekommen auch keine Probleme. Vor jeder neuen Kurve der Elbe sind Sandbänke. Herr Mischke fährt sie stets großräumig aus, damit der lange Anhang reichlich Raum zum mitsteuern hat. Dieser Teil unserer Überführung ist nicht so interessant, die Entfernungen zum rechten und zum linken Ufer sind relativ groß. Wir kommen durch keine Dörfer, durch keine Städte. Auch die Ufer sind leer, sind Angler, keine Wassersportler. Das einzige was wir abwechselnd mal steuerbord mal backbord zu sehen bekommen sind die Kilometersteine. Bei Stromkilometer 524 sind wir auf die Elbe gefahren.

Auf unserer Strecke der Havel haben wir bis zur Einfahrt auf die Elbe sechs Schleusen passiert. Brandenburg, Banitz, Rathenow, Grütz, Gartz und Havelberg.

Jetzt fahren wir schon zwei Stunden auf der Elbe und sind bei Kilometerstein 454. Es ist Zeit mal unser Log zu überprüfen. Die Geschwindigkeit des Stromes schätzen wir auf 2 kn. Unsere Messungen am Gerät, den Strom-Kilometersteinen und der Uhr ergeben, unser kurz vor der Überführung eingebautes Log zeigt richtig an.

Wittenberg; Wir durchqueren die Stadt, unterfahren zwei Brücken, die Elbe auch hier kurvenreich. Von der historischen Stadt sehen wir fast gar nichts. Die großen Hafenanlagen deuten jedoch auf einen größeren Umschlagplatz hin.

Und immer, immer weiter. Es wird 12.30 Uhr. Von vorn erhalten wir die Anweisung, die Motoren anzuwerfen, jedoch die Leinen noch nicht einzuholen sondern nur „kurzstag“ zu nehmen. „Was meint der Alte blos?“ fragen wir uns. Plötzlich kommt von der Heimatland ein Horn-Signal „Lang – kurz – kurz“. Aha, „Wende über Backbord“. Unser Schlepper dreht auf der Stelle hart nach links, nimmt die Fahrt zurück, fährt nun gegen den Strom, wird noch langsamer, stoppt und lässt den Anker fallen. Wir gehen längsseits. Auf unsere Frage beantwortet Mischke. „Hier ist Cumlosen, hier ist die Grenze“. Wir liegen neben ihm, stromaufwärts gerichtet mitten in der Elbe und lesen am Ufer am Stromkilometerstein „469“.

Herrn Mischke fragt uns, ob wir denn so etwas noch nie gemacht haben. Wir haben nicht. Wir fahren doch zum ersten Mal im Schlepp durch die DDR. Unser kurz vor dem unerwarteten „lang – kurz – kurz“ angefangenes Mittagessen haben wir nun während der Wartezeit fortgesetzt. Mit ihrem Wassertaxi erscheinen die Grenzpolizisten, auch hier wieder nur kurze Kontrolle der Bildern mit unseren Visagen, wieder kein Besuch auf unseren Sportbooten. Kontrolle beendet.

Während der Pause, längsseits liegend, stellen wir anhand des Logs fest, der Strom läuft tatsächlich mit 2 kn. Jetzt haben wir die Richtigkeit unserer Logmessung.

Der Aufenthalt dauert kaum mehr als 20 Minuten. Unser Skipper weist uns an, die Leinen langsam auslaufen zu lassen, durch den Strom fallen wir zurück, wieder auf die volle Länge des Schleppzuges von ca. 200 Metern. Die „Heimatland“ lichtet den Anker, dreht in sehr großen Bogen nach Backbord auf unsere alten Kurs strom-abwärts.

Wir verlassen die „Zone“.

Nun geht es weiter Richtung Lauenburg. Um 17.15 Uhr passieren wir Hitzacker beim Stromkilometer 524. Um 20.55 treffen wir in Lauenburg, Stromkilometer 573, ein. Wir lagern direkt an der Schleuse. Auf dem Motorboot, Dieter nennt es Motorquaze, klönen wir mit Herrn Ramba und Frau Zamba. Auf der Elbe sind wir ca. 150 Kilometer im Schlepp gezogen worden.

Montag, 9. Juli 1984, Lauenburg 06.00 früh. Wir fahren in diese Schleuse zum „ “ ein, jetzt sind wir nur noch 5 „Anhänger“. Ein Sportboot ist auf der Elbe geblieben, es will direkt nach Hamburg weiter mit eigener Motorkraft.

In die Schleuse passen 2 Schlepper und vier Sportboote hinein, wir als 5. Sportboot müssen hinten quer liegen. Mit uns allen geht dann 4,50 m hinauf. 06.45 Uhr Schleusung beendet. Wieder dann alte Ritual, langsam aus der Schleuse mit eigener Motorkraft, nach und nach anhängen, die „Heimatland“ nimmt wieder Fahrt auf.

07.57 Uhr: Schleuse Witzeeze, ab 2 Meter

Der Elbe-Lübeck-Kanal hat eine Länge von 62 Kilometern. Die Schleusenzeiten sind aufeinander in Anpassung der vorgeschriebenen Geschwindigkeiten und der Entfernungen von Schleuse zu Schleuse abgestimmt, so dass es möglich ist die Strecke von der Elbe bis nach Lübeck an einem Tag zu schaffen.

11.15 Uhr: Schleuse Donnerschleuse, wir werden um 6 m !! abgeschleust. Die Donnerschleuse, seit 1898, befindet sich in Neu-Lankau, die nach dem Prinzip des Lübecker Ingenieurs und Wasserbauinspektors Ludwig Hotopp ausschließlich mit Wasserkraft und damit erzeugter Über- und Unterdruckluft betrieben wird.

12.15 Uhr: Schleuse Behlendorf, ab 2 Meter

12.50 Uhr: Schleuse Berkenthin, ab 1 m

14.10 Uhr: Schleuse Krummessee, ab 2,20 m

15.10 Uhr: Schleuse Büssau, ab 2 m; Büssau ist bereits ein Ortsteil von Lübeck, die Stadt kommt in Sicht, die Türme vom Holstentor sind zu sehen. Bis zu Charly in Travemünde sind es noch ca. 20 km.

17.10 Uhr: Montag, 9. Juli 1984. Wir legen bei Charly (Segel-Club-Travemünde) in Travemünde an.

Dieter und ich lassen unser Segelboot allein, wir fahren nach  Berlin mit der Bahn. Wir beschließen zusammen mit Harald das Boot am 21.7.1984 Segelklar zu machen, den Mast zu stellen, noch notwendige Ausrüstung zu beschaffen und unseren Weg nach Stettin über Rönne am 22. Juli 1984 fortzusetzen.

