1933 Das Jahr der Machtergreifung (3) Geschehnisse Juli bis Dezember 1933

Machtergreifung, Erste Schritte zum Aufbau der Diktatur

Teil 3: Juli bis Dezember 1933

1. Juli 1933

Der an der Universität Greifswald immatrikulierte jüdische Medizinstudent Walter Orloff wird ungeachtet seiner US – amerikanischen Staatsbürgerschaft verhaftet und von der Universität verwiesen.   (Literatur: Wolfgang Wilhelmus, Greifswalder Juden während der NS – Zeit, in: Menora. Jahrbuch für deutsch – jüdische Geschichte, Bd. 6. 1995, S. 393.)

Margarete Heymann-Loebenstein: Ihr  Betrieb der Keramikwerkstatt wurde stillgelegt, nachdem sie von einem ihrer Mitarbeiter bei der NSDAP als Staatsfeind denunziert worden war. Nach der Machtergreifung bedrohten die Nationalsozialisten Margarete Heymann-Loebenstein. Der „Angriff“ bezeichnete ihre Kunst in einem Vergleich mit den Arbeiten Hedwig Bollhagens als entartet und minderwertig.

Einrichtung eines “Amtes für Rassenforschung” im Reichsministerium des   Innern.

2. Juli 1933

Berlin, Lazaruskirche, Massentrauung ev. Paare, die Männer tragen SA-Uniformen. Bericht des „Illustrierten Beobachters” vom Juli 1933:   „Eine Berliner Sensation: 50 nationalsozialistische Paare lassen sich gemeinsam trauen. Pfarrer Lengning nimmt in der Berliner Lazaruskirche die Trauung vor. Unter verschiedenen Fotos:  „Ein langer Zug der Brautpaare zur Kirche”, „Die Paare durchschreiten beim Verlassen der Kirche ein Spalier grüßender Hitlerjugend”  und „Die Massentrauung fand die herzliche Anteilnahme der Berliner Bevölkerung.“

In Hamburg werden zwei ordentliche Professoren der Universität, ein leitender Oberarzt des Krankenhauses St. Georg, vier Richter sowie zwei weibliche Beamte des Jugendamtes als so genannte Nichtarier aus dem öffentlichen Dienst entlassen.   (Literatur: Ursel Hochmuth u. Gertrud Meyer, Streiflichter aus dem Hamburger Widerstand,  S. 204..)

3. Juli 1933

Der „Dortmunder Generalanzeiger” warnt die Metzgermeister der Stadt, weiterhin Umgang mit Juden zu pflegen:  „Es soll noch einige Metzgermeister in Dortmund geben, die ihre spießbürgerliche Haut noch nicht in nationalsozialistischem Sinne geschält haben. Selbst unter Parteigenossen dieses Faches soll eine möglichst schnelle Schälung angebracht sein. Es könnte nämlich in aller Kürze der Fall eintreten, dass die noch judenfreundlichen Metzger von ihren eigenen Parteigenossen boykottiert werden. Es wird, wenn alles nichts nützt, eine Veröffentlichung ihrer Namen erfolgen, die einen Ausschluss aus der Partei zur Folge haben wird. Auch das Freundschaftskegeln verschiedener Metzger mit Juden wird aufhören müssen… Ahnen diese Menschen denn gar nicht, wie schwer sie sich an unserem Führer versündigen und wie sie ihn gröblichst beleidigen, wenn sie seinen aus Liebe zu unserem Volke geführten Kampf gegen das Weltgaunertum der Juden sabotieren? Wir werden gerade bei den Metzgern in Zukunft sehr scharf aufpassen, dass auch nicht hinten herum Geschäfte mit den Juden gemacht werden.” (Literatur: Wolfgang Mönninghoff, Enteignung der Juden,  S. 39f.)

4. Juli 1933

Die „Bayerische Volkspartei” (DVP) löst sich „freiwillig” auf, am nächsten Tag folgt ihr die katholische Zentrumspartei. Die Auflösung der Zentrumspartei erfolgte auf Weisung des Vatikans. Da viele Katholiken protestierten, beschwichtigte sie der Vatikan sowohl in einer halboffiziellen Verlautbarung wie durch Staatssekretär Pacelli: „Hitler weiß das Staatsschiff zu lenken. Noch ehe er Kanzler wurde, traf ich ihn wiederholt und war sehr beeindruckt von seinen Gedanken und seiner Art, den Tatsachen ins Auge zu sehen und doch seinen edlen Idealen treu zu bleiben .“  . . . „Wie in Italien  … verschaffte der Vatikan in Deutschland durch Papen, Kaas und die Auflösung des Zentrums, der ältesten katholischen Partei Deutschlands, Hitler die unumschränkte Macht“ (Literatur: Deschner „abermals krähte der Hahn“, Seite 535)

Die Rieseberg-Morde waren Verbrechen der Nationalsozialisten kurz nach deren „Machtergreifung“ 1933, bei dem Angehörige der SS am 4. Juli 1933 in der Nähe des kleinen Ortes Rieseberg bei Königslutter am Elm, ca. 30 km östlich von Braunschweig elf Männer ermordeten. Das Verbrechen wurde noch im selben Jahr international durch die in deutsch, englisch und französisch erschienene Veröffentlichung Terror in Braunschweig von Hans Reinowski bekannt.

24 so genannte Nichtarier werden aus dem Schuldienst der Stadt Hamburg entlassen.   (Literatur: Ursel Hochmuth u. Gertrud Meyer, Streiflichter aus dem Hamburger Widerstand, , S. 204.)

Braunschweig; SS-Männer ermorden zehn Häftlinge – sieben der Ermordeten sind Kommunisten.

6. Juli 1933

An diesem Tag gab Hitler vor den Reichsstatthaltern, die durch das Gesetz vom 7. April ernannt waren und vor SA-Führern die Parole aus, das eine neue Periode begonnen hätte. Auf die „Machtergreifung” folge jetzt die „Machtbefestigung”; die Herstellung der Totalität des Staates mit Hilfe eines Propagandasystems mit dem ein ganzes Volk durchdrungen werden kann.   (Literatur: “Die nationalsozialistische Machtergreifung” von Bracher-Schulz-Sauer,    Seite 136)

Eintragung im Tagebuch des Willy Cohn: Das neue Nachtgebet: „Lieber Gott mach mich stumm, dass ich nicht nach Dürrgoy komm”   (Dürrgoy: gemeint ist das Konzentrationslager Breslau Dürrgoy.)

8. Juli 1933

Moritz Cederbaum, wohnhaft Berlin Schöneberg, engagierter Sozialdemokrat, Jugendfunktionär im Zentralverband der Angestellten und Mitglied der Liga für Menschenrechte hatte sich für die politische Arbeit nach Feierabend engagiert. Eine Hausdurchsuchung am 29. Mai 1933 ließ eine weitere politische Aktivität nicht mehr zu. Am nächsten beantragte er seinen Paß und stieg am 8. Juli auf dem Schlesischen Bahnhof in den Zug nach Paris.   (Literatur: “Orte des Erinnerns” vom Kunstamt Berlin Schöneberg,  Seite 147)

9. Juli 1933

„Juden werden aus dem großdeutschen Schachbund ausgeschlossen.”   (Literatur: “Orte des Erinnern, das Denkmal im Bayerischen Viertel”, eine von 80 Gedenktafeln. Hier:   Berchtesgadener Str. 21)

10. Juli 1933

James G. McDonald vom Verband der Auslandspresse hielt eine Rede auf dem Chautauqua-Festival. Ein Reporter der New York Times berichtete über die Veranstaltung. McDonald erwähnte nicht, was Hitler und Hanfstaengel ihm von ihren Plänen für die Juden erzählt hatten (siehe 1. April). Aber er betonte, die Versuche der Nazi-Verteidiger, zu leugnen, dass Juden grausam behandelt würden, „beleidigten die Intelligenz“. „Die Nazis glaubten an den Mythos der Überlegenheit der arischen Rasse und sind fest entschlossen, alles jüdische Wirtschaftsleben zu vernichten“. Hitler habe die Vorurteile und die Demütigungen Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg ausgeschlachtet: „Der Krieg, der Vertrag von Versailles und die Art, wie seither miit diesem Volk umgegangen worden ist, haben die Deutschen dazu gebracht, sich neuen Führern zuzuwenden“, sagte er. „Der Hitlerismus ist in einem ganz eindeutigen Sinne ein Geschenk der Alliierten und der Vereinigten Staaten“   (Literatur: „Menschen Rauch“ von Nicholson Baker)

11. Juli 1933

In einem Rundschreiben weist das Geheime Staatspolizeiamt alle Staatspolizeiämter in Preußen an, sofort Listen über sämtliche politischen wie unpolitischen jüdischen Vereine und Organisationen anzufertigen. Außerdem seien die Daten aller in- und ausländischen Juden zu erfassen, die bislang politisch in Erscheinung getreten seien. Begründet wird diese Anweisung mit dem angeblichen Eindringen „marxistischer“ Elemente in jüdische Vereine.   (Christoph Graf, Politische Polizei zwischen Demokratie und Diktatur. Die Entwicklung der preußischen Politischen Polizei vom Staatsschutzorgan der Weimarer Republik zum Geheimen Staatspolizeiamt des Dritten Reiches, Berlin 1983, S. 240.)

12. Juli 1933

Der Reichsminister des Innern, Wilhelm Frick, erlässt Richtinien für den Geschichtsunterricht an Schulen: Es sei fortan stärker die „Bedeutung der Rasse“ zu betonen.

In Nortlingen ahnte man nur gerüchteweise, dass es KZ’s gäbe. Doch an diesem Tag wurde in der örtlichen Presse berichtet, dass „neun auswärtige  kommunistische Schutzhäftlinge durch einheimische Polizeibeamte nach Moringen gebracht wurden, wo sieben in das Konzentrationslager und zwei in ein Arbeitshaus eingeliefert“ wurden.  Hierdurch erfuhren die Bewohner zum ersten Mal, dass in unmittelbarer Nähe ein Konzentrationslager existiert. (Literatur: William Sheridan Allen in „The Nazi Seizure of Power“. Allen, amerikanischer Historiker, hat in einem umfangreichen Werk die Entwicklung der Nazi-Diktatur geschildert, wobei er das Städtchen Northeim als Beispiel für alle deutschen Städte genommen hat.)

13. Juli 1933

Reichsinnenministerium, Dr. Frick’s Anordnung zur Einführung des Hitlergrußes: „Nachdem der Parteienstaat in Deutschland überwunden ist und die gesamte Verwaltung im Deutschen Reich unter der Leitung des Reichskanzlers Adolf Hitler steht, erscheint es angebracht, den von ihm eingeführten Gruß allgemein als deutschen Gruß anzuwenden…  Die Beamtenschaft muss auch hierin dem deutschen Volke vorangehen. Deshalb und um eine gleichmäßige Übung innerhalb der Behörden zu gewährleisten, bitte ich für Ihren Geschäftsbereich anzuordnen:

  • Sämtliche Beamte, Angestellte und Arbeiter von Behörden grüßen im Dienst und innerhalb der dienstlichen Gebäude und Anlagen durch Erheben des rechten Armes…
  • Es wird von den Beamten erwartet, dass sie auch außerhalb des Dienstes in gleicher Weise grüssen“.

14. Juli 1933

Der Reichstag akklamiert das Gesetz gegen die Neubildung von Parteien:

  • „In Deutschland besteht als einzige politische Partei die Nationalsozialistische Arbeiterpartei”
  • „Wer es unternimmt, den organisatorischen Zusammenhalt einer anderen  . . .  Partei aufrechtzuerhalten oder eine neue politische Partei zu bilden, wird  . . .  mit Zuchthaus  . . .  oder mit Gefängnis bestraft.”   (Literatur: “Illustrierte Geschichte des Dritten Reiches” von Dr. Kurt Zentner, Seite 157)

Gesetz „Zur Verhütung erbkranken Nachwuchs”, also Gesetz zur Zwangssterilisation wird erlassen. (Literatur: Wibke Bruhns, aus “Meines Vaters Land”, Seite 290) An allen Amtsgerichten wurden Erbgesundheitsgerichte angegliedert, die u. a. das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses mit Gesundheitszeugnissen durchführen sollten. Oberste von drei Instanzen war das neugeschaffene Reichserbhofgericht, das dem Reichsernährungsminister unterstellt wurde.

Dr. Goebbels verkündete in einer Rede die „totale Inbesitznahme” des deutschen Rundfunks. „. . . Ich habe mich letzten Endes entschlossen  . . . die Schlüsselstellungen des deutschen Rundfunks mit 100prozentigen Nationalsozialisten zu besetzen”.

Zum Abschluss des Konkordats mit dem Heiligen Stuhl, das am 20.7. im Vatikan von Kardinal Pacelli (dem späteren Papst Pius XII.) und Vizekanzler Franz von Papen unterzeichnet werden wird, erklärt Hitler auf der Kabinettssitzung:  „Im Reichskonkordat wäre Deutschland eine Chance gegeben und eine Vertrauenssphäre geschaffen, die bei dem vordringlichen Kampf gegen das internationale Judentum besonders bedeutungsvoll wäre.”

19. Juli 1933

Pfarrer Wilhelm Niemöller, NSDAP-Genosse seit 1923 und Bruder Martin Niemöllers, wird wegen Verstoßes gegen die Parteidisziplin aus der Partei ausgeschlossen, er prozessiert erfolgreich gegen den Ausschluß – ein Parteigericht verfügt am 21.9.1934 die Rücknahme des Ausschlusses

20. Juli 1933

Abschluss des Konkordats zwischen dem Deutschen Reich und der Kurie. Die Beziehung zwischen der katholischen Kirche und dem deutschen Staat wurde festgelegt. Hitler kam es weniger auf den Inhalt an. Er sah drei große Vorteile:

  • 1.) Dass der Vatikan überhaupt verhandelt habe, obwohl besonders in Österreich damit operiert würde, dass der Nationalsozialismus unchristlich und kirchenfeindlich wäre;
  • 2.) dass die Kirche bereit sein würde die Bischöfe auf diesen Staat zu verpflichten und
  • 3.) dass die Kirche sich aus dem Vereins- und Parteileben herauszöge.

Bereits am 2. Juli 1933 gab Papen in einem Geheimschreiben aus Rom der Überzeugung Ausdruck, „dass der Abschluss des Konkordats außenpolitisch als ein großer Erfolg für die Regierung der nationalen Erhebung gewertet werden muss”.

Übrigens: Bereits damals ist in einem geheimen Zusatzprotokoll eine vertragliche Abmachung mit dem Heiligen Stuhl für den Fall der allgemeinen Wehrpflicht in Deutschland getroffen worden.   (Literatur: Karlheinz Deschner “abermals krähte der Hahn”, S. 533)

20. Juli 1933

Bücher jüdischer Autoren werden von nun an in wissenschaftlichen Bibliotheken nur für „ernste wissenschaftliche Arbeit“ entliehen.

21. Juli 1933

Im Landkreis Jüterbog-Luckenwalde wird der Rektor Münchow aus Luckenwalde in „Schutzhaft” genommen. Münchow war SPD – Mitglied und hatte sich an führender Position in der SPD betätigt. Die „Inschutzhaftnahme” erfolgte auf Grund des § 1 der Verordnung des Reichspräsidenten vom 28. Februar. Begründung: „Es besteht die Gefahr, dass Münchow auch nach der Auflösung der SPD weiterhin versuchen wird, staatsfeindliche Maßnahmen durchzuführen”   (Literatur: Dr. Kurt Zentner: “Illustrierte Geschichte des Widerstandes in Deutschland und Europa”, Seite 23)

23. Juli 1933

„Sonntag.   . . . Heute steht eine neue Regierungsverfügung in der Zeitung, wonach die Todesstrafe ganz rasch verhängt werden kann, auch wegen Greuelpropaganda” aus dem Tagebuch von Willy Cohn    und am nächsten Tag

24. Juli 1933

„Montag. Die Breslauer neuen Nachrichten gelesen. In Köln sind sechs Todesurteile gefällt worden, was werden die nächsten Wochen in dieser Beziehung noch bringen …”   (Literatur: 2 Zitate aus “Kein Recht, nirgends, Tagebuch vom Untergang des    Breslauer Judentums” von Willy Cohn, Seite 62)

24. Juli 1933 Kirchentagswahlen

Die Reichsregierung nutzte eine entstandene Verwirrung und schrieb für alle kirchlichen Organe Neuwahlen zum 24. Juli 1933 aus, die das „Führerprinzip mit einem lutherischen Reichsbischof“ festsetzte und von 28 Landeskirchen anerkannt wurde. Die DC erhielten die volle Unterstützung des Propagandaapparates der NSDAP. Hitler wandte sich am Vorabend der Wahl an die Wähler und forderte alle Parteigenossen auf, von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen und seine Politik zu unterstützen. Die innerkirchliche Opposition der sog. Jungreformatorischen Bewegung wurde in ihrem Wahlkampf von der Geheimen Staatspolizei behindert. So brachte die Wahl einen Triumph der DC.   (Literatur: “Die gescheiterte Zähmung” von Gotthard Jasper, Seite 198)

Völkischer Beobachter vom 24.7.1933: „Durch die Unterzeichnung des Reichskonkordats ist der Nationalsozialismus in Deutschland von der katholischen Kirche in der denkbar feierlichsten Weise anerkannt worden“.   . . .  „Diese Tatsache bedeutet ungeheure moralische Stärkung der nationalsozialistischen Reichsregierung und ihre Ansehens“

25. Juli 1933

Der preußische Justizminister Kerrl erlässt „aus Anlass der Beendigung der nationalsozialistischen Revolution” für bisherige, im Eifer der Machtergreifung von Parteigenossen begangene Straftaten eine Amnestie.

26. Juli 1933

ev. Generalsuperintendent Otto Dibelius beteuert in einem Schreiben an den preußischen Oberkirchenrat, er sei seit seinem Studium „im Kampf gegen Judentum und Sozialdemokratie gestanden.”

26. Juli 1933

die jüdische deutsche Philosophin Hannah Arendt wird wg. illegaler Tätigkeit – der Dokumentation antisemitischer Äußerungen für die Zionistische Vereinigung für Deutschland – von der Gestapo verhaftet,  (im August flieht H. Arendt über CSR u. Schweiz nach Frankreich, 1941 flieht sie nach Internierung im französ. Lager Gurs über Portugal in die USA)

28. Juli 1933

Einführung des so genannten Arierparagraphen im Reichsverband Deutscher Schriftsteller.

31. Juli 1933

Reichsinnenministerium:     26.789 Menschen befinden sich in „Schutzhaft”-Lagern

Die Universität Hamburg entzieht vierzehn jüdischen Privatdozenten und nicht-beamteten außerordentlichen Professoren die Lehrbefugnis. (Literatur: Ursel Hochmuth u. Gertrud Meyer, Streiflichter aus dem Hamburger Widerstand)

Im Juli 1933

Das KZ Columbia,  ein frühes nationalsozialistisches Konzentrationslager am nördlichen Rand des Tempelhofer Feldes in Berlin-Tempelhof. Spätestens ab Juli 1933 nutzte die Gestapo das Columbia-Haus als Haftanstalt für politische Gefangene. Im Juli 1933 waren 80 Männer im Columbia-Haus inhaftiert, die Zahl stieg jedoch rasch an. Im September waren es bereits 300 Häftlinge. Durch seine Lage nahe der Berliner Innenstadt waren viele prominente Persönlichkeiten des politischen Lebens im Columbia-Haus inhaftiert. Anlässlich des Neubaus des Flughafens Tempelhof wurde das Columbia-Haus 1938 abgerissen. An die Geschichte des Ortes erinnert seit 1994 ein Mahnmal, Gedenktafel Columbiadamm 71

2. August 1933

Der Chemiker Dr. Georg Eppenstein, Inhaber einer Knoblauchsaft-Firma in Berlin – Köpenick, verstirbt in der Charité an den Folgen der schweren Misshandlungen, die ihm wie anderen Juden sowie Kommunisten und Sozialdemokraten während der so genannten Köpenicker Blutwoche im Juni 1933 von Angehörigen der SA im Sturmlokal „Demuth” in der heutigen Pohlestraße 13 zugefügt worden waren.   (Literatur: Gerd Lüdersdorf, Es war ihr Zuhause. Juden in Köpenick, Berlin 1997,)

Im Schuppen, dem so genannten „Heuboden”, des SA‐Lokals „Demuth” in der damaligen Elisabethstr 23  in der Köpenicker Kietzer Vorstadt wurden u. a. folgende Personen von SA‐Leuten „verhört” und teilweise bestialisch mißhandelt: Franz Bollfraß, Gustav Brose, Dr. Georg Eppenstein, Leonard Esser, Paul Fettke, Herta Gley, Erich Haverland, Werner Heber, Franz Keller, Bernhard Klappert, Artur Klepzig, Paul Küster, Alfred Kuschke, Bruno Lobitz, Walter Majchrzak, Dr. Meier, Karl Mönch, Georg Nusche, Hedwig Nusche, Karl Pischel, Kurt Pohle, Paul Pohle, Karl Pokern, Alfred Pusch, Erich Radke, Fritz Rebel, Rohrbeck, Karl Schöppe, Josef Spitzer, Paul Spitzer, Paul Wilczoch, Otto Zimmermann, Paul Zimmermann.

An den Folgen der Folter durch die SA‐Leute im Sturmlokal Demuth starben Walter Majchrzack, Fritz Ott, Paul Pohle, Karl Pokern, Josef Spitzer und Paul Spitzer, Paul Wilczoch und Alfred Pusch. Karl Pokern wurde durch Mißhandlungen entsetzlich zugerichtet und im Amtsgerichtsgefängnis erschossen.