22. Juli 1984, 17.30,

nach der Verzollung brechen wir auf. Vorbei an der Ansteuerungstonne Trave (18.52 Uhr), über den „Lübeck-Gesdser-Weg“ und über die „Kadett-Bank“ bis Rönne. Dort legen wir im Südhafen am 24. Juli 1984 um 10.00 Uhr an.

Von Travemünde bis hierher sind wir 182 sm gesegelt.

Nach zwei sehr schönen Ruhetagen auf Bornholm beschließen, abgehend von Rönne, nach Swinoujscie auszulaufen. Für die etwa 75 sm lange Strecke müssen wir vorsorglich 15 – 19 Stunden Fahrt einkalkulieren. Wir wollen in Polen nicht an einem späten Abend eintreffen, uns ist es lieber die Zeit so zu planen, dass wir an einem Vormittag ankommen können. Damit sind wir gezwungen am Nachmittag Bornholm zu verlassen und in einem „Nachtritt“ nach Polen zu gehen.

Donnerstag, 26. Juli 1984, 18.00 Uhr wir legen ab. Wir, das sind unverändert

  • Harald Grabsdorf
  • Dieter Heine
  • und Eckehard Leuschner

Wir müssen auf See mit Windstärken 5 bis 6 rechnen, zu erwarten ist, dass er weiterhin aus N – NE wehen wird, wie den ganzen Tag schon. Das würde für uns bedeuten mit einem Schlag direkt bis nach Swinemünde zu kommen, müssen jedoch starke Welle erwarten.

Mit einem Reff und unserer kleinen Fock verlassen wir Rönne rwk 198°. Er draußen merken wir wie hoch die Welle tatsächlich steht. Das Schiff wird hin- und her gerüttelt, es vibriert, läuft schwer im Ruder und bringt Nervosität in die Crew. Deshalb bergen wir gleich nach dem Auslaufen das Groß-Segel und laufen nun, nur mit der Wendefock mit beinahe achterlichen Wind viel, viel ruhiger  als bisher. Wenn die Windrichtung in den nächsten Stunden so bleibt können wir so direkt bis nach Swinemünde kommen.

Wir hatten uns ein eigenes Wachsystem für die Überfahrt nach Polen erkoren. Einer wird Wache haben, Vollwache, wie wir es nannten, einer nur Halbwache und der Dritte hat frei. Nach einem dreistündigen Rhythmus wird abgelöst. Einen „Wach-Fahrplan“ hängten wir als Aushang an die Toilettentür.

Mit Hilfe der „vierten Hand“, dem Autohelm, ist es dem Wachgänger möglich sich frei im  Schiff zu bewegen, sich während der Wache einen Kaffee zu kochen, die Navigation anhand der Karte durchzuführen und andere anfallende Arbeiten zu erledigen. Der Wachgänger muss nicht ständig „am Rohr“ stehen, er braucht ab und zu den Autohelm und den Kurs zu kontrollieren. Die „Halbwache“ muss jederzeit bereit sein einzugreifen.

Nach etwa 20 Minuten können wir hinter uns rückblickend Bornholm nicht mehr sehen, dunkle Wolken sind aufgezogen. Harald als Wachgänger hat keine Sicht mehr nach achtern. Ich habe „Halbwache“, Dieter ist schlafen gegangen. Nach einer weiteren halben oder ganzen Stunde hat Harald wieder klaren „Rückblick“, deutlich hinter uns ist Bornholm mit der Silhouette von Rönne zu sehen.

Wir fahren unverändert nur mit der Wendefock, haben dennoch eine Geschwindigkeit von 4,5 kn.

Wir wissen, im Laufe der Nacht werden wir über zwei große Sandbänke segeln, über den „Adler Grund“ und über die „Oder Bank“. Bei diesen beiden Bänken wird die Wassertiefe nur etwa 12 bzw. 8 Meter sein. Normalerweise beträgt die Tiefe auf unserer Strecke etwa 24 Meter. Wir lassen unser Echolot ständig mitlaufen, so können wir jederzeit ablesen, wenn sich die „normale“ Wassertiefe verändert.

Etwa um 21.00 Uhr, ich habe gerade die Wache übernommen, kommen wir zum „Adler Grund“, es ist längst dunkel, dennoch klarer Sternenhimmel. Das Log zeigt unverändert die Geschwindigkeit mit 4 bis 5 kn an. Unsere Bordbeleuchtung ist eingeschaltet, im Schiff wird immer wieder Strom benötigt, wir müssen deshalb ständig den Batterie-Stand kontrollieren (ich habe nur eine Batterie an Bord). Bisher sind wir etwa 3 Stunden gesegelt und haben knapp 15 sm geschafft. Die See beruhigt etwas, dennoch müssen wir uns in der Kajüte noch immer festhalten.

Als Dieter um 24.00 Uhr die Wache übernimmt verlassen wir den „Adler Grund“, das Echolot zeigt langsam wieder „normale“ Tiefen an. Da die Batterie absinkt wirft Dieter den Motor an, der läuft zum Füllen der Batterie im Leerlauf für eine halbe Stunde mit, die Batterie hat dann wieder den vollen Ladezustand erreicht.

Vor uns, in weiter Ferne sehen wir eine Armada von Lichtern, zunächst können wir es nicht deuten, auch mit dem Fernglas erhalten wir keine Klarheit. Wir benötigen noch beinahe eine Stunde, bis wir erkennen, dass es sich um eine Vielzahl von Fischerbooten handelt. Den Autopiloten schalten wir aus, wir fahren mit „der hand am Rohr“ durch die fischende Armada, stets auf der vorgeschriebenen Seite, im großen Abstand. Wir sind im internationalen Gewässer, die Nationalität der Fischer können wir nicht ausmachen, nachts wird keine Landesflagge gefahren.

Wir sehen hinter der Kimm den Schein eines Feuers, wir sind noch viel zu weit weg, eine Kennung ist in diesem Zeitpunkt nicht auszumachen. Das Licht wirkt wie ein Scheinwerfer, der in unregelmäßigen Abständen über den Himmel läuft. Dennoch wissen wir, es ist der 39 m hohe Leuchtturm der „Greifswalder Oie“.

Freitag, 03.00 Uhr. Ich habe Freiwache und lege mich schlafen. Harald ist wieder „dran“. Später lese ich im Logbuch: Kurz nach dem Wachwechsel wandelt sich der Schein, das Feuer wird erkennbar und die Kennung festgestellt. Durch „Feuer in der Kimm“ ist eine genaue Abstandsmessung zum Leuchtturm möglich. Es ergibt 16,1 sm Es stimmt genau überein mit unseren Eintragungen auf der Seekarte und mit unserem Log.