4. August 1933

Die „Vossische Zeitung” teilt mit, dass gemäß einer Verordnung des Reichswehrministers General Werner von Blomberg künftig von heiratswilligen Soldaten der Nachweis zu erbringen sei, dass „die Braut des Wehrmachtsangehörigen arischer Abstammung ist”.   (Literatur: Norbert Burkert, Klaus Matußek u. Wolfgang Wippermann, “Machtergreifung” Berlin 1933,)

5. August 1933

Die „Frankfurter Zeitung” meldet aus Hamburg: „Der hamburgische Staat hat beschlossen, das Heinrich-Heine-Denkmal, das vielen ein Dorn im Auge sei, aus dem Stadtpark zu entfernen und, wie mitgeteilt wurde, in irgendeinem Schuppen zu lagern.”   (Literatur: Ursel Hochmuth u. Gertrud Meyer, Streiflichter aus dem Hamburger Widerstand,  S. 205.)

8. August 1933

Felix Fechenbach, (* 28. Januar1894 in Bad Mergentheim; † 7. August1933 im Kleinenberger Wald zwischen Detmold und Warburg) war ein deutscher politischer Journalist und Dichter. Seine Pseudonyme waren Rudolf Franke und Nazi Jüsken. Herausgeber des sozialdemokratischen Detmolder Volksblatt war bereits am 11. März 1933 verhaftet und zusammen mit anderen führenden Sozialdemokraten im Kreis Lippe in „Schutzhaft” genommen worden. Am 8. August holte ihn eine Abteilung SA-Leute aus dem staatlichen Gefängnis, um ihn angeblich nach Dachau zu bringen. Unterwegs zwangen sie den begleitenden Polizisten aus dem Wagen zu steigen und fuhren in einen Wald, wo sie Fechenbach erschossen. Die NS-Presse meldete später „auf der Flucht erschossen“. Willy Cohn in „Kein Recht nirgends”, Seite 67: schreibt dazu: „10. August 1933. In der Zeitung die üblichen Nachrichten. Felix Fechenbach ist auf der Flucht erschossen worden“.   (Literatur: Richard J. Evans “Das Dritte Reich, Aufstieg”, Seite 474)

10. August 1933

KZ Oranienburg, Fritz Ebert (Sohn vom SPD-Reichspräsident Friedrich Ebert, 1928-33 SPD-MdR, 1946 SED-Zentralsekretariat, 1948-67 Oberbürgermeister Ostberlin, 1949 SED-Politbüro, 1971 stellvertr.  DDR-Staatsratsvors. und SED-Fraktionsvors. in der Volkskammer) wird hier acht Monate inhaftiert.

13. August 1933

In Nürnberg nahmen SA-Männer eine 19-Jährige mit in ein Nachtlokal. Sie schnitten ihr die Haare ab, rasierten ihr den Schädel kahl und banden ihr ein Plakat um den Hals mit der Inschrift:  „Ich habe mich mit einem Juden eingelassen“. Eine Gruppe Touristen, die zeugen dieser Szene wurden, schrieben einen Brief an die Behörden, in dem sie erklärten, sie wollten sich zwar nicht in die inneren Angelegenheiten der Stadt einmischen, aber Vorfälle dieser Art müssten alle ausländischen Besucher entrüsten. Wenige Wochen später wurde das Mädchen für geisteskrank erklärt und in eine Irrenanstalt eingeliefert.   (Literatur: „Menschen Rauch“ von Nicholson Baker)

14. August 1933

Der Nazi-Verlag Lehmann in München propagiert die Einrichtung eines „Rassensonderfensters“ in allen Buchhandlungen anlässlich der vom September bis November durchzuführenden Kampagne für den „rassehygienischen und rassenkundlichen Gedanken“. Für diese Kampagne empfiehlt der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, Dr. Joseph Goebbels, 30 einschlägige „Werke“ besonders herauszustellen, von denen allein 17 im Verlag Lehmann erschienen sind. (Literatur: Manfred Overesch, Chronik deutscher Zeitgeschichte)

16. August 1933

„Juden werden aus Gesangsvereinen ausgeschlossen.”   (Literatur: “Orte des Erinnern, das Denkmal im Bayerischen Viertel”, eine von 80 Gedenktafeln. Hier:   Bayerischer Platz 14)

18. August 1933

Auf der „10. Großen deutschen Funkausstellung“ in Berlin hatte Joseph Goebbels, der „Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda“ den „Volksempfänger VE 301“ präsentiert. Die Ziffern sollten ein triumphales Datum einprägen: 30. Januar 1933. Adolf Hitler zum Reichskanzler. (Literatur: Jürgen Engert im „Tagesspiegel“ vom 18. August 2013)

19. August 1933

Großbritannien; London, White City, bei Athletikturnier salutiert deutsche Nationalmannschaft mit Hitler-Gruß.

20. August 1933

Berlin-Neukölln, kath. Jugendtag, Dr. Erich Klausener, Prälat Georg Puchowski, Generalvikar Paul  Steinmann, Prälat Weber und viele andere Kleriker grüßen die Jugendlichen mit dem Hitler-Gruß.

21. August 1933

Der Schriftsteller Jochen Klepper notiert in sein Tagebuch: „Den Juden ist das Benutzen der Badeanstalt Wannsee verboten worden. In Nürnberg erstreckt sich das Verbot sogar auf alle städtischen Badeanstalten…   Man ist nahe am Ghetto. – Es ist schwer, wenn man sein eigenes Volk hassen muss, an dem man in seiner unbefangenen, natürlichen Entwicklung immer mehr hängt. Ich habe mich immer mehr als Deutscher fühlen gelernt und muss diese Schande erleben.”   (Literatur: Jochen Klepper, Unter dem Schatten deiner Flügel. Aus den Tagebüchern der Jahre 1932-1942, München 1976, S. 100. Jochen Klepper wurde als Sohn eines evangelischen Pfarrers geboren. Er besuchte das Gymnasium in Glogau und studierte dann zunächst evangelische Theologie in Erlangen  und Breslau. Rudolf Hermann brachte ihm Martin Luther nahe und wurde sein väterlicher Freund. Wegen seines labilen Gesundheitszustandes verzichtete er jedoch darauf, Pfarrer zu werden. Er begann, beim Evangelischen Presseverband für Schlesien in Breslau unter Leitung von Kurt Ihlenfeld  als Journalist zu arbeiten.)

Der Maschinenschlosser Ewald Vogt, geboren 21. August 1905, Funktionär der KPD und Betriebsrat im Walzwerk Hennigsdorf wurde am 20. August aus seiner Wohnung abgeholt und in das „wilde KZ“ in der General-Pape-Straße gebracht und dort an seinem 28. Geburtstag ermordet.  Literatur: „Das Gedächtnis der Stadt“, Anklamer Str. 5

22. August 1933

„Badeverbot für Juden am Strandbad Wannsee.”    (Literatur: “Orte des Erinnern, das Denkmal im Bayerischen Viertel”, eine von 80      Gedenktafeln. Hier:   Grunewaldstr. 49)

KZ Dachau, Franz Stenzer, ein deutscher Kommunist und Reichstagsabgeordneter wird erschossen. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten tauchte Stenzer zunächst unter, nahm aber beispielsweise an der illegalen Tagung des ZK der KPD am 7. Februar 1933 im Sporthaus Ziegenhals teil, um anschließend aus dem Untergrund in Süddeutschland die illegale Arbeit weiter zu organisieren. Am 30. Mai 1933 hatte die Gestapo sein Versteck in München aufgespürt und verhaftete ihn. Nach monatelangen Verhören und Misshandlungen wurde Franz Stenzer am 22. August 1933 im KZ Dachau ermordet. Nach Angaben Himmlers in einem Schreiben an den bayerischen Innenminister Adolf Wagner wurde Stenzer bei einem angeblichen Fluchtversuch von einem SS-Scharführer durch einen Genickschuss getötet. Ein Ermittlungsverfahren gegen den Scharführer wurde im Dezember 1933 eingestellt, da dessen Darstellung nicht widerlegt werden konnte. Ein gerichtsmedizinisches Gutachten hatte zuvor kein eindeutiges Ergebnis erbracht.

25. August 1933

Erste Ausbürgerungsliste im „Reichsanzeiger”,  als „Volksverräter ausgestoßen aus der deutschen Volksgemeinschaft”. Plakate mit finsteren Fotos der „Volksverräter” hingen an deutschen Litfaßsäulen.

  1. Alfred Apfel, Anwalt
  2. Georg Bernhard, Journalist
  3. Rudolf Breitscheid, SPD-Politiker
  4. Eugen Eppstein, KPD-Politiker
  5. Alfred Falk, Pazifist
  6. Lion Feuchtwanger, Schriftsteller
  7. Friedrich Wilhelm Foerster, Pazifist
  8. Hellmut von Gerlach, Journalist, Pazifist, linksliberaler Politiker
  9. Elfriede Gohlke (= Ruth Fischer), kommunistische Politikerin
  10. Kurt Grossmann, Journalist
  11. Albert Grzesinski, SPD-Politiker, preußischer Innenminister
  12. Emil Julius Gumbel, Pazifist, Mathematik-Professor
  13. Wilhelm Hansmann, SPD-Politiker
  14. Friedrich Heckert, KPD-Politiker
  15. Max Hölz, Kommunist
  16. Alfred Kerr, Theaterkritiker
  17. Otto Lehmann-Rußbüldt, Pazifist
  18. Heinrich Mann, Schriftsteller
  19. Peter Maslowski, KPD-Politiker
  20. Willi Münzenberg, kommunistischer Verleger
  21. Heinz Neumann, KPD-Politiker
  22. Wilhelm Pieck, KPD-Politiker
  23. Berthold Jacob, Journalist, Pazifist
  24. Philipp Scheidemann, SPD-Politiker
  25. Leopold Schwarzschild, Journalist
  26. Max Sievers, Freidenker
  27. Friedrich Stampfer, Journalist
  28. Ernst Toller, Schriftsteller
  29. Kurt Tucholsky, Schriftsteller, Journalist, Pazifist
  30. Bernhard Weiß, Berliner Vizepolizeipräsident
  31. Robert Weismann, preußischer Staatssekretär
  32. Otto Wels, SPD-Politiker
  33. Johannes Werthauer, Jurist

28. August 1933

Magistrat Unna verbietet jüdischen Deutschen den Besuch des städtischen Schwimmbades Bornekampstraße.

Nach Berichten der Exilleitung der SPD in Prag waren im August 1933 in 65 Lagern mehr als 45.000 Häftlinge interniert. (Literatur:  Anna Maria Sigmund, “Diktator, Dämon, Demagoge, Seite  78)

Das Reichsbank-Direktorium beschließt, dass Beamte „arischer Abstammung“, die eine Ehe mit einem „nichtarischen“ Partner eingehen wollen, unverzüglich zu entlassen seien.

30. August 1933

In den sudetendeutschen Zeitungen der Tschechoslowakei wird eine Meldung verbreitet, dass in Deutschland eine Belohnung in Höhe von 80.000,– Reichsmark für denjenigen ausgesetzt worden sei, der Prof. Dr. Lessing entführt und den deutschen Behörden übergibt.  Am 30. August 1933 schießen nationalsozialistische Attentäter durch das Fenster seines Arbeitszimmers auf Lessing und treffen ihn lebensgefährlich. Am folgenden Tag stirbt er an den Verletzungen im Alter von 61 Jahren im Marienbader Krankenhaus.

Auf der Funkausstellung in Berlin wird der „Volksempfänger”, ein preiswertes Rundfunkgerät, vorgestellt. Der Rundfunk wird zum wichtigsten Propaganda-Medium der Nazis.

Der „Anhalter Anzeiger“ berichtet am 30. August 1933 über die beabsichtigte Errichtung des KZ in Roßlau, Kreis Zerbst, Sachsen-Anhalt. Ziel sei es, die Gerichtsgefängnisse zu entlasten, die nach den Verhaftungswellen im Mai, Juni und Juli überfüllt waren. Zwei Tage später, am 1. September 1933, meldete die „Frankfurter Zeitung“ die vollzogene Gründung des KZ’s. (Literatur: „Der Ort des Terrors“ von Wolfgang Benz, Band 2, Frühe Lager)

31. August 1933

Der Senat der Hansestadt Hamburg entlässt eine größere Anzahl von jüdischen Professoren, darunter den Mitbegründer der Universität, Prof. Dr. Richard Salomon. Außerdem werden zwei Oberlandesgerichtsräte jüdischen Glaubens, Dr. Rudolphi und Dr. Goldschmidt, in den Ruhestand versetzt.129

Im August 1933

Ein Christ   -das stand für Hitler fest-   müsse notwendigerweise auch Antisemit sein. So verstand er das „Positive Christentum”.

Alle Juden, die nach dem 2. August 1914 in Deutschland eingewandert waren, sollten ausgewiesen werden.   (Literatur: “Aufstieg und Fall des Dritten Reiches” von William L. Shirer, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln)

1. September 1933

Otto Joseph, geb. 1920 in Berlin, war der Sohn eines Hals-Nasen-Ohren Arzt. Dieser war Chefarzt der Kinderabteilung am Weddinger Krankenhaus. Die Familie emigrierte am 1.9.33 nach Florenz, später nach Paris.

6. September 1933

Die 10. Generalsynode der Evangelischen Kirche in Preußen führt den so genannten Arierparagraphen ein. Weitere Landeskirchen folgen diesem Beispiel. Mit der Begründung, es handele sich um Personen jüdischer Herkunft, werden daraufhin Pfarrer, aber auch andere Bedienstete der evangelischen Kirche, aus ihren Ämtern entlassen.   (Literatur: Gerhard Lindemann, Antijudaismus und Antisemitismus in den evangelischen  Landeskirchen während der NS-Zeit, in: Geschichte und          Gesellschaft, 29. Jg., 2003,          H. 4, S. 578f.)

11. September 1933

„Für die Lippische Landeskirche ordnen wir hiermit folgendes an: 1. Sämtliche Pfarrer, Beamte, Angestellte der Landeskirche sowie der Kirchengemeinden grüßen im Dienst und innerhalb der  dienstlichen Gebäude und Anlagen durch Erheben des rechten Arms. 2. Es wird von allen erwartet, dass sie auch außerhalb des Dienstes in gleicher Weise grüßen…Der Landeskirchenrat; gez. Corvey, Weber, Josephson, Thelemann, Meyer, Toelle, Ruperti”

12. September 1933

Reichsleiter Martin Bormann, Stabsleiter von Rudolf Heß, dem Stellvertreter Hitlers, erteilt allen Gauleitern der NSDAP folgende Weisung: „Was bisher im Abwehrkampf gegen jüdische Übergriffe erreicht wurde, ist mehr, als im Hinblick auf die allgemeine Lage erhofft werden konnte. Weitere Maßnahmen gegen das
Judentum sind aus außenpolitischen Gründen unbedingt zu unterlassen.

13. September 1933

„Vererbungslehre und Rassenkunde werden an allen Schulen als Prüfungsgebiete eingeführt.” (Literatur: “Orte des Erinnern, das Denkmal im Bayerischen Viertel”, eine von 80    Gedenktafeln. Hier:   Heilbronner Str. 6 )

Hamburg, 9. Deutscher Diakonentag sendet „Huldigungsgruß“ an A. Hitler: „Dem Führer unseres Volkes und Retter unseres Vaterlandes vor dem Untergang im Bolschewismus senden tausend Diakone…  namens der gesamten Deutschen Diakonenschaft das Gelöbnis alter deutscher Mannestreue und des Einsatzes aller ihrer Kräfte für Aufbau und Vollendung des Dritten Reiches.“

Der Berliner Landesbischof Ludwig Müller verkündet „dass in Zukunft keiner auf die Kanzel kommt, der nicht das Volk verstehen gelernt hat, der im Arbeitsdienst, in der SA oder bei den Soldaten gelernt hat, sich… zusammenzureißen.“

Oberkonsistorialrat Friedrich Peter sagt in seiner Festrede: „Diakonie muss, wie die SA das Soldatentum des Dritten Reiches ist, das Soldatentum der Kirche sein.“,

Pfarrer Horst Schirrmacher sagt u.a. „…evangelische Diakonie (ist) Dienst und Kampf. Wir grüßen Euch alle als die  SA Jesu Christi und die SS der Kirche, ihr wackeren Sturmabteilungen und Schutzstaffeln im Angriff gegen Not, Elend, Verzweiflung und Verwahrlosung, Sünde und Verderben…  Evangelische Diakonie u. Nationalsozialismus gehören in Deutschland zusammen…Der echte Nationalsozialist ist Protestant und der echte Deutsche ist Nationalsozialist“.

14. September 1933

In das „Wilde KZ“ Kolumbiahaus in Berlin wird Werner Seelenbinder eingeliefert. (Literatur: Sven Goldmann in „Kampf in den Tod“, Tagesspiegel, 31. Juli 2011) 

In der Eingangshalle der 1993 abgerissenen Werner Seelenbinder-Halle stand eine Büste auf einem Steinsockel: „Werner Seelenbinder, Vorbild der Sportler, Kämpfer gegen Krieg und Faschismus für Frieden und Völkerfreundschaft, ermordet am 24.10.1944. Anstelle der abgerissenen Halle entstand der Euro Sport Park Berlin, in dem eine kleine Mehrzweckhalle den Namen weiter führt. Der Verbleib der Büste konnte nicht aufgeklärt werden. Literatur: „Das Gedächtnis der Stadt

15. September 1933

„Gesetz zu Schutze des deutschen Blutes und der deutsche Ehre”: Die Präambel: „Durchdrungen von der Erkenntnis, dass die Reinheit des deutschen Blutes die Voraussetzung für den fortbestand des deutschen Volkes ist, und beseelt von dem unbeugsamen Willen, die deutsche Nation für alle Zukunft zu sichern, hat der Reichstag einstimmig das folgende Gesetz beschlossen, das hiermit verkündet wird”.   (Literatur: Dr. Kurt Zentner: Illustrierte Geschichte des Dritten Reiches”, Seite 218)

Reichsaußenminister von Neurath äußert sich vor ausländischen Pressevertretern zu verschiedenen Fragen:

  • „Zur Judenfrage sagt er, das unsinnige Gerede des Auslandes über rein innerdeutsche Dinge wie die sog. Judenfrage werde schnell verstummen, wenn man erkenne, dass die unbedingt notwendige Säuberung, bei allen Einzelfällen persönlicher Härte, nur dazu diene, die Herrschaft von Recht und Gesetz um so unerschütterlicher zu festigen. Das Ausland werde auch aufhören, den Lügenberichten deutscher Emigranten ihr Ohr zu leihen und werde statt dessen das Deutschland von heute als stolzes und pflichtliebendes Land kennenlernen.”   (Literatur: Chronologie des Holocaust von Knut Mellenthin)

„Germania” (kath. Zentrums-Zeitung) berichtet über Eröffnung des neuen preußischen Staatsrats: „Im geistlichen Kleid schritt an der Spitze der Bischof von Osnabrück, Dr. Hermann Wilhelm Berning, (und Apostolischer Vikar) … Dann brachte der Ministerpräsident (Hermann Göring) ein dreifaches ,Sieg Heil’ auf den Führer aus  und die Versammlung sang stehend das Deutschland- und Horst-Wessel-Lied, das auch von Bischof   Berning und den übrigen kath. Geistlichen mit erhobener Hand gesungen wurde.”

17. September 1933

Es wurde die „Reichsvertretung der deutschen Juden” gegründet, die fast alle jüdischen Deutschen umfasste. Bis dahin hatte es so etwas nicht gegeben; nun war es bittere Notwendigkeit. In ihrer Gründungserklärung gab die Reichsvertretung der Hoffnung Ausdruck „auf den verständnisvollen Beistand der Behörden und die Achtung unserer nichtjüdischen Mitbürger, mit denen wir uns  in der Liebe und Treue begegnen”.   (Literatur: Tagesspiegel, 14. Sept. 2008: “Die letzte Hoffnung” Seite S 7)

Berlin, St. Hedwigs-Kathedrale, von der NSDAP am 23.8. angeregter kath. Dankgottesdienst zur  Konkordatsratifizierung wird vom Apostolischen Nuntius Cesare Orsenigo, Kapitularvikar Dr. Paul  Steinmann und Domprediger Pater Marianus Vetter in Anwesenheit der Repräsentanten von Reichsregierung, NSDAP, SS und SA zelebriert, sie singen das „Te Deum” und vor der mit kath. und NS- Fahnen geschmückten Kathedrale singen tausende Deutsche Nationalhymne und Horst-Wessel-Lied; Bamberg, Erzbischof Jacobus Hauck ordnet für Pfarrgemeinden seine Diözese ein „Te Deum” zum  Dank an Gott für den Abschluss des Reichskonkordats „…in dem sich Staat und Kirche einträchtiges  Zusammenwirken gefunden haben.”,  Düsseldorf-Kaiserswerth, Diakonissenanstalt, Hundertjahr-Feier, Ansprache von Pastor Walter Jeep (Innere Mission) u.a.: „…rechte evangelische Menschen (seien eigentlich die), die den Totalitätsanspruch dieses neuen Deutschen Reiches nicht nur am besten verstehen können, sondern auch am  echtesten, treuesten zu verwirklichen fähig sind.” Nach einer „Hitlerfahnen-Weihe im Kindergarten”  des Diakonissen-Stammhauses, Hakenkreuzfähnchen schwenkend und die „Fahne hoch!” singend  marschieren über hundert kleine „Vaterlands- und Hitleranhänger” durch Kaiserswerth. „Das Herz   konnte einem aufgehen bei dem lieblichen Bild und der hellen Begeisterung von Deutschlands jüngster Zukunft. Gleich an der ersten Straßenecke begegneten wir einem SA-Führer. Der Mann grüßte freundlich und mit todernsten Gesichtchen streckten sich über 100 Ärmchen zum Gegengruß.”