Seit Rönne sind wir nun 43 sm gefahren, die Wassertiefe sinkt, wir haben die „Oder Bank“ erreicht. Nach weiteren 40 Minuten Eintragung im Logbuch: 04.20 Uhr Das Wasser wird tiefer, wir haben die „Oder Bank“ übersegelt.

06.00 Uhr. Drei Stunden Wache in der Nacht vergehen langsam, sind anstrengend und nur mit Mühe zu überstehen. Aber drei Stunden Schlaf in der Nacht sind einfach zu wenig. Unbarmherzig ruft der Wachgänger  zur Ablösung. Ich muss die Wache übernehmen. Das weit draußen liegende Torfeuer Swinemünde haben wir bereits passiert. Während der ganzen Überfahrt gab es keine Positionsprobleme. Bereits vor einer Stunde hatten Dieter und Harald die Ansteuerungstonnen und die Grenztonne der DDR in großem Abstand erkennen können und den Kurs genau Süd zur einfahrt Swinemünde festegelegt. Wir wollten und mussten vermeiden, zu dicht an die DDR-Gebiete zu fahren. Aus diesem Grunde hatten beide, Dieter und Harald gemeinsame Wache gehalten.

Vor uns, wie exakt gezeichnet und errechnet, der Schifffahrtsweg nach Stettin, Steuerbord neben uns die Grenze zur DDR, wir fahren auf einem gut ausgetonnten Weg nach Polen. Von achtern läuft eine Fähre auf, wir erkennen bald die „Ystadt-Swinemünde-Linie“. Eine bessere Bestätigung der Navigation können wir nicht finden.

Ich hole die Details-Karten für die Einfahrt nach Swinemünde und das Hafenhandbuch hervor und studiere das Material. Der „Himmelsbesen“ läuft noch immer, wie am Abend vorher mit der Wendefock und dem Autopiloten. Die Erläuterungen im Hafenhandbuch lassen zu wünschen übrig. Ein sonst üblicher Hafenplan ist nicht vorhanden. Einfahrende Schiffe müssen, Zitat: „bei der Signalstelle, die sich auf der Galeriowa-Bake befindet,  bei Dunkelheit den Schiffsnamen mit dem Scheinwerfer angeben.“ Nach der Seekarte befindet sich das Oberfeuer Galeriowa auf der Steuerbordseite, einfahrend. Dort aber ist nichts zu sehen.

Dieter hat seit 06.00 Uhr Freiwache und schläft. Jetzt ist es 07.45 Uhr. Wir laufen in Swinemünde ein. Wir Harald und ich beschließen gegen die üblichen Gepflogenheiten Dieter zu wecken. Wir sind doch alle, der „Himmelsbesen“, Harald, Dieter und ich zum ersten mal auf dem Wasserweg beim Eintritt hinter dem „Eisernen Vorhang“, bei der Einfahrt in einen Hafen des Ostblocks.

Nun laufen wir in die Swine, immer noch unter Segel. Drei Augenpaare suchen steuerbord die Abfertigungsstelle. Tonnen weisen uns darauf hin, dass wir gar nicht an die rechte Seite heranfahren können. Plötzlich ruft Harald: „Drüben links winkt einer energisch“. Wir sind gemeint. In aller Ruhe werfen wir den Motor an, bergen die Segel und bereiten alles zum Anlegen vor, drehen solange auf der Swine Kreise bis das Schiff aufgeklart ist. Dann legen wir an. Wir harren der Dinge, die auf uns zukommen werden.

Es ist 08.30, wir sind in Polen, nach 70 sm und 12,5 Stunden ab Rönne sind wir am Ziel.

Wie lange haben wir von Berlin gebraucht?

Überführung Berlin – Travemünde 58 Stunden, 152 sm

Travemünde – Swinemünde 40 Stunden, 190 sm

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98 Stunden, 342 sm

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(342 sm sind rd. 635 km)

der direkte Weg Berlin – Stettin wäre  180 km


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1995 Segeln an der polnischen Ostseeküste

Segeln an der polnischen Ostseeküste

Eine Reisebeschreibung eines Segeltörns 1995 an der polnischen Ostseeküste.

Trzebiez (Ziegenort)

Swinoujscie (Swinemünde)

Dziwnow (Dievenow)

Kolobrzeg (Kolberg)

Darlowo (Rügenwalde)

Ustka (Stolpmünde)

Leba (Leba)

Wladyslawowo (Großendorf)

Hel (Hela)

Gdynia (Gdingen)

 

Text © 1997/8 Eckehard Leuschner

Adaption fürs Internet © 1998 Matthias Leuschner

 

Trzebiez (Ziegenort)

Lage: 53° 39,20′ N
14° 31,20′ E

Seekarten: D 1514, Pl. 22

Trzebiez liegt im südlichen Teil des Stettiner Haffs. Eine vor gelagerte künstliche Insel schützt den Hafen bei jedem Wetter vor Wind und Seegang.

Zollhafen

Dieser Ort ist Zollhafen für alle Schiffe, die von oder nach Deutschland über das Haff ein- oder ausreisen. Schiffe, die nach Swinoujscie wollen oder von dort kommen brauchen die Grenzkontrolle im SE-lichen Bereichs des Hafens nicht anzulaufen.

Ansteuerung

Der Ort kann sowohl vom Süden, also von Stettin kommend, wie vom Norden, aus dem Haff kommend, leicht angefahren werden.

Süd-Ansteuerung:

Von Stettin kommend fährt man die Oder in nördlicher Richtung bis zur grünen Tonne 15. Hier biegt man mit Kurs 301° vom Hauptfahrwasser ab und fährt durch die betonnte Nebenfahrrinne, ca. 30 m breit und 3 m tief direkt auf die SE – Hafeneinfahrt zu, hierbei passiert man das Tonnenpaar „TS-1 / TS-2“.
Das Richtfeuer

U.F: Oc. 5 s, 4 sm, 12 m (1,5)+3,5 s
O.F: F. 4 sm, 16 m

führt in den Hafen hinein.

Nord-Ansteuerung:

Vom Norden kommend weicht man bei dem Brama Torowa 3 vom Hauptfahrwasser der Oder mit Kurs 150° in das ebenfalls betonnte Nebenfahrwasser ab und kann direkten Kurs auf die NW – Hafeneinfahrt nehmen.

Ab der Tonne „TN-A“ beginnt eine ausgebaggerte Rinne von ca. 30 m, die nur an der Stb.-Seite betonnt ist. Das Richtfeuer

U.F.: Oc.Or 8 s, 10 sm, 14 m (1,5) + 3,5 s
O.F.: Oc.Or. 8 s, 14 sm, 20 m

führt ebenfalls direkt in den Hafen hinein.

Achtung ! Warnung ! Die Wassertiefe unmittelbar neben dem Tonnenstrich nimmt rapide ab. Die Gefahr des Auflaufens ist groß.