18. September 1933

Der aus einer jüdischen Familie stammende Redakteur der sozialdemokratischen Zeitung „Lübecker Volksbote”, Dr. Fritz Sollmitz, wird im Konzentrationslager Hamburg-Fuhlsbüttel von seinen Nazi-Bewachern totgeschlagen und dann am Fensterkreuz seiner Zelle aufgehängt.   (Literatur: Ursel Hochmuth u. Gertrud Meyer, Streiflichter aus dem Hamburger Widerstand, S. 206.)

21. September 1933

Gegen die Überschwemmung und Durchdringung des Protestantismus durch „nationalsozialistisches Gedankengut” bildete sich eine organisierte Pfarreropposition in Gestalt des „Pfarrernotbundes” der BK, der „Bekennenden Kirche”. Deren Initiatoren waren drei  Pastoren: Pfarrer Martin Niemöller, Dahlem, Pfarrer Gerhard Jacobi von der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und Eitel-Friedrich von Rabenau von der Apostel-Paulus-Kirche.

Die Regierung hat später ( 18.9.1934) den Pfarrer-Notbund wie folgt bezeichnet: „Bei den dem Notbund angehörenden Pfarrern handelt es sich z.T. um reaktionäre Kräfte, z.T. aber auch um Persönlichkeiten, die rückhaltlos für den nationalsozialistischen Staat eintreten und sich dagegen wehren, dass ihre Gegnerschaft gegen den Reichsbischof und gegen die ,Deutschen Christen‘ als Stellungnahme gegen den Nationalsozialismus ausgelegt wird.“

22. September 1933

Ausschluss der Juden aus kulturellen Berufen. Es werden 7 Kammern für Schrifttum, Presse, Rundfunk, Theater, Musik und bildende Künste geschaffen. Eine vorläufige Filmkammer war bereits durch Gesetz vom 14. März 1933 geschaffen worden. Die Zugehörigkeit zur jeweiligen Kammer ist Voraussetzung für eine berufliche Betätigung. Juden können in der Regel nicht Mitglied sein, was eine nahezu vollständige Verdrängung der Juden aus allen künstlerischen und journalistischen Berufen bedeutet. Die Kammern wurden unter der „Reichskulturkammer“ unter Leitung von Goebbels zusammen gefasst. Er erklärte: „Sinn ist der Zusammenschluss aller Schaffenden in einer geistigen Kultureinheit“.

25. September 1933

In ihrem „Theologischen Gutachten über die Zulassung von Christen jüdischer Herkunft zu den Ämtern der deutschen evangelischen Kirche”, verfasst von den Erlanger Professoren Dr. Paul Althaus und Dr. Werner Elert, heißt es u.a.:  „Das deutsche Volk empfindet heute die Juden in seiner Mitte mehr denn je als fremdes Volkstum. Es hat die Bedrohung seines Eigenlebens durch das emanzipierte Judentum erkannt und wehrt sich gegen diese Gefahr mit rechtlichen Ausnahmebestimmungen. Im Ringen um die Erneuerung unseres Volkes schließt der neue Staat Männer jüdischer oder halbjüdischer Abstammung von führenden Ämtern aus. Die Kirche muss das grundsätzliche  Recht des Staates zu solchen gesetzgeberischen Maßnahmen anerkennen. Sie weiß sich selber in der gegenwärtigen Lage zu neuer Besinnung auf ihre Aufgabe, Volkskirche der Deutschen zu sein, gerufen. Dazu gehört, dass sie heute ihren Grundsatz von der völkischen Verbundenheit der Amtsträger mit ihrer Gemeinde bewusst neu geltend macht und ihn auch auf die Christen jüdischer Abstammung anwendet.”   (Literatur: Ernst Klee, “Die SA Jesu Christi”,  S. 116.)

26. September 1933

Emerich Ambros  wurde als Sohn eines jüdischen Vaters 1896 in Budapest geboren. Er wurde Klempner und arbeitete in den 20er Jahren im Reichsbahnausbesserungswerk (RAW) in Dresden, wo er später als Betriebsrat tätig wurde. Er war SPD-Mitglied und engagierte sich aktiv in der Partei. In den späten 20er Jahren wurde er zum Parteisekretär der SPD in Löbau ernannt. Als Funktionär der Partei und aktiver Gegner der Nationalsozialisten, aber auch als sogenannter „Halbjude” wurde er nach der „MachtergreifungAdolf Hitlers 1933 in Löbau verhaftet und in das KZ Hohnstein deportiert. wo er am 26. September 1933 ermordet wurde. Seine Ehefrau nahm sich mit ihren beiden Kindern im selben Jahr das Leben.

27. September 1933

Wittenberg, ev. „Nationalsynode”, Festgottesdienst mit „Theologensturm” bestehend aus Theologiestudenten des sächsischen Landesbischofs Friedrich Coch in feldgrauer Uniform, lila Kreuz und SS-Runen auf dem Arm. Coch: Leiter des Preßverbandes der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens. 1931 trat er in die NSDAP ein, wurde Gaufachberater in Kirchenfragen in Sachsen und Führer der Arbeitsgemeinschaft nationalsozialistischer Pfarrer. 1933 wurde er als Landesbischof in Sachsen eingesetzt,

später:

Sachsen, Landesbischof Otto Coch an einem Sarg: „…ich habe auch gemerkt wie dieser Mann das Wesen des Christentums im Kampf gegen das Judentum erkannt hat, den wesentlichen Unterschied zwischen Christen- und Judentum. Goethe hat das bekannte Wort geprägt: Der eigentliche Sinn des Lebens sei der Kampf zwischen Glaube und Unglaube…, der eigentliche Sinn der Weltgeschichte ist der Kampf zwischen Christentum u. Judentum…“,

28. September 1933

Die Staatspolizeileitstelle in Dortmund gibt in einem Erlass bekannt, dass sie in Zukunft Männer oder Mädchen, die sexuelle Beziehungen mit Jüdinnen und Juden pflegen, in Konzentrationslager einweisen werde.   (Literatur: Cuno Horkenbach, Das Deutsche Reich von 1918 bis heute,  S. 427.)

29. September 1933

Das „Reichserbhofgesetz” wird erlassen. Jedes über 400 Morgen große Anwesen wurde zum Erbhof erklärt. Erbhöfe konnten weder verkauft, geteilt oder verpfändet  und  nur ungeteilt vererbt werden. Dieses Gesetz hatte neben den Gründen aus der nationalsozialistischen „Blut- und Boden-Ideologie” auch einen ganz realen Zweck. Es diente den Autarkiebestrebungen des Dritten Reiches und damit der Wehrbereitschaft.   (Literatur: Dr. Kurt Zentner: “Illustrierte Geschichte des Dritten Reiches”, Seite 256)

30. September 1933

Deutscher Anwaltsverein (Vorsitz. seit dem Mai ist Hermann Voß) beschränkt Mitgliedschaft auf Arier.

Im September 1933

Im September 1933 hatte die preußische Generalsynode, die von den DC beherrscht wurde, beschlossen den Arierparagraphen in das kirchliche Dienstrecht zu übernehmen: Pfarrer jüdischer Abstammung mussten somit aus dem Amt scheiden. Das „Judenproblem” geriet in das Zentrum der innerkirchlichen Auseinandersetzungen.   (Literatur: “Die gescheiterte Zähmung, Wege zur Machtergreifung Hitlers 1930 – 1934” von Gotthard Jasper, Edition Suhrkamp, Seite 199)

Im September 1933

Albrecht Höhler, der im privaten Bereich Horst Wessel erschossen hatte, wurde von Gestapo-Beamten aus dem Zuchthaus geholt und in der Nähe von Frankfurt/Oder ermordet.   (Literatur: Carsten Dams: Die Gestapo, Seite 104)

Die DC beherrschten fast alle Gemeindevertretungen und Synoden und erhielten die Gelegenheit, die Führungspositionen mit ihren Anhängern zu besetzen. Hitlers Vertrauensmann Müller wurde  erst preußischer Landesbischof und dann Ende September auf der 1. Nationalsynode in Wittenberg einstimmig zum Reichsbischof gewählt.

Ludwig Müller wurde von Emmy Göring  „der Reibi”, Reichsbischof, genannt.   (Literatur: “Ernstfälle, Erlebtes und Bedachtes” von Werner Jentsch, Brendow Buch Kunst Verlag, 1992, Seite 131)

Der evangelische Theologe Martin Niemöller, der später zu den Führern des kirchlichen Widerstands zählte, sprach auf einem Erntedankfest von dem „erwachenden, deutschen Volk, Beruf und Stand, Rasse und Volkstum” seien Forderungen, denen man sich nicht entziehen könne.

1. Oktober 1933

„In den neu geschaffenen, zwangsvereinigtem Deutschen Automobilclub werden keine Juden aufgenommen.” (Literatur: “Orte des Erinnern, das Denkmal im Bayerischen Viertel”, eine von 80 Gedenktafeln. Hier:   Innsbrucker Str. 9)

Paul Mendelsohn, geschäftsführender evangelischer Pfarrer an der Dankes-Gemeinde in Berlin-Wedding, wird wegen seiner jüdischen Herkunft zwangspensioniert.   (Literatur: Manfred Gailus, Die vergessenen Brüder und Schwestern. Zum Umgang mit Christen jüdischer Herkunft im Raum der evangelischen Kirchen Berlin- Brandenburgs, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 51. Jg., 2003, H. 11, S. 981.)

Theodor Eicke, Kommandant des KZ Dachau und Inspekteur der Konzentrationslager, späterer Obergruppenführer der SS und General der Waffen-SS, nahm in Himmlers Auftrag eine Neugliederung der Konzentrationslager vor und systematisierte den Terror. Seine allgemeinverbindlich gewordene „Disziplinar- und Strafordnung für das Gefangenenlager” vom 1. Oktober 1933 ging von dem Grundsatz aus, dass der Häftling mit äußerster, aber unpersönlicher und disziplinierter Härte zu behandeln war. Eine grausame Prügelstrafe wurde eingeführt. Bei Anzeichen von Flucht war von der Schusswaffe Gebrauch zu machen. Warnschüsse waren verboten. Der Posten, der in Ausübung seiner Pflicht einen Gefangenen erschossen hat, geht straffrei aus.