Wir selbst, das sind

Eckehard Leuschner

Diethelm Heine

Peter Wallner

an dem Törn haben streckenweise auch teilgenommen

 

Matthias Leuschner

Peter Heine

mit einer Duetta 86 vom „Potsdamer Yacht Club e.V.“, Berlin kommen aus Berlin über den Oder-Havel-Kanal und die Oder nach Trzebiez, stellen hier den Mast und beginnen dann unsere Segeltour.

Liegeplätze:

Liegeplätze sind ausreichend im nördlichen Teil des Yachthafens, dem Sportboothafen vorhanden. Man legt sich hier an Mooringbojen mit dem Heck oder dem Bug zum Kai. Die Wassertiefen in diesem Teil des Hafenbeckens betragen über 3 m.. Der Hafen ist Ausbildungszentrum des Polnischen Seglerverbandes.

Versorgungsmöglichkeiten:

Im Yachthafen erhält man Wasser, Diesel gibt es in dem nur einige hundert Meter entfernten Fischerhafen. Wenn wir vom Sporthafen zu der Tankstelle im Fischereihafen fahren bitte nie das Setzen der Nationale vergessen. Bei dieser – wenn auch sehr kurzen Strecke – muss man am Zoll-Grenzpunkt vorbei fahren. Die Polen erwarten die Einhaltung der Yachtgebräuche.

Am Südende des Hafenbeckens befindet sich ein Restaurant in dem man gut und preiswert essen kann. Speisekarten gibt es neben polnisch auch in deutsch. In diesem Lokal kann man auch in deutscher Währung bezahlen.

Einkaufmöglichkeiten gibt es in dem kleinen Ort, nur etwa 300 bis 500 m vom Yachthafen entfernt, allerdings sind hier nur kleinere Läden vorhanden.

Sanitäranlagen:

In dem Gebäude der Segelschule gibt es gute Toiletten und Duschen. Schlüssel erhält man beim Hafenmeister. Auf dem Gelände befindet sich auch ein Telefon, mit Telefonmünzen kann man von hier leicht nach Deutschland telefonieren. Telefonmünzen gibt es bei der Post, auch haben wir einige in dem Restaurant gleich am Hafen erhalten.

Dziwnów (Dievenow)

Lage:

54° 01,60′ N
14° 43,60′ E

Seekarten: D 60, D 61, D 151, PL 202, PL 301

Distanz Swinoujscie – Dziwnów: 19 sm

Zwischen Swinoujscie und Kolobrzeg etwa auf der halben Strecke.

Das Dorf liegt am Ostufer des gleichnamigen Flusses Dziwna, der 35 km lange östliche Mündungsarm der Oder. Dieser Fluss kommt aus dem Stettiner Haff (und trennt die Insel Wolin vom Festland.

Ansteuerung:

Leucht-Glockentonne „DZI“:

54° 04,00′ N
14° 42,00′ E
r-w. skr. gestreift (LFl. 10 s) 
Bakenförmig mit r. Ball

Die Einfahrt ist von See kommend kaum auszumachen, erst kurz vor der Einfahrt erkennt man die Molenfeuer. 

Von der Tonne fährt man mit rwK 142,5 in den Hafen hinein und hält zunächst beim Kapitanat auf der Ostseite gleich zu Beginn der Einfahrt.

Direkt vor den Molenköpfen muss man wegen der Strömung besonders vorsichtig sein. Bitte halten Sie ausreichenden Abstand vom westlichen Molenkopf.

Ostmole: Betonpfeiler, 10 m, F. R. Westmole: Betonpfeiler, 10 m, F. G

Auch dieser Ort neigt, wie die meisten Häfen an der polnischen Ostseeküste zur Versandung. Das Kapitanat befindet sich auf der Ostseite der Dziwna gleich zu Beginn der Einfahrt.

Liegeplätze:

Im Ostteil des Fischereihafen.

Update: Marina Polmax

Versorgungsmöglichkeiten:

In unmittelbarer Nähe des Fischereihafens befinden sich Einkaufsmöglichkeiten. Restaurants sind im Innern des Ortes, etwa 1,5 km vom Liegeplatz entfernt.

In einer circa 1.000 m entfernten Tankstelle landeinwärts, direkt am Fluss, ist Diesel zu erwerben. Im Fischereihafen gibt es Strom und Wasser. Um mit dem Schiff zur Tankstelle zu kommen, muss man den Fluss aufwärts fahren und eine Brücke passieren, die vier mal täglich geöffnet wird. Diese Brücke verbindet die Insel Wolin mit dem Festland.

Sanitäranlagen:

Sind in einem kleinem Gebäude neben dem Hafenmeister vorhanden, diese sind sauber und ordentlich. Einen Schlüssel erhält man vom Hafenmeister.

Zum Ort:

Der kleine Fischerort mit Sol- und Moorbad gehört ebenfalls seit 1945 zu Polen und heißt heute Dziwnów, Woiwodschaft Szczecin.

Kolobrzeg (Kolberg)

Lage:

54° 11,20′ N
15° 33,10′ E

Seekarten: D 60, D 61, D 145, D 151, PL. 202, PL. 301

Distanz von Dziwnow 32 sm

Ansteuerung:

Leuchttonne „KOL“(Blk. 10 s) 54° 13,22′ N
15° 31,55′ E
r-w. skr. gestreift,
bakenförmig mit r. Ball

Von dieser Tonne fährt man mit 148° in Richtung auf die deutlich erkennbaren Getreidesilos. 

Nach dem Einfahren in die Parseta (Persante) liegt auf der ostseite der Leuchtturm: roter Turm mit Kuppel, schwarzem Dach, nahe der Ostmole

Ubr. (2)-12 s, (1)+2+(1)+8 s, 18 sm, 36 m

Ostmole: weißer Pfahl mit rotem Band, F.r., N.S.: Mo „K“- 1 Min.

Westmole: weißer Pfahl mit grünem Band, F. gn

Liegeplätze:

Im Yachthafen. Hier liegt man gut.

Es ist der einzige polnische Hafen, bei dem man vom Hafenmeister Informationen über den Yachthafen, über die Angebote der Hafenmeisterei, über Liegegebühren und über den Ort erhält.

Besonderheiten:

Bei starkem Seegang und Starkwind aus westlichen und nördlichen Richtungen sollte man den Hafen nicht anlaufen, entstehende Strömungen sind nicht erkennbar und deshalb gefährlich. Hinzu kommt die Möglichkeit von entstehenden Grundseen.