2. Oktober 1933

In der Leipziger Universität wird die Akademie für Deutsches Recht konstituiert. Reichskommissar Dr. Hans Frank wird Führer dieser Institution. In seiner Ansprache formuliert er u.a.: „Wir glauben an die nordische Vergangenheit als eine Zukunftsmöglichkeit und führen nunmehr den Kampf nicht nur auf der Rechtsebene gegen das fremde Recht, sondern führen ihn im gesamten Geistesbereich durch die Hineinlegung des Begriffs der Rasse. Deutsches Recht wird in Zukunft Rasserecht sein!“ (Literatur: Cuno Horkenbach, Das Deutsche Reich von 1918 bis heute)

3. Oktober 1933

Leipzig: 4. Reichstagung des Bundes Nationalsozialistischer Deutscher Juristen unter dem Motto:   „Durch Nationalsozialismus dem Deutschen Volk das deutsche Recht“, bei Massenkundgebung am Reichsgericht bekennen über 20 000 teilnehmende deutsche Juristen mit ausgestrecktem rechten  Arm: „Wir schwören beim ewigen Herrgott,… bei dem Geist unserer Toten,… bei all denen, die Opfer   einer volksfremden Justiz einmal geworden sind,… bei der Seele des deutschen Volkes, dass wir unserem Führer auf seinem Wege als deutsche Juristen folgen wollen bis an das Ende unserer Tage.“

Am 3. Oktober 1933 wurde im Landesteil Lübeck das KZ Holstendorf eröffnet, um die im Eutiner Amtsgericht festgehaltenen Schutzhäftlinge aufzunehmen. (Literatur: „der Ort des Terrors“ von Wolfgang Benz. 2. Band)

4. Oktober 1933

Reichstag akklamiert Schriftleitergesetz (Zulassung als Redakteur/Journalist nach rassisch-politisch  und ideologischen Kriterien – um vom Volk alles fernzuhalten, was geeignet ist Gemeinschaftswillen, Kraft, Kultur, Wehrhaftigkeit, Wirtschaft des Volkes zu schwächen – führt zu Berufsverbot für mindestens  1.300 „jüdisch u. marxistischer” Journalisten). Dieses Schriftleitergesetz führte zur Ausschaltung jener Zeitungen, die nicht für Hitler eintraten oder sich weigerten, es künftig zu tun. Als eines der ersten Blätter musste dann zu Beginn 1934 die Vossische Zeitung, gegründet 1704, ihr Erscheinen einstellen.   (Reichsgesetzblatt, Teil I, Nr. 111, 7.10.1933, S. 713ff.

Göring  -Preußischer Minister-Präsident-  erlässt an die Regierungspräsidenten der Länder folgende Anordnung. „Nachdem die kommunistischen Organisationen im Lande zerschlagen sind, versucht ein Rest kommunistischer Hetzer den Aufbau des nationalsozialistischen Staates zu stören. . .  Ich befehle allen Polizeibeamten, diesem Treiben mit allen Mitteln entgegenzutreten.    . . . Es ist sofort  rücksichtslos von der Schusswaffe Gebrauch zu machen. Polizeibeamte, die in Ausübung dieses Befehles handeln, werde ich decken. . . .”

Artur Landsberger setzte in seiner Wohnung in Schöneberg, Haberlandstr. 4 seinem Leben ein Ende. Seine Gerichtsreportagen für die „BZ am Mittag” konnte er seit der Machtübernahme nicht mehr schreiben. Juden war das Betreten der Gerichtssäle verboten worden. Seinen Freitod hatte er lange geplant. Er schloss eine Lebensversicherung ab, die nach einer gewissen Frist auch der Witwe eines Selbstmörders die Versicherungssumme auszahlte. Einen Tag nach dem die Selbstmörderfrist abgelaufen war, eben am 4. Oktober 1933, schied er aus dem Leben.

Das „Israelitische Fremdenblatt” gibt ein Rundschreiben der Hessischen Molkereigenossenschaften bekannt, in dem es u.a. heißt: „Es ist uns wiederholt zu Ohren gekommen, dass es immer noch Bauern gibt, die die Geschäftemacherei mit Juden noch nicht lassen können.  Wir weisen heute letztmals darauf hin, dass es eines deutschen Bauern unwürdig ist, noch Geschäfte irgendwelcher Art mit den Juden zu tätigen…Wir haben bis heute davon abgesehen, diejenigen öffentlich zu brandmarken, werden aber nach der Generalversammlung jeden, der sich noch mit Juden einlässt, der Öffentlichkeit preisgeben und ihn auch noch in anderer Weise empfindlich zu treffen wissen.”

10. Oktober 1933

Walter Ulbricht (KPD) flieht nach Moskau (er kehrt 1945 mit der sowj. Armee zurück)

Am 10. Oktober 1933 dankte Gröber, Erzbischof von Freiburg,  auf einer katholischen Großveranstaltung in Karlsruhe ausdrücklich den „Männern der Regierung” für ihr Erscheinen:

  • Ich verrate kein Geheimnis, wenn ich erkläre, dass sich im Verlauf der letzten Monate der Verkehr der Kirchenregierung in Freiburg mit der Regierung in Karlsruhe in freundschaftlichster Form vollzogen hat. Ich glaube auch, weder vor ihnen noch vor dem deutschen Volk ein Geheimnis zu verraten, wenn ich sage, dass ich mich restlos hinter die neue Regierung und das neue Reich stelle.”

Bayreuth, Verhaftung von Mathematikstudent und KPD-Mitgl. Georg Klaus.  1932 begann er ein Studium der Mathematik an der Universität Erlangen. In dieser Zeit wurde er Mitglied der KPD. Wegen seiner politischen Aktivitäten wurde er 1933 verhaftet und wegen Hochverrats verurteilt. Er verbrachte zwei Jahre Haft im Nürnberger Zellengefängnis und danach drei Jahre „Schutzhaft“ bis 1939 im Konzentrationslager Dachau. Nach seiner Entlassung arbeitete er in Bleistiftfabriken in Nürnberg (Faber-Castell bzw. Schwan-Bleistift).

14. Oktober 1933

Das Deutsche Reich erklärt seinen Austritt aus dem Völkerbund. Der Völkerbund  war eine Internationale Organisation mit Sitz in Genf (Schweiz). Er nahm am 10. Januar 1920, kurz nach Ende des Ersten Weltkrieges, seine Arbeit auf, um den Frieden dauerhaft zu sichern, und wurde am 18. April 1946 in Paris, kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges, wieder aufgelöst. (Gründung der Vereinten Nationen 1955)

Das Breslauer christliche Wochenblatt „Evangelischer Ruf” veröffentlicht unter der Überschrift „Vision” folgenden Text:  „Gottesdienst. Das Eingangslied ist verklungen. Der Pfarrer steht am Altar und beginnt: ‚Nichtarier werden gebeten, die Kirche zu verlassen!’ Niemand rührt sich. ‚Nichtarier werden gebeten, die Kirche zu verlassen!’ Wieder bleibt alles still. ‚Nichtarier werden gebeten, die Kirche zu verlassen!’ Da steigt Christus vom Kreuze herab und verlässt die Kirche.”

15. Oktober 1933

München, Grundsteinlegung „Haus der Deutschen Kunst” mit Festzug „Glanzzeiten deutscher Kultur”.  Der Apostolischen Nuntius Alberto Vassallo di Torregrossa sagt dabei in Gegenwart von Bayerns   Staatsminister und NSDAP-Mitgl. Nr. 2, Hermann Esser, zum Reichsführer Adolf Hitler u.a. „Ich habe Sie   lange nicht verstanden. Ich habe mich aber lange darum bemüht. Heute verstehe ich Sie.”

17. Oktober 1933

Albert Einstein trifft in den USA als Flüchtling aus Deutschland ein.

20. Oktober 1933

Preußen verweigert Approbation nichtarischer Medizin- u. Zahnmedizinstudenten. Promotion nur bei gleichzeitigem Verzicht auf deutsche Staatsangehörigkeit möglich

Der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund untersagt seinen Mitgliedern, jüdische Repitoren aufzusuchen.

26. Oktober 1933

„Vossische Zeitung”: Preußische Akademie der Künste propagiert „Gelöbnis treuester Gefolgschaft” für Adolf Hitler von 88 Mitgliedern der Sektion Dichtkunst und Schriftstellern u.a. Gottfried Benn, Hanns Johst, Rudolf Binding, Arnold Bronnen, Hermann Claudius, Otto Flake, Hanns Franck, Friedrich Griese,Carl Haensel, Börries v. Münchhausen, Eckart v. Naso, Helene v. Nostitz-Wallwitz, Anton Schnack, Friedrich Schnack, Wilhelm v. Scholz, Lothar Schreyer, Lulu v. Strauß und Torney, Bruno Süßkind, Ina Seidel.

28. Oktober 1933

Clemens August Graf von Galen, geboren 1878 in adliger Familie in Westfalen, wird katholischer Bischof von Münster; die erste bischöfliche Amtseinführung nach der Unterzeichnung des Konkordats. Vor seiner Bischofsweihe hatte er dem preußischen Ministerpräsiden Herman Göring  besucht und vor ihm entsprechend den Bestimmungen des Konkordats einen Treueid gegenüber dem Staat geleistet. Das wurde symbolisch erwidert, als während der Weihezeremonie lokale Funktionäre der NSDAP und SA vom Kreisleiter abwärts mit Hitlergruß an ihm vorbei zogen.   (Literatur Richard J. Evans: “Das Dritte Reich, Aufstieg”, Seite 480)

Im Oktober 1933

Die im Februar gegründete SA-Feldpolizei (Fepo) erhielt im Oktober 1933 den Namen SA-Feldjägerkorps. Die Truppe zählte reichsweit inzwischen auf 2.000 Männer, von denen ca. 200 in der Papstraße  tätig waren. Anfang Dezember 1933 wurde dann der Sitz in die Nähe des Alexanderplatz verlegt.

Im Oktober 1933 bestimmte das „Politische Polizeiamt“ im württembergischen Innenministerium das „Fort Oberer Kuhberg“ in Ulm zum Nachfolger des KZ „Heuberg“ und amit zum Landes-KZ von Württemberg. (Literatur: „Der Ort des Terrors“ von Wolfgang Benz)

1. November 1933

Schweiz, „Neue Züricher Zeitung” „Der Freiburger Erzbischof (Dr. Conrad Gröber)…  hat noch in der  Zeit der Reichstagswahlen sehr entschieden gegen gewisse nationalsozialistische Auffassungen  Stellung genommen und längere Zeit war das Verhältnis der nationalsozialistischen badischen Regierung zur Kirche sehr gespannt. Umso größere Beachtung findet das Bekenntnis zum neuen Regime, das der Kirchenfürst auf einer katholischen Massenveranstaltung (am 9.10.) in Karlsruhe ausgesprochen hat…  Auch äußerlich trat die Wandlung in Karlsruhe dadurch zutage, dass die Versammlungsteilnehmer, die sicherlich vor einem halben Jahre noch stramme Zentrumsleute waren, den Erzbischof mit dem Deutschen Gruß empfingen. Das Verhalten des hohen kirchlichen Würdenträgers erscheint  bezeichnend für den neuen Kurs, den der deutsche Episkopat nach dem Abschluss des Reichskonkordats eingeschlagen hat.”

3. November 1933

Universität Freiburg, Rektor u. NSDAP-Mitgl. Prof. Dr. Martin Heidegger’s „Aufruf an die Deutschen  Studenten”:   „Nicht Lehrsätze und Ideen seien die Regeln Eures Seins. Der Führer selbst und allein ist  die heutige und künftige deutsche Wirklichkeit und ihr Gesetz.”