Achtung Sperrgebiete:

Bitte unbedingt die in den Seekarten vermerkten Sperrgebiete beachten. Informationen über Sperrung oder über freie Passierbarkeit erhält man beim Hafenmeister. Es gibt auch die Möglichkeit schon vor Beginn des Törns sich zu erkundigen bei

Bundesamt für Seeschiffahrt und Hydrographie
Dierkower Damm 45
18146 Rostock
Tel.: 0381 – 456 35
Fax: 0381 – 456 39 48

Versorgungsmöglichkeiten:

Wasser erhält man im Yachthafen. Diesel gibt es an einer Tankstelle auf der Westseite der Perseta (Persante) , etwa vis a vis der Grenzkontrollstelle.

Sanitäranlagen:

Im Yachthafen sind Container vorhanden, diese sind jedoch in einem erbärmlichen Zustand. Es gibt einen Toiletten Container für Damen und Herren und einen weiteren Container mit drei Duschen von denen jedoch nur zwei funktionieren und diese auch noch sehr mangelhaft. Mehrere Segler, wir auch, haben diesen Mangel im Gästebuch vermerkt:

Aus Nord und West
aus Süd und Ost
da landen hier die Schiffe.

In Kolberg liegt man angenehm
hier gibt es keine Riffe

Der Segler ist nicht anspruchsvoll,
braucht keine weichen Betten.

Doch wünscht er sich am Hafen hier
schon bessere Toiletten

Die Hafencrew ist sprachgewandt
und hilfsbereit gewesen.

Dafür bedankt sich: Eckehard
mit seinem „HIMMELSBESEN“

(Diethelm Heine)

Geschichte:

Gründung als slawische Burg mit städtischer Siedlung aus dem 9. Jahrh., 2,5 km von der Küste, auf dem rechten Ufer der Persante, südlich der Salzquellen, die dem Ort wirtschaftliche Bedeutung gaben.

972 hat der polnische Staatsgründer Mieszko I Kolberg in sein neu entstandenes Reich eingegliedert, zu dieser Zeit war Kolberg bereits reich und mächtig.

Im 1248 wurde Kolberg Mitglied der Hanse und betrieb weitreichenden Handel.

Der stattliche Mariendom (Anfang des 14. Jahrh.) zeugte vom Reichtum der Stadt 1648 kam Kolberg an Brandenburg. Im Siebenjährigen Krieg wurde Kolberg dreimal von den Russen belagert und 1761 eingenommen.

1807 verteidigten Gneisenau und Nettelbeck die Stadt erfolgreich gegen die Franzosen.

1945 kam Kolberg nach dem Potsdamer Abkommen zu Polen und heißt seitdem Kolobrzeg. Es gehört heute zur Woiwodschaft Koszalin.

Sehenswert:

Mariendom aus dem 14. Jahrh.. Ein Bau aus rotem Backstein mit einer fünfschiffigen Basilika und massiven Doppeltürmen, die das Stadtbild beherrschen. Der Dom war 1945 völlig ausgebrannt und wurde ab 1948 wieder aufgebaut.

Das Rathaus im neugotischen Stil, von Karl Friedrich Schinkel gezeichnet und 1829 bis 1832 erbaut ist gleichfalls wieder aufgebaut. Heute befindet sich hier eine Galerie der Gegenwartskunst.

Spätgotische und klassische Patrizierhäuser wurden und werden rekonstruiert. Das Haus der Familie Schlieffen aus dem 15. Jahrh. beherbergt heute ein Museum.

Der Pulverturm (Basta Prochowa) stammt aus dem 14. Jahrh. Hier befindet sich heute die Touristen Information.

Darlowo (Rügenwalde)

Lage:

54 26,5 0′ N
16 22,50 ‚ E
Seekarten: D 60, D 61, D 145, Pl. 202,Pl.301

Distanz von Kolobrzeg bis Darlowo: 33 sm

Ansteuerung:

Es gibt keine Ansteuerungstonne.

Man kann jedoch von See kommend den großen Turm der Marienkirche und den Getreidesilo erkennen. Mit Kurs 128° fährt man auf die Marienkirche zu Sobald man die Innenkante der Ostmole deutlich sieht fährt man mit 106 ° in die Hafeneinfahrt und damit in die Wieprza (Wipper) hinein.

Ostmole: r.w. wgr. gestreifter Gitterturm, F.R. 7 sm, 10 m

Westmole: gr.w. wgr. gestreifter Gitterturm, F.G. 7 sm, 10 m

Leuchtturm, roter, viereckiger Turm mit w. Galerie, Blk (2)-15s,15 sm, 20 m, 2+(3)+2+(8)s

Besonderheiten:

Quer zur Hafeneinfahrt laufen Strömungen. Bei Sturm oder bei starkem Seegang sollte man die Ansteuerung meiden. Die hohe See und der starke Querstrom vor der Hafeneinfahrt sind äußerst gefährlich.

Bei der Weiterfahrt nach Ustka ist unbedingt zu klären, ob die Sperrgebiete 6 a, 6 und 9 durchfahren werden dürfen. Informationen hierüber erhält man bei dem Kapitanat. Siehe auch Informationen im Bericht über Kolobrzeg.

Auch an den „freien“ Tagen ist darauf zu achten, dass sich in den Schießgebieten „Zielscheiben“ befinden, diese sind etwa 2 m hoch und 2 x 2 Meter groß und offensichtlich fest verankert. Wir konnten nicht feststellen, ob diese nachts beleuchtet sind.

Liegeplätze:

Diese werden wie immer -so auch hier- zugeteilt. und zwar hinter der Schiebebrücke, wiederum an der Uferpromenade. Hier macht man am Ostufer des Flusses fest.

Bei starkem Seegang und Wind aus West ist es unmöglich in der Wieprza an der Kaimauer liegen zu bleiben. Wir sind bis in den ca. 4 km entfernten Industriehafen „geflüchtet“. Erst hier lag unser „Himmelsbesen“ ruhig. In den Silos gab es sogar Toiletten und auch passable Duschen. Wenn in den Silos gearbeitet wird und an den Kaimauern Schiffe be- und entladen werden, können Sportboote dort natürlich nicht anlegen.

Versorgungsmöglichkeiten:

Wasser bekommt man im sog. Winterhafen bei der Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger. Diesel haben wir in der 5 km entfernten Stadt an einer Tankstelle kaufen müssen. Mit unseren Kanistern sind wir dann mit der Taxe zum Liegeplatz gefahren.

Restaurants und Läden gibt es ausreichend in Darlowko (Rügenwaldermünde)

Sanitäranlagen:

Es sind keine vorhanden. 

Um dennoch Duschen zu können, haben wir uns in der Pension „Albatros“, Darlowko, ul. Wilków Morskirch, zum Preise von Zloty 25.– eingemietet, das heißt wir haben lediglich für 2 Personen die Dusche benötigt. Das Ehepaar Laskowski führt diese Pension. Beide Eheleute sprechen sehr gut deutsch. Die Pensionsgäste sind auch überwiegend Deutsche.