7. November 1933

Gemäß einer Änderung der Personalordnung der Deutschen Reichsbahn-Gesellschaft gilt mit sofortiger Wirkung: Wer „nichtarischer“ Abstammung oder mit einer Frau „nichtarischer“ Abstammung verheiratet ist, darf als Beamter nicht berufen werden. Beamte „arischer“ Abstasind zu entlassen

9. November 1933

An diesem Tage bekannte der Katholik Vizekanzler von Papen (er hatte Anfang  Januar im Hause eines Kölner Bankiers Hitler die Unterstützung des Papstes zugesagt)  in einer Rede vor der Arbeitsgemeinschaft katholischer Deutscher in Köln: „Seit dem 30. Januar, da die Vorsehung mich dazu bestimmt hatte, ein Wesentliches zur Geburt der Regierung der nationalen Erhebung beizutragen, hat mich der Gedanke nicht los gelassen, dass das wundervolle Aufbauwerk des Kanzlers und seiner großen Bewegung unter keinen Umständen gefährdet werden dürfe durch einen kulturellen Bruch . . . Denn die Strukturelemente des Nationalsozialismus sind nicht nur der katholischen Lebensauffassung nicht wesensfremd, sondern sie entsprechen ihr in fast allen Beziehungen:” (Literatur: Karlheinz Deschner “abermals krähte der Hahn”, Seite 533)

Die wichtigste und größte unter den 1933 entstandenen  revolutionären Einsatzkommandos  und SS-Einheiten war die am 17. März 1933 gegründete und in Berlin zusammen gestellte „Leibstandarte Adolf Hitler” unter Sepp Dietrich. Diese wurde am 9. November  auf Hitler persönlich vereidigt und unterstand als paramilitärischer Verband damit keiner partei- oder verfassungsrechtlichen Aufsicht.   (Literatur: Martin Broszat: “Deutsche Geschichte seit dem Ersten Weltkrieg”)

12. November 1933

9. Reichstagswahl mit Einheits- ”Liste des Führers”, Motto  „Früher = Arbeitslosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Verwahrlosung, Streik, Aussperrung  Heute = Arbeit, Freude, Zucht, Volkskameradschaft, Darum Deine Stimme dem Führer” (=92,2 %),

Volksbefragung zu Austritt aus der Genfer Abrüstungskonferenz und aus dem Völkerbund, Frage:  „Billigst Du, deutscher Mann, und Du, deutsche Frau, diese Politik Deiner Reichsregierung und bist Du  bereit, sie als den Ausdruck Deiner eigenen Auffassung und Deines eigenen Willens zu erklären und  Dich feierlich zu ihr bekennen.” (Ja = 96,3%), geheime Stimmabgabe (Wandschirm/Wahlkabine) ist  verpönt,   50% der Mandate sind NSDAP-Funktionären vorbehalten, 50% gehen an SS, SA u. der NSDAP angeschlossener Verbände.

Die katholischen deutschen Studentenführer erklären durch den Verbandsführer Forschbach: „wer am 12. November nicht mit „Ja“ wählt, bricht seinen Burscheneid, weil er in der Stunde der größten Gefahr sein Vaterland und sein Volk verrät“. (Literatur: Deschner “ abermals krähte der Hahn“)

13. November 1933

Großkundgebung des Gaues Großberlin der „Deutschen Christen” im Sportpalast. Hauptredner Berliner Gauobmann Studienrat Dr. Reinhold Krause hatte am 13. November 1933 die Welt vor 20.000 Zuhörern wissen lassen, was sie wollten:

  • „Durchsetzung des Arierparagraphen in den Landeskirchen,”
  • „die Trennung von juden-christlicher und deutscher Volkskirche,”
  • „die Reinigung des Christentum von allen „Jüdischen”, also die
  • Trennung vom Alten Testament und die Entjudaisierung des Christentums,”
  • „Befreiung von allem Undeutschem im Gottesdienst”
  • „Befreiung vom Alten Testament mit seiner jüdischen Lehrmoral, von den Viehhändler und Zuhältergeschichten,”   (Literatur:  “. . . aber die Zeit war nicht verloren, Erinnerungen eines Altbischofs” Autobiographie von Albert Schönherr, Aufbau-Verlag, 1993, Seite 58)

Weiter von der Großkundgebung des Gaues Großberlin der „Deutschen Christen”: „Das Alte Testament: das fragwürdigste Buch der Weltgeschichte,” „Wenn wir Nationalsozialisten uns schämen (1933 ! ! ) eine Krawatte vom Juden zu kaufen, dann müssten wir uns erst recht schämen, irgendetwas, das zu unserer Seele spricht, das innerste Religiöse vom Juden anzunehmen”. „Hierher gehört auch, dass unsere Kirche keine Menschen judenblütiger Art mehr in ihren Reihen aufnehmen darf. . .” „Es wird aber auch notwendig sein, . . . dass alle offenbar entstellten und abergläubischen Berichte des Neuen Testaments entfern werden und dass ein grundsätzlicher Verzicht auf die ganze Sündenbock- und Minderwertigkeitstheologie des Rabbiners Paulus ausgesprochen wird . . .” „Wenn wir aus den Evangelien das herausnehmen, was zu unseren deutschen Herzen spricht, dann tritt das Wesentliche der Jesuslehre klar und leuchtend zutage, das sich   -und darauf dürfen wir stolz sein-   restlos deckt mit den Forderungen des Nationalsozialismus.”

13. November 1933

An diesem Tag wird Hans Otto von der SA in einem kleinem Café am Viktoria-Luise-Platz entdeckt und verhaftet. Durch die Folter der SA und Gestapo fast schon zu Tode geschunden, stürzt man ihn schließlich aus einem  Fenster im dritten Stock der Voss-Kaserne auf die Straße, um Selbstmord vorzutäuschen; am 24. November erliegt er seinen Verletzungen.   (Goebbels verbietet die Teilnahme am  -von Gustaf Gründgens bezahlten-  Begräbnis, kein Kollege folgt Hans Ottos Sarg. Literatur: Thomas Blubacher “Gibt es was Schöneres als Sehnsucht?”, S. 195)

„Nichtarier“ dürfen fortan nicht mehr als Schöffen oder als Geschworene berufen werden.

14. November 1933

Der Vizekanzler von Papen, er sollte kurz darauf in die Diplomatie abgeschoben werden, hielt im Namen der Mitglieder der Reichsregierung eine huldigende Ansprache an Hitler. Darin heißt es: „In neun Monaten ist es dem Genie Ihrer Führung und den Idealen, die Sie neu vor uns aufrichteten, gelungen, aus einem innerlich zerrissenen und hoffnungslosen Volk ein in Hoffnung und Glauben an seine Zukunft geeintes Reich zu schaffe“.

Reichsbankpräsident Dr. Hjalmar Schacht hält anlässlich eines Vortrags in Berlin. Gastgeber ist der „Berliner Lyzeumsklub” – eine aggressiv-antisemitische Rede, in der er judenfeindliche Passagen aus Reden und Schriften Martin Luthers zustimmend zitiert: „Sie, die Juden, leben bei uns zu Hause, unter unserem Schutz und Schirm, brauchen Land und Straßen, Markt und Gassen. Dazu sitzen die Fürsten und Obrigkeiten, schnarchen und haben das Maul offen, lassen die Juden aus ihren offenen Beuteln und Kasten nehmen; sie lassen sie sich selbst und ihre Untertanen durch der Juden Wucher aussagen und mit ihrem eigenen Gelde sich zu Bettlern machen… Dazu wissen wir noch heutigen Tages nicht, welcher Teufel sie her in unser Land gebracht hat; wir haben sie zu Jerusalem nicht geholt. Zudem hält sie noch jetzt niemand, Land und Straßen stehen ihnen offen ; mögen sie ziehen in ihr Land, wenn sie wollen.” In fast allen wichtigen Tageszeitungen werden ausführliche Auszüge dieser Rede veröffentlicht.   (Literatur: Georg Denzler u. Volker Fabricius, Christen und Nationalsozialisten. Darstellung und Dokumente, Frankfurt a. M. 1995, S. 51.)

15.November 1933

Berlin, Kundgebung nach Zusammenschluss der verschiedenen Diakonissen-Verbände zur „Diakonie-Gemeinschaft”, Emil Karow, Bischof von Berlin u.a. „Wir haben eben so kraftvolle Worte vom Nationalsozialismus gehört. Gestatten Sie mir, die Schwestern in der Kirche mit der SA zu vergleichen.” Pastor Großmann, Berlin-Zehlendorf: „Als Adolf Hitler die Macht ergriff, ging ein Aufatmen durch ihre (die Diakonie) Reihen. Sie dankt unserem Führer, daß sie im neuen Staat mitarbeiten darf…Wenn die SA die politischen Soldaten des Reiches sind, so sind unsere Schwestern die Soldaten der Kirche…”

23. November 1933

Prinz Heinrich XXXIII Reuß zu Köstritz, Gatte der Prinzessin v. Preußen Victoria v. Hohenzollern, an Reichsführer SS Himmler: „Euer Hochwohlgeboren darf ich melden, dass ich zu längerem Aufenthalte in Berlin eingetroffen bin. Ich darf die sehr ergebene Anfrage an Euer Hochwohlgeboren richten, mir  freundlich gestatten zu wollen, als unbesoldeter Hilfsarbeiter arbeiten zu dürfen. Der Verbindungsstab der SS erscheint mir als richtig, ganz abgesehen von meinem Verbundenheitsgefühl zur SS”.

24. November 1933

Reichstag akklamiert Gesetz gegen gefährliche Gewohnheitsverbrecher und über Maßregeln der    Sicherung und Besserung,  Berlin    „Frankfurter Zeitung” berichtet über Berliner Sportpalast-Rede von „Deutsche Christen-Gauobmann   Dr. Reinhold Krause, der dabei das Alte Testament „Buch der Viehtreiber und Zuhälter” nannte

„Vater macht täglich seine Runde durch die Krankensäle, seine Assistenzärzte im Gefolge. Neulich bei der großen Chef-Visite hatte sein Oberarzt. Dr. Kunz, unter dem weißen Ärztemantel die SA-Uniform getragen, einschließlich Schaftstiefel. Nicht nur das  –  er hatte den Kittel weit offen, damit jeder sehen konnte, was darunter war. Nach der Visite nahm Vater ihn beiseite und sagte ihm in netter Form, dass er sich doch bitte für die Visite umziehen möchte, da er, Vater, nach wie vor die Politik aus dem Krankenhaus heraus halten wollte. Kunz fuhr hoch und erklärte, dass er nachher „Bereitschaftsdienst”  habe und daher keine Zeit zum Umziehen. Vater. Der leider noch immer eine Schwäche für die Nazis hat, blieb weiterhin freundlich und muss ihm in väterlicher Weise erwidert haben: „Dann entschuldigen Sie sich eben in einem solchen Falle von der Visite, Kollege”, woraufhin Kunz in einer leicht drohenden Form erklärte, dass er diesen Vorfall natürlich seinem Standartenführer werde melden müssen. Wie das Verhängnis will, ist besagter Standartenführer Beckerle zur Zeit Frankfurts Polizeipräsident.”   (Literatur: Lili Hahn: “Bis alles in Scherben fällt, Tagebuchblätter 1933 – 45”)

27. November 1933

Die Aufführung jüdischer Fest- und Feiertage in Behördenkalendern wird untersagt.