Geschichte:

Die Gründung erfolgte 1271 durch Witzlaw II von Rügen. Nach dem Zerfall der Siedlung und der Neugründung wurde sie 1312 Mitglied der Hanse und hatte bis in das 16. Jahrh. bedeutenden Handel nach Skandinavien und nach Polen. Die Stadt bekam im 14. Jahrh. das Lübische Stadtrecht. 300 Jahre lang war Rügenwalde Sitz der pommerschen Herzöge.

Das Ostseebad Darlowko (Rügenwaldermünde) ist 1936 eingemeindet worden. Ihre größte Bedeutung hatte die an der Mündung der Wieprza ( Wipper) gelegene Stadt jedoch nicht als Herzogssitz sondern als Hafenstadt. Der Rügenwalder Hafen war im Mittelalter der wichtigste zwischen Kolberg und Danzig.

1945 wurde Rügenwalde, das kaum zerstört war, polnisch und heißt seitdem Darlowo und gehört zur Woiwodschaft Koszalin (Köslin).

Sehenswert:

Eindruckvollstes Gebäude in Rügenwalde ist die gotische Marienkirche mit deren Bau im 14. Jahrh. begonnen wurde. Die Kirche birgt die Grabstätte des Dänenkönigs Erik I, gest. 1459, und der Herzoginnen Elisabeth und Hedwig.

Im früheren Schloss der Herzöge von Pommern ist jetzt ein Museum.

Ustka (Stolpmünde)

Lage:

54° 35,60′ N
16° 51,20′ E
Seekarten: D 60, D 61, D 145, Pl. 202,Pl.301

Distanz Darlowo – Ustka: 20 sm

Ansteuerung:

Es gibt keine Ansteuerungstonne. 

Von See kommend fährt man mit 153° auf den markanten, roten achteckigen mit einer weißen Kuppel versehenen Leuchtturm zu.

Der Turm, Oc.-6 s (2)+4 s, 18 sm, 22 m steht auf der Ostmole. Die Grenzkontrolle befindet sich kurz hinter dem Leuchtturm auf der Ostseite des Flusses Slupia (Stolpe)

Ostmole: roter Pfahl mit weißem Band, Iso.R.-6 s, 7 sm, 11 m

Westmole: grüner Pfahl mit weißem Band, Iso.G-6 s, 7 sm, 10 m

Besonderheiten:

Die obige Entfernungsangabe Darlowo – Ustka gilt nur dann, wenn die auf dieser Strecke liegenden Sperrgebiete 6, 6a und 9 frei sind. Wenn die Sperrgebiete umfahren werden müssten, ist die Distanz bedeutend größer.

Liegeplätze:

Nur an der Uferpromenade. Die Plätze werden zugewiesen. Es gibt keinen Service, auch keine sanitären Anlagen.

Selbstverständlich haben wir uns bei der Ankunft angemeldet. Auch hier wurden wir nicht gefragt woher wir kommen. Sie wussten es, wie es alle Behörden in jedem Hafen immer gewusst haben.

Weil keine sanitären Anlagen vorhanden waren, hatten wir uns zu dem knapp 100 m gegenüber liegenden Yachtclub „HOM“ verholt. Im Club wurden wir sofort darauf hingewiesen, dass wir den Platzwechsel dem Kapitanat melden müssen. Wir haben es auch getan. Im Club arbeitet Jan, er ist ca. 55 Jahre alt, spricht fließend deutsch und ist in jeder Hinsicht hilfsbereit.

Am nächsten Morgen sind wir zur Erledigung der Formalitäten zu unserem Ursprungsplatz an der Uferpromenade zurück gefahren. Ich ging zur Abmeldung zum Hafenkapitän, knapp 100 m entlang der Uferpromenade und bat Dieter inzwischen mit dem Schiff zu diesem Gebäude vor zu fahren. Unser Boot stand danach direkt unter dem Haus des Kapitanats. Ich meldete uns ab und teilte gehorsam unser nächstes Ziel mit. Frau Hafenkapitän nahm alles entgegen, fragt, ob das vor Ihrer Tür stehende Schiff unser „Himmelsbesen“ sei und bat mich um zusätzliche Abmeldung per Funk. Ich stieg die Treppe hinunter, ging etwa 20 m bis zum Schiff und verabschiedete mich dann über Funk. So muss es sein. Ihr genügte es nicht, dass sie uns abfahren sah.

Wir sind im Kapitanat sehr zuvorkommend behandelt worden. Aus dem dortigen Computer erhielten wir einen aktuellen, exakten Wetterbericht, natürlich in polnisch, aber mit ausreichenden Erklärungen in englisch.

Versorgungsmöglichkeiten:

Einkaufsmöglichkeiten und Gaststätten gibt es ausreichend in unmittelbarer Nähe des Ortes. Wasser erhält man im Yachtclub „HOM“ auf der Westseite des Flusses. Allerdings gab es Schwierigkeiten; es war zwar ein ausreichend langer Schlauch vorhanden, aber das notwendige Anschlussstück konnte trotz Bemühungen vieler Hände nicht gefunden werden.

Sanitäranlagen:

Überhaupt keine. Allerdings ist ca. 100 Meter von der Uferpromenade entfernt eine gebührenpflichtige öffentliche Toilettenanlage, diese ist aber nur von 10.00 bis 18.00 Uhr geöffnet.

Geschichte: 

Stolpmünde wurde als Hafenstadt 1337 von der Stadt Stolp gekauft. Nach dem Dreißigjährigen Krieg verfiel der Hafen; seit 1831 wurde er von Preußen ausgebaut.

1945 kam der Ort ebenfalls an Polen und heißt seitdem Ustka und gehört zur Woiwodschaft Koszalin. Heute befindet sich hier größere fischverarbeitende Industrie.

Sehenswert:

Es ist ein hübsches See- und Erholungsbad und gilt als das größte in dieser Region. Ein Spaziergang entlang der Küstenpromenade ist empfehlenswert.

Leba (Leba)

Lage:

54° 45,70′ N
17° 33,30′ E

Seekarten: D 60, D 61, D 145, Pl. 202, Pl. 301

Von Ustka bis Leba 32 sm

Ansteuerung:

Lcht-Gl.-Tn, „Leba“ 

 

54° 46,60′ N
17° 32,50′ E

rot r-w. skr. Gestreift 
bakenförmig mit r. Ball, LFl.- 10s

von dieser Tonne fährt man mit 164,5° direkt auf die Molenfeuer zu.