Der Monteur Karl Vesper, lokaler Funktionär der KPD in Lichtenberg wurde im November 1933 von SA-Leuten verhaftet, in das „Wilde-KZ“ Columbia-Haus gebracht und dort am 27. November 1933 ermordet. An seinem Wohnhaus in Hellersdorf, Briesener Weg 170 befindet sich eine Gedenktafel.

29. November 1933

Gesetz über den Aufbau des dt. Handwerks. Reichshandwerksführer wird Wilhelm Georg Schmidt   aus Wiesbaden, NSDAP 1923, 1930 Handwerkskammerpräsident, Zitat: „Über dem Leben der Nation und  seinen immer wechselnden Erscheinungsformen steht das Recht, das geboren aus Rasse und Seele  des Volkes, ewige Bindung der Nation an die ihr ureigenen Werte bedeutet.”

30. November 1933

Das Zweite Gestapo-Gesetz wurde erlassen; in Ergänzung zu dem Gesetz vom 26. April.

Im November 1933

Der ehemalige U-Bootkapitän Martin Niemöller, er hatte bereits im September 1933 den Pfarrernotbund ins Leben gerufen, sandte dennoch im November 1933 ein Glückwunschtelegramm an Hitler zum Entschluss des Austritts aus dem Völkerbund.   (Literatur: Martin Broszat: “Deutsche Geschichte seit dem ersten Weltkrieg”)

Anfang Dezember 1933

Brecht in einem offenen Brief  von 1933 an den Schauspieler Heinrich George: „Wir müssen uns mit der Frage an Sie wenden. Können Sie uns sagen, wo Ihr Kollege am Staatlichen Schauspielhaus, Hans Otto, ist? „Er soll von SA-Leuten abgeholt, einige Zeit versteckt gehalten und dann mit fürchterlichen Wunden in ein Krankenhaus eingeliefert worden sein. Einige wollen sogar wissen, dass er dort verstorben sei. Könnten Sie nicht gehen und nach ihm sehen? Wir hören nämlich, dass Sie unter keinerlei Verdacht stehen, etwas gegen das gegenwärtige Regime zu haben. Sehr frühzeitig sollen Sie es als einen Fehler eingesehen haben, dass Sie so lange mit uns Kommunisten arbeiteten, durch völlige Unterwerfung sollen Sie sich das höchste Lob unserer und früher auch Ihrer Feinde zugezogen haben. Wir können also annehmen, dass Sie ganz unbehelligt und frei herumgehen und nach Ihrem Kollegen Otto sich umsehen können  …  Seien Sie überzeugt, Ihre Zeit ist nicht zu schade dafür  …  Wir ermahnen Sie, an den Wandel der Zeiten zu denken, Sie und Ihresgleichen, die so rasch bereit sind, allzu fest vertrauend auf den ewigen Bestand der Barbarei und die Unbesiegbarkeit der Schlächter.”   (Literatur: Hilmar Thate, Autobiograhie: “Neulich, als ich noch Kind war”, Seite 139)

8. Dezember 1933

„Münchener Medizinische Wochenschrift“: „Die Stelle eines ärztlichen Direktors der städt. Frauenklinik Stuttgart mit 192 Betten ist zu besetzen. Gehalt nach besonderer Vereinbarung. Konsiliarpraxis, Sprechstunden- und Gutachtertätigkeit sind gestattet. Eintritt möglichst bald. Reichsrechtliche   Regelung der Anstellungsbestimmungen ist in Aussicht zu nehmen. Bewerber mit besonderer   Befähigung die längere und erfolgreiche klinische Tätigkeit nachweisen können, werden ersucht, ihre   Bewerbung mit Lebenslauf, Stammliste, Zeugnisabschriften, Nachweis über die arische Abstammung   und einem Ausweise über wissenschaftliche Arbeiten bis zum 30. Dezember…   Stuttgart, 4. Dezember 1933; Bürgermeisteramt“

11. Dezember 1933

„Bekenntnis der Deutschen Christen” u.a. „Wir Deutschen Christen…sind durch Gottes Schöpfung hineingestellt in die Blut- und Schicksalsgemeinschaft des deutschen Volkes und sind als Träger dieses Schicksals verantwortlich für seine Zukunft. Deutschland ist unsere Aufgabe…Wie jedem  Volk, so hat auch unserem Volk der ewige Gott ein arteigenes Gesetz eingeschaffen. Es gewann  Gestalt in dem Führer Adolf Hitler und in dem von ihm geformten nationalsozialistischen Staat. Dieses  Gesetz spricht zu uns in der aus Blut und Boden erwachsenen Geschichte unseres Volkes. Die Treue zu diesem Gesetz fordert von uns den Kampf für Ehre und Freiheit… Der Weg zur Erfüllung des  deutschen Gesetzes ist die gläubige deutsche Gemeinde…  Aus dieser Gemeinde Deutscher Christen  soll im nationalsozialistischen Staat Adolf Hitlers die das ganze Volk umfassende Deutsche christliche Nationalkirche erwachsen: Ein Volk! Ein Gott! Ein Reich! Eine Kirche!”

12. Dezember 1933

Der Bezirksbürgermeister von Berlin-Köpenick stellt dem für diesen Stadtbezirk zuständigen Stadtoberschularzt, Dr. Arthur Samuel, das Entlassungsschreiben zu, in dem es u.a. heißt: „Die Eigenart Ihrer Tätigkeit als Schularzt bringt Sie in enge Berührung mit allen Schichten der Bevölkerung, insbesondere mit der Schuljugend. Es kann nicht ausbleiben, dass Ihre nicht-arische Abstammung die Ausübung Ihrer Tätigkeit unter diesen Umständen zur Unmöglichkeit macht.”   (Literatur: Gerd Lüdersdorf, Es war ihr Zuhause. Juden in Köpenick, , S. 44f)

14. Dezember 1933

Die Zeitung des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens berichtet, dass die Kurverwaltung auf der Nordseeinsel Norderney Briefverschlussmarken habe drucken lassen mit der Aufschrift: „Nordseebad Norderney ist judenfrei!“ Zugleich seien von der Kurverwaltung Schreiben an jüdische Zeitungen gesandt worden, in denen es u.a. hieß, „dass jüdische Kurgäste auf Norderney nicht erwünscht sind. Sollten Juden trotzdem versuchen, im kommenden Sommer in Norderney unterzukommen, so haben sie selbst die Verantwortung zu tragen. Bei vorkommenden Reibereien müsste die Badeverwaltung im Interesse des Bades und der anwesen-den deutschen Kurgäste die anwesenden Juden sofort von der Insel verweisen.“ (Literatur: Frank Bajohr, „Unser Hotel ist judenfrei“. Bäder-Antisemitismus im 19. und 20. Jahrhundert)

15. Dezember 1933:

das Preußische Gemeindeverfassungsgesetz vereinheitlichte zum 1. Januar 1934 alle bis dahin in Preußen geltenden Kommunalverfassungen; Bürgermeister als Gemeindeleiter wurden ohne Wahl auf 12 Jahre berufen und konnten in der Gemeinde alle Entscheidungen ohne Gemeinderat treffen. „Führerprinzip”).

19. Dezember 19333

ev. Reichsbischof Ludwig Müller und Reichsjugendführer Baldur v. Schirach schließen „Abkommen über die Eingliederung der evangelischen Jugend in die Hitler-Jugend:

  • 1. Das evangelische Jugendwerk erkennt die einheitliche staatspolitische Erziehung der deutschen  Jugend durch den nationalsozialistischen Staat und die HJ als Träger der Staatsidee an. Die Jugendlichen des Evangelischen Jugendwerkes unter 18 Jahren werden in die HJ eingegliedert. Wer nicht Mitglied in der HJ wird, kann fürderhin innerhalb dieser Alterstufen nicht Mitglied des  Evangelischen Jugendwerkes sein.
  • 2. Geländesportliche (einschließlich turnerische und sportliche) und staatspolitische Erziehung wird bis zum 18. Lebensjahre nur in der HJ getätigt.
  • 3. Die Mitglieder des Evangelischen Jugendwerkes tragen entsprechend ihrer Zugehörigkeit zur HJ  den Dienstanzug der HJ.

4. An zwei Nachmittagen in der Woche und an zwei Sonntagen im Monat bleibt dem Evangelischen Jugendwerk die volle Freiheit seiner Betätigung in erzieherischer und kirchlicher Hinsicht mit Ausnahme der in Ziffer 2 genannten Betätigung. An diesen Tagen werden, wenn nötig, die Mitglieder jeweils von der anderen Organisation beurlaubt. Für die Mitglieder des Evangelischen Jugendwerkes wird der Dienst in der HJ ebenfalls auf zwei Wochentage und zwei Sonntage im Monat beschränkt. Außerdem wird für die evangelische Lebensgestaltung und evangelische Jugenderziehung durch volksmissionarische Kurse und Lager den Mitgliedern des Evangelischen   Jugendwerkes vom Dienst in der HJ Urlaub erteilt.“

Die “Machtergreifung“ der Nationalsozialisten 1933 ging mit Staatsverbrechen einher, denen mit dem Verlust an Menschlichkeit, Zivilisation und Kultur Millionen von Menschen zum Opfer fallen sollten. In der spontanen Gründerwelle wurde ein flächendeckendes Netz von Lagern errichtet, wobei vorhandene Gefängnisse, Lager, Klöster und Fabriken umfunktioniert wurden. Das Konzentrationslager Oranienburg ist eine der Einrichtungen in dieser ersten Phase der Verbrechen.

Die “Schutzhaft“ wurde ausschließlich von Exekutivorganen befohlen und war jeglicher richterlicher Kontrolle entzogen. Auch unterlag sie keinerlei Rechtsmittel oder Rechtsbehelfe. Am 11. Juli 1933 trafen  in der “Alten Brauerei” 79 Gefangene aus dem Konzentrationslager Börnicke und 26 Gefangenen aus dem KZ Alt Daben in Oranienburg ein. Am 29. November 1933 kamen unter anderem 168 Gefangene aus dem KZ Moringenan. In dieser frühen Phase der Konzentrationslager waren auch Entlassungen möglich, das betraf größere Gruppen am 1. Mai und zu Weihnachten. Die Entlassenen hatten sich schriftlich zu verpflichten, sich nicht über die Haft zu äußern und keine Regressansprüche zu stellen.

Aus der Zeit des Bestehens des KZ Oranienburg sind nur zwei Fälle von Flucht aus den Außenlagern bekannt, am 11. September 1933 Arthur Plötzke und am 4. Dezember 1933 Gerhart Seger. Seger gelang die Flucht nach Prag, wo er einen Erlebnisbericht mit dem Titel “Oranienburg” verfasste. Versehen mit einem Vorwort von Heinrich Mannerregte dieser 1934 veröffentlichte erste “authentische Bericht” aus einem Konzentrationslager internationale Aufmerksamkeit und machte Oranienburg zu einem Synonym für das nationalsozialistische Terrorregime.


 

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