Ostmole: Blz, r.- 5 s 3 sm 0,5+(4,5)

Westmole: weiss-grün wgr. gestreifter Pfahl mit Galerie, F. gn., 6 sm, 10 m

Die Grenzkontrolle befindet sich auf der Ostseite des Flusses, etwa 300 – 350 m nach den Molenköpfen.

Liegeplätze:

In Leba existiert kein für Sportboote geeignetes Hafenbecken. Man muss in die Stadt hinein fahren und dort in dem nach links abbiegenden Zweig an der Ul. Abrahama anlegen. Hierfür sind geeignete Plätze für etwa 10 Yachten vorhanden. 

Foto:

Liegeplätze in Leba an der Uferpromenade

Sanitäranlagen:

Es gibt überhaupt keine Sanitär-Einrichtungen.
Wir hatten hiernach vergeblich Ausschau gehalten. Nur wenige Meter von unserem Liegeplatz lag ein Hotel das unter anderem auch eine Sauna anbot. Mit dem Portier wurden wir bald einig. Wir konnten die Sauna und damit auch die Toiletten und die Duschen für Zloty 25,– (ca. DM 14,–) erhalten. Auf die Sauna haben wir allerdings verzichtet.

Versorgungsmöglichkeiten:

Im Ort, der nur wenige Meter von unserem Liegeplatz beginnt kann man alles einkaufen. Nach Wasser hatten wir uns nicht erkundigt, ich glaube aber, dass Wasser bei den vis á vis liegenden Fischern erhältlich sein müsste. Eine Diesel Tankstelle ist auf der anderen Seite der Ul. Abrahama vorhanden. Mit den Öffnungszeiten muss man jedoch vertraut sein.

Es gibt auch direkt an den Liegeplätzen eine Pension „Pensionat Kapitanski“. Die Inhaber sprechen fließend deutsch, sie haben über 10 Jahre in Deutschland gelebt und gearbeitet. 

Das Ehepaar Grzegorz Wieczorek ist sehr behilflich.

Geschichte:

Das kleine Seebad liegt auf einer schmalen Landzunge zwischen dem Jezioro Lebsko (Leba-See) und dem Jezioro Sarbsko (Sarbsker See), es hat nur 3 000 Einwohner, dennoch kann es auf eine lange Geschichte zurückblicken.

1357 erhielt das Dorf durch den Deutschen Orden lübisches Stadtrecht.

Der Ort liegt heute östlich vom gleichnamigen Fluss. Um 1570 lag der Ort Leba an der Westseite des Flusses Leba. Hier ist er durch Wanderdünen und Flut untergegangen. Eine aus dem Dünensand noch herausragende Kirchenruine ist zu besichtigen.

Sehenswert:

Die Wanderdünen von Leba, liegen etwa 8 km westlich von dem Ort. Sie erreichen teilweise eine Höhe von nahezu 50 Meter. Das Gebiet der Wanderdünen befindet sich in dem 1966 angelegten Nationalpark Slowinski Park Narodowy. Dieser Nationalpark umfasst auch den Leba-See. Er ist von der Ostsee durch die 17 Km lange Leba-Nehrung abgetrennt, auf der sich auch die größten Dünen befinden. Die Landschaft erinnert an eine Wüste. Hier soll -nach verschiedenen Beschreibungen- Rommel für seinen Afrika-Krieg geübt haben. Dieses trifft jedoch nicht zu.

Zu den Dünen gelangt man von Leba aus mit der „Stadtbahn“, diese fährt bis zum Eingang des Naturparks, Fahrstrecke ca. 6 km. Der Eintritt in den Park ist gebührenpflichtig Am Eingang kann man Elektroautos mieten, die den Besucher bis 2 – 2,5 km an die Dünen heranfahren. Für den Rest kann man sich Fahrräder mieten oder muss zu Fuß gehen. Kraftfahrzeuge sind absolut verboten

Westlich von Leba, in dem kleinen Ort Rabka, befinden sich noch Reste von Raketenabschussrampen. Von hier versuchte die Deutsche Wehrmacht ihre V – 1 und V – 2 Raketen nach England abzuschießen.

Ein Besuch lohnt sich. Sehenswert:

Wladyslawowo (Großendorf)

Lage:

54° 47,90′ N, 18° 25,60′ E
Seekarten: D 60, D 144, D 1443, Pl. 51, Pl.301

Distanz Leba – Wladyslawowo: 34 sm

Ansteuerung:

Leucht-Glockentonne “ WLA“ 54° 48, 00′ N, 18° 27, 00′ E
r-w. skr. gestreift, bakenförmig mit r. Ball, Fkl. (40 Blitze in 1 Min.), 6 sm

Von dieser Ansteuerungstonne fährt man mit 260° auf den auf der Ostmole stehenden Pfahl und die Turmspitze des markanten 68 m hohen „Haus des Fischers“ zu und zwar soweit bis der Kopf der Nordmole steuerbord querab liegt. Erst dann dreht man nach Steuerbord und läuft direkt auf die Hafeneinfahrt zu.

Vorsicht: Die Nordmole ist weitreichend zu umfahren. In diesem Bereich bilden sich immer wieder Sandbänke.

Nordmole: grüner Turm mit Galerie und Kuppel, Wchs. (2+1) W/gn.- 25 s, Mi. gn.- 25 s, 16 / 6 sm, 14 / 13 m

Ostmole: w.,r. umrandetes Quadrat auf w. Gitterturm, F. w/r/gn., 8 sm, 14 m Leitf. F. 260 °

Versorgungsmöglichkeiten:

Wasser kann man bekommen jedoch keinen Diesel. Bis zu den Geschäften im Ort sind einige hundert Meter zu laufen.

Liegeplätze:

Es gibt nur den sehr großen Fischerei Hafen. In diesem Hafen kann an einem Westkai angelegt werden. Der Hafen und der Ort bietet nichts. Wenn möglich sollte man diesen Hafen meiden. 

Sanitäranlagen:

Es sind Toiletten und Duschen im Hafengebäude, bei den Grenzbeamten und dem Kapitanat vorhanden. Diese werden aber nicht offiziell angeboten. Sie sind eigentlich nur für die Fischer bestimmt, die hier auch gleichzeitig ihre Umkleideräume haben.

Wir mussten eindringlich um die Duschen bitten, leider hat es aber mit dem Warmwasser nicht geklappt.

Zum Ort:

Es gibt nichts interessantes zu berichten.

Es handelt sich um den größten Fischerhafen Polens. Im Hafen liegt man zwar gut und geschützt. Aber alles in allem ist er nicht zu empfehlen.

 

Hel (Hela)

Lage:

54° 36,10′ N
18° 48,10′ E
Seekarten: D 60, D 144, D 1443, PL. 51, PL. 101, PL. 301

Distanz Wladyslawowo – Hel: 24 sm

Vom Kapitanat in Wladyslawowo(Großendorf) hatten wir erfahren, dass das Sperrgebiet zwischen unserem Ausgangsort und Hela, nämlich die Gebiete No. 10 und No. 11 frei sind. In unserer 97er Seekarte ist außerdem noch ein Gebiet an der Ostspitze von Hela eingezeichnet als „Militärsperrgebiet für ausländische Fahrzeuge“. Mir ist – immer unter Berücksichtigung der Sprachschwierigkeiten – verständlich gemacht worden, dass es diese Sperre nicht nur für den 15.6.97 nicht mehr gibt, sondern auch dass sie seit 1996 ganz aufgehoben sei.

Wir konnten von Wladyslawowo gut segeln, ein Umfahren der Sperrgebiete war also nicht nötig.

Ansteuerung:

Es muß unbedingt die Ansteuerungstonne „HL – S“(Südtonne einer Untiefe) erreicht werden. 

 

Die Spitze der über 35 km langen Landzunge Hel muß umfahren werden. Auf dem Südende befindet sich ein rotbrauner, achteckiger Turm mit Galerie auf der Position:

54° 36,00 ‚N
18° 49,00 ‚E
Glt.- 10 s, 17 sm, 41 m
Nebel Signal: Morse „O“- 1 Min.

Von der Leuchttonne „HL – S“, rot mit weißem Band, Süd-Toppzeichen steuert man mit 352° direkt auf die Molenköpfe

Westmole: weiß-rot waggerecht gestreifter Gitterturm, Ubr. (2),r.- 12 s, 6 sm, 9 m

Südmole: Turm auf einem Gebäude, F. w/gn, 3 sm, 9 m, gn. 353° – 280 °, w. -353 °


Versorgungsmöglichkeiten:

Liegeplätze:

Nur im Industriehafen, sehr schlecht

Sanitäranlagen:

Keine

Geschichte:

Gdynia (Gdingen)

Lage:

54° 31,10′ N
18° 33,80’E
Seekarten: D 60, D 144, D 1443, Pl. 1, Pl. 51, Pl. 101


Distanz Hel – Gdynia: 12 sm

 

Ansteuerung:

Der Yachthafen liegt am Südteil des gesamten Hafengebietes. Vor der Gesamt-Hafenanlage befindet sich eine von Nord nach Süd verlaufende Schutzmole. Diese muss man südlich umfahren. Am Südkopf steht ein Betonturm mit achteckiger Kuppe und Plastikdach

54° 31,00′ N
18° 34,00 ‚ E

Ubr. gn.- 10 s, 9 sm, 12 m

Die Einfahrt in den Yachthafen ist durch zwei Molenköpfe gekennzeichnet:

Westmole: Betonsäule, F. r, 2 sm, 5 m

Ostmole: Betonsäule, F. gn, 2 sm, 5 m

Versorgungsmöglichkeiten:

Wasser kann man von den Clubs im Hafengelände erhalten. Es war uns allerdings nicht möglich, heraus zu finden wo es Diesel gibt. Offensichtlich nur bei einer ziemlich weit entfernten Autotankstelle außerhalb der Stadt.

Eine definitive Auskunft erhielten wir nicht. Wir haben zwei Marinesoldaten angesprochen. Aber auch die beiden gaben uns keine verbindlich Antwort, allerdings ließen sie sich unsere leeren Kanister geben und sagten sie würden mit Diesel in 20 Minuten zurück sein. Das waren sie auch. Sie brachten uns die gefüllten Kanister zurück. Wir haben dafür den in Polen normal üblichen Preis bezahlt. Woher die beider Mariners den Diesel hatten, ist uns auch heute noch ein Rätsel.

Liegeplätze:

Nur im Yachthafen, dieser liegt separat südlich von dem großen Reederei Hafen. Der Yachthafen ist staatlich, bei der Einfahrt hat man sich gleich vorn bei dem Kapitanat zu melden. Innerhalb des Hafens können sich die Gäste einen Platz suchen.

Das Hafenbecken wird von fünf verschiedenen Clubs genutzt. Wir haben uns mit unseren Schiff an die Steganlage vom Club „Gryf“ (auf deutsch: Greif) gelegt.

Erst am Tage unserer Abfahrt, wir lagen vier Tage in Gdynia, erfuhren wir von der Existenz des Club-Manager, Herrn Jan Kaufmann. Herr Kaufmann spricht fließend deutsch, hatte uns die ganze Zeit über ständig beobachtet, hatte auch unsere Probleme mit dem Diesel und mit der Unterstellung eines Motorrades erkannt.

Von unserer Crew ist ein Mitglied vereinbarungsgemäß in Gdynia ausgestiegen und ein neues Mitglied hinzu gekommen. Herr Peter Heine kam aus München mit dem Motorrad an, wollte einige Tage mit uns mit segeln und dann mit der Bahn zurück nach Gdynia, um sein dort untergestelltes Motorrad abzuholen und wieder nach München zurückfahren. Wir haben sehr viel herumfragen müssen bevor wir eine Unterstellmöglichkeit für das Motorrad fanden. Obwohl Herr Kaufmann unsere Anstrengungen beobachtete – wie er uns später selbst mitteilte – ist er von sich aus nicht zu uns gekommen, um seine Hilfe anzubieten. Er war der Meinung wir hätten nach ihm fragen sollen. Aber wie sollten wir das? Wir wussten doch nichts von seiner Existenz. Die Pförtner vom „Gryf“ verstanden uns nicht, sie haben auch unser zeigen auf das Stützpunktschild der Kreuzer-Abteilung nicht durch Gesten beantworten können.

Sanitäranlagen:

Sie sind lausig, im Club „Gryf“ sind sie dunkel, schmuddlig und unansehnlich. Dabei hatten wir -allerdings erst nach einigen Tagen- festgestellt, dass es innerhalb der Halle auch bessere, saubere und gekachelte Möglichkeiten gegeben hätte. Aber diese waren nicht für uns bestimmt.

Geschichte:

Gdingen hat eine junge Geschichte. Die Hafenstadt ist erst nach dem 1. Weltkrieg gegründet worden.

Ursprünglich befand sich an dieser Stelle ein kleines kaschubisches Fischerdorf. Der damaligen Republik Polen war im Versailler Vertrag nur ein schmaler Zugang zur Ostsee zugestanden worden. Der neue Hafen hatte schon nach kurzer Zeit Danzig den Rang abgelaufen.. Im Jahre 1926, als ihm die Stadtrechte verliehen worden sind, war Gdingen noch ein Fischerdorf, nur zwölf Jahre später zählte es bereits 120 000 Einwohner

Stützpunkt der Kreuzer Abteilung

Veröffentlicht unter 1984 Berlin - Stettin auf dem Wasserweg | Hinterlasse einen Kommentar